Endspiel Europa (1): Einbettung und Überblick

Ulrike Guérot und Hauke Ritz haben den Essay Endspiel Europa vorgelegt. Er ist eine gegen den Mainstream gerichtete Deutung des Ukrainekonflikts.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Gué­rot ist Poli­tik­wis­sen­schaft­le­rin und lehrt seit 2021 als Pro­fes­so­rin in Bonn. Hau­ke Ritz ist pro­mo­vier­ter Phi­lo­soph und beschäf­tigt sich vor allem mit Außen- und Frie­dens­po­li­tik. Wer sei­ne Tex­te aus den letz­ten Jah­ren gele­sen hat, erkennt in den die Ukrai­ne und Ruß­land betref­fen­den Kapi­teln sei­ne Handschrift.

Von Gué­rot wer­den die naiv-idea­lis­ti­schen und dring­lich ver­faß­ten Pas­sa­gen über ein ent­na­tio­na­li­sier­tes, auf Regio­nen gestütz­tes Euro­pa stam­men. Sie trat als Euro­pa-Akti­vis­tin auf und befür­wor­te­te das Prin­zip der offe­nen Gren­zen von 2015, das eine seit­her anhal­ten­de Mas­sen­ein­wan­de­rung vor allem nach Deutsch­land ermög­licht. Auf­grund sol­cher Posi­tio­nie­run­gen durf­te sie noch vor weni­gen Jah­ren alle Regis­ter der gro­ßen zivil­ge­sell­schaft­li­chen Orgel zie­hen – etwa, als sie 2018 das “Euro­pean Bal­co­ny Pro­ject” mit­in­iti­ier­te und auf dut­zen­den Thea­ter­büh­nen ein “Mani­fest für die euro­päi­sche Repu­blik” ver­le­sen ließ, das sie gemein­sam mit dem Schrift­stel­ler Robert Men­as­se ver­faßt hatte.

Aber daß der ver­meint­li­che Kampf gegen Coro­na den rigi­den Maß­nah­men­staat ermög­lich­te, ver­setz­te Gué­rot einen Schock. Ihr Buch Wer schweigt, stimmt zu zeugt davon. Es wur­de, getra­gen vom ver­blüf­fen­den Umstand eines Sei­ten­wech­sels Gué­rots, ein Best­sel­ler. Seit­her gilt sie den Medi­en­eli­ten als nicht mehr zuver­läs­sig und wird in Debat­ten kri­tisch umstellt.

Gué­rot und Ritz schrie­ben End­spiel Euro­pa nicht mehr aus der Sicher­heit der­je­ni­gen her­aus, denen man mit Wohl­wol­len begeg­net. Daß sie sich des­sen bewußt sind und daß sie den media­len und zivil­ge­sell­schaft­li­chen Mecha­nis­mus der Can­cel Cul­tu­re begrif­fen haben, machen sie bereits im Vor­wort deut­lich. Dort heißt es auf Sei­te 13:

Da es heu­te in Zei­ten sicht­lich ein­ge­schränk­ter Dis­kurs­kor­ri­do­re für vie­le fast schon uner­träg­lich ist, eine ganz ande­re Sicht­wei­se über­haupt zuzu­las­sen oder anzu­hö­ren, möch­ten wir Fol­gen­des klarstellen: …

Sie stel­len im Fol­gen­den klar, daß sie Putins Ein­marsch in die Ukrai­ne nicht gou­tie­ren und die “wehr­haf­te Reak­ti­on der ukrai­ni­schen Bevöl­ke­rung ohne Fra­ge nach­voll­zie­hen” kön­nen. Im nächs­ten Absatz erklä­ren sie jedoch, es sei

wich­tig und rich­tig, Putins bezie­hungs­wei­se Ruß­lands Moti­va­ti­on und Inter­es­sen zu verstehen.

Die­ses Ver­ste­hen mün­det in deut­li­che The­sen. Sie sind weit vorn im Buch zu fin­den – die Sei­ten 34 und 35 bie­ten eine Quint­essenz. Dort heißt es:

Wir lei­ten aus ame­ri­ka­ni­schen Quel­len her, daß der rus­sisch-ukrai­ni­sche Krieg ein lang vor­be­rei­te­ter ame­ri­ka­ni­scher Stell­ver­tre­ter­krieg ist, eine Apo­theo­se jahr­zehn­te­lan­ger ame­ri­ka­ni­scher Geo­stra­te­gie, deren eigent­li­ches Ziel die Ver­fes­ti­gung der ame­ri­ka­ni­schen Domi­nanz in Euro­pa ist. Euro­pa soll von sei­nen wirt­schaft­li­chen Adern im Osten abge­schnit­ten werden.

Und wei­ter:

Es ist eine Poli­tik der “restric­ted dam­mage”, der kon­trol­lier­ten, aber bewuß­ten wirt­schaft­li­chen Schä­di­gung, die vor allem die Kap­pung des deut­schen Han­dels­über­schus­ses, der im Osten erwirt­schaf­tet wird, zum Ziel hat.

Die­se in aller Deut­lich­keit for­mu­lier­ten Schluß­fol­ge­run­gen müs­sen für jeden, der die Denk­be­we­gung Gué­rots in der Coro­na-Fra­ge für einen Aus­rut­scher hielt und den noch nicht breit wahr­ge­nom­me­nen Hau­ke Ritz bis­her über­se­hen hat­te, scho­ckie­rend und atem­be­rau­bend sein:

War das Ziel der NATO im 20. Jahr­hun­dert in den berühm­ten Wor­ten von Lord Ismay, “to keep the Rus­si­ans out, the Ame­ri­cans in and the Ger­mans down”, so müß­te es im 21. Jahr­hun­dert viel­leicht hei­ßen: Keep the Ame­ri­cans out, the Rus­si­ans in and left Euro­pe up?

Sol­ches zu zitie­ren und mit der For­de­rung zu ver­bin­den, man müs­se in Zukunft bes­ser den­je­ni­gen “drau­ßen” hal­ten, der auf dem euro­päi­schen Kon­ti­nent und der eura­si­schen Land­mas­se nichts ver­lo­ren habe, ist eine dra­ma­ti­scher Gegen­vor­schlag zu allem, was gera­de pro­pa­giert wird. Gué­rot und Ritz machen ihn, weil es ihnen letzt­lich um die Eman­zi­pa­ti­on Euro­pas geht, um die Ret­tung des Gué­rot­schen Her­zens­an­lie­gens einer euro­päi­schen Selbst­er­mäch­ti­gung hin zu einer euro­päi­schen Repu­blik, deren Ent­ste­hung zugleich die Über­win­dung der Natio­nal­staa­ten sein müsse.

