Die Bezwinger des Todes

von Simon Kießling

PDF der Druckfassung aus Sezession 105/ Dezember 2021

 Gastbeitrag

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»Der Wald­gang führt hart an den Tod her­an, ja wenn es sein muß, durch ihn hin­durch«, schreibt Ernst Jün­ger in sei­ner legen­dä­ren, die Schre­cken des Tota­li­ta­ris­mus reflek­tie­ren­den Typus­be­schrei­bung und Ver­hal­tens­leh­re glei­chen Namens.

Von kol­lek­ti­ven Mäch­ten umstellt, die ihre Ansprü­che und For­de­run­gen an ihn her­an­tra­gen, nimmt der Wald­gän­ger, als ein­zel­ner und in schein­bar aus­sichts­lo­ser Lage, den Kampf für die Frei­heit auf. Im Ange­sicht der namen­lo­sen Gewal­ten, die nach ihm grei­fen, schlägt er sich ins Unweg­sa­me, ins Hin­ter­land der uni­ver­sell ver­fü­gen­den und ubi­qui­tär tönen­den Macht. Dort setzt er klei­ne Zei­chen des Wider­stan­des gegen eine über­mäch­ti­ge, geschlos­se­ne Maschi­ne­rie; er streut Sand ins Getrie­be jener unbarm­her­zi­gen Appa­ra­tu­ren und Regis­tra­tu­ren, die sich selbst eine über­le­ge­ne, Kon­for­mi­tät erhei­schen­de Mora­li­tät und Wis­sen­schaft­lich­keit zusprechen.

Der Wald­gän­ger weiß, daß er damit sein Leben aufs Spiel setzt, daß er bereit sein muß, den größt­mög­li­chen Preis zu bezah­len; er sieht sich dazu imstan­de, weil für ihn die Todes­angst ihren abso­lu­ten ­Schre­cken ver­lo­ren hat, inso­fern er um die Unzer­stör­bar­keit sei­nes inners­ten Wesens weiß; der Wald­gän­ger spürt, daß der Mensch mehr ist als die flüch­ti­ge, den Geset­zen der Zeit­lich­keit und der Kau­sa­li­tät unter­wor­fe­ne Erschei­nung; er hält Ver­bin­dung zu den über­zeit­li­chen Quel­len des Wil­lens, fühlt sich durch­strömt von der unver­gäng­li­chen, ewi­gen Ursub­stanz des Seins. So hält er, allen Anfech­tun­gen zum Trotz, jene Bas­tio­nen besetzt, die sich nicht dyna­misch auf­lö­sen las­sen, auf denen der Mensch von den zeit­li­chen Mäch­ten unan­greif­bar bleibt.

Wie Jün­ger her­aus­streicht, sind die mit­leid­lo­sen Appa­ra­te und des­po­ti­schen Maschi­ne­rien nach­hal­tig nur zu erschüt­tern, wenn sich Men­schen fin­den, die das ulti­ma­ti­ve, exis­ten­ti­el­le Opfer brin­gen. Ohne die maß­ge­ben­den ein­zel­nen, die den Preis ihres Lebens bezah­len, sind die gro­ßen Frei­heits­durch­brü­che nicht zu voll­brin­gen, wie auch die fried­li­che Revo­lu­ti­on von 1989 / 90 ohne Jan Palach, Mat­thi­as Domaschk, Jer­zy Popiełuszko und vie­le ande­re unvor­stell­bar bleibt.

Der auf sich genom­me­ne Opfer- und Todes­gang bringt die gewal­ti­gen, unbe­sieg­bar schei­nen­den Mäch­te der Welt zum Ein­sturz und wirkt zugleich als der Geburts­hel­fer einer neu­en, Frei­heit revi­ta­li­sie­ren­den Ord­nung: »Das wird vor allem deut­lich, wenn Leh­re und Bei­spiel sich ver­ei­nen – wenn der Bezwin­ger der Furcht das Todes­reich betritt«, schreibt Jün­ger mit Blick auf den Kreuz- und Lei­dens­weg Chris­ti. »Das Wei­zen­korn, indem es starb, hat nicht nur tau­send­fäl­tig, es hat unend­lich Frucht gebracht.«

In gewis­ser Wei­se hängt die voll­stän­di­ge Beherr­schung des öffent­li­chen Rau­mes und des poli­ti­schen Dis­kur­ses durch die 68er und ihre identitäts­politischen Nach­fol­ge­be­we­gun­gen, neben vie­len ande­ren Din­gen, auch mit die­ser Pro­ble­ma­tik zusam­men. In der Tat sind die 68er die letz­te poli­ti­sche Bewe­gung im enge­ren Kern­be­reich der moder­nen trans­at­lan­ti­schen Zivi­li­sa­ti­on (»im Wes­ten«) gewe­sen, wel­che Men­schen vor­zu­wei­sen hat, die für eine genu­in poli­ti­sche Sache gestor­ben sind.

