Organische Intellektuelle und Selbstvermarkter

PDF der Druckfassung aus Sezession 106/ Februar 2022

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Rat­lo­sig­keit hat sich in Tei­len des wider­stän­di­gen Milieus als neue Nor­ma­li­tät kon­sti­tu­iert. Die­ser Umstand liegt nicht zuletzt dar­in begrün­det, daß es an kla­ren Lini­en man­gelt, die durch Intel­lek­tu­el­le und Poli­ti­ker eben­jenes Milieus gezo­gen wer­den müß­ten: kla­re Lini­en, die das Feld eines Ord­nungs­rah­mens absteck­ten, inner­halb des­sen das dif­fu­se gro­ße Gan­ze für die Ange­hö­ri­gen des Milieus nicht mehr ganz so dif­fus erschei­nen würde.

Statt des­sen, also: statt einer prä­zi­sen Lage­ana­ly­se und des Her­aus­ar­bei­tens einer kohä­ren­ten Gene­ral­li­nie, wird das ste­te Suchen als Norm ver­klärt. Die eige­ne Kon­zept- und Ideen­lo­sig­keit im Poli­ti­schen wird oft dadurch kaschiert, daß man sich in eso­te­ri­sche Selbst­schau ver­tieft oder in mys­ti­sche Sack­gas­sen begibt. So ent­steht für das Gros des genann­ten Milieus und für jene, die man mit gewis­ser Anstren­gung dafür gewin­nen könn­te, ein Vaku­um poli­ti­scher Natur.

Ein sol­ches aber wird, schlich­ten Mecha­nis­men fol­gend, durch ande­re Kräf­te aus­ge­füllt. Sie geben dann Ant­wor­ten, die von den zahl­rei­chen Fra­gen­den und Suchen­den begie­rig auf­ge­nom­men wer­den. Wo dies nicht aus all­mäh­li­cher Über­zeu­gung geschieht, voll­zieht es sich aus Man­gel an kon­sis­ten­te­ren Alternativerzählungen.

Das kann man seit vie­len Jah­ren in den diver­sen kon­ser­va­ti­ven und rech­ten Sphä­ren beob­ach­ten. Zwar ist die Zahl derer, die emp­fäng­lich für Ansät­ze jen­seits der neu­en bun­des­deut­schen Konsens-»Mitte« sind, auf­grund der Zäsu­ren von 2015 ff. (Migra­ti­ons­kri­se) und 2020 ff. (Coro­na­kri­se) kon­ti­nu­ier­lich gewach­sen. Doch steigt mit der Quan­ti­tät nicht ana­log die Qua­li­tät. Ein nen­nens­wer­ter Teil des Wachs­tums des Anti-Main­stream-Blocks ist in jenen Empö­rungs­bla­sen zu ver­zeich­nen, die durch Akteu­re domi­niert wer­den, die nur auf­grund des fort­wäh­ren­den Links­rucks des Main­streams aus die­sem Haupt­strom ent­fernt wur­den (fer­ner pro­fi­tie­ren erfreu­li­cher­wei­se aber auch Bür­ger­be­we­gun­gen, akti­vis­ti­sche Jugend­grup­pen etc.).

Ihr poli­tisch-publi­zis­ti­sches Erfolgs- und bis­wei­len auch ein­träg­li­ches Geschäfts­mo­dell ist es nun, wütend gegen den Ver­lust ihrer Repu­ta­ti­on, ihrer Stel­lun­gen, ihrer Salä­re anzu­schrei­ben. Sie zei­gen sich schlech­ter­dings davon beseelt, die ver­lo­ren geglaub­te »Nor­ma­li­tät« ihres Wir­kens in der »Mit­te der Gesell­schaft« wie­der­her­zu­stel­len, weil sie die sys­te­mi­schen Pro­zes­se auf­grund eige­ner inhalt­li­cher wie habi­tu­el­ler Prä­gun­gen nicht erken­nen kön­nen oder wollen.

