Die Psychologie der bürgerlichen Kippfigur

PDF der Druckfassung aus Sezession 106/ Februar 2022

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Die Suche nach Kipp­fi­gu­ren führt zu Robert Gern­hardt. Der hat­te 1986 unter die­sem Titel einen seit­dem immer wie­der auf­ge­leg­ten Band mit Erzäh­lun­gen herausgebracht.

Die Geschich­ten behan­deln Bezie­hungs­kon­stel­la­tio­nen, die plötz­lich durch eine Klei­nig­keit, ein Wort, eine Ges­te, eine hin­zu­tre­ten­de Per­son kip­pen, so daß der ursprüng­lich als logisch ange­nom­me­ne Ver­lauf der Bege­ben­heit unter­bro­chen wird und sich die Geschich­te ganz anders wei­ter­ent­wi­ckelt als ursprüng­lich angenommen.

Hin­zu kommt bei Gern­hardts Geschich­ten der humo­ri­ge Aspekt, da immer Alko­hol im Spiel ist, also etwas »gekippt« wird. (1) Das ist nahe­lie­gend: Unter Alkohol­einfluß kip­pen Situa­tio­nen leich­ter, denn Wahr­neh­mung und Auf­tre­ten, Stim­mung und Logik ver­än­dern sich. Die­ses »Kip­pen« hat meist nega­ti­ve Fol­gen: Wäre man nüch­tern, blie­ben Din­ge unge­sagt, die eine Situa­ti­on eska­lie­ren las­sen kön­nen. Der Rausch steht ja nicht ohne Grund in dem Ruf, den Berausch­ten die Wahr­heit sagen zu las­sen, weil er sich sei­ner Hem­mun­gen und der Kon­ven­tio­nen ent­le­digt hat. »Im Wein ist Wahr­heit« – was nach Ernst ­Jün­ger nicht bedeu­tet, daß er die Wahr­heit ent­hal­te. »Das Wort meint eher, daß er etwas gewah­ren läßt, das immer und außer ihm gegen­wär­tig ist. Der Wein ist ein Schlüs­sel – das Gegen­wär­ti­ge wird zum Ein­tre­ten­den.« (2)

Daß die­se Wahr­neh­mungs­er­wei­te­rung auch ohne Rausch­mit­tel funk­tio­niert, ken­nen wir aus ande­ren lite­ra­ri­schen Schil­de­run­gen. Die Erzäh­lung »Beni­to Cere­no« von Her­man Mel­vil­le spielt eben­falls mit die­sem Moment des Kip­pens. Der naiv-selbst­be­wuß­te Ame­ri­ka­ner, den Mel­vil­le als Kapi­tän eines Wal­fän­gers auf­tre­ten läßt, ist davon über­zeugt, daß die Men­schen gut sind und daß man ihnen ansieht, was sie sind. Allein die Tat­sa­che, so Mel­vil­le, daß das frem­de Schiff, das die Auf­merk­sam­keit des Kapi­täns auf sich zieht, kei­ne Flag­ge zeigt, »hät­te sich bei Kapi­tän Dela­no leicht zu einem unbe­hag­li­chen Gefühl ver­tie­fen kön­nen, wenn er nicht als ein von Natur gut­ar­ti­ger, allen Miß­trau­ens abhol­der Mensch, ganz außer­stan­de gewe­sen wäre, sich per­sön­lich beun­ru­hi­gen zu las­sen, was immer dar­auf hin­aus­läuft, daß man bei sei­nen Mit­men­schen Bos­heit und Tücke vor­aus­setzt«. (3)

