Links, links, links, rechts, links

von Felix Dirsch -- PDF der Druckfassung aus Sezession 106/ Februar 2022

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Die Geschich­te der Lin­ken im 20. Jahr­hun­dert ist von Abtrün­ni­gen durch­zo­gen. Haupt­schuld dar­an trägt der Mar­xis­mus-Leni­nis­mus, beson­ders in der Gestalt des Sta­li­nis­mus und des Maoismus.

Die­se Vari­an­ten inner­welt­li­cher Reli­gio­nen ken­nen, unge­ach­tet ihrer mili­tant-athe­is­ti­schen Ideo­lo­gie, hei­li­ge Bücher (»Mao-Bibel«), Inqui­si­ti­ons­tri­bu­na­le, Mis­si­ons­an­stal­ten, Mau­so­leen zur Auf­bah­rung ver­stor­be­ner Füh­rer, Kader­par­tei­en, die immer recht haben, und vie­le wei­te­re Sym­bo­le, die man tran­szen­den­ten Phä­no­me­nen entlehnte.

Säku­la­re Kir­chen brin­gen zwangs­läu­fig lan­ge Rei­hen von Ket­zern her­vor. Die­se distan­zie­ren sich ent­we­der frei­wil­lig von der allein­se­lig­ma­chen­den Ideo­lo­gie oder wer­den exkom­mu­ni­ziert. Schrift­stel­ler leg­ten gern in Form von Auto­bio­gra­phien Rechen­schaft über ihren Bruch ab. In dem bald nach dem Zwei­ten Welt­krieg erschie­ne­nen Sam­mel­band Ein Gott, der kei­ner war beschrei­ben Ex-Kom­mu­nis­ten wie Franz Bor­ken­au und Arthur Köst­ler, war­um sie der Bewe­gung den Rücken gekehrt haben. Sie gehö­ren zu den zahl­lo­sen Rene­ga­ten die­ser Rich­tung, von denen Alfred ­Kan­to­ro­wicz, André Gide, Gus­tav Reg­ler, Wolf­gang Leon­hard, Manès Sper­ber und Ralph Gior­da­no anzu­füh­ren sind. (1)

Bei genaue­rem Hin­schau­en jedoch stellt man fest, daß es sich bei die­sen Abweich­lern zumeist nicht um Rene­ga­ten im enge­ren Sinn han­delt, die sich zum Lager­wech­sel ent­schlos­sen haben. Eher kann man von Dis­si­den­ten spre­chen. Vie­le von ihnen blie­ben der grund­sätz­li­chen Rich­tung treu, grenz­ten sich ledig­lich von inner­par­tei­li­cher Gewalt und Gesin­nungs­nö­ti­gung ab. Das Ide­al war häu­fig ein huma­ni­tä­rer Sozialismus.

Zu den weni­gen ech­ten Über­läu­fern zähl­te Karl I. Albrecht (eigent­lich Karl M. Löw). (2) Als KPD-Mit­glied floh er in den 1920er Jah­ren in die Sowjet­uni­on und mach­te Bekannt­schaft mit ihren Fol­ter­kel­lern. Ins Deut­sche Reich 1933 abge­scho­ben, ver­faß­te er fünf Jah­re spä­ter das von den Natio­nal­so­zia­lis­ten bewor­be­ne Buch Der ver­ra­te­ne Sozia­lis­mus. Dras­tisch schil­dert er die Per­ver­sio­nen frü­her von ihm ver­tre­te­ner Idea­le. Aus­drück­lich bekann­te er sich zur Hin­wen­dung zu den eins­ti­gen Tod­fein­den und avan­cier­te sogar zum Haupt­sturm­füh­rer der SS.

Nach dem Zwei­ten Welt­krieg trat der Mar­xis­mus in den Län­dern des frei­en Wes­tens in deut­lich ver­än­der­tem Gewand auf. Grund­la­ge des Neo­mar­xis­mus war ein Sam­mel­su­ri­um von Publi­ka­tio­nen, ins­be­son­de­re von Reprä­sen­tan­ten der Frank­fur­ter Schu­le, die den Anspruch auf »Huma­ni­tät« und »Ver­nunft« her­vor­kehr­ten. Der kir­chen­ähn­li­che Cha­rak­ter mar­xis­ti­scher Ortho­do­xie ver­schwand somit weitgehend.

