Schmitt-Fieber in China

von Aristide Leucate

PDF der Druckfassung aus Sezession 106/ Februar 2022

 Gastbeitrag

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Mit Carl Schmitt gegen das Abend­land? In Asi­en und vor allem im kom­mu­nis­ti­schen Chi­na scheut man nicht davor zurück, die­sen Intel­lek­tu­el­len für die eige­nen Zwe­cke zu mobilisieren.

Er wird dort – ganz prag­ma­tisch – in ers­ter Linie nicht als Okzi­den­ta­le, son­dern als Anti­liberaler wahr­ge­nom­men. Die Aneig­nung der Schmitt­schen Theo­rien gelingt um so leich­ter, als sie sich naht­los in den chi­ne­si­schen Kon­sti­tu­tio­na­lis­mus ein­fü­gen, der als poli­ti­sche ­Enti­tät für sich steht, wäh­rend die Euro­pä­er, beein­flußt von ihren Obers­ten Gerichts­hö­fen, in ihren Ver­fas­sun­gen ein von jeg­li­cher Geschicht­lich­keit los­ge­lös­tes juris­ti­sches Werk – einen Grund­rech­te­ka­ta­log – zu sehen gelernt haben.

Dies ist der Schlüs­sel zum Ver­ständ­nis für den wach­sen­den Zuspruch, mit dem vie­le chi­ne­si­sche Intel­lek­tu­el­le und Regi­me­be­ra­ter dem deut­schen Juris­ten begeg­nen, des­sen zeit­wei­li­ge Zuge­hö­rig­keit zur ­NSDAP bei wei­tem nicht ein­hel­lig als tadelns­wer­tes Las­ter ange­se­hen wird – Chen Duong, Pro­fes­sor der Rechts­wis­sen­schaf­ten an der Uni­ver­si­tät von Peking, der zudem beim Regime in hohem Anse­hen steht, fegt die­se Fra­ge mit der lapi­da­ren Fest­stel­lung vom Tisch: »Dies war sei­ne per­sön­li­che Entscheidung.«

Seit Xi Jin­ping die poli­ti­sche Büh­ne betre­ten hat, ist die anti­west­li­che Stoß­rich­tung der chi­ne­si­schen Geo­po­li­tik offen­sicht­lich gewor­den: Nach­dem Xi Jin­ping in den 1970er Jah­ren in die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei ein­ge­tre­ten war und in ihr eine ansehn­li­che Anzahl poli­ti­scher Ämter beklei­det hat­te, wur­de er 2007 in den Stän­di­gen Aus­schuß des Polit­bü­ros der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Chi­nas auf­ge­nom­men und im März 2008 gera­de­wegs ins Vize­prä­si­den­ten­amt katapultierten.

Aber spä­tes­tens seit März 2013, seit sich Xi Jin­ping an der Spit­ze des chi­ne­si­schen Staa­tes befin­det, fährt die chi­ne­si­sche Geo­po­li­tik einen anti­west­li­chen Kurs, der an Deut­lich­keit nichts zu wün­schen übrig­läßt, und dies um so mehr, als die chi­ne­si­schen Macht­ha­ber mit ihrer Absicht, die glo­ba­le Füh­rungs­rol­le Uncle Sam zu ent­rei­ßen, nicht wei­ter hin­ter dem Berg halten.

Gera­de seit der Welt­wirt­schafts­kri­se 2007 / 08 und seit Washing­tons wider­sprüch­li­chen Covid-19-
Pan­de­mie-Bekämp­fungs­stra­te­gien wird von Pekings War­te aus der Wes­ten – des­sen Gali­ons­fi­gur der ame­ri­ka­ni­sche Rie­se ist, wäh­rend die Euro­päi­sche Uni­on als sein ser­vils­ter Lakai auf­tritt – nur noch als ein in fort­schrei­ten­der Auf­lö­sung begrif­fe­ner libe­ra­ler und liber­tä­rer Hau­fen wahr­ge­nom­men. Des­halb nimmt sich die Bezug­nah­me auf einen Den­ker der Begren­zun­gen vom Kali­ber eines Carl Schmitt wie ein offen­si­ver ideo­lo­gi­scher Akt raf­fi­nier­tes­ter Iro­nie aus: Die chi­ne­si­schen Juris­ten – an den Ufern des Gel­ben Flus­ses »Sta­tis­ti­ker« genannt – füh­ren ohne die gerings­ten Skru­pel gegen das ver­ach­te­te und ver­höhn­te Abend­land die Kon­zep­te eines sei­ner bril­lan­tes­ten intel­lek­tu­el­len Ver­tre­ter ins Feld.

