Herr und Frau Jünger

PDF der Druckfassung aus Sezession 106/ Februar 2022

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Als sich Ernst Jün­ger und Gre­tha von Jein­sen im Okto­ber 1922 in Han­no­ver ken­nen­ler­nen, ist sie noch min­der­jäh­rig und er als 27jähriger Leut­nant nicht in der Lage, von sei­nen Vor­ge­setz­ten eine Hei­rats­er­laub­nis zu bekommen.

Aber es fin­det sich: Jün­ger ver­läßt die Reichs­wehr, beginnt ein Stu­di­um in Leip­zig und hei­ra­tet die nun neun­zehn­jäh­ri­ge Gre­tha im Som­mer 1925. 1926 kommt der Sohn Ernst zur Welt, 1934 folgt ­Mar­tin. Zwi­schen der Hoch­zeit und dem frü­hen Tod Grethas im Novem­ber 1960 sor­gen vor allem die zahl­rei­chen Rei­sen Jün­gers und der Zwei­te Welt­krieg dafür, daß sich die Ehe­leu­te Brie­fe schrei­ben, die jetzt in dem Band Einer der Spie­gel des Ande­ren. Brief­wech­sel 1922 – 1960 erst­mals ver­öf­fent­licht wor­den sind.

Es han­delt sich um 358 Schrei­ben, die aus einem Gesamt­be­stand von fast 2000 Brie­fen aus­ge­wählt wur­den. Bedau­er­lich ist, daß es kei­nen rich­ti­gen Kom­men­tar zu den Brie­fen gibt. Jedem Lebens­ab­schnitt wird eine knap­pe Ein­lei­tung vor­an­ge­stellt, der die Lebens­um­stän­de in die­sem Zeit­raum schil­dert. Die­se Abschnit­te sind nach den Lebens­mit­tel­punk­ten Ernst Jün­gers gegliedert.

Sie begin­nen mit Leis­nig, wohin Jün­gers ­Eltern nach dem Ers­ten Welt­krieg gezo­gen waren, füh­ren über Ber­lin und Gos­lar nach Über­lin­gen, Paris, Kirch­horst und schließ­lich nach Wilf­lin­gen. Ver­ein­zelt wer­den Abkür­zun­gen aus den Brie­fen auf­ge­löst, es gibt ein aus­führ­li­ches Personen­verzeichnis, das zu jeder Per­son eini­ge Erläu­te­run­gen ent­hält, und ein Nach­wort. Aber vie­le Andeu­tun­gen und Sach­ver­hal­te, die in den Brie­fen vor­kom­men, muß der Leser selbst ent­schlüs­seln. Und selbst bei den Namen sind die Her­aus­ge­ber nicht beson­ders gründ­lich. Zu einem »Bark« heißt es »Iden­ti­tät unklar«, obwohl es sich bei die­sem um Kurt Oskar Bark, Mit­glied des Frei­korps Roß­bach, han­deln muß.

Der Krieg spielt über den gan­zen Brief­wech­sel, nicht nur in den Jah­ren nach 1939, eine gro­ße Rol­le. Das beginnt im Janu­ar 1924, als Jün­ger über sei­nen Abschied aus der Reichs­wehr resü­miert: »Auf die Dau­er hät­te ich wohl doch nicht in die preu­ßi­sche Armee gepaßt; ein Heer, wie es unter dem jun­gen Napo­le­on in Ita­li­en kämpf­te oder nach Ägyp­ten zog, in dem jun­ge und glü­hen­de Leu­te sich durch das Band wirk­li­cher Kame­rad­schaft gebun­den fühl­ten, hät­te eher Raum für mich gehabt.« Dort hät­te man sich vor allem nicht mit den »Ange­le­gen­hei­ten des Pri­vat­le­bens«, also der Hei­rats­fä­hig­keit, beschäftigt.

Beim Besuch in Bozen / Süd­ti­rol bemän­gelt er 1925 die ita­lie­ni­schen Uni­for­men in die­ser »urdeut­schen Stadt« und hofft, »doch noch in dem Krie­ge die Waf­fen zu tra­gen, durch den es wie­der in unse­re Fäus­te über­geht«. Erst 1935 schreibt er aus Nor­we­gen: »Ich hat­te kaum gemerkt, daß ich noch bis heu­te irgend­wie im Schat­ten des Welt­krie­ges ging, aber ich glau­be, daß ich in die­sen Tagen auch den letz­ten Rest davon abge­wor­fen habe und in neue Hei­ter­keit ein­ge­tre­ten bin.«

Jün­ger ist viel auf Rei­sen, und die Frau küm­mert sich um die Umzü­ge, beglei­tet von Hin­wei­sen des Gat­ten: »Vor­sicht um Got­tes wil­len mit mei­nen Käfern, deren Anzahl ich jetzt erheb­lich ver­mehr­te«, schreibt er von sei­ner Rück­rei­se aus Bra­si­li­en, als Gre­tha den Umzug von Gos­lar nach Über­lin­gen orga­ni­siert. Geld­sor­gen sind ein The­ma, eben­so wie der Schul­be­such der Söh­ne, die zunächst bei­de kei­ne guten Schü­ler sind. Viel geht es auch um die Suche nach einem geeig­ne­ten Haus, in dem man seß­haft wer­den könn­te. In Gos­lar bewoh­nen sie ledig­lich eine Woh­nung, Über­lin­gen ist nur eine Zwi­schen­sta­ti­on und das alte Pfarr­haus in Kirch­horst kann nur gepach­tet werden.

