Egon Flaig, Rebekka Habermas und die Frage nach der Wahrheit

Die Frage „Was ist Wahrheit?“ gehört zu den Grundproblemen des Menschen.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Sie treibt ihn seit jeher um, und die Suche nach einer Ant­wort hat ihn aus der Höh­le geführt. Gefun­den hat er sie bis heu­te nicht, vom Feld der Aus­sa­gen­lo­gik ein­mal abge­se­hen. Einen Beleg für die anhal­ten­de Suche hat der Alt­his­to­ri­ker Egon Flaig in der FAZ vom 14. Novem­ber gebracht.

Unter der Über­schrift „Wie hält es die His­to­rie mit der his­to­ri­schen Wahr­heit?“ rei­tet er eine Atta­cke gegen eine Geschichts­wis­sen­schaft, die sich zum Die­ner der gera­de gras­sie­ren­den Iden­ti­täts­po­li­tik macht. Wer Flaig kennt, der schon den Rotz in sei­nem Taschen­tuch mit dem Holo­caust ver­glich, um die Behaup­tung his­to­ri­scher Sin­gu­la­ri­tät ab absur­dum zu füh­ren, weiß, daß die­ser das offe­ne Wort liebt.

Zu sei­nem aktu­el­len Bei­trag gibt es eine Vor­ge­schich­te. Mit­te Okto­ber hat­te Flaig in der FAZ einen Bei­trag ver­öf­fent­licht, der sich kri­tisch mit der For­de­rung nach „his­to­ri­scher Gerech­tig­keit“, die der anti­ko­lo­nia­le Dis­kurs gegen­wär­tig in Rich­tung Euro­pa als den für den Kolo­nia­lis­mus Ver­ant­wort­li­chen erhebt, aus­ein­an­der­setz­te. Die­ser leug­ne näm­lich vier his­to­ri­sche Wahr­hei­ten: daß die Skla­ve­rei älter als die euro­päi­sche Welt­herr­schaft ist, daß es nur in Euro­pa eine Anti-Skla­ve­rei-Bewe­gung gab und daß die ara­bi­schen Erobe­rer in Afri­ka Kolo­nia­lis­mus prak­ti­zier­ten. Dort habe schließ­lich der „haut­far­bi­ge Ras­sis­mus“ sei­ne Wurzeln.

Flaig inter­es­sie­ren bei die­ser Debat­te vor allem drei Punk­te. Zunächst die ganz kon­kre­te Fra­ge, wel­che Aus­wir­kun­gen die euro­päi­sche Inbe­sitz­nah­me Afri­kas dort hat­te. Sei­ne Antwort:

Die frei­en Afri­ka­ner von heu­te ver­dan­ken ihre Frei­heit just den aboli­tio­nis­ti­schen Inter­ven­tio­nen von Bri­ten und Franzosen.

Mit ande­ren Wor­ten: Ohne Kolo­nia­lis­mus gäbe es da heu­te noch Skla­ve­rei. Der zwei­te Punkt ist eben die ein­ge­for­der­te „his­to­ri­sche Gerech­tig­keit“, die Flaig für uner­füll­bar hält, weil es sich um eine ins Unend­li­che rei­chen­de Spi­ra­le handelt:

Jede Repa­ra­ti­on pri­vi­le­giert das erin­ner­te Unrecht gegen­über dem nicht-erin­ner­ten und erzeugt neue Ungerechtigkeit.

Und schließ­lich ist es der von Her­mann Lüb­be ein­mal so bezeich­ne­te „demo­kra­ti­sche Dumm­stolz“, mit der die gegen­wär­ti­ge Gene­ra­ti­on meint, die Weis­heit mit Löf­feln gefres­sen zu haben, ohne dabei zu beden­ken, daß die Weis­heit von den Vor­fah­ren hart erkämpft wur­de. Die Ver­dam­mung der Vor­fah­ren bedeu­tet dann auch, unse­re eige­ne Geschich­te zu negie­ren und damit den Weg, auf dem wir wur­den, wie wir sind.

Gegen die­se The­sen lie­ße sich eini­ges ein­wen­den. Ins­be­son­de­re gegen die bei Flaig noto­ri­sche Fort­schritts­ideo­lo­gie. Die Fran­zo­sen und die Eng­län­der kom­men bei ihm zu gut weg, auch wenn die Ara­ber für die Skla­ve­rei in Afri­ka eine maß­geb­li­che Rol­le spiel­ten. Aber wer „Die Wüs­ten­ro­se“ von Hen­ry de Mon­t­her­lant gele­sen hat, den wird die Lob­hu­de­lei doch befrem­den. Auch wären die hor­ren­den Opfer­zah­len, den der Kampf gegen die Skla­ve­rei in unzäh­li­gen Bür­ger­krie­gen gefor­dert hat, erwähnenswert.

