Selbstdenker: Wolfgang Schivelbusch

PDF der Druckfassung aus Sezession 106/ Februar 2022

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Am 26. Novem­ber 2021 hat der Sozio­lo­ge, Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler und Phi­lo­soph Wolf­gang Schi­vel­busch sei­nen 80. Geburts­tag begangen.

Sämt­li­che sei­ner gedruck­ten, meist einer men­ta­li­täts­ge­schicht­li­chen Betrach­tung ver­haf­te­ten Wer­ke tra­gen Titel, die von Neu­gier und einem beson­de­ren Blick zeugen.Sie lau­ten unter ande­rem: Geschich­te der Eisen­bahn­rei­se (1977), Das Para­dies, der Geschmack und die Ver­nunft. Eine Geschich­te der Genuß­mit­tel (1980), Vor dem Vor­hang. Das geis­ti­ge Ber­lin 19451948 (1995), Die Kul­tur der Nie­der­la­ge: Der ame­ri­ka­ni­sche Süden 1865, Frank­reich 1871, Deutsch­land 1918 (2001) oder Rück­zug. Geschich­ten eines Tabus. (2019).

Bereits aus die­sen Titeln ist abzu­le­sen, daß Schi­vel­busch sich weni­ger als Theo­re­ti­ker denn als Beob­ach­ter, als Empi­ri­ker versteht.

Woll­te ich zu einem Ein­stiegs­buch in das Den­ken und den Wer­de­gang Schivel­buschs raten, täte ich sein bis­lang jüngs­tes Werk emp­feh­len: Die ­ande­re Sei­te. Leben und For­schen zwi­schen New York und Ber­lin (­Rowohlt 2021, 336 S., 26 €). Die groß­spu­ri­ge Über­schrift (ein poly­glot­ter Mann von Welt!) mag nach »Any­whe­re« (David Good­hart) und »Glo­bo­ho­mo« klin­gen – aber weit gefehlt. Schi­vel­busch ist ein Meis­ter der »teil­neh­men­den Beob­ach­tung«. Ein geschei­ter und agi­ler Mensch der Intel­lek­tu­el­len­kas­te bleibt näm­lich klu­ger­wei­se (Gegen­bei­spie­le: zuhauf) nicht dort, wo er (hier: im Gefol­ge der 68er) zunächst strandete.

Wie lau­tet das Bon­mot von Fried­rich Rück­ert aus dem frü­hen 19. Jahr­hun­dert? »Das sind die Wei­sen, die durch Irr­tum zur Wahr­heit rei­sen. Die bei dem Irr­tum ver­har­ren, das sind die Nar­ren.« All­zeit gül­tig, und gera­de für Herrn Schi­vel­busch! Er ist an sei­nen Irr­tü­mern groß gewor­den, obgleich er bis­lang kaum als Rene­gat begrif­fen wird. Wir wol­len sei­ne Lebens­erinnerungen, deren Nie­der­schrift sich offen­kun­dig schwie­rig gestal­te­te, weil er selbst an Schreib­hem­mung labo­rier­te und auf­grund des des­halb gewähl­ten Gesprächs­for­mats etli­che gelehr­te Inter­view­part­ner ver­schliß, spo­ra­disch nachzeichnen.

Die­se von ihm selbst benann­te »Schreib­hem­mung« erscheint mir übri­gens kaum erstaun­lich. Die meis­ten Schrif­ten Schi­vel­buschs sind nicht ad hoc zugäng­lich. Sie set­zen vor­aus, sie bedin­gen ein Vor­wis­sen und die Kennt­nis einer bestimm­ten Spra­che. Es sind so anstren­gen­de wie reich­hal­ti­ge Lek­tü­ren. Die ande­re Sei­te nun ist aus­schließ­lich letzteres.

