IQB-Studie: Bildungssystem weiter dysfunktional

Die zum dritten Mal im Fünfjahresrhythmus von der Kultusministerkonferenz in Auftrag gegebene IQB-Studie weist aus:

Heino Bosselmann

Heino Bosselmann studierte in Leipzig Deutsch, Geschichte und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien.

In fast allen Bun­des­län­dern nimmt der Anteil jener Viert­kläß­ler zu, die den Min­dest­stan­dard der Mini­mal­an­for­de­run­gen im Lesen, im Zuhö­ren, in der Ortho­gra­phie und der Mathe­ma­tik nicht errei­chen. Pro­be­auf­ga­ben des Test­ver­fah­rens kann man hier ein­se­hen.

Rund ein Fünf­tel beherrscht am Ende der Grund­schul­zeit also nicht mal die aller­ein­fachs­te Grund­fer­tig­kei­ten. Und es wird die­ses Defi­zit in sei­ner Schul­zeit kaum mehr aus­glei­chen kön­nen. Fol­ge­rich­tig schei­tert gleich­falls ein Fünf­tel spä­ter an der Berufs­aus­bil­dung bzw. im Stu­di­um. Faust­re­gel: Zwan­zig Pro­zent ver­sa­gen schu­lisch, was nicht hei­ßen muß, daß sie im Leben scheitern.

Daß die Schu­le gut aufs Leben vor­be­rei­tet, stimm­te so ein­fach aller­dings nie. Man lese in der Lite­ra­tur nach, inwie­fern sie Her­an­wach­sen­de zwar zwangs­läu­fig präg­te, weil sie per Schul­pflicht nun mal alle ver­ein­nahmt, dabei aber unwei­ger­lich noch jeden ver­letz­te und man­chen trau­ma­ti­sier­te, nicht nur Hans Gie­ben­rath und den Zög­ling Tör­leß. Lite­ra­tur­ge­schicht­lich fächert sich das The­ma Schu­le zu einem gan­zen Spek­trum auf. Es reicht von der kal­ten Unheim­lich­keit in Ril­kes „Die Turn­stun­de“ bis zu den Schnur­ren der „Feu­er­zan­gen­bow­le“.

Aber zurück zur Studie:

Der all­zu hohe Anteil der Schwach­ma­ten am Ende der vier­ten Klas­sen­stu­fe hat sich gegen­über dem letz­ten IQB-Test im Lesen und in Mathe­ma­tik noch wei­ter, näm­lich um sechs, im Zuhö­ren und in der Ortho­gra­phie sogar um acht Pro­zent erhöht. Ful­mi­nan­te Ver­schlech­te­rung des vor­her schon Unzu­rei­chen­den inner­halb von nur fünf Jahren!

Die Poli­tik reagiert wie nach allen ande­ren das Desas­ter offen­le­gen­den Stu­di­en mit reflex­ar­ti­ger Betrof­fen­heit, denn Unter­su­chun­gen, die Deutsch­land Erfol­ge in der Bil­dung attes­tie­ren, gibt es schon lan­ge nicht mehr. Das Haupt­pro­blem: Bis­her wur­de nach jeder Ent­täu­schung noch for­cier­ter genau­so wei­ter­ge­macht wie vor­her. Es ist, als wür­de man einem Alko­ho­li­ker raten: Trink wei­ter, trink mehr, dann wird’s schon irgendwann.

Längst näm­lich hät­te man prin­zi­pi­ell umsteu­ern müs­sen, aber das wür­de eine Revo­lu­ti­on im päd­ago­gisch Grund­sätz­li­chen und die Ori­en­tie­rung an einer ver­än­der­ten Anthro­po­lo­gie erfor­dern. Lie­ber ließ man sich von der poli­ti­schen Zie­len ver­pflich­te­ten Bil­dungs­for­schung bestä­ti­gen, daß man genau rich­tig läge.

Mitt­ler­wei­le arbei­ten an den Schu­len Leh­rer, die selbst eine Schu­le durch­lie­fen, die nicht mehr hal­ten konn­te, was sie ver­sprach. Sie sind es gewöhnt, daß zu wenig ver­mit­telt, zu wenig gefor­dert, zu wenig geleis­tet und daher viel zu wenig erreicht wird, und rin­gen, so es ihnen über­haupt bewußt ist, mit eige­nen Bil­dungs­lü­cken. Wie sol­len sie unter­rich­ten und üben, was sie selbst nie gründ­lich erlernten?

Kei­nes­falls, so die Fehl­wahr­neh­mung der Bil­dungs­po­li­tik, gin­gen die Defi­zi­te von fal­schen Grund­la­gen, also von einer fehl­ori­en­tier­ten Päd­ago­gik, Didak­tik und Metho­dik aus, nein, die Grün­de möch­te man wie seit zwan­zig Jah­ren in sozia­len Dis­pa­ri­tä­ten außer­halb der Schu­le erken­nen, um sich selbst nicht revi­die­ren zu müssen.

Die Kul­tus­po­li­tik bedau­ert jetzt, daß das vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt gefor­der­te Recht auf ein Bil­dungs­mi­ni­mum bis­lang nicht ein­ge­löst wer­den kann. Man möch­te nur zu gern glau­ben machen, jeder Anspruch und die Erfül­lung jedes Bedarfs las­se sich ein­fach dekre­tie­ren. Nein, Ver­bes­se­run­gen müs­sen nun mal soli­de erar­bei­tet werden.

Was man sich nicht ein­ge­ste­hen möch­te, ist lei­der wahr:

Der ste­te Schwund an Wis­sen und Kön­nen ergab sich nicht trotz, son­dern lei­der genau wegen der Schule.

Aus dezi­diert poli­ti­schen Grün­den ver­mag sie nicht mehr zu leis­ten, was sie leis­ten müß­te und in ande­ren Län­dern durch­aus zu leis­ten ver­steht. Als deut­sche Schu­len und Uni­ver­si­tä­ten der Welt Vor­bild waren, setz­ten sie auf Inhal­te und anwen­dungs­be­rei­te Befä­hi­gun­gen in Ergeb­nis gründ­li­chen Ver­mit­telns und Übens; dabei selek­tier­ten sie nach kla­ren Leis­tungs­kri­te­ri­en und erzo­gen kon­se­quent zu Haltung.

