Roger Scruton: Narren, Schwindler, Unruhestifter

Der britische Philosoph Roger Scruton, 2020 fünfundsiebzigjährig zu früh verstorben,...

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

war einer der ein­fluß­reichs­ten kon­ser­va­ti­ven Intel­lek­tu­el­len. Nach­dem heu­te Per­so­nen wie Ange­la ­Mer­kel oder Mari­et­ta Slom­ka für kon­ser­va­tiv gel­ten, soll­te man Scrut­on womög­lich sogar einen authen­ti­schen Rech­ten nennen.

Scrut­on hat etwa 60 Bücher ver­faßt. Mit sei­ner kla­ren Absa­ge an kom­mu­nis­ti­sches wie ins­ge­samt uto­pi­sches Den­ken hat­te er sich bereits 1985 durch sein Buch Thin­kers of the New Left den Ruf eines min­des­tens »Umstrit­te­nen« ein­ge­han­delt. Nun erscheint die­ses Werk (damals in zahl­rei­che Spra­chen über­setzt und als Samis­dat auch hin­ter dem Eiser­nen Vor­hang kur­sie­rend) noch ein­mal stark über­ar­bei­tet und aktualisiert.

Was heißt nun »lin­ke Den­ker«? Kann man das so sagen, wo hier doch ein bun­ter Hau­fen an Anar­chis­ten, Nihi­lis­ten, »Libe­ra­len« und mar­xis­ti­schen Dog­ma­ti­kern ver­eint wird?

Ja, kann man, zumal sich die­se Den­ker, die mit ihren Schrif­ten unser heu­ti­ges Bild von der Welt geformt haben, alle­samt als dezi­diert »links« ver­or­tet haben. Nach 1989, also nach dem Abge­sang auf ihre Illu­sio­nen, haben die­se Leu­te inner­halb eines Jahr­zehnts erneut »das Sag­ba­re« mar­kie­ren kön­nen. Es ging nun unge­bro­chen gegen den soge­nann­ten Neoliberalis­mus, »als sei der schon immer das Pro­blem gewesen«.

Die von links for­mu­lier­ten Zie­le der »Befrei­ung« und der »sozia­len Gerech­tig­keit« hät­ten mehr stran­gu­lie­ren­de Geset­ze her­vor­ge­bracht, als die »Unter­drück­ten« je hät­ten erfin­den kön­nen, meint ­Scrut­on. Vor­treff­lich ver­weist er auf das »Ver­ede­lungs­po­ten­ti­al« des Gerech­tig­keits­nim­bus: »Haben sie sich erst hin­ter der Flag­ge der Moral ver­sam­melt, las­sen sie sich von den radi­kals­ten Mit­glie­dern ihrer Sek­te begeis­tern, inspi­rie­ren und am Ende auch führen.«

Heu­te aller­dings säßen auf den lin­ken Nasen kei­ne mar­xis­ti­schen Bril­len mehr. Das von der Neu­en Lin­ken ver­tre­te­ne revo­lu­tio­nä­re Para­dig­ma sei längst von »büro­kra­ti­schen Abläu­fen und der insti­tu­tio­na­li­sier­ten Wohl­fahrts­kul­tur besei­tigt« worden.

In neun Kapi­teln (von »Was ist links?« bis »Was ist rechts?«) setzt sich ­Scrut­on mit »Theo­lo­gien des neu­en Klas­sen­kampfs« aus­ein­an­der. Gründ­lich durch­ge­nom­men wer­den etwa Hobs­bawm, Sart­re, Fou­cault, Gram­sci, Badiou und Žižek. Kapi­tel fünf ist beson­ders treff­lich, es titelt »Ödnis in Deutsch­land: Berg­ab zu Habermas«.

Inter­es­sant ist, daß Scrut­on den ­aller­meis­ten von ihm por­trä­tier­ten Den­kern auch etwas Gutes abge­win­nen kann. Thor­stein Veblen und John K. Gal­braith etwa nennt er bei aller Kri­tik »wit­zi­ge, bezau­bern­de, unor­tho­do­xe Lin­ke«, an Hobs­bawm lobt er des­sen enzy­klo­pä­di­sches Wis­sen und fes­seln­den wie ele­gan­ten Stil.

Das knap­pe Vor­wort der Über­set­ze­rin Krisz­ti­na Koe­nen bringt die Essenz von ­Scrut­ons Den­ken her­vor­ra­gend auf den Punkt. Ob ihre Über­set­zung ähn­lich glän­zend ist, bleibt an man­chen Stel­len frag­lich. Fran­zö­si­sches (etwa: ­peti­te ­bour­geoi­sie, gau­chis­te, soixan­te-hui­tard, ­pour-soi) bleibt schlicht unüber­setzt und uner­klärt. Oder es heißt: »Gal­braith fährt dann fort zu sei­ner gefei­er­ten Beschrei­bung der Kon­sum­ge­sell­schaft« – was meint das genau?

Ein­mal wird anläß­lich eines Zitats von Ronald ­Dwor­kin in einer Fuß­no­te auf Hans-Georg Gada­mer ver­wie­sen. Wört­lich: »Gada­mer leg­te in sei­nem Werk ein vages, aber ein­fluß­rei­ches Bekennt­nis zur Prio­ri­tät der Inter­pre­ta­ti­on gegen­über der Erklä­rung in den Human­wis­sen­schaf­ten ab.« Wie bit­te? Man wünsch­te sich hier But­ter zu den Fischen.

Oder dies: »Wenn er [Fou­cault] als ›bour­geois‹ bezeich­net wird, so ist es nur ein Schnör­kel, wie die Belei­di­gun­gen, die Rin­ger im Kampf ein­an­der zuwer­fen.« Was ist da los? Rin­ger wer­fen sich im Ring schnör­kel­haf­te Belei­di­gun­gen zu? In wel­cher Welt?

Ins­ge­samt ist die­ser Band so treff­si­cher wie vor­aus­set­zungs­reich. Ein Bei­spiel für letz­te­res – Scrut­on schreibt: »Von Bent­ham und Aus­tin bis Elsen und Hart domi­nier­te in der Juris­pru­denz eine Art ›Rechts­po­si­ti­vis­mus‹.« Dar­auf muß sich der inter­es­sier­te Laie, der weder Elsen noch Hart intim kennt, zunächst einen Reim machen!

Oder dar­auf: »[…] daß die Mit­tel­schicht die Fähig­keit zeig­te, die Emo­tio­nen im häus­li­chen Leben zu dämp­fen – was weder am höhe­ren noch am nie­de­ren Ende der sozia­len Ska­la üblich war – die­se Tat­sa­chen kom­men bei Fou­cault nicht vor.« Gele­gent­lich steht man bei der Lek­tü­re also wie der sprich­wört­li­che Ochs vorm Berg. Man weiß doch viel zuwenig!

Jedoch, schon allein durch das vor­treff­li­che Stich­wort­ver­zeich­nis (das nahe­zu aus­schließ­lich ein Namens­ver­zeich­nis ist) von Ador­no bis Zola (über Aris­to­te­les, Bahro, Bent­ham, Eagle­ton, Freud, Schön­berg, Sta­lin etc.) lohnt die­ses anspruchs­vol­le Werk auf jeden Fall den Erwerb.

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Roger Scrut­on: Nar­ren, Schwind­ler, Unruhe­stifter. Lin­ke Den­ker des 20. Jahr­hun­derts, Mün­chen: Finanz­Buch Ver­lag 2021. 410 S., 25 €

 

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Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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