Sezession
24. August 2009

Volk, Welt und Überfall

Martin Lichtmesz

VölkischerBeobachterZum 70. Jahrestag des Weltkriegsbeginns stürzt sich der aktuelle Spiegel mal wieder in die nationalmasochistische Selbstbezichtigungsoffensive: "Der Krieg der Deutschen" heißt es da auf der Titelseite, und: "Als ein Volk die Welt überfiel".  Illustriert wird das Ganze mit einem suggestiven Bild von tumb dreinblickenden Landsern, die vor brennenden Häusern einkopiert wurden - die üblichen demagogischen Lügen und Vereinfachungen, aufbereitet mit einer Dosis emotionaler Aufputschung.  Besonders perfide ist die Unterstellung, es hätte im September 1939 ein ganzes "Volk die Welt überfallen".  An dieser Behauptung stimmt weder "die Welt", noch der "Überfall", noch das "Volk", selbst an den Standards der Mainstream-Geschichtsschreibung gemessen.  Um nur letzteren Punkt zu kommentieren: Tatsache ist, daß es im September 1939 im deutschen Volk nicht den geringsten Funken Kriegsbegeisterung oder Kriegswillen gab.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Das Zeugnis von Wolfgang Venohr, damals 14 jahre alt, ist nur eines unter vielen:

Niemand bei uns, weder in der Schule noch zu Hause oder in der Bekanntschaft, dachte an Krieg. Es liefen ja bereits die Vorbereitungen für den großen „Parteitag des Friedens“, der im September in Nürnberg festlich begangen werden sollte. Jedermann war davon überzeugt, daß der Führer, der selbst jahrelang als einfacher Soldat im Trommelfeuer der Westfront gestanden hatte, niemals einen Krieg zulassen würde. Allerdings häuften sich seit Anfang Juli in auffälliger Weise die Presseberichte über Verfolgungen der Volksdeutschen in Polen.

Das alles war wie weggewischt, als im August plötzlich bekannt wurde, daß der Führer sich mit Herrn Stalin verständigt habe, daß Deutschland und die UdSSR einen Freundschafts- und Nichtangriffspakt miteinander geschlossen hatten. (...)

In der Schule fiel zu der Sache kein Wort. Die Sprachlosigkeit war allgemein. Kritik, offene, ehrliche Kritik hörte ich nur von meiner Mutter. Ist dieser Stalin denn nicht ein Massenmörder, fragte sie Vater und fügte hinzu, erst kürzlich (...) hätte er doch erzählt, daß von den Bolschewisten mindestens 13 Millionen Menschen umgebracht worden seien. Vater nickte. Mutter zog die Augenbrauen hoch: Und mit denen sind wir nun befreundet?

Es änderte sich nicht allzu viel, als am 1. September 1939 der Polenfeldzug begann. Das war ein Freitag. Bis zum Sonntag, dem 3. September, sprach überhaupt niemand von „Krieg“. Jedermann sah im deutschen Vorgehen gegen Polen eine Art Strafaktion, ein zeitlich und räumlich begrenztes Unternehmen.

Alle glaubten an den Spruch „Der Führer wird schon wissen, was er tut“ und sahen im Grunde bereits die nächste Konferenz der Großmächte voraus, die das deutsch-polnische Problem ebenso friedlich lösen würde, wie das deutsch-tschechische. Erst als am Sonntagnachmittag über Rundfunk bekannt wurde, England und Frankreich hätten Deutschland den Krieg erklärt, war der allgemeine Optimismus wie mit einem Schlage abgestellt.

Ernsteste Stimmung senkte sich über die Leute. Nirgendwo gab es Hurra-Patriotismus. Mit dieser Entwicklung hatte niemand gerechnet. Die Gesichter der Menschen wirkten verhangen. Auf einmal war die Sonne untergegangen, und alles erschien in einem düsteren Licht.

Erinnerung an eine Jugend, München 1997

Manchmal, wenn mir wieder einmal vom Cover des Spiegels dieser hechelnde, dümmliche, tatsachenwidrige Autoflagellationsfuror entgegenkreischt, dann packt mich oft eine tiefe Verzweiflung und Resignation.  Der Spiegel ist die BILD-Zeitung des Mittelstandes. Wer am lautesten schreit und dabei am weitesten Verbreitung findet, bestimmt die Wahrheit. Dagegen helfen keine Vernunft, keine Aufklärung, keine Wissenschaft, keine Fakten. Gegen diese Übermacht ist kein Kraut gewachsen, und der Schaden, den diese empörende, aufpeitschende Demagogie anrichtet, ist wohl kaum zu unterschätzen. Umso deprimierender, daß das Publikum gegen diese Art von Zermürbung und Indoktrination kaum mehr Widerstandskräfte besitzt.

