Sammelstelle für Gedrucktes (54): Vertrauensverlust

Es ist Ende September und damit liegt der Herbstbeginn erst kurz hinter uns. Dennoch: Politisch bewegt sich schon jetzt einiges.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Die AfD erreicht bun­des­weit in Umfra­gen (wie­der) 15 Pro­zent, in Ost­deutsch­land ist sie mit 27 Pro­zent stärks­te Kraft.

Ich gehe per­sön­lich von einem Drit­tel­prin­zip aus:

Ver­ein­facht gesagt heißt das in bezug auf die AfD: Ein Drit­tel der Stim­mungs­la­ge hängt von objek­ti­ven Gege­ben­hei­ten ab, vom all­ge­mei­nen poli­ti­schen Zustand des Lan­des, der Wirt­schaft, damit ver­bun­den ins­be­son­de­re auch vom Ver­trau­en der Men­schen in die Herr­schen­den – doch dazu gleich mehr.

Ein zwei­tes Drit­tel hängt von der »Per­for­mance« der poli­ti­schen Geg­ner ab. Wel­che Skan­da­le lie­gen vor, was ging schief, wo liegt tota­les Ver­sa­gen vor (aktu­ell: Ber­lin­wahl­de­sas­ter, Nord Stream 2‑Schweigen usf.) – oder wo gelingt es der Wahl­kon­kur­renz, Posi­ti­ves zu gestal­ten oder zu inszenieren.

Und ein drit­tes Drit­tel: Das hat man selbst in der Hand. Die AfD kann und muß die­ses selbst gestal­ten, offen­siv, mutig, vorwärtsdrängend.

Sie pro­fi­tiert inso­fern des­halb auto­ma­tisch (ers­tes und zwei­tes Drit­tel), als daß sie die ein­zi­ge par­la­men­ta­ri­sche Kraft ver­kör­pert, die zwei­fel­los kei­nen Anteil an der Kon­ver­genz der Kri­sen, wie wir sie nun erle­ben, besitzt. Sie war und ist »Dage­gen«, sie ist kein Teil des hege­mo­nia­len Appa­ra­tes, sie herrscht(e) nicht.

Was sie tun muß, ergibt sich aus der Natur der Din­ge: als par­la­men­ta­ri­sche Inter­es­sen­ver­tre­tung der Bür­ger­pro­tes­te wir­ken und ent­spre­chend Druck aus­üben. Zudem gilt es, »ins Volk zu gehen«, also nicht abseits zu ste­hen, wo sich Men­schen ver­sam­meln. Viel­mehr muß man über­all, wo nötig, selbst die Initia­ti­ve ergrei­fen und ganz grund­sätz­lich in der Flä­che Prä­senz zei­gen – was in Ost­deutsch­land bereits jetzt immer bes­ser funktioniert.

In der Leip­zi­ger Volks­zei­tung (v. 29.9.2022) fin­det man einen von vie­len (!) Grün­den für die­se Ost-West-Diver­genz anhand einer brand­ak­tu­el­len Umfra­ge erläutert:

Wäh­rend bei­spiels­wei­se bei den drän­gends­ten Pro­ble­men im Wes­ten Kli­ma und Umwelt genannt wur­den, waren das im Osten sozia­le Gerech­tig­keit und Inflation,

und bei­des kann man als volks­ver­bun­de­ne Oppo­si­ti­on glaub­haf­ter the­ma­ti­sie­ren als auf den inhalt­lich schwie­ri­gen, poli­tisch natur­ge­mäß grün bemann­ten kli­ma­ideo­lo­gi­schen Zug auf­zu­sprin­gen, der nicht der unse­re ist.

Von die­sem The­ma abge­se­hen: Zupas­se kommt der AfD im beson­de­ren und der patrio­ti­schen Sze­ne­rie im all­ge­mei­nen der erst­mals in einer beson­de­ren Inten­si­tät zuneh­men­de Ver­trau­ens­ver­lust brei­ter Gesell­schafts­schich­ten in die herr­schen­den Ver­hält­nis­se und deren Gestalter.