An die­ser Stel­le beginnt die fun­da­men­ta­le Revi­si­on eines ver­meint­lich fest­ge­schrie­be­nen Geschichts­bil­des. Die­se Revi­si­on wird in ihren Umris­sen sicht­bar, wenn man zusam­men­trägt, was dem Essay an his­to­ri­schen Annah­men zugrun­de­liegt. Immer geht es dabei um his­to­ri­sche Leh­ren, die Euro­pa als ein Gan­zes zu zie­hen habe und die es zu einem staats­bil­den­den Kon­sens jen­seits natio­nal­staat­li­cher Befind­lich­kei­ten füh­ren sollten.

So spre­chen Gué­rot und Ritz an meh­re­ren Stel­len von einem zwei­ten Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg, der von 1914 bis 1945 gedau­ert habe und in dem “wir” eine grund­le­gen­de gemein­sa­me Erfah­rung gemacht hätten:

Was wir tei­len, ist, daß wir alle zugleich Schläch­ter und Opfer waren.

Die­ser schuld- und leid­ver­tei­len­de Satz zitiert den Schrift­stel­ler Lau­rent Gau­dé. Er steht auf Sei­te 20 und wird bereits im nächs­ten Absatz auf den Ukrai­ne­kon­flikt übertragen:

Der gan­ze Wahn­sinn der ahis­to­ri­schen Betrach­tungs­wei­se die­ses Krie­ges zeigt sich allein in der fast gebets­müh­len­ar­ti­gen Beto­nung des “rus­si­schen Angriffs­krie­ges” vom 24. Febru­ar, als sei die­ser Krieg punkt­ge­nau an die­sem Tag plötz­lich vom Him­mel gefallen.

So argu­men­tie­ren und wer­ten kann nur, wer davon aus­geht, daß jeder Krieg vie­le Väter habe und daß die Abwe­sen­heit schar­fer Schüs­se nicht gleich­be­deu­tend mit “Frie­den” sei. Viel­mehr gebe es Nach­kriegs­ord­nun­gen, in denen bereits der Keim des nächs­ten Krie­ges stecke.

In exakt die­sem Sinn argu­men­tie­ren Gué­rot und Ritz in ihrem Kapi­tel über die Wen­de­zeit und die gro­ße euro­päi­sche Chan­ce nach 1990. Euro­pa und die USA hät­ten die­sen his­to­ri­schen Moment damals von Anfang unter­schied­lich wahr­ge­nom­men: Euro­pa als Wie­der­ver­ei­ni­gung des Kon­ti­nents, Ame­ri­ka als Sieg über den ideo­lo­gi­schen Kon­kur­ren­ten um die Weltmacht.

Wo Euro­pa die Mög­lich­keit zu einer kon­ti­nen­ta­len Frie­dens­ord­nung abge­lei­tet hät­te, habe Ame­ri­ka eine uni­po­la­re Welt­ord­nung abge­lei­tet und kon­zi­piert, eine Welt­ord­nung mit nur einer ein­zi­gen Welt­macht, die an kein Inter­ven­ti­ons­ver­bot mehr gebun­den sein dür­fe und deren legi­ti­mer Anspruch es sei, die eige­ne Mischung aus libe­ral­de­mo­kra­ti­schem Sys­tem und unre­gu­lier­tem Kapi­ta­lis­mus auf der gan­zen Welt zu verbreiten.

Part­ner sei­en in die­ser Welt­sicht eben­so­we­nig vor­ge­se­hen wie der Respekt vor dem Eigen­in­ter­es­se ande­rer Staa­ten und Groß­räu­me, schrei­ben Gué­rot und Ritz, und sie wer­ten auf Sei­te 46/47 erneut mit Ver­weis auf his­to­ri­sche Parallelen:

Die Art und Wei­se, wie man Ruß­land jede Part­ner­schaft ver­wei­ger­te, erin­nert an den Ver­sail­ler-Ver­trag, mit dem nach dem Ers­ten Welt­krieg vor allem Frank­reich die dau­er­haf­te Schwä­chung Deutsch­lands anstreb­te. Heu­te sind sich His­to­ri­ker einig, daß in die­sem Frie­dens­ver­trag, der Deutsch­land kei­ne Ent­wick­lungs­per­spek­ti­ve bot, bereits der Weg zum Zwei­ten Welt­krieg beschlos­sen lag.

Und sie schlußfolgern:

Euro­pa hat die­se Lek­ti­on schon 1945 gelernt; die Ame­ri­ka­ner anschei­nend bis heu­te nicht.

Die­se Ansicht rührt aus der Not­wen­dig­keit, der Gué­rot und Ritz unter­wor­fen sind: näm­lich den eigent­li­chen Wunsch Euro­pas in einen schrof­fen Gegen­satz zu dem zu stel­len, was Ame­ri­ka auf “unse­rem” Kon­ti­nent anrich­tet. Der Essay geht so weit, die Anwe­sen­heit der USA in Euro­pa als “Ano­ma­lie” zu bezeich­nen und ihr die Nor­ma­li­tät guter deutsch-rus­si­scher Bezie­hun­gen gegen­über­zu­stel­len, die von Peter dem Gro­ßen bis zu Bis­marck auf Han­dels­be­zie­hun­gen, deut­schen Sied­lungs­be­we­gun­gen, adli­ger Ver­sip­pung und gegen­sei­ti­ger kul­tu­rel­ler Befruch­tung beruh­ten. Gué­rot und Ritz kom­men auf Sei­te 101 zu dem Schluß:

Der Infor­ma­ti­ons­krieg, den die USA gegen Ruß­land füh­ren, hat also vor allem den Zweck, die Euro­pä­er ihre Geschich­te ver­ges­sen zu las­sen, damit die his­to­ri­sche Ano­ma­lie als neue Norm – und gera­de­zu als alter­na­tiv­lo­se Not­wen­dig­keit – emp­fun­den wer­den kann.

Der Begriff “Infor­ma­ti­ons­krieg” öff­net eine wei­te­re Türe. Er steht im End­spiel Euro­pa syn­onym für Pro­pa­gan­da, also für eine ziel­ge­rich­te­te Kom­mu­ni­ka­ti­on, mit deren Hil­fe um Deu­tungs­macht gekämpft wird. Es geht um plan­mä­ßi­ges kom­mu­ni­ka­ti­ves Vor­ge­hen, das den Geg­ner des­avou­ie­ren, ihn zum mora­li­schen Feind machen und ihm die Legi­ti­mi­tät im Rah­men der Aus­ein­an­der­set­zung abspre­chen soll. Es geht um den Krieg der Bil­der, um die Beset­zung von Begrif­fen und um die Mobi­li­sie­rung der Weltpresse.

Auch an die­ser Stel­le ist die Argu­men­ta­ti­on des Essays ver­blüf­fend, wenn man sich ver­ge­gen­wär­tigt, aus wel­chen Zusam­men­hän­gen die Autoren stam­men und wie vor allem Gué­rot bis­her argu­men­tier­te. Man kann ihren medi­en­kri­ti­schen Blick wohl dar­auf zurück­füh­ren, daß sie im Rah­men ihrer Recher­chen zum Coro­na-Maß­nah­men­staat und mehr noch an der dann ein­set­zen­den Bericht­erstat­tung über ihre Fra­ge­stel­lun­gen eine Ahnung davon bekam, was es bedeu­tet, einem Medi­en­block gegen­über­zu­ste­hen, der sich nicht nur punk­tu­ell selbst gleich­schal­tet (und wohl nicht immer nur “sich selbst”).