Es sind so unter­schied­li­che Akteu­re aus Poli­tik und Medi­en wie Vera Lengs­feld, Hans-Georg Maaßen, Klaus Kel­le oder auch Eri­ka Stein­bach, die ein­zel­ne inhalt­li­che Posi­tio­nen der Herr­schen­den gekonnt angrei­fen, die Kri­tik aber kon­zept­los und ver­kürzt dar­bie­ten, ja Zusam­men­hän­ge bewußt oder unbe­wußt aus­blen­den und den Leser damit im unkla­ren las­sen, daß die­se ein­zel­nen Ver­falls­er­schei­nun­gen der Gesell­schaft auf einem gemein­sa­men Fun­da­ment beru­hen. Ein Fun­da­ment, das als sol­ches – und nicht ledig­lich wegen sei­ner kras­ses­ten Fol­ge­wir­kun­gen (wie der Inau­gu­ra­ti­on eines Queer-Beauf­trag­ten der Bun­des­re­gie­rung) – zu durch­drin­gen und bloß­zu­stel­len ist.

Das Trei­ben die­ser sys­tem­sta­bi­li­sie­ren­den Akteu­re, die häu­fig zugleich als erfolg­rei­che Selbst­ver­mark­ter fun­gie­ren, erin­nert dabei an die Wen­dung von Anto­nio Gram­sci vom »auf­klä­re­ri­schen Irr­tum«. Jener lie­ge immer dann vor, »wenn nur inhalt­li­che Posi­tio­nen kri­ti­siert wer­den und nicht ihre sozia­le Ent­ste­hung oder Ver­brei­tung, die Art und Wei­se, sie als sinn­vol­le, begrün­de­te, zu Hand­lungs­prä­mis­sen im All­tags­ver­stand ver­an­ker­te zu leben, berück­sich­tigt wird«, wie der Päd­ago­ge Janek Nig­ge­mann akzen­tu­iert. (1)

Das heißt in vor­lie­gen­dem Fall, aus dem Jar­gon poli­ti­scher Theo­rie in unse­re All­tags­spra­che her­un­ter­ge­bro­chen: Wer sich vor zum Teil Hun­dert­tau­sen­den Lesern oder Zuse­hern, die latent oder bereits offen oppo­si­tio­nell ein­ge­stellt sind, aus­schließ­lich in Sym­ptom­ana­ly­se ergeht, irrt auf­klä­re­risch. Er besorgt damit das Geschäft des poli­ti­schen Geg­ners. Denn er fokus­siert das anwach­sen­de Pro­test­po­ten­ti­al auf ein­zel­ne Erschei­nun­gen, Über­trei­bun­gen und Teil­be­rei­che, ohne ihre imma­nen­ten Ver­bin­dungs­li­ni­en wahr­neh­men zu wol­len. So lenkt man den Blick ab von ganz­heit­li­chen, inte­gra­len Kri­tik­an­sät­zen und lenkt die Pro­test­stim­mung, die wuchs und gär­te, zurück in Bah­nen, die dem fal­schen Gan­zen unge­fähr­lich blei­ben, weil die zu Wort­füh­rern der Unzu­frie­de­nen gewor­de­nen Rand­fi­gu­ren des Main­streams ihre sym­ptom­ori­en­tier­te Spiel­wie­se gefun­den haben.

Offen­kun­dig ist auch der Umstand, daß jene Selbst­ver­mark­ter nicht voll­um­fäng­lich das leis­ten, was ech­te »Kipp­fi­gu­ren« leis­ten könn­ten. Kipp­fi­gu­ren wer­den zwin­gend benö­tigt: Sie kön­nen bis dato Unpo­li­ti­schen oder nur Anpo­li­ti­sier­ten eine ers­te kon­struk­ti­ve »Anfüt­te­rung« mit Gegen­fak­ten zum Staats­funk und der Kon­zern­pres­se bie­ten, machen im bes­ten Fal­le hung­rig auf wei­te­ren Infor­ma­ti­ons­fluß, regen zum Wei­ter- und Nach­den­ken an und gestal­ten so eine neue Brü­cke zum wider­stän­di­gen Milieu. Dort ange­langt, soll­te es dann wei­te­re inhalt­li­che Unter­füt­te­rung und umfas­sen­de­re Erklä­rungs­an­sät­ze für die Malai­se von heu­te geben (was, sie­he Ein­gangs­be­mer­kung, der­zeit noch unge­nü­gend geleis­tet wer­den kann).