So kreist also um das kom­mu­nis­ti­sche Macht­zen­trum eine gan­ze Arma­da von Aka­de­mi­kern, deren Auf­ga­be haupt­säch­lich dar­in besteht, Xi Jin­pings Poli­tik eine juris­ti­sche Rücken­deckung zu sichern. Der Fall Hong­kong ist in die­sem Zusam­men­hang auf­schluß­reich. Seit ihrer Rück­kehr unter die Fit­ti­che Pekings wird die ehe­ma­li­ge bri­ti­sche Kolo­nie regel­mä­ßig von der Regie­rung brüs­kiert, die uner­müd­lich bemüht ist, die sat­zungs­mä­ßi­ge Auto­no­mie Hong­kongs – ein Erbe sei­ner kolo­nia­len Ver­gan­gen­heit – auszuhöhlen.

Auf Hong­kong wur­de das neu­lich vom Stän­di­gen Aus­schuß des Natio­na­len Volks­kon­gres­ses ver­ab­schie­de­te Gesetz ange­wandt: »Die natio­na­le Sicher­heit betref­fend«, soll es »Sezes­si­on, Sub­ver­si­on, Ter­ro­ris­mus und Kol­lu­si­on mit aus­län­di­schen Mäch­ten« bekämp­fen. Der Geset­zes­text ist von unge­wöhn­li­cher Stren­ge, da er eine Palet­te von Sank­tio­nen vor­sieht: von inten­si­ver gericht­li­cher Über­wa­chung über Zwangs­um­sied­lung bis hin zu lebens­läng­li­cher Gefängnisstrafe.

Die Anre­gun­gen zu die­sem Gesetz gehen unmit­tel­bar auf die Arbei­ten Jiang Shi­gongs zurück, der Pro­fes­sor am Lehr­stuhl für Rechts­wis­sen­schaf­ten der Uni­ver­si­tät Peking und ein aus­ge­wie­se­ner Ken­ner von Hong­kongs Sta­tus quo ist, war er doch von 2004 bis 2008 als Gesand­ter in Pekings Ver­bin­dungs­bü­ro vor Ort tätig.

Der Aka­de­mi­ker zählt zu den »kon­ser­va­ti­ven Sozia­lis­ten« bezie­hungs­wei­se zur »Neu­en Lin­ken« Chi­nas und ist bekannt als einer der bes­ten Carl-Schmitt-Spe­zia­lis­ten, des­sen wich­tigs­te Wer­ke er selbst über­setzt hat. Er befür­wor­tet einen rigo­ro­sen Staats­zen­tra­lis­mus und hat, um Pekings völ­li­ge Kon­trol­le über den ehe­ma­li­gen Stadt­staat juris­tisch zu unter­mau­ern, das Kon­zept der »voll­stän­di­gen Sou­ve­rä­ni­tät« bezie­hungs­wei­se »der sub­stan­ti­el­len Sou­ve­rä­ni­tät« (com­pre­hen­si­ve juris­dic­tion) geprägt (zen­tral ist in die­sem Zusam­men­hang sein Haupt­werk, China’s Hong Kong. A Poli­ti­cal and Cul­tu­ral Per­spec­ti­ve, Sin­ga­pur 2017).