1948 ist Schi­vel­busch in den Nach­kriegs­wir­ren mit sei­nen Eltern von sei­nem Geburts­ort Ber­lin nach Frank­furt am Main umge­zo­gen. Sei­ne frü­hen Kind­heits­er­in­ne­run­gen bezie­hen sich auf die »Aura der Macht des Sie­gers« – alles avant la lett­re, zumal die­se Begriff­lich­kei­ten damals nicht exis­tier­ten. Betö­rend waren für den jun­gen Schi­vel­busch jeden­falls die »Aus­strah­lung von Reich­tum«, eine »finan­zi­el­le Schön­heit« und die Art, wie die GIs ihre Bade­ho­sen tru­gen: sport­lich, ele­gant, spie­le­risch, eine »Ent­spannt­heit im Lei­be, die uns anzog«. Die deut­schen Ver­lie­rer hin­ge­gen tru­gen im Frei­bad die­se »schwer­fäl­li­gen wol­le­nen Din­ger aus der Vor­kriegs­zeit«. Das ist kein her­ab­las­sen­des Ver­dikt – das ist die Welt, mit den Augen eines Kin­des gesehen.

Schi­vel­buschs Vater war sowohl vor als auch nach dem Zwei­ten Welt­krieg inter­na­tio­nal (New York, Süd­ame­ri­ka) unter­wegs und hat­te eine Stel­lung als Außen­ver­tre­ter einer Bre­mer Über­see-Spe­di­ti­on ange­nom­men. Dadurch besaß er viel weni­ger »Macht« als etwa ein Pro­ku­rist in der Firmen­zentrale. Aber er hat­te gro­ße per­sön­li­che Frei­hei­ten und vor allem das, was der Sohn erst spä­ter anhand von Carl-Schmitt-Lek­tü­re dechif­frie­ren soll­te: einen Rang als »Ver­trau­ter des Macht­ha­bers«. Sei­nen bei­den Söh­nen hat­te der Vater mit­ge­ge­ben: Sie soll­ten nie ver­su­chen, sich zu Hel­den zu machen, son­dern so klug sein, sich im Hin­ter­grund zu halten.

Wolf­gang Schi­vel­busch wird das spä­ter in den schö­nen Begriff der »macht­lo­sen Sou­ve­rä­ni­tät« fas­sen. Im Film­erleb­nis La dol­ce vita (1960) sah der jun­ge Schi­vel­busch eine Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur in Mar­cel­lo Mastroi­an­ni: »einer, der selbst nicht zu der Welt gehört, in der er ver­kehrt und die er beob­ach­tet, aber deren Attrak­ti­vi­tät er genießt«. Es geht um »das völ­li­ge Des­in­ter­es­se, mei­ner­seits Teil einer Hier­ar­chie zu wer­den, statt des­sen der Wunsch, von außen zu beob­ach­ten.« Man könn­te es Wahr­neh­mungs­avant­gar­de nennen.

Nach dem Abitur hat­te Schi­vel­busch, sol­cher­art gerüs­tet, wenig Lust auf ein Stu­di­um, in dem er hät­te och­sen und büf­feln müs­sen. Er wur­de für zwei Jah­re Volon­tär beim Wies­ba­de­ner Kurier und erlern­te das jour­na­lis­ti­sche Hand­werk. Ihn lock­te die Vor­stel­lung, »in die Köp­fe der Men­schen zu gelan­gen.« Im Rück­blick beschreibt er selbst­kri­tisch, wie ihn der Gedan­ke befeu­ert hat­te, daß vie­le der Pas­san­ten, die ihm auf dem täg­li­chen Weg von Frank­furt nach Wies­ba­den begeg­ne­ten, soeben Tex­te von ihm gele­sen hat­ten, »ohne daß sie etwas davon ahn­ten, das war mei­ne Form des Nar­ziß­mus.« (Nar­ziß­mus – die seit Jah­ren modi­sche Dau­er­schlei­fen­dia­gno­se, nun sogar als Selbst­be­zich­ti­gung! Dabei: Wer sich mit­tei­len will, hat viel­leicht Grün­de, die jen­seits eines psy­chi­schen Man­kos lie­gen. Die Nahe­legung psy­cho­pa­tho­lo­gi­scher Begrif­fe zwecks Selbst­er­grün­dung ver­dien­te eigent­lich eine geson­der­te Abhandlung.)

