Sezession
21. August 2009

Ein wenig Vorsicht mit den Wörtern

Götz Kubitschek / 9 Kommentare

kotzenWie scharf und unerbittlich, wie kategorisch und zürnend geht es doch zu in den Kommentarspalten dieses Netz-Tagebuchs und in den angeschlossenen Blogs. Da erklärt der eine die Kinderlosen zu "unseren" Feinden -- und ist sicherlich auch heute nicht auf der Straße, um diese Feinde zu bekämpfen. Und ein anderer erklärt seit Tagen seinen Abschied von den Rechten -- und zeigt gerade durch den nicht endenwollenden Abschiedsgruß, wie sehr er um uns kreist.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Hinter solchen Botschaften radikaler Feindschaft und radikaler Abgrenzung scheint die große Suche auf. Es ist die Suche nach einem guten Grund, so zu sein, wie man ist. Man ist nicht einfach, man will glasklar so sein, wie man nicht ist und nie war. Ich gehe jede Wette ein, daß derjenige, der die Kinderlosen zu unseren Feinden erklärte, sich noch beim Schreiben vorgenommen hat, in seinem Bekanntenkreis künftig eindeutig Stellung zu beziehen -- um sich selber sicher zu werden, daß er das Richtige tat in seinem Leben.

Wie unfruchtbar ist das zu große Wort! Es muß doch weitergehen! Dieses Kotzen, diese Selbstvergewisserung durch Beschimpfung und sinnlose Feinderklärung und quaddernde Distanzierung: Das ist doch alles nur dann gerechtfertigt, wenn aus dem Leben ein -- sagen wir -- vereinzeltes, konsequentes Gesamtkunstwerk werden könnte. Anders ausgedrückt: Einem Künstler nehme ich seinen Haß und sein Gegröle nicht übel, einem abgesicherten Beamten und Arbeitnehmer schon.

Und doch, auch bei den Künstler ist es das, was mich immer abstieß, etwa bei der Lektüre eines Davila, eines Cioran oder eines Franz Xaver Kroetz: Der geäußerte Ekel, der anscheinend in dem Moment nicht präsent ist, wenn man sich nach verfaßtem Aphorismus im Restaurant ein Mahl servieren oder von einem Taxifahrer zu einer Lesung kutschieren läßt.

Nicht übertreiben. Hamsun lesen und den Menschen liebevoll beschreiben wie er ist, oder auch verächtlich, aber dann nicht zu selbstsicher und zu böse, denn morgen haben wir mit denen umzugehen, die wir gestern beschimpften. Ein bißchen Vorsicht mit den Wörtern also!


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (9)

Thorsten
21. August 2009 10:01

Schöner und wichtiger Beitrag. Wer vom Volk und der Gemeinschaft spricht, muß einen Weg zum Volk finden und offenhalten und selbst gemeinschaftsfähig sein. Mann kann nicht das verachten, was man sich auf die Fahne geschrieben hat: Unser Volk. Bedenkt, wir haben kein anderes.

Passend dazu: "Man kann seiner eigenen Zeit nicht böse sein, ohne selbst Schaden zu nehmen." (Robert Musil)

Christian S
21. August 2009 10:22

Danke, das tut gut.

Guardiola
21. August 2009 10:41

Um es mit dem schönen deutschen Sprichwort zu sagen: What goes around, comes around. – Man darf sich über solche dummen und verbissenen Kommentare hier und anderswo nicht wundern, denn eröffnet wurde das Denunziations- und Spottgeplapper ja hier, in diesem Netztagebuch. Das wiederholte Naserümpfen über degenerierte Landbewohner, dicke Migrantenkinder im Freibad, Tablettenkonsum (der gar links machen könnte) hat den oben angesprochenen Beiträgern ja erst Tür und Tor geöffnet – mit schöner Regelmäßigkeit wird das Ressentiment befruchtet (fast deckungsgleich zu den 68er, die rümpften halt die Nase über Spießer etc.). Die Komplexität und Ambivalenz dieser Welt machen so manchem Hirn zu schaffen.
Hamsun ist auf jeden Fall ein guter Tipp.
Und der ganz große Feind, der bleibt nun mal die Dummheit (und nicht die Kinderlosen, Gay-Hedonisten, Rechts-Beschimpfer etc.).