Aus Kirch­horst muß Jün­ger auch zur Wehr­macht ein­rü­cken. Der Krieg führt ihn erst an den West­wall, dann nach Frank­reich und schließ­lich nach Paris, alles recht unspek­ta­ku­lär: »Um ähn­li­ches wie im Welt­krie­ge zu erle­ben, hät­te ich bei den Fall­schirm-Jägern ein­tre­ten müs­sen.« In Paris führt Jün­ger ein ziem­lich luxu­riö­ses Leben, das in einem star­ken Kon­trast zu dem immer beschwer­li­cher wer­den­den All­tag in Kirch­horst steht.

Selbst wenn Jün­ger stän­dig irgend­wel­che Pake­te dort­hin absen­det, wirkt es dis­so­nant, wenn er von Cham­pa­gner am Mor­gen berich­tet, wäh­rend Gre­tha über die schwe­re kör­per­li­che Arbeit in Haus und Gar­ten klagt. Wenn ­Jün­ger ähn­li­che Tätig­kei­ten aus Paris mel­det, klingt es unfrei­wil­lig komisch: »Vor­her ging ich in den Gar­ten und frön­te mei­ner alten Lei­den­schaft, grü­ne Erb­sen vom Busche zu pflücken.«

Ein wei­te­res The­ma, das sich durch den gan­zen Brief­wechs­le zieht, sind Jün­gers Frauen­geschichten. Es beginnt 1937 mit klei­nen Hin­wei­sen, die Gre­tha lau­nig kom­men­tiert: »Ich erfuhr, daß Du sie in Ham­burg ange­ru­fen hast – hähä – sage ich, um Dir zu bewei­sen, dass auch Dein Schwin­deln nichts nüt­zen kann. Gott mit Dir mein Teu­rer, Du weisst doch, dass ich mit mir reden las­se in die­ser Bezie­hung.« Und immer wie­der kommt eine gewis­se Bit­ter­nis in die Brie­fe, wenn Gre­tha sich ver­nach­läs­sigt fühlt. Einer­seits sei ihm »für den Krieg über alles erlaubt, was Dein Herz und Dein Sinn begehrt«, sie will davon aber nichts mer­ken und beklagt sich, wenn sei­ne Brie­fe einen rou­ti­ne­mä­ßi­gen Cha­rak­ter annehmen.

Der Ton ändert sich, als Jün­ger in Paris sta­tio­niert bleibt und sich dort auf eine inten­si­ve Affä­re mit Sophie Ravoux, einer deutsch­stäm­mi­gen, mit einem fran­zö­si­schen Juden ver­hei­ra­te­ten Kin­der­ärz­tin, ein­läßt, was in Kirch­horst nicht unbe­merkt bleibt, weil Jün­ger sei­ne zur Ver­öf­fent­li­chung bestimm­ten Tage­bü­cher zur Auf­be­wah­rung dort­hin sen­det. Das führt zu meh­re­ren ernst­haf­ten Ver­wer­fun­gen in der Ehe, die Jün­ger müh­sam wie­der zu kit­ten ver­sucht, indem er ver­spricht, Frau Ravoux abzu­schwö­ren (was er dann doch nicht tut), und sei­ne Lie­be zu Gre­tha bekennt (»auch als Wit­wer wür­de ich nie wie­der hei­ra­ten kön­nen«, heißt es im Febru­ar 1943).

Jün­gers Bemü­hun­gen sind stel­len­wei­se von einer atem­be­rau­ben­den Unge­schick­lich­keit, wenn er bei­spiels­wei­se anmerkt, ihm sei in Paris die Schön­heit der Frau­en gleich­gül­ti­ger gewor­den: »Ich glau­be, daß gera­de durch die­se neue Ein­sicht mein Ver­hält­nis zu Dir auch viel gewin­nen wird«.