In Deutsch­land sind an pro­mi­nen­ter Stel­le zu nen­nen: Ben­no Ohnes­org, Pazi­fist und Mit­glied einer evan­ge­li­schen Stu­den­ten­ge­mein­de, der am 2. Juni 1967 wäh­rend einer Demons­tra­ti­on gegen den Besuch des Schahs von Per­si­en von einem Ber­li­ner Poli­zis­ten erschos­sen wird; Rudi Dutsch­ke, der christ­lich inspi­rier­te, ­»Jesus gegen die Logik des Wahn­sinns« rekla­mie­ren­de Stu­den­ten­füh­rer, der an Hei­lig­abend 1979 durch die Spät­fol­gen jenes Atten­ta­tes zu Tode kommt, das ein jun­ger Hilfs­ar­bei­ter am 11. April 1968 vor dem SDS-Büro am Kur­fürs­ten­damm auf ihn ver­übt hat­te; und Hol­ger Meins, der ange­hen­de Filme­macher und RAF-Ter­ro­rist der ers­ten Stun­de, der am 9. Novem­ber 1974 nach 58 Tagen Hun­ger­streik in der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt Witt­lich stirbt.

Das Foto des auf dem Toten­bett lie­gen­den, bär­ti­gen, aus­ge­mer­gel­ten Kno­chen­man­nes Meins, das auf lin­ken Demons­tra­tio­nen wie eine Mons­tranz vor­an­ge­tra­gen wur­de, evo­ziert iko­no­gra­phisch die Urge­stalt der Selbst­auf­op­fe­rung ­Chris­ti. Auch wenn die Prot­ago­nis­ten von 1968 ihre Todes­gän­ge nicht im Sin­ne jener über­zeit­li­chen, tran­szen­den­ten Frei­heit des Men­schen unter­nom­men haben, von der Jün­ger spricht, sind ihre dezi­diert christ­li­chen Bezü­ge ein durch­aus bemer­kens­wer­ter Umstand.

In jedem Fal­le star­ben sie, den Blick auf jene Mäch­te der Real­tran­szen­denz gerich­tet, wel­che über Gegen­wart und Zeit­lich­keit säku­lar­re­li­gi­ös hin­aus­ra­gen, indem sie die ursprüng­li­che, kos­misch-jen­sei­ti­ge Erlö­sungs­hoff­nung in die dies­sei­ti­ge Sphä­re trans­fe­rie­ren. »Hol­ger, der Kampf geht wei­ter«, rief Dutsch­ke, die Faust zum letz­ten Gruß geballt, am Grab von Hol­ger Meins.

Von den dama­li­gen Opfer­gän­gen, den exis­ten­ti­el­len Erfah­run­gen jener Genera­ti­on, geht bis heu­te ein Kraft­strom aus, der den öffent­li­chen Raum der west­li­chen Gesell­schaf­ten durch­zieht, die uni­ver­sa­lis­ti­sche (kultur­revolutionäre) Lin­ke mora­lisch recht­fer­tigt und poli­tisch trägt. Die­ser Strom wird erst gebro­chen wer­den, wenn die glo­ba­lis­ti­sche Eine-Welt-Agen­da ihrer­seits auf wider­stän­di­ge Poten­zen trifft, die bereit sind, »bis hart an den Tod her­an oder not­falls durch ihn hin­durch« zu gehen; die wil­lens und ent­schlos­sen sind, das ulti­ma­ti­ve Opfer zu bringen.

Nun las­sen sich Situa­tio­nen die­ser Art durch­aus nicht künst­lich her­bei­füh­ren. Nichts könn­te unter den gege­be­nen Ver­hält­nis­sen kon­tra­pro­duk­ti­ver sein als der Ver­such, die herr­schen­de, zum Trans­mis­si­ons­rie­men einer »Welt­re­gie­rung in spe« (Mar­tin Licht­mesz) ver­pan­zer­te Ord­nung akze­le­ra­tio­nis­tisch (mit Gewalt) zu maß­lo­sen Repres­si­ons­hand­lun­gen zu pro­vo­zie­ren; auch der dra­ma­tisch insze­nier­te Selbst­mord Domi­ni­que Ven­ners am 21. Mai 2013 in der Kathe­dra­le Not­re-Dame de Paris, mit dem Ziel, »die Bewußt­lo­sen auf­zu­we­cken«, trifft nicht den eigent­li­chen Kern der Sache.