Über die Deut­schen schweigt sich Flaig ganz aus, dabei ste­hen sie (abge­se­hen von geschei­ter­ten Skla­ven­han­del­ver­su­chen im 17. Jahr­hun­dert) mit wei­ßer Wes­te da. Aber das ist ver­mut­lich ein zu hei­ßes Eisen für Flaig. Bruce Gil­ley, der eben­falls der Fort­schritts­ideo­lo­gie anhängt, hat es ange­packt.

Aller­dings ant­wor­te­te nicht Gil­ley auf Flaigs Auf­satz, son­dern Rebek­ka Haber­mas. Die­se ist nicht nur die Toch­ter von Jür­gen H., son­dern auch His­to­ri­ke­rin. Ihre Ant­wort in der „Zeit“ vom 30. Okto­ber ist aller­dings in der Sache nicht beson­ders ergie­big und stel­len­wei­se ziem­lich wirr. Sie meint einer­seits, Flaigs Behaup­tung, daß Skla­ven oft selbst Skla­ven­jä­ger waren, sei kor­rekt (sage aber nichts über die Ursa­chen der Skla­ve­rei aus), ande­rer­seits sei es per­fi­de, dies als Argu­ment in die Debat­te einzuführen.

In einem inter­es­san­ten Punkt pflich­tet sie ihm sogar bei: „Fra­gen der Schuld haben […] erst ein­mal in geschichts­wis­sen­schaft­li­chen Unter­su­chun­gen kei­nen Ort […].“ Ein inter­es­san­ter Grad­mes­ser, den sich jeder mer­ken soll­te, wenn es mal wie­der um die Ursa­chen des Ers­ten oder Zwei­ten Welt­kriegs geht.

Den­noch ist nach der Lek­tü­re des Bei­trags von Haber­mas nicht ganz klar, was Flaig so erzürnt haben mag, daß er in der FAZ zwei Wochen spä­ter nach­le­gen muß­te. Schaut man sich den Text an, wird schnell klar, wor­um es Flaig geht.

Haber­mas hat Stu­di­en unbe­ach­tet gelas­sen, die Flaig für maß­geb­lich hält. Sie hat also den For­schungs­stand igno­riert. Viel schwe­rer wiegt jedoch, daß sie an kei­ner Stel­le den Ver­such unter­nom­men hat, Flaigs The­sen zu wider­le­gen, denn auch die von ihm für maß­geb­lich gehal­te­nen Stu­di­en kön­nen ja falsch sein. Denn Wis­sen­schaft besteht nun ein­mal vor allem in der Revi­si­on der vor­lie­gen­den Ergebnisse.

Flaig ist da etwas ande­rer Auf­fas­sung. Er ist des­halb so erbost, weil er an die Exis­tenz his­to­ri­scher Tat­sa­chen glaubt. „Glau­ben“ wird sei­ner Auf­fas­sung nicht ganz gerecht, da Tat­sa­chen ja nicht geglaubt wer­den müs­sen. Aller­dings bewe­gen wir uns hier auf einem schma­len Pfad, da es ja auch Glau­bens­tat­sa­chen gibt bzw. der Gläu­bi­ge die Inhal­te sei­nes Glau­bens ja eben­so für Tat­sa­chen hält.

 Das Leug­nen von his­to­ri­schen Tat­sa­chen […] annul­liert die Kri­te­ri­en des Bewahr­hei­tens und negiert die ver­bind­li­chen Regeln der glo­ba­len Mit­teil­bar­keit von Wis­sen, Erfah­rung und Argumenten.

Die­ser Satz ergibt natür­lich nur dann Sinn, wenn man weiß, was eine his­to­ri­sche Tat­sa­che ist.

Zunächst will Flaig damit nur den Miß­brauch der Geschichts­wis­sen­schaft für geschichts­po­li­ti­sche Zie­le anpran­gern, so wie sie Haber­mas im Sinn der ehe­ma­li­gen Kolo­ni­al­völ­ker ver­tritt. Damit wür­den his­to­ri­sche Nar­ra­ti­ve bedient, um das Zusam­men­ge­hö­rig­keits­ge­fühl zu stärken.