Gué­rot und Ritz ver­wer­fen auf Sei­te 97 also die bun­des­deut­sche Medi­en­land­schaft in Bausch und Bogen und emp­feh­len, daß jeder sein eige­ner Repor­ter sei.

Daß die­ser Infor­ma­ti­ons­krieg in den Köp­fen der Men­schen funk­tio­nie­ren kann, hängt mit den feh­len­den Aus­tausch­pro­gram­men zusam­men. … Wer nicht selbst reist und Din­ge mit­hin aus eige­ner Anschau­ung her­aus beur­tei­len kann, ist von media­ler Bericht­erstat­tung abhängig.

Wor­über sie nur impli­zit spre­chen, ist der Auf­bau alter­na­ti­ver, viel­leicht sogar frei­er Medi­en, denen Glau­ben zu schen­ken wäre und die wenigs­tens als Kor­rek­tiv wir­ken könn­ten. Denn wenn man sich anschaue, wie ein­sei­tig Geschich­ten über rus­si­sche Ver­ge­hen aus den ver­gan­ge­nen Jah­ren erzählt wür­den, wären es (Sei­te 98)

wahr­schein­lich der Wes­ten und sei­ne Medi­en, die sich zu recht­fer­ti­gen hätten.

Daß es dazu nicht kom­men wer­de, wis­sen Gué­rot und Ritz und ord­nen die­se Absi­che­rung gegen Kri­tik der Ent­wick­lung eines Umge­kehr­ten Tota­li­ta­ris­mus zu, den unter ande­rem der us-ame­ri­ka­ni­sche Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Shel­don Wolin in einem Buch mit die­sem Titel beschrieb. Die USA und Euro­pa glit­ten, so Gué­rot und Ritz, in die­sen umge­kehr­ten Totalitarismus,

in dem das Sys­tem zwar for­mal demo­kra­tisch bleibt, aber zum Bei­spiel über eine frei­wil­li­ge Gleich­schal­tung der Medi­en die Mei­nungs­kor­ri­do­re ein­ge­engt oder über (kapi­tal­ge­steu­er­te) Geset­zes­än­de­run­gen der Grund­rechts­be­stand ent­kernt werden.

Die The­se von Wolins umge­kehr­tem Tota­li­ta­ris­mus sei, daß “die auto­ri­tä­ren Pro­zes­se im Wes­ten nur in dis­gui­se, also sub­li­mier­ter” pas­sier­ten, wäh­rend “Ruß­land mehr oder weni­ger offen auto­ri­tär” (und damit ehr­li­cher) agie­re. Ver­schleie­rung und Ver­lo­gen­heit? Camou­fla­ge und Stra­te­gien von Euphe­mis­mus und Nud­ging? Jeden­falls habe Mos­kau, so steht es auf Sei­te 127,

die Erfah­rung gemacht, daß sich der Wes­ten an Ver­trä­ge und Abkom­men nur solan­ge hält, solan­ge sie ihm nutzen.

– – –

Soweit der ers­te Über­blick und die ers­te Ein­ord­nung des Buchs in die Debat­ten­si­tua­ti­on Anfang Novem­ber 2022. Um die Posi­ti­on des Essays in der Fra­ge nach den Ursa­chen des Ukrai­ne­kon­flikts wird es im zwei­ten Teil gehen.

Aber was machen wir ins­ge­samt mit die­sem Buch? Wir begrü­ßen es. Natür­lich ist für uns vie­les nicht neu. Außer­dem haben wir es fei­ner geglie­dert und gründ­li­cher for­mu­liert, und zwar schon vor Jah­ren. Und natür­lich hät­ten wir uns gewünscht, es wäre mal eine Ulri­ke Gué­rot auf Klas­sen­fahrt hier abge­stie­gen, um sich selbst ein Bild von unse­rer Lage und unse­rem Den­ken zu machen. Aber damals war sie nicht medi­en­kri­tisch, son­dern eine der Betrei­be­rin­nen des Infor­ma­ti­ons­kriegs gegen die­je­ni­gen, die schon etwas län­ger warnten.

Schwamm drü­ber. Wir dan­ken für ein tat­säch­lich an vie­len Stel­len atem­be­rau­ben­des Lese­ereig­nis, denn das Buch muß ein­ge­bet­tet in den Zustand unse­rer Debat­ten­kul­tur gele­sen wer­den. Und wir wis­sen, daß Bewe­gung in die Sache nur brin­gen kann, wer zum Main­stream gehört und ihn herausfordert.

Für uns Tret­mi­nen­ex­per­ten ist es eine span­nen­de Sache, wenn sich zwei Leu­te in Gedan­ken­sprün­gen quer durch den his­to­ri­schen und geo­po­li­ti­schen Minen­gür­tel bewe­gen und der Annah­me auf­sit­zen, die­je­ni­gen auf den Wach­tür­men wür­den genau­so gern debat­tie­ren wie man selbst…

– – –

Unbe­dingt lesen: Ulri­ke Gué­rot und Hau­ke Ritz – End­spiel Euro­pahier ein­se­hen und bestel­len.
Erwähnt wur­de: Shel­don Wolin – Umge­kehr­ter Tota­li­ta­ris­mushier ein­se­hen und bestel­len.
Und das Coro­na-Buch: Ulri­ke Guer­ot – Wer schweigt, stimmt zuhier ein­se­hen und bestel­len.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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Kommentare (36)

kikl

31. Oktober 2022 17:56

"Heute sind sich Historiker einig, daß in diesem Friedensvertrag, der Deutschland keine Entwicklungsperspektive bot, bereits der Weg zum Zweiten Weltkrieg beschlossen lag."

Gerade in Frankreich wird auch die gegenteilige These vertreten, dass man Deutschland nicht ausreichend geknechtet habe mit dem Vertrag von Versailles. Der rechte Politiker Éric Zémmour steht beispielsweise für diese Interpretation der Geschichte und er ist nicht der einzige in Frankreich. 

"Europa hat diese Lektion schon 1945 gelernt; die Amerikaner anscheinend bis heute nicht."

Die Amerikaner haben es nicht gelernt, aber die Europäer auch nicht. Eine ehrliche und offene Debatte über die Geschichte der Weltkriege steht noch aus. Diese Debatte ist conditio sine qua non für echten und dauerhaften Frieden in Europa.

kikl

31. Oktober 2022 17:57

Die These vom "Umgekehrten Totalitarismus" bedeutet wohl, dass Frau Guérot für den Mainstream verloren ist und endgültig sich unter die Dissidenten einreiht. Den Begriff "Totalitarismus" halte ich für übertrieben. 