Unge­ach­tet der eher losen, dezen­tra­len Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur der 68er-Bewe­gung war ihre Iden­ti­fi­ka­ti­ons­kraft hoch. Dies wird beson­ders im Rah­men der regel­mä­ßig wie­der­keh­ren­den Jubi­lä­ums­ver­an­stal­tun­gen deut­lich, zuletzt 2018. Im Rück­blick domi­nie­ren neben nost­al­gi­scher Ver­klä­rung man­che Spiel­ar­ten kri­ti­scher Refle­xi­on. Der His­to­ri­ker und Publi­zist Götz Aly mach­te zum »Jubi­lä­um« 2008 mit der Schrift Unser Kampf auf sich auf­merk­sam, die alte Mit­strei­ter mit einer wag­hal­si­gen Ana­lo­gie­kon­struk­ti­on pro­vo­zier­te: (3) Sie sei­en als Wie­der­gän­ger der »33er« eine Vari­an­te des Tota­li­ta­ris­mus. Ihre Metho­den erin­ner­ten an den Natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deut­schen Stu­den­ten­bund. Aly iden­ti­fi­zier­te sich nach wie vor mit den Zie­len der Rebel­li­on, grenz­te sich aber mit Aplomb von der Umset­zung ab. Als Über­läu­fer ist er jedoch nicht einzustufen.

Ana­log bil­de­te sich um 1970 neben der Neu­en Lin­ken eine Neue Rech­te her­aus, die jedoch weni­ger öffent­lich­keits­wirk­sam agier­te. Bei­de Rich­tun­gen ein­te, daß sie im Zuge eines weit­rei­chen­den gesell­schaft­li­chen Moder­ni­sie­rungs­pro­zes­ses ihre jewei­li­gen Vor­läu­fer kri­tisch hin­ter­frag­ten: Ver­tre­ter der Neu­en Rech­ten (Lothar Penz, Micha­el Mein­rad, Gert Wald­mann, Alex­an­der Epstein, Wolf­gang Strauss und ande­re) sind heu­te selbst Ein­ge­weih­ten kaum mehr bekannt. (4) Sie setz­ten an die Stel­le der über­lie­fer­ten meta­po­li­ti­schen, pri­mär bür­ger­lich-christ­li­chen Begrün­dungs­struk­tur des eige­nen Lagers modern-wis­sen­schaft­li­che Ansätze.

Gemeint ist vor allem bio­lo­gisch-evo­lu­ti­ves Den­ken, das als Pen­dant zum sozio­lo­gi­schen Ansatz auf sei­ten der Lin­ken fun­giert. Wei­ter­hin lie­ßen es die natio­nal­re­vo­lu­tio­nä­ren Akti­vi­tä­ten in der Pra­xis zu, eine Brü­cke von links nach rechts (und umge­kehrt) zu bau­en. Einer der weni­gen nam­haf­ten Ver­tre­ter der Neu­en Rech­ten in den 1960er Jah­ren, Hen­ning Eich­berg, wan­der­te spä­ter als Sozio­lo­ge nach Däne­mark aus und enga­gier­te sich dort im lin­ken poli­ti­schen Spek­trum. Man schreibt ihm öfters die Urhe­ber­schaft des heu­te viel­dis­ku­tier­ten Kon­zepts des »Eth­nop­lu­ra­lis­mus« zu.