Die zwei Jah­re Zei­tungs­ar­beit erfüll­ten jeden­falls ihren Zweck – näm­lich Schi­vel­buschs Lern­über­drüs­sig­keit und sei­nen Rea­li­täts­hun­ger zu kurie­ren. »Sie ver­kehr­ten sie ins Gegen­teil. Rea­li­täts­über­drüs­sig und lern­hung­rig tat ich nun das, was mei­ne Schul­ka­me­ra­den zwei Jah­re frü­her begon­nen hat­ten, ich ging an die Uni­ver­si­tät. Zuerst an die FU in Ber­lin. Dann Frankfurt.«

Im Semes­ter 1964 / 65 nimmt Schi­vel­busch an einem Semi­nar von Hans Magnus Enzens­ber­ger teil. Die Haus­ar­beit bestand dar­in, eine Buch­re­zen­si­on zu ver­fas­sen. Schi­vel­busch: »Ich erin­ne­re mich nur, daß ich in mei­nem Ela­bo­rat alle Regis­ter der jour­na­lis­ti­schen Phra­seo­lo­gie zog. Inklu­si­ve der Abschluß­for­mel, dies sei wohl noch kein Meis­ter­werk, aber wir – der Rezen­sent im Plu­ra­lis maje­s­ta­tis – sähen dem nächs­ten Werk die­ses nicht ganz unin­ter­es­san­ten Autors mit Inter­es­se ent­ge­gen. Was dar­auf­hin erfolg­te, war ein lau­tes Geläch­ter oder viel­mehr ein Ausgelächter.

Statt Bewun­de­rung für mei­ne ver­meint­li­che jour­na­lis­ti­sche Ele­ganz ern­te­te ich von den erfah­re­ne­ren Kom­mi­li­to­nen den rei­nen Hohn. So hat­te ich mir mei­ne Jour­na­lis­ten­kar­rie­re nach dem Vor­bild Mar­cel­lo Mastroi­an­nis nicht vor­ge­stellt. Aber die­se kal­te Dusche war nütz­lich, da sie den gan­zen jour­na­lis­ti­schen Sprach­müll, den ich in den zwei Jah­ren Zei­tungs­schrei­be­rei in mir ange­sam­melt hat­te, mit einem Schwung wegspülte.

Was von der jour­na­lis­ti­schen Erfah­rung blieb, war aller­dings auch nicht unwich­tig. Denn sie immu­ni­sier­te mich gegen den aka­de­mi­schen Jar­gon, in den die eben noch hohn­la­chen­den Kom­mi­li­to­nen nun ihrer­seits ver­fie­len, ohne sich natür­lich bewußt zu sein, daß auch die­ser Jar­gon Jar­gon war.«

Pas­sa­gen wie die­se, selbst­iro­nisch, und in die­sem Sich-selbst-auf-die-Schip­pe-Neh­men um so treff­li­cher den Zeit­geist fokus­sie­rend, machen ­Schi­vel­busch nicht nur nah­bar, son­dern zu einem ver­trau­ens­wür­di­gen, durch­aus demü­tig rück­bli­cken­den Zeu­gen ver­gan­ge­ner Akademiker­moden. Er kehr­te 1967 nach Ber­lin zurück. Hart­mut Lan­ge, Peter Hacks und ­Hei­ner Mül­ler (die er sämt­lich per­sön­lich ken­nen­lern­te) präg­ten ihn – ihnen galt dann auch sei­ne Dis­ser­ta­ti­on: Sozia­lis­ti­sches Dra­ma nach Brecht.

In beson­de­rer Wei­se war Schi­vel­busch sei­nem Men­tor Peter Szon­di zuge­tan. Über des­sen Wesen und Den­ken, über des­sen päd­ago­gi­schen Eros, des­sen Zugang zum Tra­gi­schen, über den Unter­schied zwi­schen einem »zere­bra­len« und einem dekla­mie­ren­den Szon­di war­tet Die ande­re Sei­te mit dich­ten Schil­de­run­gen auf, und ähn­li­ches gilt für die weg­wei­sen­de Beschäf­ti­gung mit dem Werk von Nor­bert Eli­as und Sieg­fried Kracauer.

