Idee und Raum – 75 Jahre Auflösung Preußens durch die alliierten Besatzer

PDF der Druckfassung aus Sezession 106/ Februar 2022

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph.

»Der Staat Preu­ßen, der seit jeher Trä­ger des Mili­ta­ris­mus und der Reak­ti­on in Deutsch­land gewe­sen ist, hat in Wirk­lich­keit zu bestehen aufgehört.«

Mit die­ser Fest­stel­lung lei­te­ten die Alli­ier­ten das Kon­troll­rats­ge­setz Nr. 46 ein. Es ver­füg­te vor 75 Jah­ren, am 25. Febru­ar 1947, die Auf­lö­sung des Staa­tes Preu­ßen, sei­ner Regie­rung und der Ver­wal­tung. Begrün­det wur­de das mit dem Inter­es­se »an der Auf­recht­erhal­tung des Frie­dens und der Sicher­heit der Völ­ker« und dem Wunsch, »die wei­te­re Wie­der­her­stel­lung des poli­ti­schen Lebens in Deutsch­land auf demo­kra­ti­scher Grund­la­ge zu sichern«.

Frie­den, Sicher­heit und Demo­kra­tie – das konn­ten sich die Alli­ier­ten nur ohne Preu­ßen vor­stel­len. Daher soll­ten die ter­ri­to­ria­len Res­te Preu­ßens zu Län­dern umge­formt oder sol­chen ange­glie­dert werden

Was im nach­hin­ein etwas merk­wür­dig klingt, ist die mit dem Gesetz voll­zo­ge­ne Auf­lö­sung von etwas, das nicht mehr exis­tier­te. Denn tat­säch­lich war Preu­ßen zu die­sem Zeit­punkt bereits zer­schla­gen. Es war nicht nur auf­ge­teilt auf die Besat­zungs­zo­nen, der Groß­teil stand sogar unter frem­der, näm­lich pol­ni­scher und sowje­ti­scher Ver­wal­tung. Eine Regie­rung und eine ein­heit­li­che Ver­wal­tung hat­te Preu­ßen dem­zu­fol­ge auch nicht mehr, der letz­te preu­ßi­sche Minis­ter­prä­si­dent, Her­mann Göring, hat­te sich am 15. Okto­ber 1946 in Nürn­berg das Leben genommen.

Fürch­te­ten die Alli­ier­ten den Geist Preu­ßens, der sich über die neu­en Gren­zen hin­weg leben­dig erhal­ten wür­de? Hat­ten sie Sor­ge, daß im Unter­grund eine womög­lich wei­ter­hin als legi­tim ange­se­he­ne preu­ßi­sche Zen­tral­re­gie­rung über­win­tern wür­de, so wie es die Polen den Zwei­ten Welt­krieg über im bri­ti­schen Exil prak­ti­ziert hat­ten? Oder war es die Ein­sicht, daß weder die Abdan­kung des preu­ßi­schen Königs noch der Preu­ßen­schlag von 1932 oder die Gleich­schal­tung der Län­der 1934 Preu­ßens Exis­tenz been­det hatten?

Was immer der kon­kre­te Anlaß für das Gesetz gewe­sen sein mag, es schwingt etwas Magi­sches mit. Um Preu­ßen zu ban­nen, muß­te es wohl ritua­li­siert ums Leben gebracht wer­den. Die­se Merk­wür­dig­keit ist der Wahr­neh­mung Preu­ßens als Aus­nah­me­erschei­nung nicht nur der deut­schen Staa­ten, son­dern der Staat­lich­keit über­haupt, geschuldet.

Die Alli­ier­ten waren sich dar­in einig, daß ihnen der preu­ßi­sche Staats­be­griff fremd war: »Er unter­schei­det sich eben­so­sehr von der eng­lisch-libe­ra­len Staats­auf­fas­sung, die in dem Staat den Ver­si­che­rungs­agen­ten für das Geschäft sieht, wie von der mar­xis­ti­schen, die ihren End­zweck im mecha­ni­sier­ten Bie­nen­staat fin­det« (Hans von Seeckt).

Das preu­ßi­sche Staats­ethos, das aus dem klei­nen Kur­fürs­ten­tum in der nord­deut­schen Tief­ebe­ne und der Enkla­ve des Ordens­staats im 18. Jahr­hun­dert ein Gemein­we­sen schuf, das den ande­ren Staa­ten viel­fach über­le­gen und schließ­lich in der Lage war, Deutsch­land zu einen, folg­te einer Idee. Bei Fon­ta­ne heißt es: »Was uns obliegt, ist nicht die Lust des Lebens, auch nicht ein­mal die Lie­be, die wirk­li­che, son­dern ledig­lich die Pflicht.

