Svenja Flaßpöhler: Sensibel

Svenja Flaßpöhlers Sensibel richtet sich an Zeit-Magazin-Leser, Richard-David-Precht-Zuschauer und Fans etablierter Denker ...

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

wie Hart­mut Rosa, Andre­as Reck­witz, Byung-Chul Han und Robert Pfal­ler. Was aber kann solch ein Ideal­leser gera­de noch ertra­gen, wo ver­lau­fen für ihn die »Gren­zen des Zumutbaren«?

Flaß­pöh­lers Buch ist eine ele­gant geschrie­be­ne Motiv­ge­schich­te, weni­ger aka­de­misch als Fritz Breit­haupts Stu­die über Die dunk­le Sei­te der Empa­thie (2017), aber in der Anla­ge ähn­lich. Vom Auf­riß mit Nor­bert Eli­as’ Über den Pro­zeß der Zivi­li­sa­ti­on – in dem die­ser 1939 her­aus­ge­ar­bei­tet hat­te, wie der moder­ne Mensch sei­ne Sit­ten und sei­ne Wahr­neh­mung ste­tig ver­fei­ner­te um den Preis der Trieb­un­ter­drü­ckung – über David Hume, Jean-Jac­ques Rous­se­au, de Sade, Nietz­sche und Ernst Jün­ger, über Lévi­n­as und Jean Amé­ry bis zu den Dekon­struk­ti­vis­ten Der­ri­da und Judith But­ler reicht das Panorama.

Glück­li­cher­wei­se bleibt Flaß­pöh­ler der Motiv­ge­schich­te weit­ge­hend treu, denn die ver­brei­te­te Malai­se sol­cher Publi­kums­bü­cher ist es, tol­le Zitat­fun­de aktua­li­sie­rend anein­an­der­zu­stü­ckeln. Aktua­li­sie­rung durch­zieht nichts­des­to­we­ni­ger das Buch – das kann phä­no­me­no­lo­gisch anre­gend sein, hin­ge­gen müs­sen nicht jedem Fra­gen der Art sinn­voll erschei­nen, was Hume zu #MeToo wohl gesagt hät­te und ob de Sades Figur Juli­et­te eman­zi­piert gewe­sen sei.

Ver­set­ze ich mich in den idea­len Leser von Sen­si­bel hin­ein, möch­te ich anneh­men, daß die­ser gele­gent­lich ent­rüs­tet sein dürf­te. Nicht nur setzt Sven­ja Flaß­pöh­ler mit Nietz­sche die Per­spek­ti­ve der Resi­li­enz in ihr Recht: »Was uns nicht umbringt, macht uns stär­ker« (Nietz­sche), etwas phi­lo­so­phi­scher for­mu­liert: »Die Wun­de ist es, aus der die Kraft erwächst!«

Son­dern sie cha­rak­te­ri­siert ein (fik­ti­ves) männ­li­ches Ber­li­ner Sen­si­bel­chen namens Jan ohne Anzei­chen offe­ner Iro­nie durch­aus so, daß der gut durch­ge­gen­der­te lesen­de Mit­mensch sich ver­schau­kelt vor­kom­men muß: »Gut und rich­tig fin­den bei­de, daß es der toxi­schen Männ­lich­keit nun an den Kra­gen geht und Frau­en vor ihr geschützt wer­den. Jan und Tine schla­fen nicht mehr so oft mit­ein­an­der wie frü­her. […] Jan hat dafür, auch wenn er die Berüh­rung und den Sex manch­mal ver­mißt, tie­fes Ver­ständ­nis. […] Als Fami­lie unter­neh­men sie regel­mä­ßig mit S‑Bahn oder Rad (ein Auto besit­zen sie aus öko­lo­gi­schen Grün­den nicht) Aus­flü­ge ins Umland, um zu baden oder zu wan­dern und die Kin­der für die Schä­den des Kli­ma­wan­dels zu sensibilisieren.«

Die dekon­struk­ti­vis­ti­sche Theo­rie nimmt Flaß­pöh­ler gegen die aus ihr ent­stan­de­ne poli­ti­cal cor­rect­ness in Schutz – nie wäre bei Der­ri­da und But­ler das freie Spiel der Signi­fi­kan­ten und des Begeh­rens in star­re poli­ti­sche Zen­sur­re­gu­la­ri­en gebannt wor­den. Mit mei­nes Man­nes Ver­hal­tens­leh­ren der Käl­te (­Hel­mut Lethen 1994) sym­pa­thi­siert die Autorin sehr, so daß ihr die von ihm als Pan­zer der »kal­ten per­so­na« auf­ge­faß­ten Gedan­ken Ernst ­Jün­gers über den Schmerz und die­je­ni­gen von Hel­muth ­Pless­ner über den Takt stre­cken­wei­se unge­bro­chen die Feder führen.

