Fjodor Dostojewski: Der Doppelgänger

Pünktlich zum Dostojewski-Jubiläum hat der Lyriker und Übersetzer Alexander Nitzberg einen verborgenen Schatz gehoben:...

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Die ers­te Fas­sung des Romans Der Dop­pel­gän­ger aus dem Jahr 1846, die noch nie in deut­scher Spra­che erschie­nen ist. Sie ist kein Zwil­ling oder Dop­pel­gän­ger des 1866 publi­zier­ten »Remakes«, son­dern ein völ­lig eigen­stän­di­ges Werk. In sei­nem Nach­wort plä­diert Nitz­berg dafür, die­sen ers­ten Wurf als den gelun­ge­ne­ren anzu­er­ken­nen. »In einem Guß geschrie­ben und gewis­ser­ma­ßen am Puls der Zeit«, schwelgt der Roman in »wil­der Roman­tik« und einer sur­rea­len Phan­tas­tik, die das psy­cho­ti­sche Innen­le­ben des »Hel­den« Gol­jad­kin bis in die kleins­ten Ver­äs­te­lun­gen widerspiegelt.

Die­ser begeg­net eines Tages sei­nem titel­ge­ben­den Alter ego, das fort­an wie selbst­ver­ständ­lich mit ihm Arbeits­platz und Woh­nung teilt und zuneh­mend zum dämo­ni­schen Ant­ago­nis­ten wird. Dos­to­jew­skis tour de for­ce durch die Abgrün­de eines gespal­te­nen Bewußt­seins, gespickt mit einem wahn­wit­zi­gen schwar­zen Humor, ist von einer ver­blüf­fen­den Moder­ni­tät. Die Ori­gi­na­li­tät des Sujets fin­det ihr Gegen­stück in einem kühn manie­rier­ten Stil, der von bewuß­ten Wort­wie­der­ho­lun­gen nur so strotzt; Nitz­berg nennt das Werk eine »Sym­pho­nie der Redundanz«.

Expe­ri­men­te die­ser Art ­miß­fie­len aller­dings den ton­an­ge­ben­den Intel­lek­tu­el­len die­ser Zeit, die von der Lite­ra­tur »Natu­ra­lis­mus« und sozi­al­kri­ti­sche »Nütz­lich­keit« ein­for­der­ten. Dos­to­jew­ski ließ sich von die­sen Stim­men all­mäh­lich zer­mür­ben, und als er zwei Jahr­zehn­te spä­ter den Stoff wie­der auf­griff, um ihn zu »ver­bes­sern«, hat­te er die Füh­lung zu sei­nen ursprüng­li­chen Impul­sen weit­ge­hend verloren.

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Fjo­dor Dos­to­jew­ski: Der Dop­pel­gän­ger. Die Urfas­sung. Über­setzt von Alex­an­der Nitz­berg, Ber­lin: Galia­ni 2021. 336 S., 24 €

 

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Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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