Die­se Kipp­fi­gu­ren, die für gewöhn­lich ver­mehrt in kri­sen­rei­chen Zei­ten auf­tre­ten, sind aber schließ­lich Über­läu­fer aus dem Main­stream, die die Grund­feh­ler dort suk­zes­si­ve erkannt haben und einen bewuß­ten Schluß­strich unter die Kum­pa­nei mit dem fal­schen Gan­zen zie­hen, wes­halb sie mit ihrem Erfah­rungs­schatz und ihrer Authen­ti­zi­tät wert­vol­le Mit­strei­ter und Mul­ti­pli­ka­to­ren für das Wider­stän­di­ge wer­den können.

Es sind eben nicht Ver­prell­te des Main­streams, die alles dafür tun wür­den, dort­hin zurück zu dür­fen. Die­se Ver­prell­ten aber stel­len einst­wei­len die Mehr­heit unter jenen unzu­frie­de­nen Autoren und Publi­zis­ten, die rechts der Mit­te ihren vor­läu­fi­gen Platz einnehmen.

Oft sind der­lei Akteu­re nicht nur aus den bereits gezeich­ne­ten Grün­den ein Ärger­nis, son­dern über­dies des­halb, weil sie eine läs­ti­ge Bar­rie­re for­mie­ren, um Unzu­frie­de­ne eben nicht in den Dunst­kreis wirk­lich oppo­si­tio­nell Gesinn­ter gera­ten zu las­sen. Mit ihrer Brand­mau­er gegen die Ver­fem­ten sind die Ver­prell­ten selbst Teil des mehr­glied­ri­gen Kamp­fes gegen rechts. (Dar­an ändert wenig, daß sie durch lin­ke Scharf­ma­cher befein­det wer­den. Denn für die ton­an­ge­ben­den Krei­se des zeit­ge­nös­si­schen Anti­fa­schis­mus erscheint alles »faschis­tisch« und »rechts­ex­trem«, was nicht im lin­ken Urgrund sei­ne Wur­zeln weiß.)

Vor allem im Nukle­us der Ver­prell­ten respek­ti­ve der Selbst­ver­mark­ter ist näm­lich das viru­len­te Pro­blem der »Distan­ze­ri­tis« behei­ma­tet. Die in die­ser ent­hal­te­ne Gefall­sucht, die Nach­ah­mung bür­ger­li­cher »Mitte«-Denkweisen, die Ver­leug­nung authen­tisch patrio­ti­scher Struk­tu­ren und die Ver­schmä­hung ent­schei­den­der Kor­rek­tu­ren am eige­nen Ent­wurf sind kei­ne Pro­ble­me der Gegen­wart; Distan­ze­ri­tis ist Teil der Ver­prell­ten-DNS aller Zeiten.

Der Ahn­herr einer »Neu­en Rech­ten«, Armin Moh­ler, ana­ly­sier­te schon in den 1980er Jah­ren die aus­blei­ben­de Rücken­de­ckung für grund­sätz­lich aus­ge­rich­te­te Kon­ser­va­ti­ve, Patrio­ten und Rech­te durch sich »gemä­ßigt« ver­ste­hen­de Prot­ago­nis­ten als zu über­win­den­de Hür­de. ­Moh­ler dia­gnos­ti­zier­te, daß »Libe­ral­kon­ser­va­ti­ve« – und die­ser alte Ter­mi­nus bleibt adäquat für die tei­lop­po­si­tio­nel­len Selbst­ver­mark­ter von heu­te – bei jeder anti­fa­schis­ti­schen Kam­pa­gne frü­her oder spä­ter in die Knie gin­gen, da »sie hof­fen, sich ret­ten zu kön­nen, wenn sie die etwas kon­se­quen­te­ren Rech­ten eil­fer­tig den Wöl­fen zum Fraß vor­wer­fen«. (2)