Die FAZ (v. 29.9.2022) ver­mel­det, daß nur noch 42 Pro­zent der Deut­schen mit der poli­ti­schen Situa­ti­on im Land »alles in allem zufrie­den« seien:

Das sind zehn Pro­zent­punk­te weni­ger als 2020, ergab eine reprä­sen­ta­ti­ve Umfra­ge unter 4000 Per­so­nen im Juli und August im Auf­trag des Ost­be­auf­trag­ten der Bun­des­re­gie­rung, Cars­ten Schneider,

also noch vor Beginn der Volks­pro­tes­te ins­be­son­de­re in Sach­sen, Thü­rin­gen, Meck­len­burg-Vor­pom­mern, Bran­den­burg und Sachsen-Anhalt.

Doch zugleich berich­tet die FAZ, daß die­se Ent­wick­lung kein Ost­phä­no­men sei:

Der Rück­gang sei in allen Tei­len Deutsch­lands deut­lich, heißt es in dem am Mitt­woch in Ber­lin vor­ge­stell­ten Bericht.

Auch die kon­kre­te Zufrie­den­heit mit der Regie­rung sinkt:

Waren 2020 noch 53 Pro­zent der Deut­schen mit ihr zufrie­den, sind es heu­te noch 35 Pro­zent, im Osten gar nur 26 Prozent,

was dann doch die Son­der­rol­le des patrio­ti­schen Hoff­nungs­rau­mes akzentuiert.

Auch bezüg­lich der Fra­ge, wie die Deut­schen es der­weil mit der par­la­men­ta­ri­schen, reprä­sen­ta­ti­ven Demo­kra­tie hal­ten, sind West-Ost-Unter­schie­de festzustellen.

Denn es zei­gen sich

59 Pro­zent der West‑, aber nur 39 Pro­zent der Ost­deut­schen zufrieden

mit der

Demo­kra­tie, so wie sie in Deutsch­land funktioniert.

Kei­ne Über­ra­schung ist indes die Wahr­neh­mung der Befrag­ten hin­sicht­lich der gefühl­ten Mei­nungs­frei­heit in der BRD:

Nur noch 43 Pro­zent der Ost und 58 Pro­zent der West­deut­schen ver­tre­ten die Auf­fas­sung, dass man in hier­zu­lan­de sei­ne Mei­nung stets frei sagen kön­ne, ‘ohne Ärger zu bekommen’,

was das herr­schen­de Kar­tell aus Libe­ra­len und Lin­ken aller Art nur all­zu ger­ne mit dem Ver­weis »kon­tert«, man dür­fe alles sagen, nur muss man dann halt manch­mal mit Kon­se­quen­zen rech­nen (Dun­ja Haya­li, ZDF). Dies scheint mir als ein fort­ge­setz­ter Affront gegen­über allen Men­schen in die­ser Repu­blik, die die Kon­se­quen­zen – von Anti­fa-Über­grif­fen bis zu Job­ver­lus­ten – bereits erfah­ren durften.

Das neue deutsch­land (v. 29.9.2022) ver­weist unter­des­sen auf eine wei­te­re inter­es­san­te Zahl aus der Stu­die des Ost­be­auf­trag­ten der Bundesregierung:

Nur noch 32 Pro­zent der Ost­deut­schen äußer­ten die Ansicht, dass den Poli­ti­ke­rin­nen und Poli­ti­kern das Wohl unse­res Lan­des wich­tig sei. Im Wes­ten waren dies noch 42 Prozent.

Es ist für Akteu­re, die seit Jah­ren poli­tisch aktiv sind, eine Bin­sen­weis­heit, und doch kommt sie erst durch Habecks und Baer­bocks mas­sen­me­di­al ver­mit­tel­tes Frem­deln mit deut­schen Inter­es­sen ans Tageslicht:

Wer als ein­zel­ner Mensch das »gro­ße Gan­ze«, sei­ne Hei­mat und sein Vater­land nicht schätzt, wird für die Ange­hö­ri­gen des­sel­ben kei­ne wech­sel­sei­ti­ge Ver­ant­wor­tung emp­fin­den. Er han­delt dann die­sen grund­sätz­lich eige­nen Inter­es­sen zuwi­der – und ver­tritt ande­re, d. h.: frem­de Interessen.