Schuld an der neu­er­lich offen­bar gewor­de­nen Mise­re soll mal wie­der Coro­na sein, dar­über hin­aus sowie­so all­zu unter­schied­li­che Sozi­al­ver­hält­nis­se – eine immer­fort wie­der­hol­te Behaup­tung, die indi­rekt jene Müt­ter und Väter dis­kri­mi­niert, die viel und zuge­wandt mit ihren Kin­dern spre­chen, ihnen vor­le­sen und damit den Wort­schatz erwei­tern, die früh für rei­che sinn­li­che und kogni­ti­ve Anre­gun­gen sor­gen und spie­le­risch schon mit ihren Kleins­ten üben, also genau das leis­ten, was frü­her gera­de unter­pri­vi­le­gier­te Eltern­häu­ser ganz bewußt ver­such­ten, um ihren Kin­dern einen guten Anschluß und bes­se­re Auf­stiegs­chan­cen kraft Bil­dung zu ermög­li­chen. Man den­ke etwa an die klas­si­sche Sozialdemokratie.

Heu­te gel­ten jene Eltern als all­zu pri­vi­le­giert, die zu Hau­se bewußt prä­gen und erzie­hen, sich ganz natür­li­cher­wei­se mit dem Nach­wuchs Mühe geben und so tra­di­tio­nel­le wie erprob­te Tugen­den pfle­gen, Leis­tungs­ori­en­tie­rung näm­lich, Geduld, Aus­dau­er, Selbst­über­win­dung und Eigen­ver­ant­wor­tung. Kin­der machen so die Erfah­rung, daß Wis­sen und Kön­nen sowie spe­zi­el­le Befä­hi­gun­gen erst kraft Anstren­gungs­be­reit­schaft errun­gen sein wol­len. Geweck­te Neu­gier und ein sen­si­bles Sen­so­ri­um sind Vor­aus­set­zung, Beharr­lich­keit jedoch ist Bedin­gung. Bei­des braucht ein so ent­spann­tes wie anre­gen­des Umfeld.

Indes­sen gibt die Schu­le vor, Unter­richt und Erzie­hung wären stets freud- und lust­voll mög­lich, Schu­le wür­de alle beglü­cken, und wer eben nicht kön­ne oder nicht wol­le, den hole man, so das dum­me Ste­reo­typ, eben dort ab, wo er gera­de steht – mit Nach­teils­aus­glei­chen, Zurei­chun­gen, Beno­tungs­bo­ni, För­der­plä­nen, Hil­fe­plan­ge­sprä­chen, Son­der­ver­ein­ba­run­gen und all dem Eti­ket­ten­schwin­del, den u. a. die Inklu­si­ons­kam­pa­gne betreibt, indem sie mit Pro­to­kol­len und Plä­nen papier­ne Akten­vor­gän­ge anlegt, die spä­ter von den Sozi­al­be­hör­den der Trans­fer-Gesell­schaft für Maß­nah­me-Kar­rie­ren fort­ge­schrie­ben wer­den können.

Woll­te Schu­le frü­her im geschütz­ten Raum zur Lebens­taug­lich­keit erzie­hen und mit sehr gutem Fach- sowie anre­gen­dem musi­schen Unter­richt die Fens­ter zur Welt öff­nen, möch­te sie nun in der her­me­ti­schen Ganz­tags­schu­le die Gesell­schaft hei­len. Sie mutet daher zuwei­len wie eine Tages­kli­nik an.

Daß man für jene, die aus kon­kre­ten Ursa­chen her­aus wirk­lich nicht so konn­ten, wie sie woll­ten, ohne Not die eigent­li­che Orte der Inklu­si­on prompt abschaff­te, die För­der­schu­len näm­lich, um sie mit Ver­weis auf eine miß­ver­stan­de­ne UN-Dekla­ra­ti­on einer schlecht impro­vi­sier­ten Neben­bei-Inklu­si­ons­päd­ago­gik an den Regel­schu­len zu opfern, been­de­te die päd­ago­gisch pro­fes­sio­nel­le und ein­fühl­sa­me Aus­bil­dung der Schwächeren.

Deut­sche Son­der­päd­ago­gen waren schon ihrer gründ­li­chen uni­ver­si­tä­ren Aus­bil­dung wegen welt­weit Vor­bild, eben­so wie die För­der­schu­len. Die sind heu­te leer oder umfunk­tio­niert, die einst dort täti­gen enga­gier­ten Leh­rer geben als Pend­ler Gast­rol­len im Stun­den­plan der Regel­schu­len, wo sie so en pas­sant Inklu­si­ons­päd­ago­gik betrei­ben sol­len. Meist sind die­se Voll­pro­fis sehr unzu­frie­den mit dem ihnen auf­ge­zwun­ge­nen ungüns­ti­gen Wan­del ihres Berufsbildes.

Eltern­häu­ser, die aus emp­fun­de­ner und prak­ti­zier­ter Ver­ant­wor­tung ihre Kin­der auf­merk­sam auf das Leben vor­be­rei­ten, sind inzwi­schen ver­däch­tig, ihr „sozio­öko­no­mi­scher Sta­tus“ wird als all­zu eli­tär bearg­wöhnt, ihr erar­bei­te­tes „kul­tu­rel­les Kapi­tal“ erscheint Nei­dern zu hoch. Dabei sichert die Schul­ge­setz­ge­bung all jenen, die nur ansatz­wei­se etwas leis­ten wol­len, sogleich das Fort­kom­men und den Über­gang in die jeweils höhe­re Schul­art. Das Schul­recht garan­tiert hin­rei­chend Gerech­tig­keit. Jeder, der sich anstrengt, steigt unwei­ger­lich auf.