Jün­gers Wer­ke kom­men nur am Ran­de vor. Die Rezep­ti­on der Mar­mor­klip­pen ist The­ma, als Jün­ger im April 1940 berich­tet, daß Carl Schmitt sich damit amü­sie­re, »den Leu­ten zu erzäh­len, daß unter dem Ober­förs­ter Fürst ­Bis­marck zu ver­ste­hen ist. Ich fin­de die­se Ver­si­on nicht übel, die Ihr Euch zu eigen machen könnt.« Er plant eine Fort­set­zung. Bei der Abfas­sung der Friedens­schrift bekennt er: »Wenn ich das hin­ter mir habe, wer­de ich eben so erlöst sein wie nach der Been­di­gung vom Arbei­ter.«

Inter­es­sant ist bei­der Ein­schät­zung der Lage im Krieg. Gre­tha schreibt: »Soeben erhal­ten wir die ers­ten Nach­rich­ten über die Beset­zung von Däne­mark und Nor­we­gen; es hät­te schon längst gesche­hen sol­len, – die­ser nor­di­sche Zip­fel an uns­rer Müt­ze ärger­te mich, man könn­te ihn ganz gut noch ein­ver­lei­ben.« Der Vor­marsch in Frank­reich ver­setzt sie in einen »wah­ren Tau­mel«, dies sei­en Leis­tun­gen, »wie sie uns kein Volk der Erde nach­ma­chen wird«.

Am 20. Mai 1940 schreibt Ernst: »Wir wer­den die­sen Krieg gewin­nen.« Gre­tha stimmt ihm zu, »aber ich rech­ne nicht mit einer kur­zen Dau­er. Von den unge­heu­ren Ver­lus­ten ganz zu schwei­gen«. Ende 1941, nach der Kriegs­er­klä­rung an die Ver­ei­nig­ten Staa­ten, sieht Jün­ger das ähn­lich: »Der Krieg kann damit noch eini­ge Jah­re län­ger wer­den, er nimmt immer mehr die For­men einer Welt­ka­ta­stro­phe an.« Im Janu­ar 1943 heißt es kryp­tisch von sei­ner Rei­se in den Kau­ka­sus: »Im übri­gen habe ich eini­ge der dun­kels­ten Blät­ter der mensch­li­chen Geschich­te gesehen.«

Auch zu der bekann­ten Bur­gun­der­sze­ne, die Jün­ger unter dem 27. Mai 1944 in den Strah­lun­gen abge­druckt hat, gibt es inso­fern eine Auf­klä­rung, als daß er am 28. Mai an Gre­tha schreibt, er sei ges­tern »zwei Mal auf dem hohen Dache des Rapha­el« gewe­sen und habe »die Rauch­wol­ken der Bom­ben hoch auf­stei­gen« sehen, »wäh­rend oben die Geschwa­der, von Geschos­sen umblitzt, davon­zo­gen«. Ein Jahr zuvor hieß es über einen Bom­ben­an­griff: »Das Schau­spiel war schön und zugleich voll dämo­ni­scher Schrecken.«

Im August 1944 wird Jün­ger aus der Wehr­macht ent­las­sen, und er kehrt nach Kirch­horst zurück. Das Kriegs­en­de und die sich anschlie­ßen­de Besat­zungs­zeit zwin­gen Jün­ger zur Häus­lich­keit, so daß der Brief­wech­sel erst wie­der Fahrt auf­nimmt, als Jün­ger wie­der regel­mä­ßig auf Rei­sen gehen kann, was er grund­sätz­lich ohne sei­ne Frau tut.

Auch aus die­ser Zeit, seit 1950 leb­ten sie in Wilf­lin­gen, gibt es eini­ge auf­schluß­rei­che Stel­len, so etwa wenn Gre­tha 1950 schreibt: »An Post ein Brief von Nie­kisch, den Moh­ler vor­hin vor­las. Das Wort Oder-Neis­se-Linie allein drin lässt mich wie einen Pan­ther auf­fah­ren. Du siehst, ich bes­se­re mich nicht.« Man blieb sei­nen Grund­über­zeu­gun­gen treu, auch wenn man hier das Gefühl hat, daß die poli­ti­schen Din­ge Jün­ger nicht mehr beson­ders inter­es­sier­ten. Immer­hin liest man noch 1957 von ihm: »Es fehlt eben die star­ke natio­na­le Par­tei, zu der sich lei­der die F.d.P. nicht ent­wi­ckelt hat.«

Jün­gers Selbst­bild kommt im Brief­wech­sel kurz vor, als er die Druck­fah­nen von Grethas Erin­ne­run­gen, die 1955 unter dem Titel ­Sil­hou­et­ten erschei­nen, durch­ar­bei­tet und dort zu sei­ner Per­son eini­ges anzu­mer­ken hat: »Was mich betrifft, so gewinnt der Leser den Ein­druck eines Men­schen, der sich mit Ver­schwö­rern und dunk­len Exis­ten­zen umringt und ein frag­wür­di­ges Dasein führt. Das Schieß­ei­sen spielt eine Haupt­rol­le. Daß ich vor allem und trotz aller mate­ri­el­len und phy­si­schen Hin­der­nis­se eine höchs­te geis­ti­ge Exis­tenz geführt habe, tritt nicht hervor.«

 

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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