Zurück zur Chro­no­lo­gie: Schi­vel­busch ent­deck­te den Mar­xis­mus für sich: »Oder viel­mehr das, was in der DDR als Mar­xis­mus aus­ge­ge­ben wur­de. Zum Bei­spiel nahm ich eine der par­tei­chi­ne­sisch geführ­ten ›Debat­ten‹ – Debat­ten in Anfüh­rungs­zei­chen – ernst und schrieb dar­über einen Arti­kel in den Frank­fur­ter Hef­ten. Das war eine Zeit­schrift, die in der frü­hen Bun­des­re­pu­blik eine intel­lek­tu­el­le Rol­le spiel­te. Heu­te wun­dert mich, daß der Redak­teur mir die­ses Ela­bo­rat abnahm. Es war alles ande­re als kri­tisch-mar­xis­tisch. Eine ahnungs­lo­se Nach­er­zäh­lung des Funktionärs­geschwätzes, das die DDR als Theo­rie ver­kauf­te und das ich Tor ernst genom­men hat­te. Ich kann mir die Kri­tik­lo­sig­keit des Redak­teurs und schlim­mer noch das Lob, das er mir spen­de­te, nur durch die in West­deutsch­land herr­schen­de Ahnungs­lo­sig­keit erklären.«

Nicht vie­le 68er-Rene­ga­ten, von ­denen es ja etli­che gibt, haben so selbst­kri­tisch und humor­voll zugleich ihre Rol­le im »Damals« beschrie­ben. Klaus Rai­ner Röhl? Des­sen Abrech­nun­gen trief­ten gleich wie­der vor Eitel­keit, und Rabehl: Der bog sich sei­ne Irr­tü­mer zurecht.

Wenn man sich nun nicht dem Sog die­ser so süf­fig wie süf­fi­sant erzähl­ten Anek­do­ten (etwa auch dies: War der Held in den gera­de auf­kom­men­den Ita­lo­wes­tern gemäß der soeben erlern­ten mar­xis­ti­schen und leni­nis­ti­schen Lehr­sät­ze nun ein Revo­lu­tio­när oder Kon­ter­re­vo­lu­tio­när?) hin­gibt, friert einem das Schmun­zeln gele­gent­lich ein: Es ist ein leich­tes, heu­te über die hei­te­re Hip­pie­zeit zu höh­nen, deren Teil man selbst war. Selbst wenn man die­se Ära nicht als grund­stür­zend anse­hen mag – die­se Leu­te bedien­ten fröh­lich ein Schwung­rad, das sich bis heu­te dreht, auch wenn die dama­li­gen Antrei­ber längst wei­se oder müde gewor­den sind: Schi­vel­busch stell­te bei­zei­ten fest, daß in der lin­ken Hemi­sphä­re des Wes­tens »Ich-Kult und Anar­chie Teil und eigent­lich sogar die Haupt­stüt­ze des poli­tisch-öko­no­mi­schen Sys­tems waren. Im Real­so­zia­lis­mus waren sie der ver­fem­te Teil.«

Sol­che Sät­ze und knap­pen Urtei­le sind weg­wei­send. Schi­vel­busch ist bis heu­te kein »Beken­ner«, aber er weiß sehr viel und ver­schweigt es nicht. Er beschreibt bei­spiels­wei­se die »Schlacht am Tege­ler Weg« (Novem­ber 1968) als Abkehr von der »anti­au­to­ri­tä­ren Spaß­pha­se«. Am Tege­ler Weg sei es nun nicht mehr »spie­le­risch« zuge­gan­gen, son­dern (es kam zu Stein­wür­fen) »feind­se­lig und tod­ernst. Zu Wahl stan­den die Abwan­de­rung in ortho­do­xe mar­xis­tisch-leni­nis­tisch-mao­is­ti­sche Grup­pen oder eben Auswanderung.«