Aller­dings wird Dela­no in die­ser Geschich­te eines Bes­se­ren belehrt, nichts scheint, wie es ist. Das erwähn­te Schiff, ein spa­ni­scher Skla­ven­händ­ler, ist in schlech­tem Zustand und kann sich nur mit Dela­nos Hil­fe in den Hafen ret­ten. Der Kapi­tän macht einen depres­si­ven Ein­druck, sein Die­ner Babo weicht ihm nicht von der Sei­te, die Mann­schaft geht sinn­lo­sen Tätig­kei­ten nach. Der Ame­ri­ka­ner regis­triert die­se und ande­re Merk­wür­dig­kei­ten, ord­net sie aber in sein Welt­bild ein. Etwas ande­res anzu­neh­men und auf­grund der Unstim­mig­kei­ten sein Welt­bild zu ändern, fällt ihm nicht ein. Erst als die Situa­ti­on kippt, bemerkt er, daß alles ganz anders ist. »In die­sem Augen­blick zuck­te durch Kapi­tän Dela­nos all­zu lang ver­blen­de­ten Geist der Blitz der Erkennt­nis und ließ ihn in unvor­her­ge­se­he­ner Klar­heit das gan­ze geheim­nis­vol­le Ver­hal­ten sei­nes Gast­freunds durch­schau­en, samt allem Rät­sel­haf­ten des Tages«. (4)

Der spa­ni­sche Kapi­tän war die gan­ze Zeit Gei­sel der meu­tern­den Skla­ven und gezwun­gen, das Spiel mit­zu­spie­len, wofür Babo, der bewaff­ne­te Anfüh­rer der Skla­ven, sorg­te, indem er ihm nicht von der Sei­te wich. Die Kipp­fi­gur ist in der Geschich­te der ame­ri­ka­ni­sche Kapi­tän, der den Men­schen bes­ser ken­nen­ge­lernt hat und in Zukunft wohl etwas miß­traui­scher durch die Welt gehen wird.

Die­se Lek­ti­on, die in jeder wesent­li­chen Bio­gra­phie einen Wen­de­punkt mar­kiert, ist für das wei­te­re Ver­ständ­nis der Kipp­fi­gur wich­tig, weil sie im Gegen­satz zum alko­ho­li­sier­ten Kip­pen nach­hal­tig wirkt und das Ver­ant­wor­tungs­be­wußt­sein weckt und stärkt, wäh­rend es der Betrun­ke­ne verliert.

Kip­pen heißt, die gewohn­te Annah­me auf­zu­ge­ben und die Din­ge neu zu bewer­ten. In gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Fra­gen heißt das nichts ande­res, als die Sei­te zu wech­seln. Die Betrach­ter, die jeman­den kip­pen sehen, hof­fen je nach ihrem eige­nen Stand­punkt auf ganz unter­schied­li­che Fol­gen. Das neue Umfeld wird alles dar­an set­zen, daß der zu ihnen Her­über­ge­kipp­te end­gül­tig dort blei­ben möge, wo man sich auf der wache­ren, der rei­fe­ren Sei­te wähnt. Das alte Umfeld hin­ge­gen dürf­te hof­fen, der Gekipp­te möge zurück­kip­pen und wie­der ganz der alte sein.

So geschieht es nicht sel­ten: Die ein­ge­schlif­fe­nen Wege der Welt­be­trach­tung sind eben oft­mals zu glatt, als daß das eine Erleb­nis genü­gen wür­de, sein Leben zu ändern. Hin­zu kommt, daß die Umwelt genau regis­triert, wenn jemand vom Weg abweicht, und alles unter­nimmt, um ihn wie­der in die Spur zu set­zen. Die Mit­tel dazu las­sen sich auf die zwei klas­si­schen Instru­men­te der Erzie­hung zurück­füh­ren: Bestra­fen und Beloh­nen. Ange­wandt wer­den sie nicht nur im jeweils in Fra­ge kom­men­den Refe­renz­rah­men, son­dern oft auch dar­über hin­aus. Der Poli­ti­ker, der gekippt ist, wird nicht nur öffent­lich bear­bei­tet, son­dern auch pri­vat, was oft­mals viel effek­ti­ver ist, weil wir dem pri­va­ten Leben nicht ent­ge­hen kön­nen, dem öffent­li­chen schon.