Prin­zi­pi­ell hät­ten die spä­te­ren Wan­de­rer von links nach rechts ihr poli­ti­sches Enga­ge­ment bereits in der poli­ti­schen Rech­ten begin­nen kön­nen. Ein sol­cher Anfang wäre aber deut­lich weni­ger publi­zi­täts­träch­tig gewe­sen. Die ech­ten »Kipp­fi­gu­ren« (über Jahr­zehn­te nach 1968 ist ihre Zahl suk­zes­si­ve ange­wach­sen) wech­sel­ten das Lager nicht ohne diver­se Lern­pro­zes­se. Stell­ver­tre­tend sind Horst Mah­ler, Bernd Rabehl, Rein­hold Ober­lercher, Gün­ter Masch­ke, Til­man Fich­ter und Klaus-Rai­ner Röhl zu nennen.

Min­des­tens zwei (Mah­ler und Ober­ler­cher) haben sogar tief­schür­fend reflek­tiert, daß ihre Umkehr von einem Extrem zum ande­ren der Hegel­schen Dia­lek­tik fol­ge. Wider­spruch gilt Mah­ler als Zei­chen der Wahr­heit. So notiert er: »Hegel sagt, nur weil es Wider­spruch gibt, sind wir leben­dig. Sonst wären wir tot, es wür­de sich nichts bewe­gen«. (5) Mah­ler hat sich auch mit Hegel-Rezi­pi­en­ten wie dem christ­lich-kon­ser­va­ti­ven Den­ker Gün­ter Rohr­mo­ser und dem israe­li­schen Staats­theo­re­ti­ker Shlo­mo Avi­ne­ri aus­ein­an­der­ge­setzt. Wei­ter expo­niert Ober­ler­cher Hegel als idea­lis­ti­schen »Philosoph[en] des all­ge­mei­nen Arbeitsprozesses«.(6)

Im Kon­ti­nu­um der Zeit­ge­schich­te sind »lin­ke Leu­te von rechts« kei­ne Sel­ten­heit. Ernst-Otto Schüd­de­kopf hat etli­che Bio­gra­phien in einem längst klas­si­schen Buch über den Natio­nal­bol­sche­wis­mus der Wei­ma­rer Repu­blik akri­bisch ver­folgt, (7) eben­so der link­s­pa­zi­fis­ti­sche Schrift­stel­ler Kurt Hil­ler 1932 in einem Text über die Natio­nal­re­vo­lu­tio­nä­re Karl Otto Pae­tel und Otto Stras­ser. Das Ideen­kon­glo­me­rat der Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on, das Armin Moh­ler in sei­nen Ursprün­gen auf den Nie­der­gang des klas­si­schen Rechts-links-Sche­mas seit den 1890er Jah­ren zurück­ge­führt hat, steht eben­falls für die­sen Zusammenhang.

Ent­spre­chen­de ideo­lo­gie­ge­schicht­li­che Bre­chun­gen kann man seit den frü­hen 1970er Jah­ren eben­falls im Kon­text des Zer­falls der Außer­par­la­men­ta­ri­schen Oppo­si­ti­on (APO) bemer­ken. Wer die radi­ka­len Zie­le der Füh­rungs­rie­ge wei­ter­ver­fol­gen woll­te, dem blie­ben nur zwei Wege: einer­seits der in das sek­ten­haft orga­ni­sier­te K‑Grup­pen-Milieu. In des­sen exklu­si­ven Lebens­räu­men bekrieg­ten sich über­schau­ba­re auto­ri­tär-dog­ma­ti­sche Kader zumeist gegen­sei­tig als Abweich­ler von der rech­ten mar­xis­ti­schen Leh­re und konn­ten auf die­se Wei­se das »rote Jahr­zehnt« in Deutsch­land bis Ende der 1970er Jah­re vor allem durch ihre Ver­bin­dun­gen zu ter­ro­ris­ti­schen Aktio­nen prä­gen. (8)

Ande­rer­seits war die Drift nach rechts eine Opti­on. Sie soll­te sich zumin­dest nach­träg­lich als kon­se­quen­ter erwei­sen. Eini­ge The­men­be­rei­che offen­ba­ren, wel­che irri­tie­ren­den Wider­sprü­che der Umbruch ver­knäul­te, wes­we­gen kri­tisch-wohl­wol­len­de Kom­men­ta­to­ren im nach­hin­ein von »blin­den Fle­cken« spre­chen: (9) zum einen Anti­par­la­men­ta­ris­mus mit Anti­li­be­ra­lis­mus, zum ande­ren natio­na­les Den­ken mit Anti­zio­nis­mus- und Antisemitismus-Diskursen.

