Moritz Baßler, Heinz Drügh: Gegenwartsästhetik

Einen Gutteil seiner Leser dürfte dieses Buch einem Aufsatz zu verdanken haben, den Moritz Baßler im Juni 2021 im Spartenmagazin Pop: Kultur und Kritik veröffentlich hatte.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Die­ses Stück, »Der Neue Mid­cult«, sorg­te im Qua­li­täts­feuil­le­ton für Wir­bel. The­ma: Was macht es mit der Gegen­warts­li­te­ra­tur, was sagt es aus über den Stand der zeit­ge­nös­si­schen Ästhe­tik, wenn (Schreib)Kunst heu­te durch »nied­rig­qua­li­fi­zier­te Mei­nungs­bla­sen« öffent­lich bewer­tet wird? Was bedeu­tet und wohin führt es, wenn Lite­ra­tur­pro­fes­so­rin­nen sich nun wei­gern, bestimm­te »kano­ni­sche« Bücher zu lesen, weil deren Autor ein »pro­ble­ma­ti­sches Ver­hält­nis zu Frau­en« hat­te? Sprich, wie genau nen­nen wir den Hund, auf den Lite­ra­tur und ihre Kri­tik heu­te gekom­men sind?

Es ging dar­um, wie bestimm­te Gat­tun­gen »gedisst« [!] wür­den, weil sie zur eige­nen »poli­tisch-welt­an­schau­li­chen Stil­ge­mein­schaft« nicht paß­ten. Baß­lers (er war über Jah­re Assis­tent von Hel­mut Lethen) essay­is­ti­scher Ein­wurf war wit­zig und klug, sei­ne For­mu­lie­run­gen sprüh­ten vor neu­gie­ri­ger Intel­li­genz. Nun das gan­ze Paket also, Gegen­wart­s­äs­the­tik, kein Unter­ti­tel, gemein­sam ver­faßt mit Heinz Drügh.

Man liest es mal kopf­schüt­telnd, mal begeis­tert, oft erstaunt, sel­ten gelang­weilt, häu­fig ver­är­gert. Falls mal wie­der ein plom­bier­tes Päck­chen mit einem Dut­zend Zeit­zeug­nis­sen ins Welt­all beför­dert wer­den soll­te, um die Nach­welt über den Zustand der Geis­tes­wis­sen­schaf­ten anno 2021 zu infor­mie­ren, soll­te die­ses Buch dabeisein.

Im ers­ten Teil wird drei­er­lei ver­han­delt: das gegen­wart­s­äs­the­ti­sche Urteil, das gegen­wart­s­äs­the­ti­sche Objekt sowie die »Gegen­wart«, in einem Kapi­tel gar bis hin zur »Extrem­ge­gen­wart«. Der zwei­te Teil nimmt sich jener Mar­ken an, die die Folie einer rezen­ten Ästhe­tik aus­ma­chen: Demo­kra­ti­sie­rung, Anthro­po­zän, Digi­ta­li­sie­rung. Es ist unklar, wel­cher der Autoren hier für wel­che Pas­sa­gen ver­ant­wort­lich zeich­net, zumal sie uni­so­no sprechen.

Das ist inter­es­sant, weil es ein durch­aus spe­zi­el­ler Duk­tus und ein Jar­gon sind, derer sich hier beflei­ßigt wird. Bereits die ellen­lan­ge Ein­lei­tung, in der die (offen­kun­dig welt­be­we­gen­de) Hun­de­fut­ter­do­sen­sze­ne (Fraß mit »Rat Fla­vor«) aus Taran­ti­nos Once Upon a Time in … Hol­ly­wood rauf- und run­ter­de­kli­niert wird und mit ästhe­ti­schen Befun­den bei Aris­to­te­les, Kant, Mar­quard und Son­tag abge­gli­chen wird, gibt einen Vorgeschmack.

Baß­ler und Drügh sind Pro­fes­so­ren für Neue­re Deut­sche Lite­ra­tur; sie gehö­ren den Geburts­jahr­gän­gen 1962 und 1965 an. Nur ein Gro­bi­an wür­de zu dem bana­len Schluß kom­men, daß hier zwei bejahr­te Her­ren hart gegen ihr Alter ankämp­fen, indem sie hier Jugend­spra­che per­for­men, »als wenn es gar nichts wär’«. Die Sach­be­stän­de wer­den hier als ­»lei­der geil«, als »deep«, »cute« und »edgy« qua­li­fi­ziert. Bei die­sen tren­di­gen Adjek­ti­ven (auch: »frea­kish« und »clam­my«) han­de­le es sich nicht um Schwund­stu­fen des Ästhe­ti­schen, son­dern um Nuan­cen einer Wahr­neh­mungs­avant­gar­de – so geht die all­seits selbst­be­wuß­te, wenn nicht ‑ver­lieb­te Behauptung.

Dies alles ist ein schma­ler Grat. Han­delt es sich bei den Autoren um intel­lek­tu­el­le Mode­op­fer oder um sol­che, die das ästhe­ti­sche Spek­ta­kel durch­schau­en und »den Tiger rei­ten«? Eher: ers­te­res. Dabei machen sie durch­aus gute Punk­te. Allein der Rück­griff auf Gott­fried Sem­pers und, ja, Adolf Loos’ Vor­stel­lun­gen von Kunst und Hand­werk ist die Lek­tü­re wert! Immer wie­der wird es hin­ge­gen auch pein­lich: Dann, wenn die Lese­rin end­lich nach etli­chen Hin­wei­sen ver­stan­den hat, daß der Autor knall­har­ter Black-Flag-Fan ist, aber Mar­tin Mose­bach (als Fabri­ka­teur einer ästhe­tisch ver­irr­ten »Lügen­struk­tur«) ver­ab­scheut. In die­sem Buch genügt es, behaup­tet zu werden.

Die Domi­nanz der Geschmacks­fra­ge, also die Ästhe­ti­sie­rung ethi­scher wie auch ganz und gar all­täg­li­cher Fra­gen (Steak essen oder Ruco­la; Pri­us fah­ren oder SUV), so ein Fazit der Autoren, beherr­sche die Ästhe­tik der Stun­de. Um ein Bei­spiel zu geben und es in den habi­tu­ell ver­schro­be­nen Wor­ten die­ser Gelehr­ten zu fas­sen: »So rich­tig viru­lent wird es erst in dem Moment, in dem die vir­tu­el­le Sphä­re des Para­dig­ma­ti­schen in einer aug­men­tier­ten Rea­li­tät met­ony­misch-welt­för­mig wird.«

Bis dahin wedelt der Schwanz wei­ter mit dem Hund, möch­te man ergän­zen. Schlagt Schaum, ihr Den­ker, solan­ge es noch geht!

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Moritz Baß­ler, Heinz Drügh: Gegenwarts­ästhetik, Kon­stanz: Kon­stanz Uni­ver­si­ty Press 2021. 307 S., 28 €

 

Die­ses Buch kön­nen Sie auf antaios.de bestellen.

 

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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