Die­sen Sach­ver­halt bemerkt das poli­tisch wache­re Volk im Osten über­wie­gend stär­ker als der satu­rier­te Bür­ger in wei­ten Tei­len West­deutsch­lands. In der Süd­deut­schen Zei­tung (v. 29.9.2022) greift man anläß­lich der Schnei­der-Stu­die die­sen Umstand auf:

Dass die neu­en Bun­des­län­der eine ‘durch­gän­gig skep­ti­sche­re, distan­zier­te­re und auch kri­ti­scher aus­ge­präg­te Grund­ein­stel­lung gegen­über Poli­tik und Demo­kra­tie’  kenn­zeich­ne, hat­te schon im ver­gan­ge­nen Jahr Schnei­ders Vor­gän­ger im Amt des Ost­be­auf­trag­ten, Mar­co Wan­der­witz (CDU), konstatiert.

Wan­der­witz, dies zur Erin­ne­rung, sorg­te im Osten für wüten­de Reak­tio­nen, als er die dort zahl­rei­chen AfD-Sym­pa­thi­san­ten pau­schal diskreditierte:

Wenn ich eine rechts­ra­di­ka­le Par­tei wäh­le, dann ist doch was nicht in Ord­nung mit mir,

was vie­le Bür­ger im Osten der BRD nicht »in Ord­nung«, son­dern ein wenig über­grif­fig emp­fan­den – Wan­der­witz ver­lor wei­ter an Rück­halt und in der Fol­ge des­sen auch sein Man­dat. Still wur­de es um ihn den­noch nicht: Er wir­belt in der Christ­de­mo­kra­tie wei­ter, dies­mal geht es gegen poten­ti­el­le Abweich­ler vom trans­at­lan­ti­schen Weg.

Die Freie Pres­se aus Chem­nitz (v. 29.9.2022) berich­tet zu die­sem The­men­kom­plex zunächst, daß Sach­sens Minis­ter­prä­si­dent Micha­el Kret­schmer durch sei­ne Ver­hand­lungs­for­de­run­gen mit Ruß­land und kri­ti­sche Bemer­kun­gen zur Ampel-Koali­ti­on in der Uni­on anecke.

Par­tei­chef Fried­rich Merz hat­te mehr­fach betont, dass Kret­schmers Posi­ti­on nicht die der CDU Deutsch­lands sei. Im Osten gebe es eine ‘etwas nai­ve Hal­tung gegen­über Russ­land’, erklär­te Merz etwas süffisant,

wobei er zu ver­ges­sen scheint, daß man im Osten auf »süf­fi­san­te« Über­heb­lich­kei­ten eher all­er­gisch reagiert, zumal man im sel­ben Atem­zug die nicht nur »etwas«, son­dern mani­fes­te »nai­ve Hal­tung« vie­ler West­bür­ger den USA gegen­über her­aus­strei­chen soll­te, was für den Kurs der BRD seit Jahr­zehn­ten erheb­lich bedenk­li­che­re Wir­kun­gen mit sich bringt.

Wo aber Kri­tik am Merz-Kurs geäu­ßert wird, ist Mar­co Wan­der­witz nicht weit:

Es gebe Posi­tio­nen, die nicht Mehr­heits­po­si­tio­nen sind und für die man sehr viel Applaus von den fal­schen Leu­ten bekommt,

zitiert man ihn. Wei­ter Wan­der­witz über sei­nen säch­si­schen Par­tei­freund Kretschmer:

Wenn man als CDU-Poli­ti­ker vom AfD-Bun­des­vor­sit­zen­den Tino Chru­pal­la und der Lin­ken-Poli­ti­ke­rin Sah­ra Wagen­knecht nament­lich gelobt wird, hat man etwas ver­kehrt gemacht,

sagt der jeder öffent­li­chen Selbst­kri­tik unver­däch­ti­ge Poli­ti­ker, der die nahe­lie­gen­de Gegen­fra­ge nicht ein­preist, näm­lich: Was sagt es eigent­lich über die CDU (und Wan­der­witz) aus, wenn ihre Stand­punk­te in der aktu­el­len Ukrai­ne- und Ener­gie­ver­sor­gungs­kri­se nur in Nuan­cen von der links­li­be­ra­len Ampel differieren?