1970 reist Schi­vel­busch erst­mals in die USA – ein Wen­de­punkt. Der Autor zeigt sich heu­te noch ver­blüfft von sei­nem ers­ten Ame­ri­ka­ein­druck: Wie die­se »nie zuvor in der Geschich­te ver­wirk­lich­te« Kol­lu­si­on zwi­schen Frei­heit und mate­ri­el­lem Reich­tum und Genuß wahr­wer­den konn­te! Er wer­de »wahr­schein­lich nie begrei­fen«, wie das funk­tio­nie­re: »daß eine Kul­tur, die so viel auf ihren Indi­vi­dua­lis­mus hält, zugleich eine Kul­tur der Mas­sen­pro­duk­ti­on und eines Mas­sen­kon­su­mis­mus ist, von dem der Kom­mu­nis­mus nur träu­men konn­te. Noch rät­sel­haf­ter ist mir da, wenn ich die Glücks­erwartung sehe, die mit dem Mas­sen­kon­sum ver­bun­den ist wie die christ­li­che Erlö­sungs­er­war­tung mit dem Abendmahl.«

Vom US-ame­ri­ka­ni­schen Heart­land, von den (strikt repu­bli­ka­nisch gepräg­ten) »Fly­o­ver sta­tes« weiß Schi­vel­busch gleich­sam natur­ge­mäß nichts zu berich­ten. Das kern­ame­ri­ka­ni­sche »Hin­ter­land« blieb ihm in all sei­nen US-Jah­ren fern. »New York war der Punkt, an dem Euro­pa ende­te und Ame­ri­ka begann. Das war die für mich stra­te­gi­sche Position.«

Die übli­chen Mode­strö­mun­gen (Kri­ti­sche Theo­rie, Post­struk­tu­ra­lis­mus) faß­ten zwar lan­des­weit Fuß – aber »New York füg­te dem als beson­de­res Aro­ma die groß­städ­ti­sche Iro­nie hin­zu.« Schi­vel­busch wähn­te sich am rich­ti­gen Ort, er paß­te zu New York, es füg­te sich wohl gut, wenn einer von sei­nem For­mat neben der Meta- noch die Meta-Meta-Ebe­ne erklim­men konnte.

Wenn die­se Bezeich­nung in den letz­ten bei­den Jah­ren nicht auf den Hund gekom­men wäre, soll­te man Schi­vel­busch einen Quer­den­ker nen­nen: einen, der dia­go­nal, gegen den Strich und gegen die Fluß­rich­tung watet und dabei mit dem glaub­haf­ten Ges­tus des Ken­ners an den rich­ti­gen Stel­len sei­ne Angel aus­wirft. Er ist in sei­nen spä­te­ren Jah­ren kein Lager­den­ker, dient sich nie einer Rich­tung an. Und den­noch ist er ein Oppo­nent sui gene­ris, als wel­chen ihn gera­de die­ses unbe­dingt lesens­wer­te Spät­werk ausweist.

Hier bekennt er sei­ne »Vor­lie­be für jede Art der Kon­sens­stö­rung.« Sie müs­se bloß fun­diert sein, und der aufs Korn genom­me­ne Kon­sens müs­se »in einem Sta­di­um der Rou­ti­ne und Matt­heit« ange­langt sein, »die die Stö­rung nicht nur recht­fer­ti­gen, son­dern pro­vo­zie­ren.« Naiv, wer sich hier­bei nicht an das viel­zi­tier­te Kubit­schek­sche Dik­tum erin­nert fühlt, es gehe »nicht um die Betei­li­gung am Dis­kurs, son­dern um sein Ende als Kon­sens­form, nicht um ein Mit­re­den, son­dern um eine ande­re Sprache.«

In Ame­ri­ka erreich­te den Autor dann eine inter­es­san­te Anfra­ge der Hes­si­schen Staats­kanz­lei: Ob er, Schi­vel­busch, bit­te eine Geschich­te der jüdi­schen Intel­lek­tu­el­len in Frank­furt in den 1920er Jah­ren schrei­ben wol­le? Die Lan­des­re­gie­rung wür­de es finan­zie­ren. Die Ein­gren­zung auf »jüdi­sche« wur­de dann doch als »Ver­ir­rung« erkannt und fal­len­ge­las­sen, nach­dem Schi­vel­busch hart­nä­ckig inter­ve­niert hat­te. O‑Ton: »Ein schö­nes Bei­spiel für den Zeit­geist in der Bun­des­re­pu­blik, in dem nicht sel­ten die Kate­go­rien der Nazis in aller Unschuld bloß phi­lo­se­mi­tisch umge­polt wurden.«