Nur wer­den über die Noten­in­fla­ti­on, gefäl­li­ge­re Maß­stä­be und das ste­te Redu­zie­ren der Anfor­de­run­gen unge­deck­te Schecks aus­ge­stellt. Wenn der­zeit so vie­le 1,0‑Schnitte wie noch nie gefei­ert wer­den, gleich­zei­tig aber einer­seits von Lehr­aus­bil­dern, ande­rer­seits von Uni­ver­si­täts­pro­fes­so­ren Defi­zi­te im ele­men­ta­ren Wis­sen und Kön­nen der Schul­ab­sol­ven­ten beklagt wer­den, dann steht genau dies im direk­ten Zusam­men­hang. Für zu wenig Kön­nen gibt es zu gute Noten und Zeugnisse.

Vie­le Bewer­ber, so 2019 der Prä­si­dent des Bun­des­ver­ban­des mit­tel­stän­di­sche Wirt­schaft, beherr­schen nicht ein­mal die Grund­re­chen­ar­ten.

Schu­le ver­spricht ent­schie­den zu viel, sogar die sozia­lis­ti­sche Hei­lung der Gesell­schaft, aber sie leis­tet immer weni­ger und bewer­tet dabei zu freund­lich, um Krän­kun­gen zu ver­mei­den und statt­des­sen Kom­pli­men­te zu machen und um vor­zu­täu­schen, was sich wenig spä­ter in Lebens- und Berufs­pra­xis als trau­ri­ger Schwin­del herausstellt.

All­zu vie­le geben dann bei ers­ten Anstren­gun­gen sofort auf, da die wich­ti­ge Erfah­rung, Schwie­rig­kei­ten durch­hal­ten und Miß­lich­kei­ten mit Enga­ge­ment über­win­den zu müs­sen, nicht gemacht wur­de. Lehr­lin­ge schei­tern nicht unbe­dingt kogni­tiv; es fehlt all­zu vie­len ein­fach die Selbst­dis­zi­plin, mor­gens über­haupt hoch­zu­kom­men, pünkt­lich zu sein und Abspra­chen einzuhalten.

Nach dem neu­er­li­chen, aber so abseh­ba­ren Ein­bruch, den die IQB-Stu­die offen­bar­te, sei jetzt aber drin­gend eine Dis­kus­si­on über wirk­sa­me Päd­ago­gik nötig, meint der Ham­bur­ger Schul­se­na­tor Ties Rabe (SPD), nun end­lich brau­che es, ergänzt die baden-würt­tem­ber­gi­sche Kul­tus­mi­nis­te­rin Schop­per (Grü­ne), „qua­li­tät­vol­le, wis­sen­schaft­lich fun­dier­te Pro­gram­me zur Stär­kung der Basiskompetenzen.“

Aber: Eine frei­mü­ti­ge Dis­kus­si­on über Päd­ago­gik gibt es seit mehr als drei­ßig Jah­ren nicht mehr, weil allein poli­ti­sche Inten­tio­nen auf Grund­la­ge eines ver­zerr­ten Men­schen­bil­des die Schu­le bestim­men, und die Pro­gram­me, die man nun auf­fah­ren wird, wie­der genau jene sein wer­den, die mit­ten in das Dilem­ma hin­ein­ge­führt haben. Wo man durch die poli­ti­sche Bril­le nur falsch wahr­neh­men kann, wird man nicht plötz­lich die rich­ti­gen Kon­se­quen­zen für Bil­dung und Schu­le entwickeln.

In all den dubio­sen Insti­tu­ten für Qua­li­täts­si­che­rung [sic] wer­den längst geschei­ter­te päd­ago­gi­sche Ver­fah­rens­wei­sen und Prin­zi­pi­en immer noch als Inno­va­tio­nen beschrie­ben. Man freut sich selbst­er­fül­len­der Pro­phe­zei­un­gen und arbei­tet mit übli­chem Gedöns an der Legi­ti­ma­ti­on der eige­nen Bequem­lich­keit – typisch öffent­li­cher Dienst.

Auch das ist seit Jahr­zehn­ten so. Genau des­we­gen sind jene Län­der, die sich am meis­ten auf ihre inno­va­ti­ve und schü­ler­ge­rech­te Päd­ago­gik ein­bil­den, eben jene, die die schwächs­ten Ergeb­nis­se aus­wei­sen: Ber­lin, Bran­den­burg und Bre­men. Das Bil­dungs­mi­nis­te­ri­um Meck­len­burg-Vor­pom­mern atme­te auf, denn coro­nabe­dingt kam es zu kei­ner aus­rei­chen­den Datenerhebung.

In den ver­gleichs­wei­se gut abschnei­den­den Län­dern Bay­ern und Sach­sen hiel­ten sich offen­bar Rest­be­stän­de frü­he­rer Ver­bind­lich­kei­ten bei der Ver­mitt­lung der Grund­la­gen des tra­di­tio­nell Bewähr­ten. Einst gehör­te zudem Baden-Würt­tem­berg zu den soli­den Schul­stand­or­ten; grü­ne Kul­tus­po­li­tik jedoch ließ das Land längst verlieren.

Was für einen kon­ser­va­ti­ven Ansatz spricht:

Schon die zag­haf­te Umsteue­rung, die Ham­burg mit Kon­zen­tra­ti­on auf die Kern­kom­pe­ten­zen Lesen, Schrei­ben und Rech­nen ver­such­te und mit einer vor­sich­ti­gen Fokus­sie­rung auf Leis­tungs­kon­zen­tra­ti­on ver­band, ergänzt um ver­pflich­ten­de För­der­an­ge­bo­te, brach­te den Stadt­staat aus­weis­lich der IQB-Stu­die sogleich ganz auf­fal­lend nach vorn.