Die BRD ist ein autoritärer Staat, der von Oligarchen im polit-medialen Komplex de facto gesteuert wird. Der Volkswille wird einfach durch Lügenpropaganda erzeugt, die von einem woken Medienkartell verbreitet wird. ("Manufacturing Consent!") Abweichende Stimmen werden unterdrückt oder ganz mundtot gemacht.

Wir gehen allerdings mit großen Schritten in Richtung Totalitarismus; Frau Faeser und der VS schreiten voran. Die totale Überwachung und Ausschaltung aller Selberdenker wäre echter Totalitarismus.

Ich freue mich darüber, dass mit Frau Guérot echte Systemkritik populär wird.

Leander

31. Oktober 2022 19:45

Lenin's Bolschewismus hat Russland mit dem progressiven Europa inkompatibel gemacht und das ist es noch immer. Der Zerfall der Sowjetunion ist noch nicht abgeschlossen und solange die Russische Föderation auf den Atomwaffen der Sowjets sitzend einen Weltmachtstatus beansprucht ist der Kalte Krieg nicht zu Ende. 

Leander

31. Oktober 2022 21:04

Ich erlaube mir, Kubitscheks Zitaten aus dem Buch ein weiteres hinzuzufügen:

Zitat: "Studiert man die westlichen Kriegsvorbereitungen im Detail, so wird deutlich, dass der Ukraine die Rolle zukam, stellvertretend für den Westen einen Krieg mit Russland zu beginnen, der dann militärisch und logistisch von NATO-Mitgliedstaaten unterstützt werden sollte, ohne die Allianz insgesamt direkt in den Krieg zu involvieren."

Mit diesem Statement wird das Buch für die einen zur Bibel, für die anderen zum Pamphlet für den Papierkorb. Wie auch immer, Fr. Guerot hat den Mainstream tatsächlich herausgefordert und die Scheinwerfer der Wachtürme schwenken bereits auf sie ein. 

Simplicius Teutsch

31. Oktober 2022 23:12

"Die unfundierten Aussagen der Professorin Ulrike Guérot schaden dem Ruf der Uni Bonn", schreibt ganz aktuell Julian Seiferth auf T-online, einer lupenreinen Propaganda-Plattform linksgrüner Regierungspolitik, auf der während der Corona-Zeit fleißig die psychologische Kriegsführung gegen Querdenker und Ungeimpfte vorangetrieben wurde.

Man könne Ulrike Guerot nach ihren wiederholten Verstößen gegen wissenschaftliche Standards "nicht mehr auf Studierende loslassen", meint der Wiener Sozialhistoriker, Professor Philipp Ther. "Es fehlt [bei Ulrike Guerot] jede Basis für eine fundierte Einschätzung."

Andere sind ähnlicher Meinung. „Die Uni Bonn muss sich fragen, wie es zu dieser Berufung kommen konnte.“

ede

31. Oktober 2022 23:25

Für uns Tretminenexperten ist es eine spannende Sache, wenn sich zwei Leute in Gedankensprüngen quer durch den historischen und geopolitischen Minengürtel bewegen und der Annahme aufsitzen, diejenigen auf den Wachtürmen würden genauso gern debattieren wie man selbst…

Ja. Schön gesagt. Man wird sehen wie sich Ernüchterung auswirkt.

Was eine europäische Lösung sein soll wird wohl im Essay skizziert sein.

Herr K aus O

1. November 2022 07:22

Hier ist es also wieder: Das Rasiermesser, dass spätestens seit 2015 - eigentlich schon ab 2008 - die Welt in ein Gut und ein Böse unterteilt. Frau Guerot ging mir entsetzlich auf die Nerven mit ihren Europa Ideen, aber willkommen bei den Bösen. Soviel ich weiß, gibt es keine besondere Initiationsriten, außer die Wahrheit zu erkennen, bzw. wem das zu rigoros ist: Skeptisch und kritisch zu sein.

H. M. Richter

1. November 2022 07:32

Inzwischen Leben wir in Zeiten, in denen das Verfassen eines Buches wie Endspiel Europa der Bestellung eines Schierlingsbechers entspricht. Zumindest was die wissenschaftliche Karriere betrifft.

Wie aus dem Wörterbuch des Unmenschen entnommen, wird Guerot nun hinterhergerufen, man könne sie "nicht mehr auf Studierende loslassen". Loslassen, wie einen Hund.

"Vom Hof jagen", würde gut dazu passen. Wie zu lesen und zu hören ist, wird die Universität Bonn diesbezüglich bereits unter Druck gesetzt. Jene Universität, die Thomas Mann 1936 die Ehrendoktorwürde aberkannte, weil sie dem seinerzeitigen Druck nicht standzuhalten vermochte.

Adler und Drache

1. November 2022 09:18

Und wir wissen, daß Bewegung in die Sache nur bringen kann, wer zum Mainstream gehört und ihn herausfordert.

Bitter, aber wahr! Ist man einmal Teil der Blase, ist fast nur noch "preaching to the converted" möglich. Das macht das Gerede in unserer Blase manchmal überaus eintönig und nervtötend. Manchmal ist es besser, zu schweigen. Immer öfter denke ich, ich hätte mein Pulver viel zu früh verschossen; in den aktuellen Verwerfungen wiegt jedes Wort zehnmal mehr als noch vor 5 Jahren.  

Valjean72

1. November 2022 09:36

Vielen Dank für diese Buchbesprechung. Im Sommer 2014 stieß ich - im Zuge der Nachbetrachtung des Regierungsumsturzes in der Ukraine - auf einen sehr aufschlussreichen Aufsatz von Hauke Ritz zur US-amerikanischen Geopolitik aus dem Jahr 2008 (hier).

Auf Ulrike Guérot stieß ich zum ersten Mal Anfang 2016, als der Deutschlandfunk ein Interview mit ihr veröffentlichte:

Sie appelliert, Flüchtlinge als Weltgäste zu betrachten – und sie ihre eigenen Städte im Gastland bauen zu lassen.

Daraufhin beschäftigte ich mich seinerzeit mit Frau Guérots Lebenslauf und dieser war - wenig überraschend - mehr als deutlich transatlantisch geprägt und ausgerichtet.

2000 - 2003: Leiterin der Programmgruppe Europa bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik*

2004 - 2007: wissenschaftliche Mitarbeiterin des German Marshall Fund

2007 - 2013: Leiterin des Berliner Büros des European Council on Foreign Relations

*Gegründet 1955 in Zusammenarbeit mit dem US-Think Tank für Außenpolitik Council on Foreign Relations und dem britischen Think Tank Chatham House.

Kurzum: ich traue dieser Frau nicht und wundere mich, dass Herr Ritz mit ihr nun dieses Buch schrieb.