Hin­ter die­sem Kon­zept ver­birgt sich eine poli­ti­sche Her­aus­for­de­rung ers­ten Ran­ges: Es gilt, der Unein­deu­tig­keit den Gar­aus zu machen, die die ehe­ma­li­ge Kolo­nie kenn­zeich­net; die Abend­län­der sol­len sie nicht mehr als Tro­ja­ni­sches Pferd des libe­ra­len Impe­ria­lis­mus miß­brau­chen kön­nen. Shi­gong ist der Ansicht, daß Hong­kong in einer pro­west­lich-anti­chi­ne­si­schen Mytho­lo­gie schwelgt, die die vita­len Inter­es­sen des Regimes gefähr­det. Und so erklärt er ohne Umschwei­fe: Die juris­ti­sche Lösung bekommt einen grund­sätz­lich poli­ti­schen Cha­rak­ter, sobald die West­mäch­te als Fein­de der chi­ne­si­schen Wer­te wahr­ge­nom­men werden.

Die­ser Schmit­tia­nis­mus wird um so offen­kun­di­ger in Anspruch genom­men, als er in eine anti­for­ma­lis­ti­sche juris­ti­sche Strö­mung ein­ge­bet­tet ist, die seit 2016 von Xi Jin­ping selbst ener­gisch geför­dert wird: Der chi­ne­si­schen Rechts­leh­re, mahn­te die­ser, oblie­ge es, »eigen­stän­di­ge Theo­rien zu ent­wi­ckeln, die auf der kon­kre­ten Situa­ti­on Chi­nas fußen«, so daß die rea­len chi­ne­si­schen Gege­ben­hei­ten über das, was von Shi­gong als »Schein­welt« bewer­tet wird, die ihm zufol­ge die pro­west­li­che Pro­pa­gan­da Hong­kongs schü­re, den Sieg davon­tra­gen. Unschwer las­sen sich in die­sem prag­ma­ti­schen Ansatz die Spu­ren des Schmitt­schen poli­ti­schen Exis­ten­tia­lis­mus ausmachen.

Die Hong­kong-Affä­re konn­te also bei der Anpas­sung der Schmitt­schen Rechts­leh­re an die poli­ti­schen Ver­hält­nis­se des kom­mu­nis­ti­schen Regimes als Ver­suchs­la­bo­ra­to­ri­um die­nen. Nichts­des­to­we­ni­ger muß man ver­ste­hen, daß sich das »Schmitt-Fie­ber« (so wird die epi­de­mi­sche Beschäf­ti­gung mit dem Werk Schmitts in Chi­na selbst bezeich­net) zumin­dest seit Mao als eine Abfol­ge von Zyklen dar­stellt, in deren Ver­lauf man sich auf das Den­ken des deut­schen Juris­ten ger­ne zum Zwe­cke berief, dem mar­xis­ti­schen Lehr­ge­bäu­de, das öfter am Ran­de des Zusam­men­bruchs stand, neu­es Leben einzuhauchen.

Nun hat­te zwar der Gro­ße Steu­er­mann vor lan­ger Zeit schon gefragt, wer unse­re Fein­de und wer unse­re Freun­de sei­en, doch sind die eins­ti­gen mao­is­ti­schen Schlag­wor­te der »Kul­tur­re­vo­lu­ti­on« obso­let gewor­den und haben schließ­lich ihre ursprüng­li­che Attrak­ti­vi­tät gänz­lich verloren.

Des­halb – und weil sie die wach­sen­de Aus­brei­tung der kapi­ta­lis­ti­schen Markt­wirt­schaft nicht ver­hin­dern konn­ten – ver­spür­ten die Füh­rer der Ein­heits­par­tei bald die Not­wen­dig­keit, die Stütz­pfei­ler der kom­mu­nis­ti­schen ­Ideo­lo­gie, die gefähr­li­che Ris­se auf­zu­wei­sen began­nen, zu kon­so­li­die­ren. Carl Schmitt erschien also in den Augen zahl­rei­cher dem Regime nahe­ste­hen­der Intel­lek­tu­el­ler als der »Zulie­fe­rer« eines dyna­mi­schen Anti­li­be­ra­lis­mus, der geeig­net war, kos­ten­güns­tig, aber effek­tiv – wobei vor allem die Vor­stel­lung einer libe­ra­len Demo­kra­tie zuguns­ten einer authen­ti­schen kom­mu­nis­ti­schen Volks­de­mo­kra­tie ver­wor­fen wur­de – den »gro­ßen Sprung nach vor­ne« zu legi­ti­mie­ren, der bei sei­nem Stre­ben nach dem pro­le­ta­ri­schen Glück etwas ins Sto­cken gera­ten war.