Solch ein Vor­ge­hen galt all­zu lan­ge als anti­quiert, eben­so wie Lese­bü­cher Bil­dungs­for­schern als alt­mo­disch gegen­über Deutsch-Lehr­bü­chern erschei­nen, die ver­spre­chen, alle Inhal­te ein­fach inte­gra­tiv zu behan­deln. Eben­so wie Dik­ta­te angeb­lich von vor­ges­tern und Aus­druck auto­ri­tä­rer Vor­mund­schaft­lich­keit im Sin­ne eines schlim­men Gram­ma­tik-Faschis­mus sind, der gute alte Schul­auf­satz als Übung im kom­ple­xen Dar­le­gen eige­ner Gedan­ken und Urtei­le sogar in schrift­li­chen Abschluß­prü­fun­gen von Mul­ti­ple-Choice-Ver­fah­ren oder dubio­sen „Krea­tiv­auf­ga­ben“ abge­löst wur­de, die Hand­schrift nicht mehr ent­wi­ckelt wird und über­all ver­meint­lich wirk­sa­me Metho­den das ergän­zen sol­len, was an inhalt­li­cher Sub­stanz so aus­ge­dünnt wur­de, daß eine Trend­wen­de kaum mehr mög­lich erscheint.

Man blät­te­re sich ein­fach die Schul­bü­cher der eige­nen Kin­der durch, sehe sich die Hef­te und Hef­ter und all die zer­fled­der­ten Arbeits­blatt­samm­lun­gen auf hek­tisch fabri­zier­ten Kopien an. Man wird ver­blüfft sein, was als einst Grund­ver­trau­tes neben der sowie­so ver­lo­ren­ge­gan­ge­nen Sys­te­ma­tik längst fehlt. Sicher, es gibt schi­cke Lay­outs, die sich einem für jugend­lich gehal­te­nen Geschmack anbie­dern und in bunt ner­vö­ser Auf­ge­regt­heit dem all­über­all dia­gnos­ti­zier­ten Auf­merk­sam­keits­de­fi­zit­syn­drom ent­ge­gen­kom­men oder es gar ver­stär­ken. Aber Sub­stanz, Anschau­lich­keit, taug­li­ches Übungsmaterial? -

Das Böcken­för­de-Dik­tum läßt sich für die Gegen­wart längst ganz ein­fach umformulieren:

Die Ber­li­ner Repu­blik lebt von Vor­aus­set­zun­gen, die sie selbst nicht garan­tie­ren kann, weil sie die Grund­la­ge für eine funk­tio­nie­ren­de Demo­kra­tie, näm­lich die Aus­bil­dung von wis­sens- und kön­nens­ba­sier­ter Urteils­kraft, mit ihrer Schul­po­li­tik kaum mehr gewähr­leis­tet. Zur Mün­dig­keit gehö­ren nach Erfin­dung des Buch­drucks und erst recht mit Eta­blie­rung der Wis­sens­ge­sell­schaft ein soli­des Mini­mum an Lite­ra­li­tät und mathe­ma­tisch-natur­wis­sen­schaft­li­cher Grundlagenbildung.

Das steht ent­schei­dend infra­ge. Pas­send dazu wur­den das genaue, tief­grün­di­ge und anwen­dungs­be­rei­te Wis­sen durch über­be­no­te­tes blo­ßes Mei­nen und das Ver­mö­gen zum dif­fe­ren­zier­ten Argu­men­tie­ren durch das von offi­zi­el­len Deu­tungs­be­hör­den vor­ge­ge­be­ne arti­ge poli­ti­sche Bekennt­nis zur „woken“ und kun­ter­bun­ten Welt­ge­mein­schaft ersetzt. Gesell­schafts­wis­sen­schaf­ten wer­den wie­der ideo­lo­gisch durch­ge­färbt wie im DDR-Staats­bür­ger­kun­de­un­ter­richt vermittelt.

Mit jedem Smart­pho­ne wäre theo­re­tisch all­über­all das gesam­te Welt­wis­sen sogleich zur Hand, nur wird es für den Wis­sens­er­werb kaum genutzt. Guter Unter­richt hängt übri­gens nicht, wie Bil­dungs­po­li­ti­ker neu­er­dings sug­ge­rie­ren, von einer teu­er instal­lier­ten digi­ta­len Tafel ab; unse­re berühm­ten Phy­sik-Nobel­preis­trä­ger bedurf­ten ihrer nicht, sie wur­den mit Krei­de-Tafel­bil­dern, Rechen­schie­bern und Loga­rith­men-Tafel­wer­ken groß. Tech­nik ist nur Medi­um, Inhal­te und Befä­hi­gun­gen kann sie nicht ersetzen.

Es braucht gera­de kei­ne wei­te­ren Beschleu­ni­gun­gen, For­cie­run­gen und die Feti­schi­sie­rung ver­meint­li­cher Inno­va­tio­nen, son­dern, im Gegen­teil, viel mehr Ruhe, Beson­nen­heit, ja sogar Muße und Kon­tem­pla­ti­on, also das Spiel, das Hand­werk, den Sport, Natur­er­leb­nis­se und die Küns­te. Dies in ver­tie­fen­der Gründ­lich­keit, mit viel Zeit in mög­lichst klei­nen Klas­sen für das Üben, das Wie­der­ho­len, das Sys­te­ma­ti­sie­ren und das Auf­zei­gen über­grei­fen­der Zusammenhänge.

Die Schu­le jedoch ist zu einem lau­ten und irre über­dreh­ten Reiz­feld ver­kom­men, in dem es ein sen­si­bles Kind kaum mehr aus­hal­ten kann, schon gar nicht, wenn es sich ganz­tä­gig dort ein­ge­plant und ein­ge­pfercht fin­det. Kon­zen­tra­ti­on auf einen Gegen­stand, ein Werk­stück oder ein Pro­blem und gedul­di­ges Aus­pro­bie­ren sowie bild­sa­mes Spie­len sind dort kaum mehr mög­lich; es feh­len zudem Orte und Mög­lich­kei­ten der Ver­in­ner­li­chung und des Ausruhens.