Herr K aus O

1. November 2022 09:58

@kikl

So optimistisch wie Sie, die Bundesrepublik als Staat zu bezeichnen, bin ich schon gar nicht mehr. Ich sehe im Auftreten von Herrn Scholz mehr einen geprügelten Hund, der von seinem strengen Herrn hart an der Leine geführt wird.

Das Kernthema der Politik Merkels war es, deutsche Souveränität aufzugeben, sei es bei der Währung, Verteidigung, Grenzen usw.

Ich vermute, Frau Guerot hat diese Entwicklungen begrüßt, insofern wird es interessant, sie dabei zu beobachten, ob sie diese Sicht revidiert.

Meiner Meinung nach ist nämlich genau der Verzicht auf Souveränität DAS Grundübel dieses, ja, jetzt sage ich es doch: Staates. Nur so kommen die überstaatlichen Gebilde wie NATO, EZB, WHO, Greta T. usw. erst richtig zum Zuge.

Valjean72

1. November 2022 10:13

So sprechen Guérot und Ritz an mehreren Stellen von einem zweiten Dreißigjährigen Krieg, der von 1914 bis 1945 gedauert habe …

Und sie schlußfolgern: Europa hat diese Lektion schon 1945 gelernt; die Amerikaner anscheinend bis heute nicht.

Dieser Zweite 30-jährige Krieg war 1918 noch nicht abgeschlossen und so wurden in Versailles gezielt Konfliktherde und Sollbruchstellen angelegt, um den Fortgang dieses Krieges mehr oder weniger planmäßig ablaufen zu lassen. Erst kalt und dann wieder heiß. Hier gab es mE für die maßgeblichen Entscheidungsträger überhaupt keine Lektion zu lernen, weil das, was sie erreichen wollten auch erreicht haben.

Frage: Welche Staaten, Staatsgebilde sind als die absoluten Gewinner dieses Zweiten 30-jährigen Krieges zu bezeichnen? Die meisten werden wohl schnell zwei Staaten nennen können, ich komme auf drei.

Laurenz

1. November 2022 10:27

Bin erschüttert, mit welch geringen historischen Kenntnissen man in Deutschland Politikwissenschaftler werden kann. Vor allem dann, wenn man, wie Frau Guérot, auch noch an seine hanebüchenen Ideale glaubt. Gerade hier bekommt der Satz, Glauben heißt Nicht-Wissen, besondere Bedeutung. Bei den ganzen, von H. M. Richter & Simplicius Teutsch direkt oder indirekt zitierten Mainstream-Kasper ging ich davon aus, sie wissen es besser, betrügen aber als System-Profiteure die Öffentlichkeit. Aber gerade der Fall Guérot, der historische Inkompetenz so offensichtlich macht, wie das Quellwasser eines Bergbachs, läßt mich nun auch an der Kompetenz ihrer Kritiker zweifeln. Gibt es hier überhaupt noch einen Unterschied zur Bildungskatastrophe bei deutschen Politikern? Aber das ist auch ein Phänomen, welches auf der SiN gegenwärtig ist. Leander stellt ohne jegliche Recherche völlig lächerliche, von Vorurteilen geprägte Behauptungen zur Russischen Atommacht auf. https://www.atomwaffena-z.info/heute/atomwaffenstaaten/russland.html

RMH

1. November 2022 10:46

Die AfD Bundestagsfraktion hat ihren Standpunkt mehrheitlich bereits vor einiger Zeit gefunden, nur einmal zur Erinnerung:

Ukrainekrieg - AfD-Fraktion im deutschen Bundestag (afdbundestag.de)

Beachtenswert ist der klare Punkt Nr. 1, um den hier viel nach wie vor herumeiern, als ob sie damit ihrem Erzfeind USA irgendetwas schenken würden, dabei ist der Hinweis, auf Kreige, die viele Väter haben damit mitnichten ausgeschlossen. Der letzte Entschluss liegt eben immer noch beim Angreifer. Das Positionspapier macht mit dieser Nr. 1 klar deutlich, dass für Deutschland die zentrale politische Diskussion entlang der Konsequenzen zu erfolgen hat. Auch hier ist die AfD Fraktion weiter als viele hier und - so mein Eindruck - auch Schnellroda.

RMH

1. November 2022 11:00

Dass Frau Guerot sich jetzt, nachdem sie aus dem Mainstream "gefallen" und bereits einen Bestseller geliefert hat, das heiße Eisen weiter schmiedet, ist opportun. Das hier aber Verlagsinteressen auch dahinter stehen, jetzt schnell noch ein weiteres Tabu-Thema anzugehen, erkennt man bereits daran, dass ein Co-Autor benötigt wurde, der die Sachkompetenz zum Thema mitbringen durfte. Da ich für meinen Teil bspw. immer noch einen Satz mit Aufklebern aus dem Hause Sezession mit Sarrazin (zeigt nach rechts) und "Wende" in der Schublade habe und sich nichts groß gewendet hat, bin ich erfahrungsgemäß skeptischer, was die echte Wirkung solcher Bücher von Seitenwechslern angeht. Sarrazin wurde immerhin noch wohlhabender, als er ohnehin bereits war.

Ein Fremder aus Elea

1. November 2022 11:47

@kiki. Was Sie über Frankreich sagen, ist lustig. Sagen wir einfach, daß Frankreich nicht mehr für sich herausschlagen konnte. Und in Deutschland geht es traditionell weniger darum, die Meinung vorzuschreiben, als darum, das Aufkommen von Meinungen durch Rundumversorgung zu vermeiden, welche die Rechtfertigung für die Einfügung in das nationale Kollektiv darstellt.

@Adler und Drache. Da treffen Sie das Wesentliche: Wer baut einen Turm, wenn er nicht absehen kann, ob er über die Mittel verfügt, den Bau auszuführen? Mit ambitionierten Vorstößen ist erst dann zu rechnen, wenn sich der Horizont öffnet und das weitere absehbar wird. Also immer schön zusehen, wie sich Zeiten und Menschen zur Kenntlichkeit entstellen.

@Herr K aus O. Merkel hat durch ihre demonstrative internationale Kooperativität die jetzige internationale Kampagnenherrschaft in der Tat didaktisch vorbereitet, wie es sich am überdurchschnittlich hohen Grad ihrer Akzeptanz in Deutschland ablesen läßt.

Imagine

1. November 2022 11:57

1/3

Europa gab es immer doppelt, nämlich als Fiktion und als Realität.

Zur Fiktion gehörte die Vorstellung, Europa wäre ein Partner, die USA wäre unsere Freunde, unsere Schutzmacht und ein „primus inter pares“.

Tatsächlich waren die USA die Imperialmacht, die uneingeschränkte Weltmacht sein wollten und die ganze Welt zum Objekt ihrer Ausbeutung machen wollten (vgl. Dollar-Imperialismus).