Es ist dies außer­dem etwas spe­zi­ell Preu­ßi­sches. Wir sind dadurch vor ande­ren Natio­nen aus­ge­zeich­net, und selbst bei denen, die es nicht begrei­fen und übel wol­len, däm­mert die Vor­stel­lung von unse­rer dar­aus ent­sprin­gen­den Über­le­gen­heit.« Daher rührt die von den Alli­ier­ten bemüh­te schwar­zen Legen­de vom preu­ßi­schen Mili­ta­ris­mus als Feind jeden Fortschritts.

Preu­ßen war es, das ver­hin­der­te, daß Deutsch­land den liberal­kapitalistischen Weg des Wes­tens ein­schlug. Preu­ßen war es, das dafür sorg­te, daß die Klein­staa­te­rei über­wun­den wur­de, die bis dahin den frem­den Mäch­ten die Vor­macht­stel­lung in der Welt gesi­chert hat­te. Und Preu­ßen war es, das nicht erpreß­bar war, weil es sich in sei­ner Geschich­te bereit zeig­te, sei­ne Exis­tenz aufs Spiel zu set­zen, um sei­ne Sou­ve­rä­ni­tät zu ver­tei­di­gen. Preu­ßen war das Rück­grat Deutsch­lands, und das dach­te man nicht nur zu zer­schla­gen, son­dern auch zu delegitimieren.

Früh reg­te sich gegen die­se Ver­un­glimp­fung Preu­ßens Wider­stand, nicht der Tat, aber des Wor­tes. Hans-Joa­chim Schoeps hielt 1951, zum 250. Grün­dungs­tag des König­tums in Preu­ßen, sei­ne berühm­te Rede »Die Ehre Preu­ßens«, stemm­te sich aber mit eini­gen ande­ren His­to­ri­kern und Poli­ti­kern ver­geb­lich gegen die Ver­ach­tung des Preu­ßen­tums, die zum rhei­ni­schen Genom der Bon­ner Repu­blik gehör­te und nach und nach das bun­des­deut­sche Geschichts­bild bestimmte.

1981 kam es merk­wür­di­ger­wei­se zu einer Preu­ßen-Renais­sance in bei­den deut­schen Staa­ten. Merk­wür­dig, weil 1981 kein preu­ßi­sches Jubi­lä­um anstand. Der Anstoß kam 1977 vom dama­li­gen West­ber­li­ner Bür­ger­meis­ter, der eine Aus­stel­lung anreg­te. In der Fol­ge wur­de über die Bedeu­tung Preu­ßens gestrit­ten, bevor im August 1981 die Aus­stel­lung »Preu­ßen – Ver­such einer Bilanz« eröff­net wur­de. Sie sorg­te für zahl­rei­che Debat­ten um den Ein­fluß Preu­ßens auf die deut­sche Geschichte.

Der gefürch­te­te Bei­fall von der fal­schen Sei­te stell­te sich erwar­tungs­ge­mäß ein. Joa­chim Fer­n­au ver­öf­fent­lich­te sei­ne Apo­lo­gie Preu­ßens, und Hans-Diet­rich San­der schrieb in der Welt: »Preu­ßen war nicht abbruch­reif, son­dern moder­ner, den Erfor­der­nis­sen der Indus­trie­ge­sell­schaft gewach­se­ner als die kon­kur­rie­ren­den Model­le, die heu­te noch schlech­ter daste­hen als ihre zwei­te deut­sche Imi­ta­ti­on. Die Preu­ßen-Debat­te, die auf brei­tes­ter Front begon­nen hat, ist kein Zufall.« Aber sie blieb ohne Kon­se­quen­zen, auch wenn heu­te hin und wie­der die Auf­fas­sung anzu­tref­fen ist, daß damit die deut­sche Teil­wie­der­ver­ei­ni­gung vor­be­rei­tet wer­den sollte.

Im Rück­blick wird man nicht umhin­kom­men, den Ver­gleich der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Bemü­hun­gen mit ähn­li­chen Ten­den­zen zu zie­hen, die sich Anfang der 1980er Jah­re in der DDR bemerk­bar mach­ten. Das Rei­ter­stand­bild ­Fried­richs des Gro­ßen kehr­te ins Zen­trum zurück, eine Bio­gra­phie über ihn erschien, das Ver­hält­nis zu Preu­ßen ent­spann­te sich.