Robert Gern­hardt hat sei­nen ein­gangs erwähn­ten Geschich­ten eine Defi­ni­ti­on vor­an­ge­stellt, die aus einem Lexi­kon der Psy­cho­lo­gie stammt. Dem­nach ist eine Kipp­fi­gur eine Figur, »die spon­tan oder je nach Zen­trie­rung der per­spek­ti­vi­schen Betrach­tungs­wei­se in ihrer wahr­ge­nom­me­nen raum­bild­li­chen Gestalt oder in ihren Figur-Grund-Ver­hält­nis­sen ›umschla­gen‹ kann«. (5) Die bekann­tes­te Form die­ser Figur sind die Wech­sel­bil­der, die ent­we­der mit­tels opti­scher Täu­schung zwei Gesich­ter in einem ver­ber­gen (zum Bei­spiel eine alte und eine jun­ge Frau) oder die, auf den Kopf gestellt, das Gegen­teil von dem offen­ba­ren, was man in der ers­ten Ansicht wahr­neh­men konn­te (Per­spek­ti­ven­wech­sel).

Die­se als Umkehr­bil­der oder Wen­de­köp­fe bezeich­ne­ten Kunst­wer­ke, meist Por­träts, sind eigent­lich zwei Bil­der in einem, von denen jeweils eins auf dem Kopf steht, wie das bei einer Spiel­kar­te der Fall ist. »Gera­de für Zwe­cke der pole­mi­schen Bild-Pro­pa­gan­da, zur visu­el­len Arti­ku­la­ti­on einer poli­ti­schen Aus­sa­ge, bie­tet sich ein sol­ches Wech­sel­spiel an. Wen­det sich das Blatt, so wird aus Gari­bal­di Sta­lin, aus John Bull ein Spa­ni­er, und der pol­ni­sche Gene­ral Jaru­zel­ski kippt um zum sinis­tren Kol­le­gen Pino­chet. Die Pola­ri­sie­rung hat Metho­de: Aus Schein wird Sein, aus dem fal­schen wird das wah­re oder ver­meint­lich wah­re Bild, die Ent­lar­vung.« (6) All das ist getreu dem Mot­to von Bal­ta­sar Gra­cián: »Die Din­ge der Welt muß man sämt­lich ver­kehrt her­um betrach­ten, damit man sie rich­tig sieht.« (7)

Für die poli­ti­sche Sphä­re lie­gen die Din­ge nicht ganz so ein­fach. Wer alle Din­ge erst ein­mal auf den Kopf stellt, wird viel­leicht ein guter Erkennt­nis­theo­re­ti­ker, aber er wird prak­tisch nicht viel bewir­ken kön­nen, schon gar nicht einen Staat len­ken. Den­noch bleibt auch in der Poli­tik der Per­spek­ti­ven­wech­sel eine Mög­lich­keit, sich auf eine neue Situa­ti­on ein­zu­stel­len oder neue Ansich­ten zu gewin­nen. Als her­aus­ra­gen­des Bei­spiel für eine sol­che Hal­tung, die man prag­ma­tisch nen­nen könn­te, gilt nicht ohne Grund Bis­marck. Er muß­te sich des­halb immer wie­der der Prin­zi­pi­en­lo­sig­keit zei­hen lassen.

1887 ant­wor­te­te er im Reichs­tag fol­gen­der­ma­ßen auf ent­spre­chen­de Vor­wür­fe, die zuvor von Rudolf Virchow geäu­ßert wor­den waren: »Der Herr Vor­red­ner hat mir, wie so oft und so man­cher, nament­lich aus sei­ner Par­tei, Man­gel an Kon­se­quenz vor­ge­wor­fen. Ja, Kon­se­quenz für einen Poli­ti­ker, für einen Staats­mann ist um so leich­ter, je weni­ger poli­ti­sche Gedan­ken er hat. Wenn er nur einen hat, ist es Kin­der­spiel, und wenn er den immer wie­der vor­bringt, so ist er der Kon­se­quen­tes­te […]. Jemand, der die Situa­tio­nen und die Fra­gen, mit denen er sich zu beschäf­ti­gen hat, an jedem Tage, in jedem Jah­re wie­der­holt wech­seln sieht, kann unmög­lich unter ver­schie­de­nen Umstän­den immer das­sel­be tun«. (8)