Wan­der­witz ficht der­lei nicht an. Im Gegen­teil: Er teilt gegen Kret­schmer aus, der – durch­aus ent­ge­gen des Bun­des­trends – in Sach­sen wei­ter unan­ge­foch­ten über 30 Pro­zent in Umfra­gen steht:

Er agiert wie ein Geis­ter­fah­rer, der aber glaubt, nicht er, son­dern alle ande­ren wür­den in die fal­sche Rich­tung fahren.

Nun, mit einem sol­chen Modell dürf­te just Wan­der­witz ja an sich kei­ne Pro­ble­me haben. Als von 2013 bis Herbst 2021 sei­ne Par­tei mit der SPD die Geschi­cke der BRD ver­ant­wor­te­te, dach­ten vie­le Nach­bar­län­der, daß die BRD der Geis­ter­fah­rer sei, »der aber glaubt, nicht er, son­dern alle ande­ren wür­den in die fal­sche Rich­tung fahren«.

Die Fol­gen der geschei­ter­ten Coro­na­maß­nah­men­po­li­tik, der geschei­ter­ten Migra­ti­ons­po­li­tik und der geschei­ter­ten Ener­gie­po­li­tik – wir alle sehen sie erst heu­te so mar­kant wie mög­lich vor uns.

Die Ampel-Koali­ti­on spitzt die Pro­ble­me zu und treibt sie der Eska­la­ti­on ent­ge­gen. Doch die Vor­aus­set­zun­gen schuf die Eli­te der Christ­de­mo­kra­ten rund um Mar­co Wan­der­witz. Sie haben aus ihren Feh­lern nichts gelernt.

Auch das ver­stärkt den Volks­pro­test im Osten. Man kann nur hof­fen, daß er im wei­te­ren Ver­lauf des Herbs­tes end­lich auch den Wes­ten erreicht.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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Kommentare (22)

Mitleser2

29. September 2022 16:21

Gerade wurde ein 200 Mrd. Ruhigstellungspaket verkündet - ob es wirkt?

Aber ernsthaft: Solange so viel Geld gedruckt und verteilt wird (natürlich auf Kredit) wird es im Westen schwer, was zu aktivieren. Seh ich an meinem Umfeld. Da sind immer noch viele sorglos.

Nordlicht

29. September 2022 16:23

Dass meine Mit-Wessies in dieser heutigen Situation "Klima" und "Umwelt"als grösste Probleme nennen, ist unfassbar.

Die haben echt einen an der Hacke. Und denen geht es offensichtlich noch zu gut.

Hajo Blaschke

29. September 2022 16:49

Nach der Zerstörung der Pipelines NordStream 1 und 2 durch die Erfüller des Morgenthau-Planes ist es lt. Mainstream-Propaganda nunmehr nutzlos dafür zu demonstrieren, NordStream 2 zu öffnen.

Aber es ist nicht nutzlos, für eine schnelle Reparatur der Pipelines zu demonstrieren. 

Leander

29. September 2022 17:27

Ich kann Ihre Ausführungen, Herr Kaiser, zur irrationalen Volatilität des Wählerverhaltens und die Ableitung, das in konkrete Handlungserfordernisse für einzelne Parteien zu übersetzen, gut nachvollziehen. Der AfD traue ich aber die Rolle des dritten Drittels personell und programmatisch nicht zu. Der Haufen ist und bleibt ein inkonsistentes Sammelbecken. Ich warte auf eine Parteigründung. 

In diesem Punkt bin ich nicht bei Ihnen:
Zitat: "...manifeste »naive Haltung« vieler Westbürger den USA gegenüber herausstreichen sollte, was für den Kurs der BRD seit Jahrzehnten erheblich bedenklichere Wirkungen mit sich bringt..."