An ande­rer Stel­le frot­zel­te Moh­ler in bezug auf lager­in­ter­ne Distan­zie­rungs­ma­nö­ver, man habe »oft das fata­le Gefühl, die Libe­ral­kon­ser­va­ti­ven sei­en mehr mit ihrer Abgren­zung gegen rechts als mit dem Kampf gegen die Lin­ke beschäf­tigt«. Es ist ver­stö­rend, daß der von Moh­ler im wei­te­ren klar benann­te »oppor­tu­nis­ti­sche Libe­ral­kon­ser­va­tis­mus, der glaubt, mit rein wirt­schaft­li­chen Argu­men­ten und ein biß­chen Frei­heits­rhe­to­rik Poli­tik machen zu kön­nen«, (3) auch vier Jahr­zehn­te nach sei­ner Demon­ta­ge wei­ter­hin exis­tiert und noch heu­te über sei­ne Mul­ti­pli­ka­to­ren das tat­säch­lich oppo­si­tio­nel­le Lager behin­dert. Die­se Flieh­kräf­te und die­se Nach­ah­mungs- sowie Anpas­sungs­ver­su­che bestimm­ter Sor­ten von Poli­ti­kern und Publi­zis­ten in Rich­tung BRD-»Mitte« sind also der alt­west­deut­schen Logik immanent.

Moh­ler beschreibt deren Hin und Her bereits 1979 (!) so: »Man beschei­nigt den soge­nann­ten ›Libe­ral­kon­ser­va­ti­ven‹ ihre Harm­lo­sig­keit, zum min­des­ten für den Anfang – alles rechts von ihnen wird jedoch als ›natio­na­lis­tisch‹, ›rechts­ex­tre­mis­tisch‹, ›faschis­tisch‹ in den Bann getan. Unse­re Mei­nungs­ma­cher brau­chen dann nur zu pfei­fen – schon las­sen die Ver­le­ger und Par­tei­bos­se die Gebrand­mark­ten wie hei­ße Kar­tof­feln fal­len.« (4) Dies ist ein Vor­gang, der so man­chem Leser aus der jün­ge­ren Geschich­te des patrio­ti­schen Lagers bekannt vor­kom­men dürf­te (vgl. zur dies­be­züg­li­chen Situa­ti­on in der AfD die 105. Sezes­si­on und ins­be­son­de­re den in Bäl­de erschei­nen­den kapla­ken-Band Par­tei und Vor­feld).

Den­noch galt für Moh­ler, was auch für heu­te Akti­ve gilt: Jede Genera­ti­on muß aufs neue ver­su­chen, mit ihren Ideen und Vor­stel­lun­gen durch­zu­sto­ßen, die Ver­stän­di­gen ehr­lich zu über­zeu­gen, die Mit­tel­mä­ßi­gen durch Erfol­ge mit­zu­rei­ßen und die Nega­tiv­kräf­te zu iso­lie­ren, damit die Ver­prell­ten nicht die Wort­füh­rer eines Pro­tes­tes sind, der wir­kungs­los ver­pufft und in ein Nichts am Ran­de des Main­streams führt. Hier­für aber bedarf es »orga­ni­scher Intel­lek­tu­el­ler« als Gegen­spie­ler der Selbst­ver­mark­ter auf dem für jede Meta­po­li­tik so wich­ti­gen Ter­rain der Publi­zis­tik, und an denen man­gelt es einst­wei­len noch.