Schü­ler, die jen­seits des betreu­ten Durch­schnitts mehr kön­nen und wol­len, zu jener Kon­stan­te gehö­rig, die es immer gibt, sen­su­ell wache und beweg­li­che Kin­der, die ohne Rita­lin und The­ra­pien an sich gern zur Schu­le gehen, wer­den sich frü­her oder spä­ter Inspi­ra­tio­nen und For­de­run­gen außer­halb des Sys­tems suchen müs­sen und die­se fin­den, eben­so wie man mit Auf­merk­sam­keit schon den Leh­rer auf­spürt, den man braucht.

Heino Bosselmann

Heino Bosselmann studierte in Leipzig Deutsch, Geschichte und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien.

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Kommentare (29)

ede

28. Oktober 2022 13:25

Großartig Herr Bosselmann, diese traurige Bestandsaufnahme.

Dieter Rose

28. Oktober 2022 13:41

Könnte das mit dem 40% Ausländeranteil bei den Schulkindern zusammenhängen?

Diese Prozentzahl meine ich mal hier bei einer Diskussion gelesen zu haben.

Sandstein

28. Oktober 2022 14:33

So mag ich Bosselmann am liebsten lesen: knochentrocken, dabei aber nie spröde, und voller gut überlegter Feststellungen 

"Mittlerweile arbeiten an den Schulen Lehrer, die selbst eine Schule durchliefen, die nicht mehr halten konnte, was sie versprach. Sie sind es gewöhnt, daß zu wenig vermittelt, zu wenig gefordert, zu wenig geleistet und daher viel zu wenig erreicht wird, und ringen, so es ihnen überhaupt bewußt ist, mit eigenen Bildungslücken. Wie sollen sie unterrichten und üben, was sie selbst nie gründlich erlernten?"

So siehts aus, das perpetuum mobile der Verdummung.

Uwe Lay

28. Oktober 2022 17:38

Kurze Fragen dazu:

Wie hoch ist bei dieser Untersuchung der Anteil der Schüler mit einem "Migrationshintergrund"? In wie vielen solcher Haushalte wird kein Deutsch gesprochen? Verfügen diese Migrationskinder überhaupt zu Sozialkontakten zu Deutschen oder verkehren sie fast ausschließlich mit ihren Landsleuten? Wie viele dieser Schüler erstreben eine Ausbildung, eine Anstellung bei Arbeitgebern ihrer Nationalität, sodaß sie auch da kein Deutsch sprechen können müssen? Existieren da irgendwelche Untersuchungen? Man kann wohl gut in Deutschland leben ohne Deutschkenntnisse, wenn man nur in seiner Ethnizität verkehrt.

Uwe Lay

felixII

28. Oktober 2022 18:56

Ich würde leistungsschwache Schüler nicht als Schwachmaten bezeichnen, absolut nicht, weil es in der Regel nicht stimmt.

Als Mathe-Nachhilfelehrer verfüge ich über Erfahrungen.

Im ersten Schritt muss man die Handikaps des Nachhilfeschülers herausfinden, nicht nur die fachlichen sondern auch die psychologischen – das erfordert Einfühlungsvermögen.

Im zweiten Schritt muss man ein individuelles Unterrichtskonzept entwickeln.

Stures Pauken oder Unterricht nach Schema F bringt gar nichts.

Ich behaupte jeden "Mathe-Versager" von der Note 5 oder 6 auf 1,2 oder 3 anheben zu können, weil ich es hinreichend bewiesen habe.

Allerdings habe ich noch niemals Gruppenunterricht gegeben, da ist es ungleich schwerer auf jeden Teilnehmer individuell einzugehen.

tearjerker

28. Oktober 2022 19:03

Die Bestandsaufnahme und das dazugehörige Lamento sind in der Form auch bereits vor 40 Jahren vorgetragen worden, genauso wie das ewig weitergesponnene Märchen von Lösungen durch bessere Pädagogik. Die Schule machen verfolgen doch ganz andere Ziele als die Vermittlung von Lesen, Schreiben, Rechnen.

Utz

28. Oktober 2022 23:38

Sie haben ja mit allem recht. Aber die Chancen da rauszukommen stehen schlecht. Das Übel, das uns auch sonst überall begegnet, verhindert dies: unser Hypermoralismus. Solange das oberste Gebot ist: du darfst kein Kind betrüben, bleibt alles wie es ist, und die Schulen werden immer mehr zu Tollhäusern, in denen lautes Geschrei vorherrscht und an die Muße, die zum Lernen nötig wäre, gar nicht zu denken ist.

Eltern und Schüler, leider teilweise auch Lehrer, benehmen sich nach wie vor wie verwöhnte Kinder, die mit dem Fuß aufstampfen und schreien: Ich will aber ...!

Dieses Land hat den Schuß nicht gehört!

Franz Bettinger

29. Oktober 2022 01:52

@Uwe Lay und @Dieter Rose:

Vielen Dank für ihre (teils rhetorischen) Fragen! Dass allerdings auch viele Autochthone (Ur-Deutsche) dumm gehalten werden, bleibt von ihrem berechtigten Einwand unberührt.

@Sandstein wies schon darauf hin. Auch die aus meiner Gymnasialklasse Lehrer wurden, waren die dafür denkbar Ungeeignetsten: Dumme, Freche, Arbeitsscheue, und, ja, ein Klassenclown mit denselben Attributen. Was für Eier legen solche Hennen? 

Franz Bettinger

29. Oktober 2022 08:39

Hier vielleicht ein Trost: Ich empfand die Schule schon zu meiner Zeit als Skandal. Viel Zeit-Investition und wenig Resultat. So viel unnützes Pauken jeden Tag, und wenig Brauchbares für später. Schon da galt: Wer etwas lernen will, braucht dazu die Schule nicht. Und, so hoffe ich, ist es auch heute noch. Es gibt Vorbilder (die Eltern, Onkel, ein Demian…), und es gibt Bücher (Sagen, Abenteuer, Biographien, Geschichte...). Qualität findet seinen Weg. Trotz der grünen Gummizelle. 

Carsten Lucke

29. Oktober 2022 10:24

@ Franz Bettinger

Gäbe Ihnen recht, wenn ich nicht die Ausnahme kennenlernen durfte : Meinen Chemielehrer bis zur 8. Klasse !