Das resul­tie­ren­de Buch, Intel­lek­tu­el­len­däm­me­rung: Zur Lage der Frank­fur­ter Intel­li­genz in den zwan­zi­ger Jah­ren (1982), zeich­net dann haar­scharf die Phy­sio­gno­mie die­ser damals selt­sam boo­men­den Stadt nach. »Geor­gia­ner« (Anhän­ger Ste­fan Geor­ges) und die modi­schen Sozio­lo­gen stan­den sich einer­seits unver­söhn­lich gegenüber.

Ande­rer­seits berühr­ten und befruch­te­ten sich die­se Flü­gel in ihrem jewei­li­gen Min­der­hei­ten­sta­tus. Vier­zig Jah­re ist die­se Arbeit alt, aber die Lek­tü­re lohnt sich, weil Schi­vel­busch nicht ideo­lo­gisch schrieb. Wie genau ver­hielt es sich damals mit dem »jüdi­schen Geist«? Wur­de er aus dem Osten belebt oder nicht, und was bedeu­te­ten die­se Fra­gen damals für das Frank­fur­ter Westend? Wir ler­nen hier den Cha­ris­ma­ti­ker Nehe­mi­as Anton Nobel ken­nen, einen Star-Rab­bi, der damals Sieg­fried Kra­cau­er, Leo Löwen­thal und Erich Fromm gedank­lich mitriß.

Dabei ist, wie oben ange­deu­tet, nicht jedes der Schi­vel­busch-Bücher dem soge­nann­ten inter­es­sier­ten Lai­en zu emp­feh­len. Häu­fig schreibt der Geis­tes­wis­sen­schaft­ler für geis­tes­wis­sen­schaft­li­che Kol­le­gen, die auf Augen­hö­he fuhr­wer­ken. Das heißt, etli­che sei­ner Schrif­ten sind deut­lich unnah­bar, sind dis­tin­gu­ier­ter als die vie­ler sei­ner Gewährs­leu­te wie Kra­cau­er oder Lange.

In die geschichts­po­li­ti­sche Sphä­re – nun ein Zeit­sprung – griff Schivel­busch mit sei­nem 2005 erschie­ne­nen Buch Ent­fern­te Ver­wandt­schaft. ­Faschis­mus, Natio­na­lis­mus, New Deal 19331939 ein. Hier­in wag­te er, das »Unver­gleich­li­che« zu ver­glei­chen, näm­li­che den Monu­men­ta­lis­mus (nicht nur der Archi­tek­tur) sowie die Zuhil­fe­nah­me mas­sen­psy­cho­lo­gi­scher Tricks, derer sich damals sowohl in Euro­pa als auch in US-Ame­ri­ka (man den­ke an die Radio­an­spra­chen Roo­se­velts!) bedient wurde.

Die­se Erkennt­nis war kei­nes­wegs neu (für soge­nann­te Rech­te sowie­so nicht), sorg­te nun aber für Stim­mung. Was mach­ten die­se Reak­tio­nen damals mit Schi­vel­busch? Er wun­dert sich über das »eisi­ge Schwei­gen« in der Rezep­ti­on – und erhält dann doch Bei­fall, »von damals mir uner­wünsch­ter Sei­te«, näm­lich von den »Erz­kon­ser­va­ti­ven«. Inzwi­schen sieht er das anders – die »guten alten links­li­be­ra­len Gewiß­hei­ten« habe er heu­te längst abgehakt.

Schi­vel­busch: Sein Rene­ga­ten­tum hol­pert und stol­pert noch – wie soll­te es auch anders sein in der heu­ti­gen »Land­schaft«! In Tumult, der Zeit­schrift für »Kon­sens­stö­rung«, ver­öf­fent­lich­te er bereits »Nota­te zu ­einer Theo­rie der Gegen­re­vo­lu­ti­on«. Möge ihm Zeit blei­ben, die­sen neu­en Raum des Sag­ba­ren auszufüllen!

 

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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