Der Hungerwinter 1946 / 47

von Mario Kandil -

PDF der Druckfassung aus Sezession 106/ Februar 2022

 Gastbeitrag

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Ein Drei­vier­tel­jahr­hun­dert liegt der Hun­ger­win­ter von 1946 / 47 zurück, und ange­sichts der in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land betrie­be­nen Geschichts­po­li­tik hütet sich der angepaß­te His­to­ri­ker, der sich nicht ins publi­zis­ti­sche Abseits stel­len will, davor, die alli­ier­ten Sie­ger dafür zumin­dest mit­ver­ant­wort­lich zu machen.

Statt des­sen wer­den euphe­mis­ti­sche Ter­mi­ni wie »Deutsch­lands huma­ni­tä­re Kata­stro­phe« ver­wen­det – so im Unter­ti­tel des Buches von ­Alex­an­der ­Häus­ser und Gor­di­an Maugg (Erst­ver­öf­fent­li­chung im Jahr 2009, im April 2021 in der Schrif­ten­rei­he der Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung nach­ge­druckt und dort gegen Schutz­ge­bühr zu bezie­hen), das als Begleit­band des ARD-Doku­dra­mas Hun­ger­win­ter – Über­le­ben nach dem Krieg von 2009 kon­zi­piert wur­de. Die­se Doku-Soap wid­met sich in einer »Kom­bi­na­ti­on von Inter­views und fil­mi­scher Rekon­struk­ti­on« dem vier Mona­te andau­ern­den Hun­ger­win­ter, der einer der käl­tes­ten seit dem Beginn der Wet­ter­auf­zeich­nun­gen war. Auf den Zeit­raum 1881 bis 2020 bezo­gen, war jener Win­ter der viertkälteste.

Bereits im Früh­jahr 1946 war abzu­se­hen, daß es im besieg­ten und besetz­ten Deutsch­land zu gro­ßen Eng­päs­sen in der Ver­sor­gung kom­men und daß die zunächst geplan­te Zutei­lung von 1550 Kalo­rien pro Tag ver­fehlt wer­den wür­de. Von die­sem Maxi­mal­ziel (immer­hin der Bedarf eines Erwach­se­nen) muß­ten immer wei­te­re Abstri­che gemacht wer­den, so daß in der fran­zö­si­schen Besat­zungs­zo­ne letzt­lich bloß 800 Kalo­rien täg­lich übrig­blie­ben. Und auch in der spä­te­ren ame­ri­ka­nisch-bri­ti­schen Zone, der Bizo­ne, wur­den regio­nal und zeit­lich schwan­kend nur 700 bis 1200 Kalo­rien täg­lich zuge­teilt. Der nor­ma­le Tages­be­darf liegt – ohne kör­per­li­che Arbeit – bei etwa 2500 Kalo­rien. In der Sowje­ti­schen Besat­zungs­zo­ne (SBZ) und den abge­trenn­ten Ost­ge­bie­ten war die Lage noch schlimmer.

Nur die auf dem Land leben­den Deut­schen – und dies waren in den west­li­chen Besat­zungs­zo­nen cir­ca 15 Pro­zent der Bevöl­ke­rung – konn­ten ihren Bedarf selbst decken und stan­den somit bes­ser da als der Rest. Die Mas­se der »Nor­mal­ver­brau­cher« muß­te hun­gern, falls sie kein Anrecht auf Son­der­ra­tio­nen besaß, in einer Groß­stadt leb­te, nicht »hams­tern« oder auf dem flo­rie­ren­den Schwarz­markt im Tausch für eige­ne Gegen­stän­de Lebens­mit­tel erlan­gen konn­te. Noch viel stär­ker galt dies für die Alten und die Kran­ken sowie für die etwa acht Mil­lio­nen Hei­mat­ver­trie­be­nen, die bis Ende 1947 in die Besat­zungs­zo­nen der USA und Groß­bri­tan­ni­ens ström­ten (Frank­reich hat­te in sei­ner Zone erst gar kei­ne Ver­trie­be­nen zugelassen).