Extrem männlicher, harter und absolut autoritärer Typ (heute mit Sicherheit als sonstwas verunglimpft), der vor allem eines konnte : Begeistern für sein Fach.

Hätte ich von dieser Sorte nur ein paar mehr gehabt !

Schule kann sehr gut sein.

RMH

29. Oktober 2022 11:04

"So siehts aus, das perpetuum mobile der Verdummung."

Exakt - die Systemversager bleiben im System und werden ihrerseits wieder Lehrer (Ausnahmen bestätigen die Regel). Kann jeder, der einmal selber auf seinen Jahrgang zurückblickt, bestätigen. Durchschnittliche bis schlechte Schüler machen nicht nur "irgendwas mit Medien" sondern retten ihren Hintern in den sicheren Hafen Schuldienst, zumal die Zeiten der Junglehrerarbeitslosigkeit, die man noch aus den 80er- und 90er Jahren kannte, vorbei sind. Ein Grundübel hierbei ist die Verbeamtung der Lehrer, die Leute anzieht, denen es in erster Linie um die Beamtenversorgung, die sichere Versorgung auf Lebenszeit geht als um den konkreten Beruf. Da diese Leute also selber die Verbeamtung als wesentlichsten aller ihrer Karriereschritte ansehen, wird folgerichtig auf den Gymnasien stets das hohe Lied des Beamtentums, des öffentliches Dienstes, wenigstens aber des abhängigen Arbeitnehmers gesungen und damit die Schüler zusätzlich bei der Berufswahl negativ beeinflusst. Über geringe Selbständigkeits- und Gründerquoten brauchen wir uns in Deutschland also nicht beschweren (unabhängig von allen anderen bürokratischen Hemmnissen).

Utz

29. Oktober 2022 12:05

@ RMH

>> Ein Grundübel hierbei ist die Verbeamtung der Lehrer, die Leute anzieht, denen es in erster Linie um die Beamtenversorgung, die sichere Versorgung auf Lebenszeit geht als um den konkreten Beruf.<<

Ich widerspreche entschieden. Das Gegenteil ist eher richtig. Der Großteil der Lehrer ist durchdrungen von dem Ideal eine bessere Welt zu schaffen. Genau das ist das Problem. Wenn es den Lehrern an Utopien mangeln würde, und ihnen nur ihre Verbeamtung wichtig wäre, und sie Dienst nach Vorschrift machen würden, wäre die Schule möglicherweise ein besserer Ort, so absurd das klingt.

RMH

29. Oktober 2022 12:36

@Utz,

die Lehrerverbände landauf landab trommeln regelmäßig, nur die Verbeamtung macht den Lehrerberuf attraktiv und bekämpft den Mangel an Nachwuchs - und so ziemlich alle, die aus meinem Abiturjahrgang Lehrer wurden, haben das nicht nur aus "Idealismus" gemacht, sondern weil sie eine Art Sinekure haben wollten, nach dem Motto mit Magisterstudium angefangen und dann schnell auf Staatsexamen umgeschwenkt, damit es einen Brotberuf gibt. Wie auch immer, es gibt solche und solche und damit ist natürlich jeder Behauptung, die mit "die Lehrer" beginnt, immer schon im Grundsatz angelegt, Widerspruch zu ernten. Und Lehrer, die "Dienst nach Vorschrift" machen, haben wir bereits mehr als genug. Zu dieser Auffassung zählt dann auch, dass man sich bei jedem quersitzenden Furz krankschreiben lässt, dann findet eben gar kein Unterricht mehr statt.

Unabhängig davon ist eine Reform des Berufsbeamtentums ist zwingend notwendig. Dazu gehört ein Abspecken der Posten auf hoheitlich absolut notwendige (Lehrer gehören nicht dazu) sowie eine Abschaffung des Pensionssystems - ALLE haben in die Rente einzuzahlen, so wie in anderen Ländern auch (Zusatzversorgungen sind deswegen ja nicht verboten). Pensionen killen demographisch bedingt bald jeden öffentlichen Haushalt, da man nie angemessene Rücklagen angespart hat.

felixII

29. Oktober 2022 12:42

Ich erinnere mich an einen Matheunterricht in meiner Schulzeit.

Ich war unaufmerksam und hatte mit anderen Schülern geplaudert. Der Lehrer versuchte mich zu disziplinieren in dem er mich an die Tafel schickte. Aber mit Mathe konnte er mir nichts, ich war damals schon besser als er. Zack zack löste ich die Aufgaben.

Das missfiel ihm und er beleidigte mich anschließend. Die Wörter, die er benutzte, möchte ich hier nicht wiedergeben. 

Logo, dass ich mit diesem Lehrer niemals Freundschaft schloss.

Der Sinnierer

29. Oktober 2022 12:52

Wie stets, Herr Bosselmann, ein scharfsichtiger Text mit gründlicher Analyse. Ich selber war als Kinder und Heranwachsender Primus, wie auch im Studium, aber ehrlich gesprochen lernte ich am meisten durch Privatlektüre statt in baden-württembergischer Schule. In der Rückschau war die Schule in vielen Dingen Zeitvergeudung. Mittlerweile durchlaufen meine ältesten vier Kinder die Schule, und wiewohl sie ebenfalls sehr gut abschneiden, bin ich massiv enttäuscht vom schulischen Umfeld, welches noch kärglicher war als bei mir. Daher werde ich nun meine jüngeren vier Kinder daheim unterrichten (lassen), die Älteste wird im März sechs Jahre alt. Ich suche derzeit nach Informationen: Gibt es Vermittlungsorganisationen für Privatlehrer? Hat jemand Erfahrungen? Ich bitte das Forum hier um Nachsicht, daß ich meine Fragen stelle, aber ich suche nach praktischen Auswegen aus dieser Bildungsmisere...

anatol broder

29. Oktober 2022 13:29

@ utz 12:05

setzen, sechs. am montag erwarte ich auf meinem tisch eine seite über heuchelei.