Ich bin angesichts solcher Schuldräusche völlig fassungslos. Ich frage mich dann oft: Warum? Was ist Sinn und Zweck solcher Leitartikel? Was für Teufel reiten eine Zeitschriftenredaktion, die derartiges verantwortet? Das läßt sich kaum mehr allein politisch erklären.

Als ich vor einem Monat im Zeughaus-Kino saß, um den NS-Propaganda-Film "Heimkehr" zu sehen, ergriff mich eine ähnliche hilflose Wut.  Über den Film und seinen historischen Hintergrund habe ich ausführlich in diesem Blog geschrieben. Was mich so in Erregung versetzt hatte, war die dreiste Behauptung des Vortragenden, die darin gezeigten Übergriffe auf Volksdeutsche in Polen seien reine Fiktion.

Aufgewühlt rutschte ich in meinem Sitz hin und her, und spielte nervös mit dem Gedanken, aufzustehen und zu widersprechen. Der ganze Saal war voll. Ich spürte mein Herz heftig klopfen. Vermutlich hätte ich keinen geraden Satz hervorgebracht, und wenn, dann hätte ich ohne Zweifel die Wut und Empörung aller Anwesenden auf mich gezogen, und wäre in der Folge wahrscheinlich aus dem Kino geschmissen worden.

Als der Vortragende am Ende seiner Rede um Fragen und Anmerkungen bat, hatte ich natürlich nicht den Mut, mich zu Wort zu melden.  Ein etwa vierzigjähriger Mann mit vermutlich polnischem Akzent fragte, was denn mit den Machern des Films nach dem Krieg geschehen sei. Seien die denn einfach davongekommen, wurden die nicht bestraft? Die Rachsucht und der Zorn in seiner Stimme waren unüberhörbar. Das ist also das Ergebnis dieser Art von Geschichtspädagogik, eine einseitige Perpetuierung der Ressentiments. Stefan Scheil hat dieses Vorgehen einmal auf diese Formel gebracht:

Hier soll „Versöhnung“ offenbar in gemeinsamer Ablehnung der Deutschen von 1939 durch Polen und Deutsche von 2009 stattfinden.

Es liegt auf der Hand, daß das so nicht funktionieren kann, und wenn, dann nur zum Nachteil der Deutschen.

Zum Abschluß noch auf Nachfrage eine kleine Liste von Büchern zur Lage der Volksdeutschen in Polen zwischen 1919-1939, deren Kenntnis ich größtenteils Herrn Dr. Scheil verdanke. Es handelt sich dabei um ein immer noch spärlich erforschtes Gebiet, das wohl einem weitaus größeren Tabu unterliegt als die Vertreibungen nach 1945. Hier also die Bücher, in die ich Einsicht hatte:

* Hugo Rasmus: Pommerellen, Westpreußen: 1919 - 1939, München 1989
* Hugo Rasmus: Schattenjahre in Potulitz 1945. Schicksal in polnischen Internierungslagern, Münster 1995 (auch zur Lage vor 1939)
* Theodor Bierschenk: Die deutsche Volksgruppe in Polen, 1934 - 1939,  Kitzingen 1954
* Der Tod sprach polnisch: Dokumente polnischer Grausamkeiten an Deutschen 1919-1949, Arndt-Verlag 1999 (hat einen reißerischen Titel, enthält aber vor allem polizeiliche Untersuchungen unmittelbar nach 1939. Davon liegt noch eine Menge unbearbeitetes Material im Bundesarchiv.)
* Otto Heike: Leben im deutsch-polnischen Spannungsfeld : Erinnerungen und Einsichten eines deutschen Journalisten aus Lodz, Magdeburg 1989/2002
* Otto Heike: Das Deutschtum in Polen 1918-1939, Bonn 1955

und der "Klassiker":
* Carl J. Burckhardt: Meine Danziger Mission 1937-39


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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