Allerdings gab es unterschiedliche Phasen. Nach dem WKII brauchten die USA West-Deutschland als Frontstaat gegen den Kommunismus, militärisch und ideologisch. Auch profitierten die USA wirtschaftlich von der BRD, denn diese hatte die weltweit höchstqualifizierte Arbeitsbevölkerung mit Niedriglöhnen und stellte hochwertige Produkte „Made in Germany“ her (s. „Wirtschaftswunder“).

Solange die Sowjetunion und der Warschauer Pakt noch existierten, war (West)-Deutschlands Position ökonomisch und politisch viel besser.

Heute ist die EU ein Sammelsurium von „Bananenrepubliken“, vergleichbar mit der Stellung Südamerikas als „Hinterhof der USA“.

„Fuck EU“ - so denkt und handelt auch das EU-Establishment (s. Corona, s. Ukraine).

 

Imagine

1. November 2022 11:59

2/3

Egal ob Clinton, Trump oder Biden, das US-Establishment verfolgt eine Politik des „America First“ und „MAGA“, Die Differenz liegt darin, dass Trump & Co. dieses Ziel vor allem wirtschaftlich verfolgen wollen und nicht primär militärisch.

Auch unter Trump gab es einen Wirtschaftskrieg gegen Deutschland und Europa.

Unter den europäischen Staaten gibt es eine Konkurrenz um eine privilegierte Position im US-NATO-Imperium. Siehe insbesondere Polen, GB und die Schweiz. Jetzt insbesondere die Ukraine, wo die Oligarchen ihr Volk im US-Interesse verheizen.

Auch das deutsche Establishment kollaboriert und macht eine Politik gegen das eigene Volk.

China und Russland sind die wichtigsten Handelspartner Deutschlands.

Russland vor allem als Energie- und Rohstofflieferant, China als Exporteur von Konsumgütern und als Produktionsstandort deutscher Unternehmen für deutsche Produkte sowie als Massenmarkt.

Im nationalen Interesse Deutschlands wäre eine friedliche Kooperation mit diesen Handelspartnern.

Die herrschenden Kräfte im US-NATO-Imperium veranlassen das korrupte und deutsche politische Establishment – typisch für die Oberschicht in Kolonien – Russland und China als Feinde anzusehen und gegen die nationalen Interessen Deutschlands zu handeln.

 

Imagine

1. November 2022 12:00

3/3

Fast alle Medien übernehmen die Feinddeklaration des US-Imperiums gegen Russland und China, aber auch große Teile der Bevölkerung.

Man sieht diese politischen Verhältnisse ganz klar beim Transatlantischen Freihandelsabkommen (TTIP), bei Nordstream 2, bei den Sanktionen und den Waffenlieferungen etc.

Die größten „Transatlantiker“ sitzen bei CDU/CSU und den Grünen, auch die AfD ist voll davon. Man denke nur an die „Trumpisten“

 

RMH

1. November 2022 12:13

@Valjean72,

das jemand erst einmal eine fast lupenreine Establishment-Karriere hingelegt hat, macht ihn per se doch noch nicht verdächtig. Was für ein Menschenbild haben Sie? Einmal Pharisäer, immer Pharisäer? Umkehr unmöglich? Nein, der Vorgang Guerot ist selten, aber nicht unwahrscheinlich. Sie hat sich mit dem ersten Buch "verbrannt" (ob naiverweise oder bereits mit Absicht, ist die Frage). Dass die Uni Bonn sie jetzt rausmobben wird, war vermutlich schon im Gange - schlaue Leute merken das und bereiten umgehend ihren Exit vor. Das ein Co-Autor mit Fachkompetenz nötig war, geschenkt (der wird auch nicht der "Star" werden). Die sog. "alternative Szene" hat bislang vielen Gefallenen schon noch ein Auskommen ermöglicht  Beispiel Ulfkotte, Herman,  Sarrazin, wobei für den waren die Millionen nur ein ad on - Reitschuster bringt auch erstaunliches zustande, bekommt aber immer mehr Gegenwind).  Spannend wird, welcher Resonanzraum ihr zugebilligt werden wird. Sarrazin durfte noch in Talkshows - das schließe ich hier eher aus. Ich sehe ihre Zukunft nicht rechts, sondern eher bei Reitschuster, Achgut und Tichys, ggf. Kopp, wobei ihr aktuelles Buch ja beim Westend Verlag erscheint, wo auch schon S. Wagenknecht veröffentlicht hat.

Nordlicht

1. November 2022 14:27

Frau Guérot war mir mit ihrer Vereinigte-EU-Staaten-Begeisterung suspekt, das hat sich nicht sehr geändert. Natürlich darf sich jede(r) ändern und zu neuen Einsichten kommen, ob Frau Wagenknecht oder jetzt Frau Guérot. Erstere hat auf ihrem Weg ihre meisten Genossen verloren, letztere sich mit dem Karriere-Netzwerk der Atlantiker (GMF etc) und linksgrüner, jetzt olivgrüner, Blase überworfen. 

Frau Wagenknecht traue ich zu, auch ohne Lafontaine wirtschaftlich auf eigenen Füssen stehen zu können, sie erscheint bei ihren TV-Auftritten als gestandene, in sich ruhende Person. Frau Guérot scheint ihre Hochschul-Karriere doch eher der Quote verdankt zu haben. Sie quatscht oberflächlich, wie so viele in den TV-Shows.

Aber klar: Man freut sich, wenn es innerhalb der linksgrünen Blase Zoff gibt.

Simplicius Teutsch

1. November 2022 14:41

Ulrike Guerot ist mutig, auf jeden Fall, und hoffnungsfroh angriffsbereit oder sie schätzt ihre zivilgesellschaftliche Lage bereits als hoffnungslos ein, indem sie nun wiederholt die Propaganda-Fassade des herrschenden Regimes empfindlich beschädigt.

Thorsten Hinz schreibt in der aktuellen JF (Nr. 44) leider völlig zutreffend: „Die politischen Gesinnungstäter [das herrschende Regime] verfügen über eine geballte administrative, institutionelle und mediale Macht, die sie in die Lage versetzt, die reale Wirklichkeit durch ihre artifizielle Wunschwelt auszutauschen.“ - Denn sie wissen, was sie tun!

Wir hier im SiN-Blog diskutieren und streiten jenseits unserer sonstigen menschlich-sozialen Existenzen mehr oder weniger anonym und innerhalb einer abgehobenen (rechten) Gesinnungsblase, also relativ konsequenzlos.

Ulrike Guerot aber steht auf, steigt auf‘s Pferd innerhalb ihrer realen Lebenswirklichkeit als blasphemische Ketzerin gegen das lügenhafte, linksgrüne Regime. – Hut ab. Möge sie noch viele Attacken reiten.

Valjean72

1. November 2022 14:56

@RMH:

Nein, der Vorgang Guerot ist selten, aber nicht unwahrscheinlich.

Kann sein. Ich halte es aber auch für denkbar, dass Frau Guérot eine ihr zugedachte Rolle spielt, gemäß dem Lenin zugeschriebenen Ausspruch, dass es die beste Möglichkeit sei die Opposition zu kontrollieren, wenn man diese selbst anführt.