Was sich abzeich­net, ist viel­mehr, daß das herr­schen­de Sys­tem von Glo­bo­ho­mo und Welt­kli­ma­rat, Impfal­li­anz und Cri­ti­cal Whiteness Stu­dies die Men­schen immer exis­ten­ti­el­ler bedrängt und umstellt; sei­ne uni­ver­sel­len Ansprü­che und pla­ne­ta­ri­schen For­de­run­gen drin­gen in die Woh­nun­gen und Häu­ser, ver­schaf­fen sich Zugang in die Köp­fe, usur­pie­ren die Spra­che, inter­ve­nie­ren in die unmit­tel­ba­re phy­si­sche Exis­tenz; so greift das herr­schen­de Sys­tem auf eine Wei­se nach dem Inners­ten des Men­schen, die eines Tages dazu füh­ren wird, daß es auf die gro­ßen Dul­der trifft.

Die Tota­li­tät sei­nes Zugriffs bedingt, daß auch der Wider­stand gegen das uni­ver­sel­le Regime der Bewirt­schaf­tung und der For­ma­tie­rung von Men­schen immer unbe­ding­te­re For­men annimmt: Die gro­ßen Dul­der wer­den ent­schlos­sen sein, sich sei­nen Ver­fü­gungs­for­de­run­gen bis zu einem Punkt zu ent­zie­hen, der nur um den Preis des Lebens zu errei­chen ist. Schon kün­di­gen sich die ers­ten Anzei­chen eines Wider­stan­des an, der das exis­ten­ti­el­le, ulti­ma­ti­ve Opfer bringt; schon erken­nen wir die Umris­se jener künf­ti­gen Bän­di­ger des Todes, auch wenn die gro­ße Schwel­le noch nicht über­schrit­ten ist.

Die Opfer­gän­ge der gro­ßen Dul­der wird man sich durch­aus nicht als Fana­le vor­zu­stel­len haben, die tags dar­auf die Mas­sen auf die Bar­ri­ka­den trei­ben; sie wer­den viel­mehr lang­sam, all­mäh­lich und peu à peu jene Kabel durch­tren­nen, die das herr­schen­de Sys­tem der uni­ver­sel­len Ver­nei­nung und Auf­lö­sung gelegt hat, und einen neu­en, gegen­läu­fi­gen, posi­ti­ven Kraft­strom aus­lö­sen, der am Anfang nur ein win­zi­ges, kaum erkenn­ba­res Rinn­sal bil­den wird.

Das Bei­spiel der gro­ßen Dul­der, die hart an den Tod her­an und not­falls durch ihn hin­durch­ge­hen, unter­spült gefühls­mä­ßig-sub­ku­tan die Fun­da­men­te der Loya­li­tät zur herr­schen­den All­ge­walt des Fal­schen. »Wenn der Mensch rich­tig ant­wor­tet, ver­lie­ren die Appa­ra­te ihren Glanz. Es ist kein Zwei­fel, daß der Mensch auch dies­mal die Zeit besiegt, das Nichts in sei­ne Höh­le ver­wei­sen wird«, heißt es hier­zu schon bei Jünger.

Anders als die 68er, anders als der Wald­gän­ger wer­den die gro­ßen Dul­der, die Durch­schrei­ter des Todes heu­te nicht im eigent­li­chen Sin­ne aktiv; doch besit­zen sie jene unbe­ding­te Ent­schlos­sen­heit, die erfor­der­lich ist, um nicht aus- oder zurück­zu­wei­chen, wenn die Wel­le der Dun­kel­heit auf sie zurollt; so brin­gen sie die fal­schen Mäch­te und Heils­leh­ren der Zeit, ihre Zwing­bur­gen und Beschal­lungs­tür­me zum Ein­sturz – und set­zen zugleich einen neu­en, eige­nen Wär­me­strom in Gang, der eines Tages neue äuße­re Ord­nun­gen und geis­ti­ge Rei­che her­vor­brin­gen wird, die die ver­schüt­te­te Frei­heit neu zur Gel­tung brin­gen: »Dann wird mit einer win­zi­gen Min­der­heit die Erle­gung des Kolos­ses mög­lich sein.

Auch das ist ein Bild, das immer in der Geschich­te wie­der­kehrt und in dem sie ihre mythi­schen Grund­fes­ten gewinnt. Dar­auf erhe­ben sich dann Gebäu­de für lan­ge Zeit.«

 Gastbeitrag

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