Als Nachkomme von Babyboomern wurde mir im Transatlantischen Bündnis ein Lebensweg ermöglicht, der mir tausendmal lieber ist, als der 27. Juni 1953, Ungarn 1956, Prag 1968 und die Lebensumstände der Menschen in diesen Ländern danach. Vietnam bis Irak, egal!

Die Probleme der späten BRD und des vereinigten Deutschland sind im EU-Wahn selbstgemacht.

Niekisch

29. September 2022 17:28

"Aber ernsthaft: Solange so viel Geld gedruckt und verteilt wird (natürlich auf Kredit) wird es im Westen schwer, was zu aktivieren".

@ Mitleser 16:21: Rufen wir doch wenigstens aus Protest zum Kaufstreik auf.

Kauft nur das Allernötigste!

Laurenz

29. September 2022 18:37

@Mitleser2 & Nordlicht

BK: im weiteren Verlauf des Herbstes endlich auch den Westen erreicht

Das ist nur eine Frage der Zeit. Die Drittelung BKs zur aktuellen politischen Lage aus Sicht der echten Konservativen kann man zwar so vertreten, zumindest seit Weidel & Chrupalla sich durchgesetzt haben, aber im Endeffekt kann man alles auf das materielle Sein Marxens oder Brechts reduzieren. Der Rekord-Anstieg der Erzeuger-Preise um 45% im September ist eben noch nicht auf Retail-Sales oder Verbraucherpreise  durchgeschlagen. Gedulden Sie Sich bis Februar-März nächsten Jahres. Zu diesem Zeitpunkt etwa werden die Umfragewerte der AfD auf über 20% bundesweit ansteigen. 

Laurenz

29. September 2022 21:12

@Leander (1)

Der AfD traue ich aber die Rolle des dritten Drittels personell & programmatisch nicht zu. Der Haufen ist & bleibt ein inkonsistentes Sammelbecken. Ich warte auf eine Parteigründung. 

Da warten Sie bis auf den Sankt Nimmerleinstag. Das Spitzenpersonal der AfD ist bereits jetzt bildungstechnisch allen Altparteien-Spitzen haushoch überlegen. Bei Parteigründungen haben Sie welche Kontrolle? Die AfD setzt sich, wie jede andere (frühere) Partei auch, aus unterschiedlichen Strömungen zusammen, um überhaupt irgendeine politische Relevanz zu generieren. Schon jetzt repräsentieren die Altparteien willentlich nur noch Minderheiten. Meuthen wollte sich dem anschließen.

Als Nachkomme von Babyboomern wurde mir im Transatlantischen Bündnis ein Lebensweg ermöglicht, der mir tausendmal lieber ist, als der 27. Juni 1953, Ungarn 1956, Prag 1968 und die Lebensumstände der Menschen in diesen Ländern danach. Vietnam bis Irak, egal!

Das bin ich, wie HB oder GK in der Spätphase & viele andere hier, auch. Sie ignorieren aber die historische Relevanz oder besser politische Mechanik dieser Ära der 60er, 70er & der 80er Jahre. In dieser Zeit leisteten wir uns eine wesentlich teurere Armee & mehr Wohlstand. Das war auf Seiten der Westalliierten zwangsläufig so gewollt. Um gegenüber den Warschauer-Vertragsstaaten politische Stabilität zu erzeugen, brauchte man ein Wohlstandsgefälle von West nach Ost.