Die Argu­men­ta­ti­on Bis­marcks ist zwei­schnei­dig. Zum einen ist klar, daß neue Situa­tio­nen neue Lösun­gen erfor­dern. Das klingt ein­sich­tig und ist gegen jede Art von Dog­ma­tik gerich­tet. Die Kehr­sei­te ist aber die bereits erwähn­te Prin­zi­pi­en­lo­sig­keit. In einer Situa­ti­on alle her­ge­brach­ten Über­zeu­gun­gen über Bord zu wer­fen läßt auto­ma­tisch die Fra­ge auf­kom­men, ob die­ser Preis nicht zu hoch ist und wozu Über­zeu­gun­gen dann über­haupt gut sind. Da über die Bewer­tung einer Situa­ti­on nie Einig­keit herr­schen wird, kann die­se in der Regel auch nicht über das Resul­tat des Han­delns her­ge­stellt wer­den. Wer sei­ne Über­zeu­gun­gen über Bord wirft, muß gute Grün­de haben. Meis­tens wird er auf den Erfolg der Maß­nah­me ver­wei­sen, um das Abwei­chen von der Gene­ral­li­nie zu recht­fer­ti­gen. Aber im staat­li­chen Han­deln bleibt Erfolg umstrit­ten, selbst wenn er die Siche­rung der Exis­tenz des Staa­tes und des Vol­kes nach außen betrifft.

Um auf Bis­marck ­zurück­zu­kom­men: Es ist nicht ver­wun­der­lich, daß die­ser im rück­bli­cken­den Ver­gleich mit ­sei­nen Kon­kur­ren­ten erfolg­reichs­te Poli­ti­ker auch der­je­ni­ge ist, der am häu­figs­ten als Kipp­fi­gur wahr­ge­nom­men wur­de. Innen­po­li­tisch wuß­te Bis­marck durch sei­ne Vol­ten, sei es bei der Ein­füh­rung der Zivil­ehe oder der Durch­set­zung der Sozi­al­ver­si­che­rungs­ge­setz­ge­bung, ­sowohl Geg­ner als auch Anhän­ger zu ver­blüf­fen. Sein lang­jäh­ri­ger För­de­rer, der alt­kon­ser­va­ti­ve Ernst Lud­wig von ­Ger­lach, zog bei der Zivil­ehe eine rote Linie, die nicht hät­te über­schrit­ten wer­den dür­fen, wenn man den Staat nicht an die Stel­le Got­tes set­zen woll­te. Noch beim frü­hen Bis­marck fin­det sich die­se Form der Gesin­nungs­ethik in vie­len Reden, in denen er vor der Belie­big­keit warnt, die fol­ge, wenn man das siche­re Fun­da­ment des Chris­ten­tums verlasse.

Ernst Lud­wig von Ger­lach hat­te auf­grund sei­ner Prin­zi­pi­en bereits den Krieg gegen Öster­reich abge­lehnt, den er als einen Ver­stoß gegen die ver­bürg­ten Rech­te der von Gott herr­schen­den Fürs­ten betrach­te­te. In sei­ner ­Wahr­neh­mung war Bis­marck ins Lager der Fort­schritt­ler gekippt, die den Natio­nal­staat ver­göt­ter­ten und dafür sorg­ten, daß das Band zwi­schen König und Volk zer­riß. Aus die­ser öffent­lich geführ­ten Debat­te hat sich bis in unse­re Zeit das Argu­ment hin­über­ge­ret­tet, daß Preu­ßen mit der Reichs­einigung von 1871 sei­ne Prin­zi­pi­en ver­ra­ten habe. Auch wenn damit heu­te nur gemeint ist, daß es ein eini­ges Deut­sches Reich nie hät­te geben dür­fen, weil man die­sem das gan­ze Elend des 20. Jahr­hun­derts zurech­net, war schon damals klar, daß die Sym­bio­se von Natio­nal­staat und Mas­sen­zeit­al­ter Kon­se­quen­zen für die über­lie­fer­te Art zu leben haben würde.

