Du wirst, du sollst, du kannst

PDF der Druckfassung aus Sezession 106/ Februar 2022

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Die Geschich­te von Kain und Abel ist berühmt und rät­sel­haft. Sie erzählt vom Urmord, vom Bru­der­mord, sie beschreibt eine ver­gif­te­te Nähe, die in Bru­ta­li­tät, in Ver­nich­tung umschlägt, und sie berich­tet davon, daß Kain, der Mör­der, von Gott mit einem Mal gezeich­net wur­de, das ihn zugleich brand­mark­te und schützte.

Her­mann Hes­se über­trägt in sei­nem Roman Demi­an das Kains­zei­chen auf eine Grup­pe aus­er­wähl­ter, erwach­ter, jeden­falls beson­de­rer Men­schen, die er anders leben, tie­fer emp­fin­den und den je eige­nen Gott suchen läßt. Das Mal ist dort kein Schand­zeichen mehr, und es ist nicht mehr für jeden sicht­bar, son­dern nur für jene, die ein­an­der zu erken­nen ver­mö­gen. Vom Stam­me Kains zu sein bedeu­tet nun, der Mas­se auf­grund von Beson­der­heit, Bega­bung, natür­li­chem Adel suspekt und ver­haßt zu sein.

Kain hat in der Deu­tung Hes­ses zu Recht getan, was er tat, denn er ver­moch­te es, es stand ihm zu, und das Gesetz lag in ihm selbst. Außer­dem war er der­je­ni­ge, der übrig­blieb – das schla­gen­de Argu­ment des Täters gegen­über dem Toten. Nach­dem ihn Gott ­gezeich­net hat­te, ging er fort und begrün­de­te eine Dynastie.

In der Geschlech­ter­fol­ge nach Kain sei­en, so Hes­se, seit­her immer wie­der sol­che auf­ge­tre­ten, die das Mal ererbt und sich ihm wür­dig erwie­sen hät­ten – die also taten, was sie woll­ten, und sich nicht um das scher­ten, was Gott im Dia­log mit Kain war­nend als gut und böse von­ein­an­der schied. (Es ist mehr als inter­es­sant zu beob­ach­ten, wel­cher Leser die Ver­ein­nah­mung der Kain­s­ge­schich­te durch Hes­se als Befrei­ung begreift und wer sie als Über­spannt­heit ablehnt.)

Jeden­falls: Die war­nen­den Wor­te Got­tes an Kain, inne­zu­hal­ten und der Ver­su­chung durch den Dämon zu wider­ste­hen, ste­hen im ­Zen­trum eines ande­ren Romans. In John Stein­becks ­Jen­seits von Eden bil­det die Geschich­te von Kain und Abel über­haupt das Gerüst der Erzäh­lung. Brü­der­paa­re sto­ßen auf­ein­an­der, der eine Sohn wird vom Vater mehr geliebt als der ande­re – ­war­um, bleibt uner­gründ­lich, so wie es uner­gründ­lich blieb, daß Gott Abels Opfer­lamm mit Wohl­ge­fal­len betrach­te­te, wäh­rend er Kains Gabe kei­nes Bli­ckes würdigte.

Lie­be, Miß­ach­tung, grund­lo­se Zunei­gung, fata­le Hier­ar­chie – alles dies ist zuge­teilt, es ist von Anfang an und von Grund auf nicht gerecht ver­teilt, und Leid und Haß und Mord wach­sen daraus.

In Stein­becks Roman ist es der Chi­ne­se Lee, den die Geschich­te von Kain und Abel so sehr beein­druckt, daß er sie wie­der und wie­der liest und die ver­schie­de­nen Über­set­zun­gen zu ver­glei­chen beginnt. Dabei stößt er an ent­schei­den­der Stel­le auf zwei Ver­sio­nen, deren unter­schied­li­che Bedeu­tung ihn ver­stört. Undenk­bar sei doch, daß in solch einer zen­tra­len, für jeden ein­zel­nen Men­schen grund­le­gen­den Erzäh­lung Deu­tungs­spiel­raum bleibe.

Lee bezieht sich auf die Wor­te Got­tes, der den erzürn­ten Kain lehrt, indem er ihm sei­ne Lage vor­hält. In ­Luthers Über­set­zung lau­tet die­se Stel­le: »Ist’s nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erhe­ben. Bist du aber nicht fromm, so lau­ert die Sün­de vor der Tür, und nach dir hat sie Ver­lan­gen; du aber herr­sche über sie.« (Gene­sis, 4,7)

Ent­schei­dend ist der letz­te Halb­satz. Es gibt Über­set­zun­gen, die – wie die Luther­bibel – auf die Ver­su­chung durch die Sün­de »Du sollst sie beherr­schen« sagen, also einen ­Befehl, einen Auf­trag ertei­len. Ande­re Über­set­zun­gen spre­chen eine Zuver­sicht aus: »Du wirst sie beherr­schen« (so die Über­tra­gung in der King-James-­Bi­bel), und es mag sein, daß die­se Über­zeu­gung Got­tes, jeder wer­de stark genug sein und der Ver­su­chung wider­ste­hen, die Men­schen dazu ver­lei­tet, eine zu hohe Mei­nung von sich selbst zu haben. Für Lee ist die­ser Unter­schied so schwer­wie­gend, daß er Hebrä­isch lernt, um den Urtext zu befra­gen. Nach zwei­jäh­ri­ger Mühe stellt er fest, daß das hebräi­sche Wort »tim­schal« weder »Du sollst« noch »Du wirst«, son­dern »Du kannst« bedeutet.

Die Freu­de Lees über die­se Wür­di­gung des Men­schen und sein Lob­lied auf ihn als Geschöpf, dem Gott es anheim­stellt, sich für das Gute oder das Böse zu ent­schei­den, gehö­ren zu den schöns­ten Pas­sa­gen einer Geschich­te, die weit jen­seits von Eden spielt. Viel­leicht soll­te man sagen: Zu begrei­fen, wel­ches Gott­ver­trau­en hin­ter dem »Du kannst« steckt, mag eine der wich­tigs­ten Leh­ren in einer Zeit sein, in der das »Du sollst« in einen fal­schen Gehor­sam führt und das »Du wirst« in die Hybris.

 

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Verein für Staatspolitik e.V.
DE86 5185 0079 0027 1669 62
HELADEF1FRI

Kommentare (0)