In ganz Euro­pa herrsch­te eine all­ge­mei­ne Not­la­ge, fast über­all muß­ten Lebens­mit­tel ratio­niert wer­den. Für Deutsch­land kam erschwe­rend hin­zu, daß Pro­duk­ti­ons­stät­ten und Infra­struk­tur von den Alli­ier­ten eben­so sys­te­ma­tisch zer­stört wor­den waren wie Wohn­ge­bie­te und Ver­sor­gungs­zen­tren. Die alli­ier­ten Mili­tär­ad­mi­nis­tra­tio­nen übten einen zum Teil ganz mas­si­ven Druck aus, damit die Deut­schen die Repa­ra­tio­nen ablie­fer­ten und die Demon­ta­ge von Tei­len der deut­schen Indus­trie auch in die Tat umge­setzt wur­de. Durch das alles gab es Mit­te 1947 in den West­zo­nen fast kein Saat­gut, kei­nen Dün­ger und auch kei­ne land­wirt­schaft­li­chen Maschi­nen mehr. In Ham­burg gab es im Win­ter 1946 / 47 kei­ne Koh­le und kei­ne Bri­ketts, seit Eis und Schnee die Bahn­stre­cken blo­ckier­ten und kei­ne Güter­zü­ge mehr durch­kom­men konn­ten. In man­chen Städ­ten hal­fen sich Ein­woh­ner selbst und plün­der­ten die Koh­len­zü­ge – so in Köln die Bri­kett-Trans­por­te aus dem benach­bar­ten Braunkohlegebiet.

Schon im ers­ten auf das Kriegs­en­de fol­gen­den Win­ter, dem von 1945 / 46, wie­sen zahl­rei­che Deut­sche Hun­ge­röde­me auf, was Ärz­te mit Besorg­nis regis­trier­ten und wes­we­gen sie die zustän­di­gen Stel­len vor einer Eska­la­ti­on warn­ten. Doch als im Novem­ber 1946 das Unheil ein­setz­te, waren die alli­ier­ten Mili­tär­ver­wal­tun­gen auf nichts vorbereitet.

»Eine Hun­gers­not im übli­chen Sin­ne besteht nicht«, zitier­te der Spie­gel im März 1947 den eng­li­schen Minis­ter John Hynd als ver­ant­wort­li­chen Mann für die bri­ti­sche Besat­zungs­zo­ne. Der Spie­gel wei­ter: »Die Sta­tis­ti­ken sagen etwas ande­res. Die Ärz­te­kam­mer Ham­burg teilt mit, daß 60 000 Per­so­nen wegen Hun­ge­röde­men Zusatz­kost erhal­ten. In Ber­lin begin­gen von 333 Selbst­mör­dern 168 die Tat aus Nahrungssorgen.«

Inner­halb sehr kur­zer Zeit kam es durch den eisi­gen Win­ter zum Zusam­men­bruch der Ver­sor­gung mit Nah­rungs­mit­teln, Medi­ka­men­ten und Brenn­stoff sowie zum Cha­os in Sachen Wohn­raum. Die West­al­li­ier­ten han­del­ten nicht wie Befrei­er und Freun­de, son­dern wie Besat­zer – ihnen fiel zur Behe­bung die­ser Nöte nichts ande­res ein als Zwang und Andro­hung von Stra­fen. Das »Hams­tern« wur­de zwar auch bereits wäh­rend des Krie­ges bestraft, aller­dings ver­schärf­ten die Alli­ier­ten die Stra­fen dras­tisch. Wer beim Kar­tof­feln­le­sen erwischt wur­de, kam in der bri­ti­sche Zone drei Mona­te ins Gefängnis.

Die not­lei­den­den Deut­schen hal­fen sich dage­gen mit dem berühmt gewor­de­nen »Fringsen«: In sei­ner Sil­ves­ter­pre­digt 1946 recht­fer­tig­te der Köl­ner Erz­bi­schof Joseph Kar­di­nal Frings mora­lisch den Mund­raub von Lebens­mit­teln sowie das »Orga­ni­sie­ren« von Koh­le für den eige­nen Bedarf und ermun­ter­te damit immer mehr Deut­sche zu die­ser Form von Selbst­hil­fe. Auch der Schmug­gel flo­rier­te, ins­be­son­de­re im Grenz­ge­biet (wie in der Nähe von Aachen, in Nach­bar­schaft zu Bel­gi­en und den Nie­der­lan­den). Schät­zun­gen besa­gen, daß sich etwa die Hälf­te des gewerb­li­chen Umsat­zes durch Tausch und durch Schwarz­markt außer­halb der Bewirt­schaf­tung vollzog.

Wie an Nah­rungs­mit­teln, so fehl­te es den Deut­schen an den not­wen­digs­ten Gütern des täg­li­chen Bedarfs und an Klei­dern. Was fehl­te, such­ten sich die Gepei­nig­ten auf dem schwar­zen Markt zu beschaf­fen, und par­al­lel dazu ver­lor das Geld immer mehr an Wert. Die Neue ­Zei­tung vom 21. April 1947 nann­te die Schwarz­markt­prei­se in der bri­ti­schen Zone: »But­ter 240 – 250 Mark das Pfund, Speck 200 Mark, Fleisch 60 – 80 Mark, Zucker 70 – 90 Mark, Mehl 30 Mark, drei Pfund Brot 25 Mark, ein Bück­ling 5 Mark.« Der Lohn eines Fach­ar­bei­ters betrug zu die­ser Zeit gera­de ein­mal 230 Mark monatlich.