Durch 20.-Jahrhundert-»Coolness« – neuer­dings »Resi­li­enz« gehei­ßen – die ­Hyper­sen­si­blen des 21. Jahr­hun­derts scho­cken: Flaß­pöh­lers Bür­ger­schreck­spie­le füh­ren sie offen­bar zu ­ihrer Selbst­wahr­neh­mung, mutig gegen den Main­stream-Sta­chel zu löcken.

Wie in vie­len ver­glei­chen­den Anord­nun­gen kom­men immer bei­de Sei­ten in einem aus­glei­chen­den Urteil zusam­men: »Unzu­mut­bar ist eine ver­ab­so­lu­tier­te Resi­li­enz, weil sie die Ansprü­che der ande­ren an sich abpral­len läßt. Unzu­mut­bar ist aber auch eine ver­ab­so­lu­tier­te Sen­si­bi­li­tät, weil sie den Men­schen als ein ver­letz­li­ches, schüt­zens­wer­tes Wesen redu­ziert, das sich nicht selbst zu hel­fen weiß.« So weit, so zustim­mungs­pflich­tig. Wer ver­ab­so­lu­tiert schon gern?

Mich inter­es­siert vor allem eine Fra­ge: Wel­che meta­po­li­ti­sche Funk­ti­on haben Bücher wie Sen­si­bel? Spricht aus ihnen die Stim­me der aus­glei­chen­den Ver­nunft in einem hyper­sen­si­blen, extrem ver­ein­sei­tig­ten Dis­kurs? Läßt die­ser sich wie­der ins Lot brin­gen, wenn man die »ver­ab­so­lu­tie­ren­den« Extre­me mar­kiert? Oder liegt die­ser Dis­kurs­an­oma­lie ein Macht­pro­blem zugrun­de, das Sven­ja Flaß­pöh­ler nicht erkennt?

Wenn sie »Black Lives Mat­ter«, »Trans­men­schen« oder die schö­nen Frau­en, die in Weiß­ruß­land die Revo­lu­ti­on mit Blu­men im Haar anführ­ten, für authen­ti­sche Äuße­run­gen not­wen­di­ger Sen­si­bi­li­tät hält statt für Bau­stei­ne einer Eliten­agenda, dann fehlt es ihr ent­we­der an geschärf­ter (sen­si­bler!) Wahr­neh­mung, oder sie ist ein gate­kee­per (läßt also nur mode­ra­te Kri­tik inner­halb des Sys­tems zu, um die­ses zu stabilisieren).

Daß letz­te­res des Fall sein könn­te, deu­te­te sich in dem Talkshow-»Skandal« an, als Flaß­pöh­ler kürz­lich bei »Hart aber fair« zu behaup­ten wag­te, die »Corona«-Berichterstattung sei ein­sei­tig. Das wird man doch wohl noch sagen dür­fen … Die Reak­ti­on der Sozia­le-Medi­en-Meu­te dürf­te wie­der­um ihr Selbst­bild bestä­ti­gen – hier liegt der inter­es­san­te Fall vor, daß schein­ba­res Auf­ste­chen der Bla­se die­se nur um so fes­ter isoliert.

Ins­ge­samt ist das vor­lie­gen­de Buch in mei­nen Augen für die Leser­schaft der Sezes­si­on eher ein Zeit­geist­do­ku­ment als auf sie zuge­schnit­ten. Kriegt man alte wei­ße Boo­mer zu mehr Ver­ständ­nis für dis­kur­si­ve Ungleich­heit, indem man ihnen eine fai­re Geschich­te die­ses Motivs zu lesen gibt? Sie sind wohl ein­fach zu unsensibel.

– –

Sven­ja Flaß­pöh­ler: Sen­si­bel. Über moder­ne Emp­find­lich­keit und die Gren­zen des
Zumut­ba­ren,
Stutt­gart: Klett-Cot­ta 2021.,
231 S., 20 €

 

Die­ses Buch kön­nen Sie auf antaios.de bestellen.

 

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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