Liegt es für die Pha­se der Reichs­ei­ni­gung nahe, der Kipp­fi­gur Bis­marck den größ­ten Anteil am Fort­gang der Geschich­te zuzu­bil­li­gen, wird man in einer frü­he­ren Pha­se eher das Kip­pen der Lage selbst als den Beschleu­ni­ger wahr­neh­men müs­sen. Die 1806 gegen Napo­le­on erlit­te­ne Nie­der­la­ge Preu­ßens führ­te bei zahl­rei­chen Per­so­nen dazu, die Lage neu zu beur­tei­len, und schob ande­re, die schon lan­ge zu einer ande­ren Lage­be­ur­tei­lung gekom­men waren, in Spit­zen­po­si­tio­nen des preu­ßi­schen Staates.

Die auch als Revo­lu­ti­on bezeich­ne­ten Stein-Har­den­berg­schen Refor­men führ­ten zum Wieder­erstarken Preu­ßens, wur­den aber auch als Ent­fes­se­lung der Flieh­kräf­te des Fort­schritts betrach­tet. Fried­rich August Lud­wig von der Mar­witz ist mit sei­ner Lebu­ser Denk­schrift von 1811 als schar­fer Kri­ti­ker der Refor­men her­vor­ge­tre­ten. Mar­witz konn­te dem Kip­pen spä­tes­tens dann nichts mehr ent­ge­gen­set­zen, als sich sein König 1813 dazu ent­schied, das Volk gegen Napo­le­on zur Hil­fe zu rufen (und sich damit den For­de­run­gen der Zeit unterwarf).

Die Dop­pel­deu­tig­keit der ­Kipp­fi­gur schlägt sich noch in einer Bege­ben­heit nie­der, die eben­falls im Zusam­men­hang mit dem erwähn­ten Mar­witz steht. Die­ser hat­te sei­nem Onkel in der Kir­che von Frie­ders­dorf den Grab­stein mit der bekann­ten Inschrift gesetzt: »Johann Fried­rich Adolph / sah Fried­richs Hel­den­zeit / und kämpf­te mit ihm / in allen sei­nen Krie­gen / Wähl­te Ungna­de / wo Gehor­sam nicht Ehre brach­te.« Der Satz bezieht sich auf eine Bege­ben­heit aus dem Sie­ben­jäh­ri­gen Krieg, den ­Mar­witz als Oberst mit­mach­te und dem Fried­rich der Gro­ße das könig­lich-säch­si­sche Jagd­schloß Huber­tus­burg, ver­bun­den mit dem Befehl, es aus­zu­plün­dern, schenk­te. ­Mar­witz ver­wei­ger­te die Aus­füh­rung mit der Begrün­dung: »Weil sich dies allen­falls für Offi­zie­re eines Frei­ba­tail­lons schi­cken wür­de, nicht aber für den Kom­man­deur Sei­ner Majes­tät Gens­dar­mes!« (9)

Auch wenn die Geschich­te his­to­risch nicht ver­bürgt ist, macht sie jedoch eine Vor­aus­set­zung für eine Kipp­fi­gur deut­lich: eine Situa­ti­on, eine Lage, die völ­lig unter­schied­lich beur­teilt wird und daher eine ande­re als die erwar­te­te Hand­lung zur Fol­ge hat. Nie­mand wäre über­rascht gewe­sen, wenn Mar­witz den Befehl aus­ge­führt hät­te, so wie es ein ande­rer nach ihm tat. Der König war ent­spre­chend über­rascht, weil er nicht auf die Idee gekom­men war, daß der Oberst aus der Rol­le fal­len wür­de. Über die Grün­de kann man nur spe­ku­lie­ren. Sicher ist aber, daß sich Mar­witz einem höhe­ren Prin­zip ver­pflich­tet fühl­te, das er ver­letzt sah. Bis zu die­sem Zeit­punkt scheint es die­sen Kon­flikt in sei­nem Leben nicht gege­ben zu haben, so daß die­ser Wider­spruch bis­lang nicht zum Tra­gen gekom­men war.