Laurenz

29. September 2022 21:23

@Leander (2)

Das gelang zB in Italien nicht ganz so gut, die Kommunisten konnten dort recht erfolgreich agieren, was die sogenannten NATO-Armeen dazu veranlaßte, Staatsterror zu aktivieren. Andreotti gab dies zu. Wenn ich mich recht erinnere, schrieb Ganser zu diesem Thema seine Doktorarbeit. Als der Warschauer Pakt zusammenbrach, gab es in den 90er & ff. keine politische Veranlassung mehr, dieses West-Ost-Wohlstandsgefälle aufrecht zu erhalten. Spätestens seit der Euroeinführung lebt der westdeutsche Mittelstand von seiner Substanz. Die arbeitende & unternehmerische Mittelschicht wird daher immer kleiner. Von daher ist Ihr System, welches Sie hier preisen, längst tot. Osteuropa hatte, wie Ostasien auch, nur keinen Sponsor, wie die DDR. Das hat sich durch die EU-Osterweiterung etwas geändert. Ostasien konnte durch die Riesenhaftigkeit dortiger Märkte profitieren & willige Investoren aus dem Westen finden. Aber das, was ich Ihnen hier jetzt beantworte, ist im Prinzip schon seit Jahren historischer Konsens auf dem Forum.

quer

29. September 2022 21:30

@ Laurenz: So lange braucht man auf den höchst wahrscheinlichen Blackout nicht zu warten. Feb-März wäre ja noch relativ komfortabel für die Sozialistenbande. Spätestens nach 1-2 Wochen Blackout (frohe Weihnacht!) hat selbst der Dämlichste das Prinzip Ursache und Wirkung entdeckt. Dann sind 30% wirklich alternativ. Mindestens.

Nordlicht

29. September 2022 22:46

@Laurenz "... werden die Umfragewerte der AfD auf über 20% bundesweit ansteigen."

Und wenn -  was dann? Es gibt nicht, wie in Italien, Partner für ein Mitte-Rechts-Bündnis.   Ich sehe eine solche Bewegung bei FDP oder CDU weder für 2025 im Bund noch in den Ländern. Und wenn die reche Oppositionspartei je über 30% kmmen sollte, wird sie verboten werden.

(Was einen parlamentarischen Wechsel angeht, bin ich Pessimist.)

Imagine

30. September 2022 02:33

„Die FAZ (v. 29.9.2022) vermeldet, daß nur noch 42 Prozent der Deutschen mit der politischen Situation im Land »alles in allem zufrieden« seien

Auch die konkrete Zufriedenheit mit der Regierung sinkt:
Waren 2020 noch 53 Prozent der Deutschen mit ihr zufrieden, sind es heute noch 35 Prozent, im Osten gar nur 26 Prozent

Auch bezüglich der Frage, wie die Deutschen es derweil mit der parlamentarischen, repräsentativen Demokratie halten, sind West-Ost-Unterschiede festzustellen.
Denn es zeigen sich 59 Prozent der West‑, aber nur 39 Prozent der Ostdeutschen zufrieden mit der Demokratie, so wie sie in Deutschland funktioniert.“

Man muss unterscheiden:

1. Regierungszufriedenheit
2. Zufriedenheit mit dem repräsentativ-demokratischen System
2. Zufriedenheit mit dem politökonomischen System („kapitalistische Marktwirtschaft“) insgesamt

Punkt 3 – die Systemzufriedenheit und damit die Systemfrage - ist entscheidend. Vermutlich liegt die Systemzufriedenheit nach wie vor in D bei 90+ % .

Die Möglichkeit einer Systemalternative wird überhaupt nicht thematisiert, weder links noch rechts.

Die Regierungen werden wechseln, aber nicht die systemerhaltende und „alternativlose“ Politik (s. Italien).

RMH

30. September 2022 07:16

Die sog. "Ost" -"West" (nochmal: für mich in Nordbayern ist Thüringen, Sachsen der Norden aber nur zu ganz kleinem Teil der Osten) Gegensätze sind bei Lichte betrachtet auch nach den Umfragen mittlerweile deutlich geringer. Es liegt auf der Hand, dass in den alten Ländern nicht so schnell die Systemfrage gestellt wird, aber sonst?

"nur noch 42 Prozent der Deutschen mit der politischen Situation im Land »alles in allem zufrieden" - Unter 50%! Eine Art Dammbruch.

"Nur noch 32 Prozent der Ostdeutschen äußerten die Ansicht, dass den Politikerinnen und Politikern das Wohl unseres Landes wichtig sei. Im Westen waren dies noch 42 Prozent."