Zur Ver­schär­fung der Par­la­men­ta­ris­mus-Kri­tik: Hier kommt man natür­lich an Gün­ter Masch­ke nicht vor­bei. (10) Masch­ke, der zu den »bedeu­tends­ten rech­ten Intel­lek­tu­el­len der Nach­kriegs­zeit« (Karl­heinz Weiß­mann) gezählt wird, rech­ne­te sich nur am Ran­de der Bewe­gung zu; viel­mehr hat­te er sich als »Kom­mu­nist« früh von der (aus sei­ner Per­spek­ti­ve) zu kom­pro­miß­be­rei­ten Lin­ken abge­setzt. Bereits Carl Schmitts Vor­stel­lun­gen vom »Par­ti­sa­nen« hat­te Masch­ke mit gro­ßer Zustim­mung rezi­piert. Es folg­te die Aus­ein­an­der­set­zung mit Haber­mas’ Unter­su­chung über den »Struk­tur­wan­del der Öffent­lich­keit«, die pri­mär die dis­kur­siv-uni­ver­sa­lis­ti­schen Poten­tia­le des Rechts­staats hervorkehrt.

Im Unter­schied zur Par­la­men­ta­ris­mus-Kri­tik des Ber­li­ner Poli­to­lo­gen Johan­nes Agno­li, (11) Mus­so­li­ni-Ver­eh­rer in jun­gen Jah­ren, las­sen die bereits in den 1980er Jah­ren abseh­ba­ren Akzent­ver­schie­bun­gen im Werk Haber­mas’ die Wen­de zum »BRD-Phi­lo­so­phen« erken­nen. Der Erbe der Kri­ti­schen Theo­rie, der zuerst poli­ti­sche »Legi­ti­ma­ti­ons­pro­ble­me« aus­fin­dig zu machen ver­such­te, ver­kün­de­te spä­ter im Rah­men des His­to­ri­ker­streits medi­en­wirk­sam sei­ne Sym­pa­thien für den Verfassungs­patriotismus. Mit die­ser sys­te­ma­f­fir­ma­ti­ven Neu­ori­en­tie­rung konn­te er auch die Vor­wür­fe in der von Ellen Ken­ne­dy ange­sto­ße­nen Debat­te (12) über den angeb­li­chen »Links-Schmit­tia­nis­mus« der Frank­fur­ter Schu­le entkräften.

Eine Dis­ser­ta­ti­on noch aus den 2000er Jah­ren ver­sucht zu bele­gen, daß das Gros der staats- und gesell­schafts­theo­re­ti­schen Ent­wür­fe der 68er haupt­säch­lich von Schmitts Gedan­ken­gän­gen inspi­riert sei. In sol­chem aka­de­mi­schen Über­ei­fer wird nicht regis­triert, daß die Par­la­men­ta­ris­mus-Kri­tik älter als Schmitt ist und auch von Autoren wie Wla­di­mir I. Lenin, Vilf­re­do Pare­to und Geor­ges Sorel aus­ging, deren exis­ten­tia­lis­ti­scher Vol­un­ta­ris­mus und Dezisio­nis­mus direkt, aber auch auf ver­schlun­ge­nen Wegen in der Lage waren, Wir­kun­gen zu ent­fal­ten – auch 1968.(13)

Masch­ke betont dem­ge­gen­über quel­len­nä­her, daß spe­zi­ell Haber­mas dem Anti­par­la­men­ta­ris­mus Schmitts nur einen »Anti-Anti­par­la­men­ta­ris­­mus« ent­ge­gen­ge­stellt habe. Das zen­tra­le Theo­rem Schmitts hin­ge­gen, wonach basa­le Vor­aus­set­zun­gen des par­la­men­ta­ri­schen Sys­tems unter massen­demokratischen Bedin­gun­gen nicht zu ver­wirk­li­chen sei­en, wer­de bei ­Haber­mas allen­falls am Ran­de prä­sen­tiert. Letzt­lich hat Haber­mas wohl in ers­ter Linie das Umer­zie­hungs­po­ten­ti­al gese­hen, das in »1968«, jeden­falls auf län­ge­re Sicht, steck­te und gera­de in den ver­gan­gen­heits­kri­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen zum Aus­druck kam.