Die­ser »Illi­be­ra­lis­mus« beschränkt sich nicht bloß dar­auf, die west­li­che Wer­te­l­eh­re zu ver­wer­fen, wel­che im wesent­li­chen auf den indi­vi­dua­lis­tisch kon­zi­pier­ten Men­schen­rech­ten beruht. Er läßt sich in jedem Fall gut mit einer Rück­kehr zu den Ursprün­gen des Kon­fu­zia­nis­mus ver­bin­den. Hier wird Schmitts Ein­fluß mit jenem von Leo Strauss kom­bi­niert – Leo Strauss, der sich eben­falls einer schwär­me­ri­schen Beliebt­heit erfreut, vor allem bei sym­bol­träch­ti­gen Autoren wie Gan Yang, die ver­su­chen, den ursprüng­li­chen Sozia­lis­mus chi­ne­sisch-revo­lu­tio­nä­rer Pro­ve­ni­enz, die zur Schau getra­ge­nen Reform­be­stre­bun­gen des Regimes und die tra­di­tio­nel­len chi­ne­si­schen Wer­ten der Anti­ke inein­an­der zu verweben.

So arbei­ten Schmit­tia­ner und Straus­sia­ner gemein­sam an der Errich­tung eines Sino-Exzep­tio­na­lis­mus, in dem die Unter­ord­nung des Rechts unter die Poli­tik in dem Maße vor­an­schrei­tet, in dem die chi­ne­si­sche poli­ti­sche Füh­rungs­schicht gehal­ten ist, sich durch den vom Schmit­tia­ner und Juris­ten Zhang Xuong so genann­ten »chi­ne­si­schen Sub­jek­ti­vis­mus« vom Rest der Welt zu unter­schei­den. Im Gegen­satz zum instru­men­tel­len Nor­ma­ti­vis­mus des Wes­tens fühlt sich die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei Chi­nas beru­fen, die Inter­es­sen der Gesamt­heit des Pro­le­ta­ri­ats – dar­un­ter wird eine Homo­ge­ni­sie­rung von Volk und Staat ver­stan­den – zu repräsentieren.

Die­se Schmitt­sche Rhe­to­rik kommt auch in der Staats­de­fi­ni­ti­on zum Tra­gen, die Qi Zheng, ein ande­rer Rechts­ge­lehr­ter, vor­schlägt. Für letz­te­ren oszil­liert der Staat poli­tisch zwi­schen einem »Grün­dungs­mo­ment« und einem »Bewah­rungs­mo­ment«. Kris­tal­li­siert sich ers­te­res bei der Ein­rich­tung einer poli­ti­schen Ord­nung – dies die ver­fas­sungs­ge­ben­de Funk­ti­on – her­aus, impli­ziert letz­te­res die Bewah­rung die­ser Ord­nung vor mög­li­chen Ein­mi­schun­gen des Fein­des, der im Grün­dungs­mo­ment als sol­cher aus­ge­wie­sen wurde.

Der Schutz der Staats­sou­ve­rä­ni­tät ver­langt aber unwei­ger­lich, »daß die Gewalt des Sou­ve­räns und die Freund­schaft des Vol­kes unein­ge­schränkt zum Aus­druck kom­men. Auf der Grund­la­ge die­ses Schmitt­schen Rah­mens wird für Chi­na ein Über­gang zur Demo­kra­tie mög­lich – aber nur in Form einer Revo­lu­ti­on des Vol­kes inner­halb des Staa­tes«, wie es der Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Jack­son T. Rein­hardt jüngst ausdrückte.

 

 

 

Über­setzt von Chris­ta Nitsch, abge­druckt mit freund­li­cher Geneh­mi­gung der Zeitschrift
Élé­ments, Paris.

 

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