Der Grund war offen­sicht­lich, daß ideo­lo­gisch die Luft raus war und etwas preu­ßi­sche Iden­ti­täts­po­li­tik nicht scha­den konn­te, um den Men­schen jen­seits der als künst­lich emp­fun­de­nen sozia­lis­ti­schen Tra­di­tio­nen die Mög­lich­keit zu geben, zu ihrer Umge­bung ein Ver­hält­nis der Nach­fol­ge zu emp­fin­den. War­um soll­te das 1981 in der Bun­des­re­pu­blik anders gewe­sen sein? Die bei­den Ölkri­sen der 1970er Jah­re sorg­ten für eine Rezes­si­on, die Arbeits­lo­sen­zah­len ver­dop­pel­ten sich, das Wohl­stands­ver­spre­chen war als Iden­ti­täts­er­satz nicht mehr aus­rei­chend, auch wenn man die­se Ein­sicht durch die Redu­zie­rung aufs Kul­tu­rel­le ein­zu­schrän­ken suchte.

Hans-Joa­chim Schoeps, der seit sei­ner Rück­kehr aus dem schwe­di­schen Exil nicht müde wur­de, für eine preu­ßi­sche Renais­sance zu strei­ten, hat die Fra­ge nach der Aktua­li­tät Preu­ßens auch damals deut­li­cher beant­wor­tet: »Vom Preu­ßen­tum gepräg­te Men­schen zei­gen gegen die Ver­lo­ckun­gen des Zivi­li­sa­ti­ons­kom­forts eine grö­ße­re Wider­stands­fä­hig­keit. Sie wer­den ein­fach davon nicht fas­zi­niert, denn Preu­ßen­tum und Wirt­schafts­wun­der – das paßt schlecht zusam­men. […] Denn in einer Welt, in der Ein­fach­heit und Karg­heit nicht als Män­gel, son­dern als Wer­te emp­fun­den wor­den sind, hat man für die hem­mungs­lo­se Bedarfs­de­ckung und Bedarfs­aus­wei­tung wenig Sinn. Die gera­de dadurch beding­te Aus­höh­lung der see­li­schen Sub­stanz und die sich so erge­ben­de Sinn­ent­lee­rung des Lebens über­haupt könn­te an den Preu­ßen auf eine Sperr­bar­rie­re tref­fen, hin­ter der der inne­re Wider­stand beginnt.« Schoeps sah die Not­wen­dig­keit der Besin­nung auf das Preu­ßen­tum, wenn aus der Bun­des­re­pu­blik wie­der ein Staat wer­den sollte.

Man geht aller­dings fehl, wenn man Preu­ßen ledig­lich eine geis­ti­ge Dimen­si­on zubil­ligt. Denn Preu­ßen hat­te einen Ort in der Welt, der dazu bei­getra­gen hat, den preu­ßi­schen Geist zu for­men. Die melan­cho­li­schen Wor­te, die Fer­di­nand Frie­dens­burg, der nach dem Zwei­ten Welt­krieg kom­mis­sa­ri­scher Ober­bür­ger­meis­ter Ber­lins gewe­sen war, 1955 fand, haben daher durch­aus ihre Berech­ti­gung behal­ten: »Kön­nen wir uns auf Dau­er einen deut­schen Baum den­ken, an dem so lebens­vol­le und wich­ti­ge Zwei­ge wie Schle­si­en und Ost­preu­ßen feh­len? Kön­nen wir uns ein Deutsch­land den­ken, des­sen poli­ti­scher und geis­ti­ger Schwer­punkt an der west­li­chen Peri­phe­rie liegt und nicht in Ber­lin, wo ja nicht allein das geo­gra­phi­sche Zen­trum, son­dern auch der Aus­gangs­punkt gewal­ti­ger geis­ti­ger, wirt­schaft­li­cher und poli­ti­scher Kraft­strö­me gewe­sen ist und jeder­zeit wie­der sein kann?«

Die seit­her ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te haben gezeigt, daß so ein Deutsch­land nicht nur denk­bar ist, son­dern auch exis­tie­ren kann. Aller­dings ist die Bilanz die­ser Exis­tenz, wenn man den Sub­stanz­ver­lust der letz­ten 75 Jah­re bedenkt, wohl nicht zuletzt des­we­gen so ver­hee­rend, weil es kein Preu­ßen mehr gibt. Die Ampu­ta­ti­on des deut­schen Ostens hat uns von die­sen Wur­zeln abge­schnit­ten, im bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Blu­men­kü­bel konn­te der Geist Preu­ßen kei­ne neu­en schlagen.

 

 

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph.

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