Dar­aus läßt sich schluß­fol­gern, daß jede Kipp­fi­gur einen sol­chen Moment benö­tigt, in dem auf ein­mal gegen die Grund­über­zeu­gun­gen so ver­sto­ßen wird, daß man es nicht mehr igno­rie­ren kann. Es muß nicht immer ein Moment, es kann auch ein schlei­chen­der Pro­zeß sein, bei dem am Ende die Ent­frem­dung und das Kip­pen ste­hen. Bei Mar­witz wur­de dar­aus kei­ne Oppo­si­ti­on, son­dern es ging ihm nur um die­sen einen Punkt; sobald er über­stan­den war, stell­te er sich wie­der ins Glied und hoff­te, daß ihm der König wie­der irgend­wann gnä­dig sein würde.

Heu­te sind selbst sol­che lich­ten Momen­te sel­ten gewor­den, da im Zwei­fel nicht nur kei­ne Kar­rie­re mehr folgt, son­dern der gesell­schaft­li­che Tod. Das hat sei­nen Grund: »In den Aris­to­kra­tien besit­zen die Men­schen oft eine ihnen eigen­tüm­li­che Grö­ße und Stär­ke. Ste­hen sie mit der Mehr­zahl ihrer Mit­men­schen in Wider­spruch, so zie­hen sie sich zurück, fin­den in sich sel­ber Halt und Trost. In den demo­kra­ti­schen Völ­kern ver­hält es sich anders. Dort erscheint die öffent­li­che Gunst eben­so nötig, wie die Luft, die man atmet, und mit der Mas­se nicht im Ein­klang zu sein, heißt sozu­sa­gen nicht leben.« (10)

So kann es in Zei­ten, die von mani­pu­la­ti­ven Mas­sen­me­di­en und poli­ti­schen Beu­te­ge­mein­schaf­ten geprägt sind, nicht wie bei Mar­witz beim momen­ta­nen Kip­pen blei­ben, son­dern man wird ab einem Punkt gezwun­gen, ganz zu kip­pen. Also über­legt man sich das lie­ber ein­mal mehr, zumal die Beru­fung auf abwei­chen­de per­sön­li­che Über­zeu­gun­gen einen nicht ret­ten wird, da die­se in einer demo­kra­ti­schen Gesell­schaft suspekt sind. Die öffent­li­che Reso­nanz macht zudem jede Kon­se­quenz zu einer Fra­ge der Gesichts­wah­rung für den­je­ni­gen, von dem weg­ge­kippt wur­de. Wer sich heu­te aus der Deckung wagt, wird nicht nur von sei­nen Vor­ge­setz­ten gemaß­re­gelt, son­dern von allen mög­li­chen Laut­spre­chern in Sze­ne gesetzt, so daß es  kaum ohne per­sön­li­chen Scha­den abgeht. Die Sache wird also mit zuneh­men­der Demo­kra­ti­sie­rung der Gesell­schaft unwahrscheinlicher.

Dafür bie­tet das demo­kra­ti­sche Zeit­al­ter ande­re Mög­lich­kei­ten des Kip­pens, die sich die­se Gege­ben­hei­ten zunut­ze machen. Der Zeit­geist, gepaart mit der Aus­sicht auf Macht, ist mit­tels Domi­no­ef­fekt in der Lage, den gan­zen Staat zu einer Kipp­fi­gur zu machen. Das kann schlei­chend pas­sie­ren oder schlag­ar­tig, am Ende fin­den wir eine neue Situa­ti­on vor.