Laurenz

29. Oktober 2022 13:33

@Utz @ RMH

Stimme Ihnen zu. Das generelle Problem mit Lehrern ist & war schon immer, daß im Referendariat Lehrer werdende Lehrer beurteilen. In jedem anderen Gewerbe beurteilt die Kundschaft.

@HB & die Debatte

Der Artikel ist natürlich, wie alle fachbezogenen Artikel HBs gut geschrieben. Man spürt sofort die Kompetenz. Es ist auch in Ordnung, diese Artikel zu schreiben, daß sie Nicht-Fachleuten eine nachvollziehbare Argumentationsgrundlage bieten.

Politisch gesehen, nerven diese HB-Artikel etwas. Das Deutsche Volk hat seit einigen Jahrzehnten den eigenen Gang in die Blödheit der Ahnungslosen selbst gewählt. Das ist auch zu respektieren. Und hier gilt, wie bei Kindern & Erwachsenen auch, der einfache Satz, wer nicht hören will, muß fühlen.

Umlautkombinat

29. Oktober 2022 14:08

Das Gegenteil ist eher richtig. Der Großteil der Lehrer ist durchdrungen von dem Ideal eine bessere Welt zu schaffen. Genau das ist das Problem.

 

Falsche Dichotomy. Nicht jeder Idealismus ist Ideologie. Ein Lehrer sollte schon seine Sache aus ihr selbst heraus gern und mit Enthusiasmus tun, auch mit der Zukunft seiner Schueler im Auge (das ist auch "Welt").

Ideologisch gepraegte Weltverbesserungsambitionen zaehlt nicht dazu, (die gerade genannten Triebkraefte fehlen dieser uebrigens in sehr charakteristischer Form, die Leute sind tief unzufrieden. Das liefert einen nahezu unfehlbaren Test, der generell bei Ideologietraegern anwendbar ist). 

Utz

29. Oktober 2022 16:21

@ anatol broder

Wo sehen Sie eine Heuchelei?

Ich fühle mich etwas mißverstanden. Vielleicht habe ich mich auch mißverständlich ausgedrückt, ich bin kein Sprachenlehrer. Aber ich wundere mich, daß das niemand sieht, daß der 68er Marsch durch die Institutionen in der Schule ein voller Erfolg war. Sind die Klebekinder alle Opfer der Propaganda der Öffentlich-Rechtlichen? Ich glaube nicht! Ich denke, da haben die Lehrer einen gehörigen Anteil.

felixII

29. Oktober 2022 16:35

Mathe war mein Lieblingsfach, darauf hatte ich mich immer gefreut, am liebsten hätte ich täglich mehrere Stunden Mathe gehabt.

Deutsch war problematisch (nicht das Lesen und Schreiben). Aber wenn meine Deutschlehrerin mich fragte: Kannst Du Deine Aussage spezifizieren, problematisieren, konkretisieren … dann wusste ich nie, was sie wollte. Will sie mich durch Aneinanderreihung von komplizierten Wörtern platt machen? Oder weiß sie selbst nicht was sie redet?

deutscheridentitaerer

29. Oktober 2022 17:09

Mit der Schule ist es wie mit der Grundausbildung, wenn man erstmal damit durch ist, findet man sie gar nicht mehr so schlecht.

Ich kann viele Kritikpunkte aus meiner eigenen Schulzeit an einem gutbürgerlichen humanistischen Gymnasium in ihrer Schwere nicht ganz bestätigen. Die Lehrer waren alle zumindest bemüht, eine Handvoll hatte auch echtes pädagogisches Feuer.

Dass man "Sie" in der persönlichen Anrede groß schreibt und man sich nicht entschuldigt, sondern um Entschuldigung bittet, habe ich trotzdem erst gelernt, als ich hier im Kommentarbereich dafür angepflaumt wurde.

Freier

30. Oktober 2022 10:53

Eigene Schulen, das wäre doch mal was.

Sandstein

30. Oktober 2022 11:06

@deutschidentitärer

“Dass man "Sie" in der persönlichen Anrede groß schreibt und man sich nicht entschuldigt, sondern um Entschuldigung bittet, habe ich trotzdem erst gelernt, als ich hier im Kommentarbereich dafür angepflaumt wurde.“

ich finde diese Zeilen sympathisch. Andererseits widersprechen Sie sich hier auch. Und das soll wirklich nicht grob klingen, auch ich hab ein humanistisches Gymnasium besucht mit Altgriechisch, Gottesdienst etc pp., aber wenn man dort solche „Basics“ nicht mehr erlernt, na wie sieht es dann wohl mit dem Bildungswesen aus? 
Schönen Sonntag in die Runde! 

Laurenz

30. Oktober 2022 14:00

@Sandstein @DeutscherIdentitärer

DeutscherIdentitärer hat vollkommen Recht. Bis auf meine dämlichen Fehler, meist aus Unachtsamkeit, drücke ich mit Groß- und Kleinschreibung einiges aus. Es erleichtert auch das Lesen. Ich schreibe in der direkten Korrespondenz hier meine Gesprächspartner immer groß an, auch diejenigen, mit denen ich öfters Meinungsverschiedenheiten habe oder auch jenen, denen ich gegen das Schienbein trete. Das bringt die Debatte auf Augenhöhe.
Es ist eine intellektuelle Fehlleistung, auf generelle Kleinschreibung zu beharren. Die Römer schrieben nur groß, auch dämlich. 
Als echte Patrioten & Anti-Faschisten müßten wir natürlich Deutsch oder Sütterlin schreiben. Aber das geht fast allen europäischen Staaten so, bis in die Türkei, wenn wir mal von denen mit kyrillischem Alphabet absehen.