Eine durch­grei­fen­de Lösung der Pro­ble­me konn­ten jedoch nur die West­al­li­ier­ten ins Werk set­zen, aber sie mach­ten dies erst, als die Hunger­demonstrationen der ihnen auf Gedeih und Ver­derb aus­ge­lie­fer­ten Deut­schen immer grö­ße­re Dimen­sio­nen annah­men. Bald war nicht mehr zu über­se­hen, daß zwi­schen dem Hun­ger und dem Ein­bruch der Arbeits­leis­tung eben­so ein Zusam­men­hang bestand wie zwi­schen west­al­li­ier­ter Kom­man­do­wirt­schaft und der Exis­tenz von Ver­sor­gungs­lü­cken. Allein zwi­schen März und Juni 1947 demons­trier­ten spe­zi­ell im Ruhr­ge­biet mehr als eine Mil­li­on Deut­sche oder leg­ten die Arbeit nieder.

Was US-Ame­ri­ka­ner, Bri­ten und Fran­zo­sen dar­auf­hin unter­nah­men, war beschei­den. Zum 1. Janu­ar 1947 fusio­nier­ten die bei­den Erst­ge­nann­ten ihre Besat­zungs­zo­nen zur Bizo­ne. Frank­reich schloß sich mit sei­ner Zone – aller­dings ohne das Saar­land – erst im April 1948 an: Das (unter ande­rem in einem dama­li­gen Kar­ne­vals­lied) selbst­iro­nisch so genann­te »Tri­zo­ne­si­en« war ent­stan­den. In der Zwi­schen­zeit stürz­te die deut­sche Pro-Kopf-Pro­duk­ti­on auf den Stand des Jah­res 1865 (!) ab. Selbst, als im Früh­jahr 1947 die Kri­se größ­ten­teils über­wun­den schien, emp­fing der deut­sche »Nor­mal­ver­brau­cher« gera­de ein­mal umge­rech­net 335 Gramm Brot, 270 Gramm Kar­tof­feln, zehn Gramm Fleisch, acht Gramm Fett, zwei Gramm Käse, 100 Mil­li­li­ter Milch sowie 17 Gramm Zucker täg­lich. In man­chen Gegen­den war es noch weni­ger so wur­den im Land­kreis Was­ser­burg am Inn im Mai 1947 nur 167 Gramm Brot pro Tag verteilt.

Unter der­ar­ti­gen Ver­hält­nis­sen gras­sier­ten selbst­ver­ständ­lich Krank­hei­ten, beson­ders die Tuber­ku­lo­se. So stan­den im Som­mer 1947 für 40 000 Fäl­le von offe­ner Tuber­ku­lo­se in der Bizo­ne kei­ne Kran­ken­haus­bet­ten zur Ver­fü­gung. Die Todes­ra­te stieg an: auf 28,5 Pro­zent von 1000 erkrank­ten Per­so­nen in den ers­ten drei Mona­ten des Jah­res 1947. Im Ver­gleich dazu lag sie in New York im Jahr 1946 bei 10,1 Pro­zent von 1000 erkrank­ten Per­so­nen. Es ist bis heu­te nicht bekannt, wie vie­le Deut­sche an Hun­ger und durch Hun­ger aus­ge­lös­te Krank­hei­ten star­ben, doch muß von eini­gen hun­dert­tau­send ­Opfern aus­ge­gan­gen wer­den, in der Mehr­zahl Kin­der, Alte und Schwa­che. Und auch der­je­ni­ge, der über­leb­te, hat­te oft an mit­tel- und lang­fris­ti­gen Fol­gen zu lei­den, aus­ge­löst durch einen über­mä­ßi­gen Ver­brauch phy­si­scher wie psy­chi­scher Reser­ven, der teil­wei­se bereits in den so stra­pa­ziö­sen Jah­ren des Zwei­ten Welt­kriegs begon­nen hatte.