Grundsätzlich bin ich tatsächlich der Auffassung, dass sich bestimmte Zugehörigkeiten nicht einfach abschütteln lassen. So glaube ich z.B. nicht an Ex-CIA-Agenten oder dergleichen.

Sei's drum, im Kern befürworte ich selbstverständlich eine deutsche Emanzipation aus der angelsächsischen Umklammerung, sowie bis zu einem gewissen Grad eine schrittweise Annäherung an Russland.

 

Gracchus

1. November 2022 15:03

Und die nächste Runde.

Ich würde gern mal einen prowestlichen Standpunkt lesen, unter Deutung der Vorgeschichte. Tenor wäre vermutlich: Wir haben's eben immer gewusst, Putin-Russland war nie zu trauen, es kann eben nicht aus seiner imperialen Haut. 

Europa muss sich vor Russland schützen, nicht vor unseren amerikanischen Freunden.

Beide Lesarten haben sich quasi immunisiert. Fakten können ihnen nichts anhaben. Sie werden immer so gedeutet, dass sie in die Leseart passen. Die jeweilige Annahme - da der imperialistische Putin, hie der in Ecke gedrängte Putin - wirkt wie ein Magnet, nach dem sich die Fakten ausrichten. Früher nannte man das wohl "hermeneutischer Zirkel".  

Nemo Obligatur

1. November 2022 15:13

So abwegig finde ich den Ansatz von Frau Guérot in Sachen EU gar nicht. Naiv ja, aber nicht unverständlich. Es wäre sehr begrüßenswert, wenn sich Europa zusammenschlösse. Die Urkatastrophe für Europa war der Erste Weltkrieg, den man in der Tat mit dem Zweiten zu einem neuen Dreißigjährigen Krieg zusammenfassen könnte. Egal, was man heute in Brüssel beschließt, es bleibt das immerwährende Verdienst von De Gaulle, Adenauer und ihren Amtskollegen, den anderen Staaten, die europäische Integration auf den Weg gebracht zu haben und von Kohl und Mitterand, das Erreichte vertieft zu haben. Vielleicht gibt es ja mit Le Pen, Meloni und Weidel eine Neuauflage unter weiblichen Vorzeichen. Ich glaube, in diesem Fall würde ich sogar nach vielen Jahren das heute-journal wieder einmal anschalten, nur um in Marietta Slomkas fassungsloses Gesicht sehen zu können. :-)

Dass die Leitmedien nun Frau Guérot distanziert gegenüberstehen, sie womöglich fallen lassen, mag für sie ein Schock sein. Mich erinnert es religiöse Auseinandersetzungen früherer Jahrhunderte. Selbst fromme Gläubige konnten sich exkommuniziert sehen, wenn sie einzelne Glaubensartikel in Zweifel zogen. Luther ist nur das extremste Beispiel. O.k., der Vergleich hinkt. Schauen wir mal, wie es mit Frau G. weitergeht und in welcher Ecke sie sich wiederfindet. Ich vermute mal irgendwo im gemäßigten Wagenknecht-Lager, auf keinen Fall in der neurechten Ecke oder beim Kopp-Verlag.

Laurenz

1. November 2022 15:22

@Herr K aus O & Ein Fremder aus Elea

@Kikl beschreibt nichts anderes als die aktuelle Realität. Wenn man mit einem fetten Z auf dem Auto in Buntland die Gegend unsicher macht, waren mittlerweile schon 4k Euro fällig. Natürlich kann man dagegen Einspruch erheben, Gerichtsverfahren sind erstmal abzuwarten.

@Ein Fremder aus Elea @Herr K aus O 

Merkel sah sich aber gezwungen Nordstream zuzustimmen, gegen den Willen der USA.

@Imagine

Bei Ihren 3 Beiträgen liegen Sie historisch ganz gut im Rennen. Ohne Trump-Anhänger zu sein, muß ich Ihnen konstatieren, daß Sie hier die historisch einwandfreie Linie verlassen. Unter Trump hätte es keinen Ukraine-Krieg gegeben. Trump hat auch keinem anderen Staat verboten, seine Produktion zurückzuholen, wie Schutzzölle zu erheben.

@RMH

Der AfD bleibt auch gar nichts anderes, als die von Ihnen verlinkte Stellungnahme übrig, wenn man sich nicht Strafanzeigen aussetzen will. Es ist auch professionell, daß die Fraktionsspitze jeden Mandatsträger zwingt, sich hinter ihr zu versammeln. Das wesentliche ist aber, daß die AfD mehr Souveränität einfordert & sofort auf Sanktionen verzichten will. Damit liegt die AfD im europäischen Trend. https://www.zerohedge.com/geopolitical/lets-get-out-nato-discontent-soars-across-europe-russian-sanctions-backfire

Hajo Blaschke

1. November 2022 15:49

@ Leander Was ist Ihrer Meinung nach das progressive Europa? Griechenland, Bulgarien, Polen?

Über den Bolschewismus Lenins scheinen Sie nur Systemkenntnisse zu besitzen. Es bringt nichts, darüber mit Ihnen zu diskutieren.

Russland als Staat ist über 1000 Jahre alt und war kulturell und geistig immer Europa, auch wenn Anglosaxen-Propaganda was anderes behauptet. Vor allem, wenn man sich vor Augen führt, dass Anglosaxen sich in barbarischer Weise durch Ausrottung von Urbevölkerungen auf der Welt breitgemacht haben. Genau das widerspricht europäischer Kultur.

 

RMH

1. November 2022 16:37

Der AfD bleibt auch gar nichts anderes, als die von Ihnen verlinkte Stellungnahme übrig, wenn man sich nicht Strafanzeigen aussetzen will.

@Laurenz,

als diese Position seitens der Fraktion veröffentlicht wurde, gab´s die entsprechende Strafvorschrift noch gar nicht. Tun Sie doch bitte nicht so, als ob Sie für die AfD sprechen und alle Positionen der AfD, die Ihnen nicht passen, seien dann nur Tarnung, bewusstes Kreide-Fressen, Taktik etc. - Sie besorgen damit das Geschäft des VS. Das Sie kein VS-Mann sind, ergibt sich natürlich daran, dass kein VS-Mann so ein Plappermaul sein würde, wie Sie.

Hajo Blaschke

1. November 2022 17:13

Laurenz, einen großen Teil der Merkel- Jahre muss man leider als vertane Chancen abtun. Mancher sieht darin sogar verlorene Lebenszeit. Von wem sie allerdings gezwungen gewesen sein soll, die Nord-Stream-Leitungen zu bauen, erschließt sich mir nicht. Deutschland hat nicht eigene Rohstoffe, um als Industrienation zu bestehen. Deutschland wird immer von Rohstoffimporten abhäng sein. Genauso wie Industrien in anderen Ländern von deutschen Technologien abhäng sind, die nur Deutschland hat. Noch hat, muss man dazu sagen.