Die­ses Kip­pen von Situa­tio­nen hat es in Deutsch­land seit­her mehr­fach gege­ben. Wenn wir von den Umge­stal­tun­gen nach den ver­lo­re­nen Welt­krie­gen abse­hen, die auf äuße­ren Druck gescha­hen und das gan­ze Land zum Kip­pen brach­ten, blei­ben die inne­ren Umwäl­zun­gen von 1933 und 1968 inter­es­sant, weil sie letzt­lich einer Dyna­mik folg­ten, die auf der Ent­fes­se­lung des Sozia­len beruh­te: »Das Sozia­le ist somit der Raum, der sowohl ›all­ge­mein‹ als auch ›öffent­lich‹ ist: der Raum, in dem die ›sozia­le Fra­ge‹ auf­ge­wor­fen wird und die ›sozia­le Revo­lu­ti­on‹ statt­fin­det, die Macht­er­grei­fung derer, die die sozia­le Fra­ge pro­pa­gie­ren und sich ihre Lösung vor­be­hal­ten.« (11)

Die Macht­über­nah­me steht in bei­den Fäl­len in Zusam­men­hang mit dem Bemü­hen, die­se auf Dau­er zu stel­len, indem die Sicht der Din­ge, die gewon­nen hat oder sich anschickt, es zu tun, als die ein­zig mög­li­che eta­bliert wird. Was im Vor­feld, bevor es ernst wur­de, als ein intel­lek­tu­el­ler Wett­kampf erschei­nen moch­te, in dem es nicht dar­auf ankam, dau­er­haft in ein Lager kip­pen zu müs­sen, das wur­de mit zuneh­men­der Ver­fes­ti­gung der Macht anders. Jün­ger, der mit sei­nem Arbei­ter durch­aus eine Apo­lo­gie des Staa­tes der tota­len Mobil­ma­chung geschrie­ben hat­te, ging auf Distanz, als die Sache Wirk­lich­keit wur­de und das Instru­ment in den fal­schen Hän­den lag. Die apo­dik­ti­sche Natur einer The­se, über die sich strei­ten läßt, wur­de durch die Wirk­lich­keit über­holt, in der die­se The­se abso­lu­te Gül­tig­keit beanspruchte.

Die Nie­der­la­ge von 1945 war total, die Besat­zungs­mäch­te bestimm­ten die poli­ti­schen Gege­ben­hei­ten – wer wie­der mit­ma­chen woll­te, muß­te Kip­pen. Der Alli­ier­ten taten viel dafür, die­ses Kip­pen nach­hal­tig zu gestal­ten, indem sie ins­be­son­de­re den wis­sen­schaft­li­chen und den poli­ti­schen Nach­wuchs ent­spre­chend trai­nier­ten, was zur völ­li­gen Ver­än­de­rung Deutsch­lands, zur eigent­li­chen geis­tig-mora­li­schen Wen­de führ­te. Die Umge­stal­tung der 1960er Jah­re konn­te an die Ree­du­ca­ti­on anschlie­ßen, und weil sie ohne äuße­ren Druck geschah, ist sie für jede Umge­stal­tung Vor­bild geblie­ben. Im Grun­de ging es aber nur dar­um, das öffent­li­che Kip­pen von 1945 in ein inne­res, wirk­li­ches Kip­pen, eines ohne inne­ren Vor­be­halt, umzu­for­men. Auf­grund des zwei­stu­fi­gen Ver­fah­rens war das Unter­neh­men äußerst erfolg­reich. Eine ver­gleich­ba­re Ver­in­ner­li­chung von gesell­schaft­li­chen Nor­men hat es nie zuvor in einem so kur­zen Zeit­raum gegeben.

Auch der DDR ist das, aus unter­schied­li­chen Grün­den, nicht gelun­gen. Des­halb kipp­te das Land in kür­zes­ter Zeit der attrak­ti­ven Mög­lich­keit des west­li­chen Weges ent­ge­gen, als es die Gele­gen­heit dazu hat­te. Die Kipp­figuren, die im Herbst 1989 auf­tra­ten, ver­such­ten mit zer­knirsch­ten Zuge­ständ­nis­sen die Situa­ti­on zu ret­ten: »Von der in der nächs­ten Woche ange­setz­ten Tagung des Zen­tral­ko­mi­tees der SED wer­den nun ein­deu­ti­ge und mit Sub­stanz erfüll­te Aus­sa­gen erwar­tet. Auch ein Beken­nen zur Ver­ant­wor­tung und zu den Ursa­chen des Gesche­he­nen mit ent­spre­chen­den per­so­nel­len Kon­se­quen­zen. […] Hun­dert­tau­sen­de Kom­mu­nis­ten, die ehr­lich und aktiv gear­bei­tet haben, erwar­ten einen kla­ren Kurs.« (12)