Orga­ni­sche Intel­lek­tu­el­le wach­sen aus einem Milieu her­aus, das fes­te Stand­punk­te und kla­re Nah- und Fern­zie­le sein eigen nen­nen kann. Ohne »gro­ße Erzäh­lung«, die sich im poli­ti­schen Rin­gen her­aus­schä­len wird müs­sen, kann lang­fris­tig kei­ne inte­gra­le Alter­na­ti­ve zum Fal­schen bestehen. Mit poli­ti­schem Bewußt­sein aus­ge­stat­tet und in Kennt­nis der Dia­lek­tik aus real­po­li­tisch Mach­ba­rem und ideen­po­li­tisch Erstre­bens­wer­tem ist es eine ihrer Auf­ga­ben, eine »orga­ni­sche Ver­bin­dung« (Dome­ni­co ­Losur­do)5 zur eige­nen poli­ti­schen Basis, zu den eige­nen Akti­vis­ten und Par­tei­leu­ten, zu Anpo­li­ti­sier­ten wie zu Über­zeug­ten, her­zu­stel­len, zu bewah­ren und fortzuentwickeln.

Mit Gram­sci im Gepäck kon­klu­diert der Ita­li­en-­His­to­ri­ker ­Harald Neu­bert, (6) daß »Bewußt­heit, Akti­vi­tät, Ziel­stre­big­keit der Bewe­gung« glei­cher­ma­ßen her­vor­ge­bracht wer­den müs­sen, damit die Ent­wick­lung des Poli­ti­schen im eige­nen Sin­ne beein­flußt und ange­trie­ben wer­den kann. Wir­ken orga­ni­sche Intel­lek­tu­el­le in ihrem Sin­ne kon­struk­tiv und kon­se­quent, kann auch die von Gram­sci als bedeut­sam umris­se­ne »›ideo­lo­gi­sche‹ Erobe­rung der tra­di­tio­nel­len Intel­lek­tu­el­len« als Neben­ziel ange­gan­gen werden.

Ein Vor­ha­ben, das in unse­rer Zeit und in unse­rem Kon­text als Kampf um Kipp­fi­gu­ren aus den Rei­hen der »tra­di­tio­nel­len« – hier: noch estab­lish­men­tin­te­grier­ten – Intel­lek­tu­el­len um so leich­ter rea­li­sier­bar wür­de, je cou­ra­gier­ter und pro­fes­sio­nel­ler man einst die zu ent­wi­ckeln­den Ideen des eige­nen Milieus in die Öffent­lich­keit zu tra­gen in der Lage ist.

Wer sich aber für sei­ne eige­nen Ideen schämt oder die­se nur ver­klau­su­liert und im Jar­gon des Fal­schen feil­bie­ten kann, bleibt für ech­te »Rene­ga­ten« in spe unat­trak­tiv; es bedarf also unver­kenn­ba­rer Stand­punk­te, die stets selbst­be­wußt und dort, wo es nötig wird, selbst­kri­tisch zu arti­ku­lie­ren und zu ver­tei­di­gen sind. Just die­se poli­tisch-theo­re­ti­sche Kärr­ner­ar­beit, die sich an der Pra­xis ori­en­tiert und an die­se Impul­se aus­sen­det, ist Teil der Funk­ti­on des orga­ni­schen Intel­lek­tu­el­len. Unterm Strich: Er schreibt für die Bil­dung und das Bewußt­sein sei­nes Milieus, ver­sucht dabei aber auch, in ande­re Berei­che vor­zu­sto­ßen, ohne das eige­ne welt­an­schau­li­che und stra­te­gi­sche Anlie­gen in gefall­süch­ti­ger Manier zu kaschie­ren oder zu verfälschen.

Der orga­ni­sche Intel­lek­tu­el­le trägt folg­lich den Ver­än­de­rungs­wil­len in sich – rück­ge­bun­den an sei­ne Welt­an­schau­ung, aus der sich die­ser Wil­le über­haupt erst fol­ge­rich­tig ablei­tet. Der Ver­prell­te, der Teil-Oppo­si­tio­nel­le hin­ge­gen, repro­du­ziert die Denk­sche­ma­ta, Ver­hal­tens­wei­sen und Grund­feh­ler des Main­streams; er nutzt sogar ihren inhä­ren­ten Jar­gon und polt ihn allen­falls leicht um (»Islam­fa­schis­ten«, »rote Nazis«, »grü­ne Bol­sche­wi­ken« usf.). Ihm geht es nicht dar­um, wie des Geg­ners Fun­da­ment durch­drun­gen, ver­stan­den und abge­tra­gen wer­den kann. Son­dern dar­um, selbst wie­der sei­ne Bei­ne auf die­ses Fun­da­ment stel­len zu kön­nen – nach­dem gewiß eini­ge Kor­rek­tu­ren am all­zu kras­sen Links­rutsch erfolgt sind und man eini­ge Stell­sch­räub­chen anders gedreht hat.