Wie Masch­ke schlug er die Brü­cke von »1949« zu »1968«, aller­dings mit posi­ti­ver Bewer­tung. Die von ihm kon­sta­tier­te »Fun­da­ment­al­li­be­ra­li­sie­rung« in der Fol­ge des Auf­ruhrs, unge­ach­tet allen kol­lek­ti­vis­ti­schen Begleit­ge­tö­ses und roman­ti­zis­ti­schen Gemein­schafts­kults, offen­bart ihre Wur­zeln im Grund­ge­setz. Die­ses ist, schon auf­grund der unum­gäng­li­chen Lizen­zie­rung durch die Besat­zungs­mäch­te, dezi­diert west­lich-indi­vi­dua­lis­tisch aus­ge­rich­tet. Der hohe Rang von Grund­rech­ten und Men­schen­wür­de, der prin­zi­pi­ell zu befür­wor­ten ist, liegt als Beleg auf der Hand. Deren Über­in­ter­pre­ta­ti­on kann jedoch schäd­li­che Kon­se­quen­zen für das Gemein­we­sen nach sich ziehen.

Kom­ple­men­tär dazu ist der Grund­zug der »Volks­fremd­heit« (Thor v. ­Wald­stein) nicht zu über­se­hen. Die­se west­li­che Grund­to­na­li­tät in Ver­fas­sung und Poli­tik der Ära Ade­nau­er kor­re­lier­te nicht nur mit der indi­vi­dua­lis­ti­schen, kon­sum­ori­en­tier­ten sowie per­mis­si­ven Lebens­wei­se vie­ler Kul­tur- und Sitten­revolutionäre, son­dern wur­de durch sie sogar voll­endet. »1968« ist eine his­to­ri­sche Etap­pe auf dem lan­gen »Weg nach Wes­ten« (Hein­rich August ­Wink­ler). Haber­mas mutier­te ob die­ser Erkennt­nis schnell zum obers­ten Grund­ge­setz-Wäch­ter. Masch­ke dage­gen blieb zeit sei­nes Lebens dem sys­tem­ab­leh­nen­den Impe­tus treu. Der angeb­lich ers­te »Rene­gat« der 68er muß­te sei­ne frü­hen Moti­ve nur modi­fi­zie­ren, nicht negieren.

Ein wei­te­res Ein­falls­tor für den Wech­sel von links nach rechts stell­te der Dis­kurs über die Nati­on dar. Von der Befrei­ung der (vor allem durch den US-Impe­ria­lis­mus) unter­drück­ten Völ­ker war in vie­len Pro­test­ver­an­stal­tun­gen die Rede. Die Teil­neh­mer ver­tra­ten zumeist in die­sem Sinn einen »natio­na­len Sozia­lis­mus«. Der ech­te »blin­de Fleck« war indes­sen die gän­gi­ge Ver­nach­läs­si­gung des Schick­sals der eige­nen Nati­on. Deren Tei­lung betrach­te­te man in der Regel als gerech­te Stra­fe für eins­ti­ge Unta­ten. Rudi Dutsch­ke und sein Freund, der spä­te­re Kon­ver­tit Bernd Rabehl, bei­des »Zonen­flücht­lin­ge«, ver­tra­ten eine ande­re Sicht. (14) Sie zähl­ten aber in ihrem Milieu zu Aus­nah­men. Rabehl dürf­te aber den unstrit­ti­gen natio­na­len Impe­tus sei­nes Weg­ge­fähr­ten über­ak­zen­tu­iert haben, zei­gen doch die Reden Dutsch­kes eine spe­zi­fi­sche Dia­lek­tik von natio­na­lem und inter­na­tio­na­lem Den­ken, an der auch sein Bekennt­nis zur Wie­der­ver­ei­ni­gung nichts ändert. Das ein­deu­ti­ge Lob des Natio­na­len, das in Rabehls Rede in den Räu­men der Münch­ner Stu­den­ten­ver­bin­dung Danu­bia 1998 viel Auf­merk­sam­keit erreg­te, fin­det sich bei Dutsch­ke in die­ser poin­tier­ten Form nicht.