Das Ziel die­ser Kipp­fi­gu­ren war ein­deu­tig: Ret­ten, was zu ret­ten ist. Für eine ande­re Kipp­fi­gur offen­bar­te der Zusam­men­bruch der DDR die Mög­lich­keit, zur his­to­ri­schen Per­sön­lich­keit zu wer­den. Hel­mut Kohl muß­te dazu nur ins Lager der­je­ni­gen kip­pen, die den Gedan­ken an eine Wie­der­ver­ei­ni­gung der deut­schen Rest­staa­ten nicht auf­ge­ge­ben hatten.

Der in der Bun­des­re­pu­blik herr­schen­de Zeit­geist hat sich von die­sem Ereig­nis nicht beein­dru­cken las­sen. Wer damals Mor­gen­luft gewit­tert und sei­ne Hoff­nun­gen auf Kipp­fi­gu­ren aus dem Estab­lish­ment gesetzt hat­te, die den Men­schen die Augen öff­nen wür­den, sah sich bald ent­täuscht. Als in der Fol­ge die Lücke zwi­schen der Rea­li­tät, in der die Deut­schen leben müs­sen, und den Wor­ten, in die ihre poli­ti­schen Ver­tre­ter sie klei­den, immer grö­ßer wur­de, fan­den sich immer wie­der neue Kipp­fi­gu­ren, die Hoff­nun­gen weck­ten. Erfül­len konn­ten sie die­se nie. Ent­we­der, weil sie sich nicht mehr in der Posi­ti­on dazu befan­den, oder weil die Kon­se­quen­zen sie zurück­schre­cken lie­ßen. Alles Kip­pen blieb dem Ernst der Lage unan­ge­mes­sen, blieb Spiel der Befind­lich­kei­ten – so wie bei Robert Gernhardt.

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(1) – Robert Gern­hardt: Kipp­fi­gur. Erzäh­lun­gen, Frank­furt a. M. 1986.

(2) – Ernst Jün­ger: Annä­he­run­gen. Dro­gen und Rausch, Stutt­gart 1970, S. 120.

(3) – Her­man Mel­vil­le: »Beni­to Cere­no«, in: ders.: Bil­ly Budd und ande­re Geschich­ten, Ham­burg 1948, S. 266.

(4) – Mel­vil­le: »Beni­to Cere­no«, S. 334.

(5) – Gern­hardt: Kipp­fi­gur, S. 5.

(6) – Her­bert Pfeif­fer: Wen­de-Köp­fe. Von der Kunst der dreh­ba­ren Bil­der, Frank­furt a. M. / Leip­zig 1993, S. 7.

(8) – Bismarck.Reden und Gesprä­che, hrsg. von Fritz Weiß­kir­chen, Pader­born 1957, S. 64

(7) – Pfeif­fer: Wen­de-Köp­fe, S. XI.

(9) – Edgar Mey­er-Karutz: »Ein Grab­stein in der Mark«, in: Die Mark Bran­den­burg, Heft 119, S. 2 – 5.

(10) – Alexis de Toc­que­vil­le: Über die Demo­kra­tie in Ame­ri­ka, Mün­chen 1976, S. 790.

(11) – Han­no Kes­ting: Herr­schaft und Knecht­schaft. Die »sozia­le Fra­ge“ und ihre Lösun­gen, Frei­burg i. Br. 1973, S. 19.

(12) – Mar­kus Wolf: Rede am 4. Novem­ber 1989 auf dem Alex­an­der­platz, unter: www.dhm.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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