Der Ver­prell­te als Selbst­ver­mark­ter sorgt somit für Kon­ti­nui­tä­ten geg­ne­risch instal­lier­ter Ver­blen­dungs­zu­sam­men­hän­ge und leis­tet – trotz sym­pa­thisch erschei­nen­der Schlä­ge gegen Sym­pto­merschei­nun­gen des aktu­el­len Main­streams – kei­ne Auf­klä­rungs­ar­beit im gewis­sen­haf­ten Sin­ne. Der orga­ni­sche Intel­lek­tu­el­le ist dage­gen zugleich ein »Ver­mitt­lungs­in­tel­lek­tu­el­ler«. Der Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Mario Cand­ei­as ver­weist dar­auf, daß ein sol­cher pro­fi­lier­ter Typ des orga­ni­schen Intel­lek­tu­el­len im Rah­men einer arbeits­tei­li­gen Mosa­ik-Struk­tur »die jewei­li­gen poli­ti­schen Ori­en­tie­run­gen, Funk­tio­nen und Kul­tu­ren inner­halb des Mosa­iks« an die eige­nen Akti­vis­ten, Man­dats­trä­ger etc. wei­ter­zu­ge­ben, die­se zu erklä­ren, dar­zu­le­gen – eben zu ver­mit­teln – hat. (7)

Da das Ziel einer oppo­si­tio­nel­len Strö­mung, die per­spek­ti­visch (!) auch die Macht­fra­ge ins Visier nimmt, immer dar­in bestehen muß, Hege­mo­nie zu erlan­gen und zu sichern, muß der Main­stream als Gan­zes befeh­det wer­den. Bekann­ter­ma­ßen ver­fügt er über ein rei­ches Reper­toire an Intel­lek­tu­el­len und Publi­zis­ten; er kann von libe­ral­kon­ser­va­tiv bis links­au­ßen eine gro­ße Spann­brei­te inte­grie­ren, obschon die eigent­li­che Stoß­rich­tung aus dem eta­blier­ten Links­li­be­ra­lis­mus vor­ge­ge­ben wird. Der Ver­prell­te als Selbst­ver­mark­ter strebt dem­nach gegen die­sen Macht­fak­tor Links­li­be­ra­lis­mus, die rela­tiv »rech­te« Flan­ke der Mit­te wie­der beset­zen zu dür­fen; er möch­te ein­ge­baut, das heißt akzep­tiert und gedul­det werden.

So schürt er zwar kon­stant Unmut sei­ner Leser ob des Links­drifts des Main­streams, befä­higt und ermu­tigt sie aber nicht, selbst poli­tisch han­delnd in Erschei­nung zu tre­ten oder sich poli­tisch zu orga­ni­sie­ren. Im Gegen­teil: Weil die Logik und damit auch die Spra­che des fal­schen Gan­zen wei­ter­ge­tra­gen wer­den und man nur Teil­kor­rek­tu­ren wünscht, sorgt man sogar impli­zit für mehr Sta­bi­li­tät des Main­streams. Man kennt die schrul­li­ge Logik der Befür­wor­ter der Teil-Oppo­si­tio­nel­len: Solan­ge es noch »Edel­fe­dern« mit spit­zem Mund­werk gibt, die von Zeit zu Zeit gegen Gen­der-Wahn­sinn und über­trie­be­nen Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus anschrei­ben, kann ja noch nicht alles vor­bei sein; die­se Miß­ver­ständ­nis­se und Betriebs­un­fäl­le der jün­ge­ren Geschich­te wer­den sich schon wie­der ein­pen­deln; die Rea­li­tät war noch immer »kon­ser­va­tiv« – und der­glei­chen Mythen, die das tem­po­rär auf­ge­wall­te Gemüt nar­ko­ti­sie­ren, mehr.