Für etli­che (bereits zeit­ge­nös­si­sche) Dis­kus­sio­nen hat dar­über hin­aus das The­ma Anti­se­mi­tis­mus und Anti­zio­nis­mus gesorgt. (15) Die Mehr­heit der Neu­en Lin­ken soli­da­ri­sier­te sich nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 in anti­im­pe­ria­lis­ti­scher und anti­ame­ri­ka­ni­scher Absicht mit den Geg­nern Isra­els. Wäh­rend sich ein Teil der (angeb­lich ver­folg­ten) Revol­tie­ren­den als Juden sti­li­sier­te und den Holo­caust instru­men­ta­li­sier­te, gab es auch ande­re Arten der Aus­ein­an­der­set­zung. Die pro­pa­läs­ti­nen­si­sche Front­stel­lung führ­te bei Akti­vis­ten wie Die­ter Kun­zel­mann, der der Bewe­gung einen »Juden­knax« kon­sta­tier­te, und Albert Fich­ter zu anti­zio­nis­ti­schen Ausfällen.

Sie fan­den ihren Höhe­punkt in einem geplan­ten Atten­tat auf das Jüdi­sche Gemein­de­zen­trum zu Ber­lin. Die Bom­be konn­te 1969 recht­zei­tig ent­schärft wer­den. Sie wur­de wahr­schein­lich vom Umfeld Kun­zel­manns dort pla­ziert. Wei­ter erreg­te die Stö­rung von Vor­le­sun­gen jüdi­scher Pro­fes­so­ren (Ernst Fra­en­kel, Hel­mut Kuhn, Kurt von Fritz, Richard Löwen­thal und so fort) Unmut und ver­an­laß­te libe­ra­le Gelehr­te wie den Münch­ner Poli­to­lo­gen Hans Mai­er zum Wider­stand. (16) Ins­ge­samt spiel­te die Pro­ble­ma­tik Anti­se­mi­tis­mus und Anti­zio­nis­mus im Rah­men der Gesamt­be­we­gung aber kei­ne zen­tra­le Rolle.

Rene­ga­ten wie Horst Mah­ler und Rein­hold Ober­ler­cher spitz­ten spä­ter sol­che Ansät­ze stark zu: das ehe­ma­li­ge SDS-Mit­glied Mah­ler in sei­ner NPD- und Post-NPD-Zeit in Form von offe­nen anti­se­mi­ti­schen Pam­phle­ten, Ober­ler­cher sub­ti­ler. Letz­te­rer expo­nier­te in einem sei­ner Bücher (in der Nach­fol­ge des Schrift­stel­lers Adolf Wahr­mund) die »Noma­do­lo­gie« als »Gesetz der Moder­ne«. (17)

Juden (wie Chris­ten) gel­ten ihm als Reprä­sen­tan­ten die­ses Trends der Entwurzelung.

Nur abschät­zig und bei­läu­fig wird erwähnt, daß die Grün­dung des Staa­tes Isra­els gera­de in die­ser Hin­sicht einen wesent­li­chen Ein­schnitt in der Geschich­te des jüdi­schen Vol­kes dar­stellt. Auch in die­sem Punkt – egal, wie man ihn bewer­tet – war der Schwenk der bei­den sei­ner­zei­ti­gen APO- und SDS-Akti­vis­ten zum ande­ren Extrem konsequent.

– – –

(1) – Micha­el Rohr­was­ser: Der Sta­li­nis­mus und die Rene­ga­ten. Die Lite­ra­tur der Exkom­mu­nis­ten, Stutt­gart 1991.