Der_Juergen

1. November 2022 18:43

@valjean 1972 @RMH

Auch ich nahm den wahnsinnigen Stuss, den Frau Guerot vor Jahren bezüglich der Einwanderungspolitik von sich gab, damals angewidert zur Kenntnis. Vermutlich ist sie in dieser Frage auch weiterhin völlig unbelehrbar und eine stramme Vertreterin der Umvolkung, aber "wenn der Mohr kommt, ist dir selbst der blonde Russe noch ein Bruder" (usbekisches Sprichwort). Die Gefahr einer weltweiten, unter dem Vorwand dner "Pandemie" errichteten Tyrannei war dermassen gigantisch, dass jeder Gegner des Corona-Terrors automatisch zu unserem Verbündeten in dieser alles entscheidenden Frage wurde, mochten seine sonstigen Positionen den unseren auch noch so krass widersprechen.

Bei der Nennung des Namens "Julian Reichelt" hätte ich noch vor Jahren verächtlich ausgespuckt, aber er hat in der Covid-Frage Stellung gegen die Tyrannei bezogen und kürzlich vorgeschlagen, Robert Habeck solle sich doch in "Robert Morgenthau" umtaufen lassen. Ebenso wie Reichelt kann auch Ulrike Guerot vom Saulus zum Paulus werden. Das Recht auf Umkehr sollte, wie @RMH zu Recht festhält, jedem offenstehen.

Leander

1. November 2022 19:00

@ Hajo Blaschke

Wenn Sie betrachten welche Entwicklung die BRD seit 1945 zu einer der führenden und reichsten Wirtschaftsnationen der Welt hingelegt hat und wenn Sie den Unterschied Prags von 1980 und 2020 kennen, wissen Sie was progressiv ist.

Über den Bolschewismus Lenins muss nicht gross theoretisiert werden, es genügt seine Auswirkungen bis heute zu betrachten.

Insofern gehört die Russische Föderation, als Überbleibsel der Sowjetunion, zwar in Teilen geografisch zu Europa, hat aber mit Europa und Ihrem "Russland der letzten 1000 Jahre" nichts zu tun. Die RF braucht Europa (noch) nicht und Europa, sprich die EU, braucht von der RF nur Rohstoffe und das nicht zwingend.

@ Laurenz, Sie hängen mal wieder in Ihrer zwanghaften Oberlehrerrolle fest. Es ist doch schietegol, ob ich "Atomwaffen der Sowjets", oder "basierend auf altem Sowjetwissen modernisierte Atomwaffen" schreibe. Das Ergebnis ist das gleiche, sie trennen Russland von Europa, auf das sie zielen. 

Gracchus

1. November 2022 21:06

@Nemo Obligator

Ich finde ein Europa der Regionen auch nicht abwegig, sondern höchst willkommen. Aber unter dem Dach einer Republik - das erscheint mir utopisch. 

@RMH

In einem Interview (mit Vlad?) hat Hauke Ritz ausgeplaudert, wie er zum Co-Autor wurde. Er traf Guerot zum Abendessen, als sie bereits an dem Buch schrieb, das vor allem um Europa gehen sollte. Da sie keine Russland-Kennerin ist, bat sie ihn zunächst nur um Mithilfe. 

Simplicius Teutsch

1. November 2022 23:28

„Bei der Nennung des Namens "Julian Reichelt" hätte ich noch vor Jahren verächtlich ausgespuckt, aber er hat in der Covid-Frage Stellung gegen die Tyrannei bezogen und kürzlich vorgeschlagen, Robert Habeck solle sich doch in "Robert Morgenthau" umtaufen lassen.“

Stimme Ihnen zu, @ Der Juergen.

Nachdem ich heute zwei „Achtung, Reichelt!“-Sendungen und kursorisch seine Videotitel auf Youtube angeschaut habe, ist mir dieser professionelle Einzelkämpfer gegen die von den Linksgrünen geschaffene „betonierte Hyperwirklichkeit“ (Thorsten Hinz) voll sympathisch. Solch eine populistische „Meinungs-Show“ bräuchte es mit Millionen-Reichweite täglich, um das von den bisherigen Leitmedien erzeugte Meinungsklima zu kippen.

Das Establishment hat J. Reichelt ausgespuckt (auf linken Druck unehrenhaft entlassen bei BILD). Jetzt fetzt er respektlos gegen die linksgrünen Gesinnungstäter in Politik und Medien: „Die Tagesschau lügt. – Tagesschau fälscht Zitat, um gegen >Achtung, Reichelt< zu hetzen.“ Die „Grünen Nichtskönner“ führt er polemisch am Nasenring durch die Arena: „Die faulsten Deutschen regieren das Land der Fleißigen.“

Valjean72

2. November 2022 08:48

@Der_Juergen:

Das Recht auf Umkehr sollte, wie @RMH zu Recht festhält, jedem offenstehen.

Gewiss aber skeptisch bleibe ich dennoch, auch wenn es vielleicht übertrieben erscheinen mag.

Gleichwohl durchleben wir spannende Zeiten, die Dinge geraten in Bewegung und eröffnen neue Handlungsoptionen, erfordern es auch Stellung zu beziehen. Allerdings haben wir meiner Einschätzung nach weder in der Bundesregierung, noch in der CDU Kräfte, welche sich wirklich (fundamental und dauerhaft) für deutsche Interessen einsetzen. Eher ist das absolute Gegenteil der Fall: s. die Politik der Masseneinwanderung, die sog. Energiewende, sowie auch die Sanktionspolitik gegenüber Russland, welche uns weitaus mehr schadet als Russland.

Insofern gilt es wohl erst einmal die kommenden Wintermonate abzuwarten, ob und in wie weit die politische Landschaft der BRD durchgerüttelt wird.

Hajo Blaschke

2. November 2022 10:27

@ Leander, geschenkt. Das, was Sie als progressive Entwicklung in Prag sehen, können Sie nicht nur in Moskau und St. Petersburg sondern auch in jeder Stadt in Sibirien in mehrfach größerem Umfang sehen. Übrigens haben Sie als Nonplusultra der Entwicklung das Reichsshithole Berlin und das Drogenzentrum Frankfurt am Main vergessen.

Ihre Behauptung, dass Russland auf sowjetischen Atomwaffen sitzt, belegt letztendlich: es wäre besser zu schweigen.

heinrichbrueck

2. November 2022 13:12

Gestern Abend lief ein interessanter Film: "There Will Be Blood". Amerikanische Geschichte auf den Punkt gebracht (und zwar jenseits der Lügenfabrik Hollywood). Die Frage müßte schon wahrheitsorientiert gestellt werden, warum Europa, der intelligentere Kontinent (also eine Kulturstufe über den USA, auf der anderen Seite des Atlantiks überhaupt nicht vorstellbar), gegen die USA verlieren konnte. 

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