Gracchus

30. Oktober 2022 17:18

Die letzten Absätze lassen sich auch auf die ganze Gesellschaft übertragen. Die Frage ist auch, was "Bildung" heute bedeutet. Der derzeitige Wissenschaftsbetrieb bringt ja keine gebildeten Menschen hervor, sondern Fachidioten. Die Corona-Krise hat ausserdem deutlich vor Augen geführt, dass der Wissenschaftsbetrieb korrumpiert oder jedenfalls korrumpierbar ist. Ebenfalls zeigt die Klimadiskussion, dass die Freiheit von Lehre und Forschung beschnitten ist. Für Deutschland besonders fatal, weil Deutschland auf Bildung, Bildung, Bildung angewiesen ist; und trotzdem wird nichts unternommen, die immer offensichtlich werdenden Irrümer in der Corona-Krise aufzuarbeiten; man lässt einen Lauterbach gewähren; in anderen Ländern ist man weiter, und dabei müsste Deutschland Vorreiter sein. 

Mit dem Smartphone stehen einem zunächst Informationen zur Verfügung, das ist noch kein Wissen. 

KlausD.

30. Oktober 2022 18:17

@Laurenz  30. Oktober 2022 14:00

"Es ist eine intellektuelle Fehlleistung, auf generelle Kleinschreibung zu beharren."

Die Großschreibung aller Substantive und substantivierten Formen wurde im 17. Jahrhundert, im Zeitalter des Barock, eingeführt und gehört, meine ich, zum deutschen Kulturgut. Bei der Reform der deutschen Rechtschreibung von 1996 stand die Abschaffung der Substantivgroßschreibung zur Diskussion. Letztendlich wurde jedoch die Beibehaltung der Großschreibung beschlossen. Grund dafür war u.a. die vom Max-Planck-Institut angeführte Untersuchung, nach der ein Text mit Substantivgroßschreibung durch Muttersprachler schneller lesbar sei und die Kleinschreibung den Lesefluss störe. Das Auge benötige markante Stellen im Text, das bedeutet also auch Großbuchstaben. Die Großschreibung stelle eine Hilfestellung dar, beschleunige den Leseprozess und erleichtere das Querlesen, da dann Substantive und Satzanfänge, die für das Verständnis des Textes besonders bedeutsam seien, vom Auge schneller erfasst würden.

In diesem Zusammenhang möchte ich auf das Fest der deutschen Sprache hinweisen, das gegenwärtig in Bad Lauchstädt begangen wird.

https://www.mdr.de/kultur/musik/festspiel-deutsche-sprache-lauchstaedt-oper-konzert-100.html

Laurenz

31. Oktober 2022 01:32

@KlausD. @L.

Danke für Ihre Unterstützung.

Natürlich versuchte ich noch lange Zeit rein die alte Rechtschreibung zu nutzen, aber zB HB fängt dann an, die zu korrigieren, obwohl man diese benutzen darf. HB dürfte das noch nicht mal in Klassenarbeiten als falsch benoten. Aber auch ich schwächele.

Die Groß- & Kleinschreibung unterstützt auch die von uns genutzte lateinische Grammatik, kennzeichnet das Verhältnis der Worte im Satz untereinander. Auch, wenn ich selbst viele Komma-Regeln vergessen habe, erachte ich es als Schwachsinn, diese aufgeweicht zu haben. Es existieren auch genügend Sätze & Worte, die ihre Bedeutung durch Groß- oder Kleinschreibung oder Komma-Setzung verändern. Wenn man die Sprache undeutlicher gestaltet, so wird auch das Denken undeutlicher, da wir in Worten denken. Das Magische der deutschen deutigen Sprache beruht im wesentlichen darauf, daß sie es dem Autoren vergleichsweise gut ermöglicht, den eigenen oder andere Standpunkte schriftlich exakt zu schildern.

Jan

31. Oktober 2022 11:41

"Schule (...) leistet immer weniger und bewertet dabei zu freundlich, um Kränkungen zu vermeiden und stattdessen Komplimente zu machen und um vorzutäuschen, was sich wenig später in Lebens- und Berufspraxis als trauriger Schwindel herausstellt."

I

Das hat sicher auch mit der (rot-grünen) Verweiblichung des Bildungssystems und weiten Teilen der Gesellschaft sowie des politischen Betriebs zu tun ("feministische Außenpolitik"). Der von einem Leser weiter oben angesprochene harte männliche Chemielehrer ist heute wohl fast ausgestorben. Kenne ich auch noch aus meiner eigenen Schulzeit (79-92). Nicht, dass diese Typen angenehm waren und auf meiner Favoritenliste weit oben standen, aber rückblickend muss ich sagen, dass es Lehrer waren, die ihren Job ernst nahmen, klassische Bildungsideale vertraten und das eigene Fach wirklich drauf hatten. Es waren außerdem Typen, die noch eine natürliche Autorität ausstrahlten und allein dadurch eine pubertierende Meute bändigen konnten (ganz problematisch sind in dieser Hinsicht die Klassen 7-9). Diese Typen mussten nur das Klassenzimmer betreten und schon herrschte Ruhe. Interessanterweise gab es diese Exemplare sowohl bei der Anzug- und Krawattenfraktion als auch bei den Vollbart- und Strickpulliträgern im Walter-Schwenninger-Look (von wegen antiautoritär). Geburtsjahrgänge 30er- und 40er-Jahre.       

Jan

31. Oktober 2022 11:41

II

Mein ältester Lehrer muss ca. Jahrgang 1923/24 gewesen sein, der ging 1988 in Pension. Trug Anzug, hatte 'nen Schmiss auf der Wange und war wahrscheinlich noch irgendwo an der Front gewesen. Fachlich war er gut, aber er hatte mich generell auf dem Kieker und einmal auch vor der Klasse stramm stehen lassen ("Steh auf, wenn ich mit dir rede!"), weil ich einen halblauten Witz über eine Mitschülerin gemacht hatte. Ich war froh, als er weg war. Natürlich wäre so ein Typ heute nicht mehr tragbar, aber so ein bißchen mehr männliche Autorität und Disziplin, "mehr Zug im Laden", fehlt offensichtlich, gerade im Hinblick auf freche Migrantenbengel, die zu meiner Zeit noch seltene Ausnahmen waren und nach der O-Stufe zur Haupt- oder Realschule gingen. Meine Gymnasialzeit (85-92) war noch rein deutsch. 

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