(2) – Mar­co Cari­ni: Die Ach­se der Abtrün­ni­gen. Über den Bruch mit der Lin­ken, Ber­lin 2021, S. 17 – 24.

(3) – Götz Aly: Unser Kampf: 1968 – ein irri­tier­ter Blick zurück, Frank­furt a. M. 42009.

(4) – Sie wur­den schon in den frü­hen 1970er Jah­ren regis­triert, so bei Gün­ter Bartsch: Revo­lu­ti­on von rechts? Ideo­lo­gie und Orga­ni­sa­ti­on der Neu­en Rech­ten, Frei­burg i. Br. 1975; aus gegen­wär­ti­ger Sicht: Tho­mas Wag­ner: Die Angst­ma­cher. 1968 und die Neu­en Rech­ten, Ber­lin 22017.

(5) – Zitiert nach Mar­tin Block, Bir­git Schulz: Die Anwäl­te. Strö­be­le, Mah­ler, Schi­ly. Eine deut­sche Geschich­te, Köln 2010, S. 239.

(6) – Zitiert nach Manu­el Sei­ten­be­cher: Mah­ler, Masch­ke & Co. Rech­tes Den­ken in der 68er-Bewe­gung? Pader­born u. a. 2013, S. 307.

(7) Ernst-Otto Schüd­de­kopf: Lin­ke Leu­te von rechts. Natio­nal­bol­sche­wis­mus in Deutsch­land 1918 – 1933, Stutt­gart 1960.

(8) – Gut geschil­dert aus ­eige­ner Erfah­rung: Gerd ­Koe­nen: Das rote Jahr­zehnt. Unse­re klei­ne deut­sche Kul­tur­re­vo­lu­ti­on 1967 – 1977, Köln 2001.

(9) – So Wolf­gang Kraus­haar: Die blin­den Fle­cken der 68er-Bewe­gung, Stutt­gart 2018.

(10) – In ein Aus­ein­an­der­set­zung mit Haber­mas vor allem: Gün­ter Masch­ke: Der Tod des Carl Schmitt: Apo­lo­gie und Pole­mik, Wien 1987.

(11) – Johan­nes Agno­li: Die Trans­for­ma­ti­on der Demo­kra­tie und ande­re Schrif­ten zur Kri­tik der Poli­tik, Frei­burg i.B. 1990.

(12) – Ellen Ken­ne­dy: “Carl Schmitt und die Frank­fur­ter Schu­le. Deut­sche Libe­ra­lis­mus­kri­tik im 20. Jahr­hun­dert”, in: Geschich­te und Gesell­schaft 12 (1986), S.380–419.

(13) – Leon­hard Lan­dois: Kon­ter­re­vo­lu­ti­on von links: Das Staats- und Gesell­schafts­ver­ständ­nis der 68er und des­sen Quel­len bei Carl Schmitt, Baden-Baden 2008.

(14) –  Zu Dutsch­kes Sicht der Nati­on: Bernd Rabehl: Rudi Dutsch­ke. Revo­lu­tio­när im geteil­ten Deutsch­land, Schnell­ro­da 2002; Mat­thi­as Stan­gel: Die Neue Lin­ke und die natio­na­le Fra­ge. Deutsch­land­po­li­ti­sche Kon­zep­tio­nen und Ten­den­zen in der Außer­par­la­men­ta­ri­schen Oppo­si­ti­on (APO), Baden-Baden 2013.

(15) – Nähe­res bei Seiten­becher: Mah­ler, S. 268 – 284.

(16) – Hans Mai­er: »Als Pro­fes­sor im Jahr 1968«, in: Venanz Schu­bert (Hrsg.): 1968. 30 Jah­re danach, St. Otti­li­en 1999, S. 81 – 96, hier S. 88.

(17) – Rein­hold Ober­ler­cher: Leh­re vom Gemein­we­sen, Ber­lin 1994, bes. S. 84 – 97.

 

 

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