Das sind mickrige 10% Umfrageunterschied (und jeder weiß, wie "ehrlich" so was beantwortet wird bzw. wer an sowas teilnimmt) aber Gesamtdeutsch wieder unter 50%!

Es wird Zeit, bei dem ewigen Ossi-Wessi Genöle, was hier fast schon scheinbar zur raison d’être geworden ist, ein wenig vom Gaspedal zu gehen.

Herbstwind

30. September 2022 11:01

@RMH

"Es wird Zeit, bei dem ewigen Ossi-Wessi Genöle...ein wenig vom Gaspedal zu gehen"

Da kann ich nur zustimmen, denn derartige Abgrenzungen bedienen letztendlich die Regierungspropaganda der "Spaltung" und der Demarkationslinie Ostländer (böse) gegen Westländer (gut), nur mit umgekehrten Zuschreibungen. Natürlich ist im (Nord)Osten das System naturgemäß nicht so gut in der Gesellschaft verankert wie im Westen der Republik, insofern bestehen weniger Loyalitäten und Identifikationen. Gut so für den Protest.

Allerdings gab und gibt es nach wie vor auch hier im Südwesten erheblichen Widerstand gegen die Lockdownpolitik und ausgerechnet das wohlhabende und brave Reutlingen wurde zum Symbol des Widerstands. Wie der Protest jetzt weitergeht, muss man abwarten. 

Ansonsten natürlich wieder eine interessante Analyse zum Stand der Dinge. 

Laurenz

30. September 2022 11:22

@RMH

Bei dem

dem ewigen Ossi-Wessi Genöle

haben Sie natürlich Recht. Trotzdem haben wir in den Neuen Ländern weniger materielle Substanz. Ehemalige DDR-Bürger konnten die zu DDR-Zeiten nicht erwirtschaften.

@Nordlicht @L.

Warum sind Sie denn so negativ eingestellt? Die DDR existierte 40 Jahre. Auch die DDR 2.0 wird in etwa so lange existieren. Seien Sie doch mal mit kleinen Erfolgen zufrieden. Und wir wissen nicht, wann jemand umkippt. Für viele Mandatsträger der Altparteien wird in den nächsten 3 Landtagswahlen und einer Senatswahl das Lebensmodell scheitern. Das ist doch schon mal was.

@Quer @L.

Blackout 

Wie bereits im letzten CS-Artikel besprochen, ist es etwas müßig über Blackouts zu spekulieren. Scholz druckt weitere 200 Milliarden, um das schlimmste abzufangen, aber das wird nicht reichen & die Inflation weiter befeuern. Sich so kurzfristig Zeit kaufen zu müssen, zeigt, wie denen der Arsch auf Grundeis geht. 

Feb-März

hatte ich nicht auf Blackouts bezogen, sondern auf durchschlagende Preise beim Endverbraucher. An Ihrer Reaktion ist auch gut zu bemerken, wie sich eine Mehrheit immer noch im Dornröschen-Schlaf befindet. Dagegen sind ein paar Blackouts noch das geringste Problem. Die Ukraine hat seit 30 Jahren quasi jeden Tag Backouts, sprich, a la Giffey schaltet man für viele Stunden den Strom & damit auch das Wasser ab.

Leander

30. September 2022 13:56

@ Laurenz

Lassen wir das Thema AfD mal aussen vor.

Ich warf einen Blick zurück. Wenn Sie nochmal nachlesen, ich habe nicht gesagt, dass das Westliche System, so wie es sich nach dem kalten Krieg entwickelt hat, vor einer Blütezeit stünde. Es ist in der Tat mehr tot als lebendig. Da gibt es zu tun.

Aber Lösungen für Europa finden sich nicht in einer Hinwendung zu Russland, solange diese Nation unter der Fuchtel eines Psychopathen steht. Im 19. Jahrhundert, in der auslaufenden Zeit der Monarchien, konnte man Russland in einem europäischen Kontext sehen. Über Lenin, Stalin, Gorbatschow, Jelzin, Putin wurde Russland zu einem Lost Place, gehört nirgends dazu, ist ein Rohstoffland mit leider großem (nuklearen) Waffenarsenal. Es ist zu einfach, das Transatlantische zu verteufeln und Putin zu heiligen. 