Die wirk­li­che Oppo­si­ti­on mit ihren noch stär­ker her­aus­zu­bil­den­den und zu fin­den­den orga­ni­schen und ver­mit­teln­den Intel­lek­tu­el­len erkennt dage­gen im Ziel, die »Regier­ten von den Regie­ren­den intel­lek­tu­ell unab­hän­gig zu machen« (Gram­sci), eine ihrer Kern­auf­ga­ben. Poli­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on wird als Vor­aus­set­zung mit­ge­dacht, Gegen­auf­klä­rung als Kern­be­reich ver­in­ner­licht, die Bedeu­tung von Begrif­fen, Ideen und Kon­zep­ten erläu­tert, die Wider­sprü­che des viel­ge­stal­ti­gen Geg­ners wer­den offen­ge­legt. Orga­ni­sche und ver­mit­teln­de Intel­lek­tu­el­le üben damit »par­tei­ische Erzie­hungs- und Bil­dungs­pra­xis aus, die auf ideo­lo­gi­schen Prä­mis­sen der­je­ni­gen Pro­jek­te basie­ren, die die Grup­pen ver­tre­ten, aus denen sie als Intel­lek­tu­el­le her­vor­ge­bracht wurden«.

Damit for­mu­liert Janek Nig­ge­mann indes einen Ide­al­zu­stand, von dem ins­be­son­de­re die authen­ti­sche poli­ti­sche Rech­te vor­erst nur träu­men kann. Aber »groß ist der Bedarf an Träu­men, wenn die Zei­ten dun­kel und die Men­schen ohne Hoff­nung sind«. (8)

Wenn F. C. Weis­kopf mit die­ser sal­bungs­vol­len Sen­tenz recht behält, scheint der ent­spre­chen­de Bedarf heu­te immens.

– – –

(1) – Janek Nig­ge­mann: »Wozu brau­chen die das? Bil­dung als geleb­te Phi­lo­so­phie der Pra­xis«, in: Ste­phan Geue­nich u. a. (Hrsg.): Wozu brau­chen wir das? Bil­dungs­phi­lo­so­phie und päd­ago­gi­sche Pra­xis, Müns­ter 2016, S. 58 – 71, hier S. 68, Fuß­no­te 9.

(2) – Armin Moh­ler: »Wie steht es mit der ›Nou­vel­le Droi­te‹?«, in: Cri­ticón 92 (Novem­ber / Dezem­ber 1985), S. 261 f., hier S. 261.

(3) – Armin Moh­ler: »Die fran­zö­si­sche Rech­te. Zwi­schen Libe­ral­kon­ser­va­tis­mus und Natio­nal­ja­ko­bi­nis­mus«, in: Cri­ticón 72 / 73 (Juli / Okto­ber 1982), S. 165 – 168, hier S. 165 und 167.

(4) – Armin Moh­ler: »Wir fei­nen Kon­ser­va­ti­ven«, in: Cri­ticón 54 (Juli / August 1979), S. 171 – 175, hier S. 171.

(5) – Dome­ni­co Losur­do: Der Mar­xis­mus Anto­nio Gram­scis, Ham­burg 2000.

(6) – Harald Neu­bert: ­Anto­nio Gram­sci: Hege­mo­nie – ­Zivil­ge­sell­schaft – Par­tei. Eine Einführung,
Ham­burg 2001.

(7) – Mario Cand­ei­as: »ABC der Trans­for­ma­ti­on: (orga­ni­sche) Intel­lek­tu­el­le; Ver­mitt­lungs­in­tel­lek­tu­el­le«, zeitschrift-luxemburg.de (ohne Datum).

(8) – F. C. Weis­kopf: Lis­sy oder Die Ver­su­chung, ­Ber­lin 1958, S. 9.

 

 

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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