Die Men­schen, die kaum noch Sinn im Dasein zu erken­nen ver­moch­ten, ver­fie­len in Apa­thie. Was ihnen an Lebens­kraft ver­blie­ben war, wur­de im täg­li­chen Über­le­bens­kampf auf­ge­zehrt. Ganz zutref­fend urteil­te der öster­rei­chi­sche und deut­sche Wirt­schafts­pu­bli­zist Gus­tav Stol­per, der von 1930 bis 1932 für die Deut­sche Staats­par­tei im Deut­schen Reichs­tag geses­sen hat­te: »Vie­les, was im Jah­re 1945 an mate­ri­el­len Hilfs­mit­teln und an mora­li­scher Kraft tat­säch­lich ver­schont blieb, wur­de in den fol­gen­den zwei Jah­ren alli­ier­ter Poli­tik ver­schleu­dert. Im Som­mer und Herbst 1947 war das deut­sche Volk in vie­ler Bezie­hung nicht bes­ser, son­dern schlech­ter dar­an als je zuvor nach dem Zusammenbruch.«

In der unmit­tel­ba­ren Nach­kriegs­zeit gab es auf alli­ier­ter Sei­te hier und da eini­ge Stim­men, die den Sie­gern Dop­pel­mo­ral vor­war­fen. In die­sem Kon­text wäre etwa der bri­tisch-jüdi­sche Ver­le­ger und Sozia­list Vic­tor Gol­lan­cz zu nen­nen. Ihn hat­ten die Ein­drü­cke, die er wäh­rend eines Besuchs im zer­stör­ten Nach­kriegs­deutsch­land gewon­nen hat­te, zumin­dest nach­denk­lich gestimmt. Des­halb äußer­te er in sei­nem 1946 in Lon­don erschie­ne­nen Buch Our Threa­tened ­Values, das 1947 in Zürich in deut­scher Spra­che erschien: »Die Deut­schen wur­den ver­trie­ben, aber nicht ein­fach mit einem Man­gel an über­trie­be­ner Rück­sicht­nah­me, son­dern mit dem denk­bar höchs­ten Maß von Brutalität.«

Und über das vom Hun­ger aus­ge­lös­te Ster­ben in Deutsch­land sowie über des­sen Wir­kung auf die von den Anglo-Ame­ri­ka­nern ange­streb­te Ree­du­ca­ti­on mein­te Vic­tor Gol­lan­cz: »Es gibt wirk­lich nur eine Metho­de der Umer­zie­hung von Men­schen, näm­lich das Bei­spiel, das man sel­ber vor­lebt.« Doch in die­ser Bezie­hung gaben die Alli­ier­ten ein denk­bar schlech­tes Vor­bild ab.

Der »wei­ße Tod« auf­grund der eisi­gen Käl­te und der »schwar­ze Hun­ger« mit­tels der vor­sätz­li­chen Dezi­mie­rung der nicht im Krieg umge­kom­me­nen Deut­schen durch die Sie­ger lie­ßen ver­ständ­li­cher­wei­se vie­le »Tri­zo­ne­si­er« anneh­men, daß die Ver­fech­ter eines rigo­ro­sen, eines »kar­tha­gi­schen« Straf­frie­dens im Lager der Alli­ier­ten wei­ter den Ton ange­ben wür­den. Daß sich in der Fol­ge dar­an eini­ges zuguns­ten der unter­wor­fe­nen Deut­schen änder­te, hat­te nicht unbe­dingt etwas damit zu tun, daß US-Ame­ri­ka­ner und Bri­ten die Unmensch­lich­keit ihrer Poli­tik ein­ge­se­hen hätten.

Es waren außen­po­li­ti­sche Erwä­gun­gen, die zur mil­de­ren Behand­lung der Deut­schen führ­ten: In dem ab 1947 ver­stärkt auf­tre­ten­den Gegen­satz zu Josef Sta­lins UdSSR samt ihren Tra­ban­ten und dem sich dar­aus ent­wi­ckeln­den Kal­ten Krieg benö­tig­ten die west­li­che Füh­rungs­macht USA und ihr bri­ti­scher Juni­or­part­ner jeden Mit­strei­ter. Daß nun die (West-)Deutschen dabei mit­zie­hen wür­den, wenn die ihnen »geschenk­te« Demo­kra­tie doch nur gleich­be­deu­tend mit Hun­ger und Elend wäre, nah­men nicht ein­mal die Stra­te­gen in Washing­ton und Lon­don an.

So trat denn der Wan­del im Umgang der Sie­ger mit den Besieg­ten ein, und es ent­stand jenes bis heu­te gepfleg­te Erfolgs­nar­ra­tiv, wonach die vor­ma­li­gen Fein­de des Men­schen­ge­schlechts zu Mus­ter­schü­lern der Demo­kra­tie wurden.

 

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