Imagine

1. Oktober 2022 14:04

1/2

@B.K.
„Ich gehe persönlich von einem Drittelprinzip aus“

Entscheidend – so meine Gegenthese - für den Wahlausgang sind die Medien und damit Medienmacht.

Das kann man ganz eindeutig mit Beispielen hinsichtlich des Ausgangs von Schweizer Volkabstimmungen belegen, wo „das Volk“ – also die Klasse der Arbeitenden und große Mehrheit der Bevölkerung - regelmäßig auf die Meinungsmache der Medien hineinfällt und gegen ihre eigenen Interessen abstimmt.

Natürlich kann es sein, dass Wahlen neue Mehrheiten bringen und neues Personal in die Parlamente und Regierungen. Seien es „linke“ oder „rechte“ Figuren.

Aber es ändert sich nichts an der Grundstruktur der Politik, nämlich der Politik im Interesse der Oligarchen und Plutokraten. Das System, was die große Volksmehrheit – die Klasse der abhängig Arbeitenden - übervorteilt und ausbeutet, bleibt bestehen.

Giorgia Melonis Partei „Fratelli d’Italia“, der neuen Regierungschefin in Italien, sitzt im EU-Parlament in Fraktion der „Konservativen und Reformer“, zusammen mit Polens Regierungspartei PiS.

 

Imagine

1. Oktober 2022 14:05

2/2

Forza Italia ist einer von Melonis Koalitionspartnern.

„Silvio Berlusconis Forza Italia gehört dagegen der Europäischen Volkspartei an. Dass deren Vorsitzender, der deutsche CSU-Politiker Manfred Weber, den «Cavaliere» im Wahlkampf unterstützt hatte, sorgte in Brüssel für einige Aufregung. Weber wurde vorgeworfen, ein Steigbügelhalter der Ultrarechten zu sein.“ (https://www.nzz.ch/international/eu-reaktionen-auf-den-wahlsieg-der-postfaschistin-meloni-ld.1704480)

Meloni ist voll auf „Systemlinie“, so wie die alle größeren Parteien im Imperium.

Allerdings macht sie auf Rechtspopulismus und Verbalradikalismus, wie z.B. gegen Macron.

„The new Italian Prime Minister, Georgia Meloni, telling the world what she really thinks of French President Macron.“
https://twitter.com/i/status/1575137671453630466

Mitleser2

1. Oktober 2022 18:32

@Imagine: Sie wiederholen sich. Als Alt-68er müssten Sie es doch toll finden, wie Ihre linksgrünen Zeitgenossen den Marsch durch die Institutionen geschafft haben, und jetzt an den Animal Farm Trögen sitzen.

Was schlagen Sie denn vor: Selbstmord, Auswandern nach China, Revolution einer Avantgarde, ...

 

Mitleser2

1. Oktober 2022 18:36

Und als Ergänzung: Alles was Meloni über Macron sagt, ist völlig richtig.

Kurativ

1. Oktober 2022 19:00

Das Erdgas aus Russland könnte notfalls auch mit Tankern über die Ostsee transportiert werden. Dazu können sogar die neuen Terminals für das schmutzige und teure Frackinggas aus den USA verwendet werden.

Kurativ

1. Oktober 2022 19:04

Damit nichts anbrennt, wird der US-Angriff auf die zwei Pipelines mit größter Lautstärke verschwiegen, Denn darauf gibt es keine EU/US-freundliche Antwort der Deutschen.

Franz Bettinger

2. Oktober 2022 13:11

@Jonas Schick: Ich halte viel von Askese, Demut, Selbst (!)-Disziplin, Pflicht-Bewusstsein und Sparsamkeit. Noch wichtiger ist mir die Freiheit, all das auch bleiben lassen zu dürfen. Wir sollten nicht Zuchtmeister anderer werden. Suum cuique. (Möglicherweise ist es das, was Herr Will meinte.)

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