Toni Roidl
21. August 2009 11:16

Hallo Guardiola! Du meinst, der Herr GöKu hat seine Leser erst zum Rumpöbeln erzogen? Mit Verlaub, das ist doch sehr weit hergeholt. Gerade hier geht es doch ausgesprochen gesittet und menschenfreundlich zu, wenn ich mich an die Geschichte mit dem alten Gustav-Adolf-Freund oder dem Dorfpfarrer erinnere. Es gibt doch einen Unterschied zwischen intellektueller Polemik und einem weit-über-Ziel-hinausschießen wie die Feindschaft der Kinderlosen (was beim gerade mal ersten Kind besonders skurril ist!). Und ich meine, man kann aus den Kommentaren herauslesen, dass die Leser diesen Unterschied kennen und verstehen. Und das man die Dummheit beim Namen nennt (Gay-Hedonisten, Rechts-Beschimpfer, etc.) ist schließlich das Anliegen dieses Tagebuchs. Was soll man sonst tun? Den ganzen Tag auch die andere Wange hinhalten?

Turm König
21. August 2009 11:23

Ich bin, Du bist, er/sie/"es" ist, Ihr seid,
WIR, die sich "rechts" und "konservativ" nennen, sind kein Nonplusultra,
und SIE, die sich nicht so nennen, sind kein Gegenteil davon.

Zu einem (ge-)rechten Wesen gehört auch, die eigene Unübertrefflichkeit in jedem Augenblick seines Lebens infrage zu stellen. Das hohe Roß gehört ein für allemal zurück in den Stall!

Und wahrlich, am Anfang war das große Wort; am Ende stand es immer noch einsam und allein. Wie leicht läßt es sich doch machen, virtuell Anklage zu erheben und Richtersprüche zu verlesen; wie schwer dagegen erscheint es, aus sich selbst heraus ein reales Exekutivorgan zu werden?

,,FÜR das Volk, weil wir es in seiner Wahrhaftigkeit, Schönheit und Güte ja so lieben, aber zugleich NICHT DURCH oder gar - wenn nötig - GEGEN das Volk, weil es ja eigentlich viel zu ungelenk ist für das Wahre, Gute und Schöne'': Ist das, auf die Spitze gebracht, wirklich unsere Losung? Oder haben wir es hier nur mit einer achso elitären Binnenegozentrik zu tun, welche der achso schlichten Menschen feind ist?

Daß Herr Kubitschek endlich all diese Fragen zur Diskussion stellt, ist ein großes Verdienst.

Guardiola
21. August 2009 11:49

@Toni Roidl: Gut, da rudere ich gern ein Stück zurück – es ist sicher nicht der Gesamtton hier, aber doch einige Töne, die in die angesprochene Richtung gehen.
Grundsätzlich: Meinung äußern und positionieren: ja. Anpöbeln und rumjammern: nicht unbedingt bzw. möglichst vermeiden.
(Wegen "Wange hinhalten": Darüber lässt sich streiten, aber ein bisschen Demutseinübung ist vielleicht nicht so verkehrt.)

Hannibal
21. August 2009 13:25

Nun, das eigentliche Problem ist doch viel simpler und wurde in der SPIEGEL-Titelstory der letzten Woche gut beschrieben. Im Internet fallen halt die Hemmungen und der Mensch kommuniziert in einer Art und Weise, wie er es in einer realen Gesprächssituation von Angesicht zu Angesicht nie tun würde. In der Anonymität fallen zivilisatorische Standarts eben schneller und der im realen Leben aufgestaute Druck entläd sich auf den erstbesten digitalen Gegenüber.

Martin Lichtmesz
21. August 2009 15:26

Das ist eine Temperamentfrage. Manchmal kann man aus puren gesundheitlichen Gründen nicht anders, als "kategorisch und zürnend" zu sein. So ist das eben, wenn man an "Temperaturerhöhung" und Grüneiterprodkution leidet. Im besten Fall ist das schon eine literarische Gattung, von Léon "Je suis anti-cochon"Bloy über Céline und Cioran bis zu Thomas Bernhard und Eckhard Henscheid. Es gibt einfach Zeiten, da muß man die Kanaille beim Namen nennen, ohne falsche Scham, Rücksicht- oder Geiselname.

Joschka
21. August 2009 16:19

Nun, "Kinderlose" zu Feinden zu erklären ist etwas heftig, es ist aber klar was gemeint ist. Es gibt schlimmere Ausrutscher.

Das so eine Aussage aber " gerade mal nach dem ersten Kind besonders skurril sein soll" ist falsch. Gerade zu diesem Zeitpunkt spürt man die Diskrepanz zum sich nicht vermehrendem "Rest" am deutlichsten. Man ist näher "am Leben dran" auch philosopisch gesehen, es öffnet die Augen für das, was das Leben eigentlich ausmacht, und man findet dann z.B. händchenhaltende, kinderlose Endvierziger, die sonnenbebrillt auf ihrem I-Phone herumtippsen und so tun, als ob sie jetzt gerade die Schleier der Maya abgelegt hätten, einfach nur noch lächerlich.

Da ist mir sogar der kinderwagenschiebende Kulturbereicher ein schönerer Anblick.

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