Rüdiger Safranski: Einzeln sein

Über die fehlende Gelegenheit, wenn nicht den Zwang, zur Vereinzelung konnten wir uns in den letzten anderthalb Jahren nicht beklagen.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Inso­fern liest sich der Titel des neu­es­ten Buchs von Rüdi­ger Safran­ski (*1945) wie eine Anlei­tung, das Bes­te aus Kon­takt­ver­bo­ten und ­Abstands­ge­bo­ten zu machen. Aller­dings erwähnt Safran­ski die aktu­el­len Gege­ben­hei­ten mit kei­nem Wort, was nicht nur sym­pa­thisch zeit­los wirkt, son­dern neben­bei auch demons­triert, daß die erzwun­ge­ne Ver­ein­ze­lung nichts mit dem zu tun hat, wor­um es Safran­ski geht.

Es sind die gro­ßen Geis­ter seit der Renais­sance, die Safran­ski auf sei­nem Weg durch die Geis­tes­ge­schich­te befragt, den er im Exis­ten­tia­lis­mus der 1950er Jah­ren enden läßt. Es ist bemer­kens­wert, daß es Jün­gers Wald­gang ist, mit dem Safran­ski sein Buch been­det und in der dort zu fin­den­den Fra­ge, ob jemand »sein So-Sein höher als sein Da-Sein schätzt«, den Schlüs­sel dazu fin­det, wor­um es »eigent­lich geht beim Ver­such, ein Ein­zel­ner zu sein«.

Das führt zurück zu einem zen­tra­len Motiv, das sich durch die abend­län­di­sche Geis­tes­ge­schich­te zieht, seit der spät­mit­tel­al­ter­li­che Nomi­na­lis­mus zu behaup­ten wag­te, daß die Wahr­heit in den Ein­zel­hei­ten steckt. In der Nach­fol­ge Jün­gers hat des­sen Schü­ler Armin Moh­ler dar­aus die Ent­schei­dungs­fra­ge der Welt­an­schau­un­gen gemacht und gegen den Uni­ver­sa­lis­mus die »nomi­na­lis­ti­sche Wen­de« ausgerufen.

Lei­der ver­geb­lich, wes­halb man Safran­ski gern dabei folgt, wenn er die Höhe­punk­te die­ser Geis­tes­hal­tung noch ein­mal auf­blät­tert. Neben Luthers »Hier ste­he ich« tre­ten so die bei­den Anti­po­den der Auf­klä­rung, ­Rous­se­au und Dide­rot, die sich auch in ihrem Ver­hält­nis zu den »Ande­ren« grund­sätz­lich unter­schei­den. Wäh­rend Rous­se­au stän­dig auf der Flucht war und daher nicht ohne Grund die »Ande­ren« fürch­te­te, brauch­te der Men­schen­men­gen mei­den­de Dide­rot sie, um das gesell­schaft­li­che Rol­len­spiel zu ent­schlüs­seln, was ihn zu einem gern­ge­se­he­nen Gast in jedem Salon machte.

Stendhal steht dage­gen eher für den pro­ble­ma­ti­schen Zug der Ver­ein­ze­lung, den man auch als Ego­zen­trik bezeich­nen könn­te, wenn ­Safran­ski ihn mit fol­gen­den, auf Napo­le­on gemünz­ten Wor­ten zitiert: »Das Gute an die­ser [ego­zen­tri­schen] Denk­wei­se ist, daß ein Rück­zug aus Ruß­land nicht mehr Bedeu­tung hat als ein Zug aus einem Glas Limonade.«

Her­vor­ra­gend sind Safran­ski die Schil­de­run­gen der gro­ßen ein­zel­nen des 19. Jahr­hun­derts, Kier­ke­gaard, Stir­ner und Tho­reau, gelun­gen, weil sie die gan­ze Band­brei­te an selbst erkämpf­ter Ver­ein­ze­lung dar­stel­len, bevor die Mas­sen­ge­sell­schaft, die bei Safran­ski natür­lich auch vor­kommt, zur Gel­tung gelangt und den Men­schen, zumal in der digi­ta­li­sier­ten Stei­ge­rung, ganz anders in Beschlag nimmt als jemals zu vor: »Die eige­ne Lebens­welt, aus der man einst Maß­stä­be und Ori­en­tie­rung bezog, ist auf­ge­sprengt […].« Jetzt sind nicht nur die weni­gen »Ande­ren« das Pro­blem, son­dern die gan­ze Welt tritt einem zu nahe.

Auch wenn es Safran­ski nicht aus­spricht, ist die­ses kul­tur­pes­si­mis­ti­sche Resü­mee sicher ein Hin­weis dar­auf, daß uns nur eine neue Renais­sance aus die­sem »Schlei­er […] aus Glau­ben, Kin­der­be­fan­gen­heit und Wahn« (J. Burck­hardt) her­aus­füh­ren kann. Der ein­zel­ne ist gefragt.

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Rüdi­ger Safran­ski: Ein­zeln sein. Eine phi­lo­so­phi­sche Her­aus­for­de­rung, Mün­chen: Carl ­Han­ser Ver­lag 2021. 285 S., 26 €

 

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Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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