Mit Wahr­heit und Wis­sen­schaft habe das wenig zu tun, die im Umkehr­schluß auch nicht geeig­net sei­en, Kol­lek­ti­ven Ori­en­tie­rung zu geben. Das ist ein ziem­lich puris­ti­scher Ansatz von Geschichts­wis­sen­schaft, die in so rei­ner Form kaum irgend­wo außer­halb des Elfen­bein­turms anzu­tref­fen sein dürf­te. Denn jede Form der Geschichts­wis­sen­schaft, die Nicht­his­to­ri­ker wahr­neh­men, begibt sich nach außen und ver­sucht in irgend­ei­ner Art und Wei­se Ori­en­tie­rung (in der Ver­gan­gen­heit) zu geben. Flaig nimmt die­ses Vor­recht für sich auch als selbst­ver­ständ­lich in Anspruch.

Inter­es­sant ist, an wel­chem Bei­spiel Flaig die Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen der Geschichts­wis­sen­schaft und der Geschichts­po­li­tik zeigt. Er wählt dazu den His­to­ri­ker­streit von 1986, der vor allem zwi­schen Ernst Nol­te und dem gro­ßen Rest der His­to­ri­ker­zunft aus­ge­tra­gen wur­de. Nol­te war in die­sem Streit der­je­ni­ge, der „auf der fach­lich kon­sti­tu­ti­ven Dif­fe­renz“ beharrte:

„Die Fest­stel­lung einer Tat­sa­che ist abzu­son­dern von der Bewer­tung derselben.“

Für Haber­mas, den Vater von Rebek­ka, und Hans-Ulrich Weh­ler war hin­ge­gen klar,

daß ein gedächt­nis­po­li­tisch erzeug­tes Bild von der Ver­gan­gen­heit öffent­lich zu gel­ten habe, unbe­hel­ligt von ver­stö­ren­den Fra­gen aus der Fachdisziplin.

Wenn man Flaig folgt, stör­ten die von Nol­te fest­ge­stell­ten Tat­sa­chen den geschichts­po­li­ti­schen Frie­den der BRD. Aber aus der Tat­sa­che, daß der Bol­sche­wis­mus älter als der Natio­nal­so­zia­lis­mus ist, folgt nur dann dra­ma­tisch viel, wenn man letz­te­ren zu einem auß­er­zeit­li­chen Phä­no­men erklärt hat. Und dar­an arbei­tet die Geschichts­wis­sen­schaft bis heu­te, indem sie sich hin­ter gedächt­nis­po­li­ti­schen Geset­zen verschanzt.

Flaig wird hier sehr deut­lich, wenn er die Sus­pen­die­rung die­ser Geset­ze for­dert und die Kon­se­quen­zen beschreibt, die es hat, wenn poli­ti­sche Zie­le klei­ner Grup­pen bestim­men, was his­to­risch als Tat­sa­che zu gel­ten hat. Aus ihrer Betrof­fen­heit folgt der Son­der­sta­tus, der es sich erlau­ben kann, vom Wahr­heits­kri­te­ri­um abzusehen.

Flaig:

Hier­aus speist sich die exter­mi­na­to­ri­sche Wut auf jene Geschichts­wis­sen­schaft, die es noch wagt, sich der Woge von uni­ver­si­tär legi­ti­mier­ten Unwahr­hei­ten ent­ge­gen­zu­stem­men und sie als das zu bezeich­nen, was sie fak­tisch sind: fake history.

Dem ist voll und ganz zuzu­stim­men, nur wüß­te man gern, ob er den Sta­tus „Pseu­do­wis­sen­schaft“, den er den „Post­co­lo­ni­al Stu­dies“ zuweist, auch für die „Holo­caust Stu­dies“ anwen­den würde.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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Kommentare (39)

Niekisch

25. November 2022 14:34

Für einen sachgerechten Diskurs erst einmal die aktuelle und einschlägige Fassung des § 130 StGB - www.dejure.org -:

(3) Mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer eine unter der Herrschaft des Nationalsozialismus begangene Handlung der in § 6 Abs. 1 des Völkerstrafgesetzbuches bezeichneten Art in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, öffentlich oder in einer Versammlung billigt, leugnet oder verharmlost.

(4) Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer öffentlich oder in einer Versammlung den öffentlichen Frieden in einer die Würde der Opfer verletzenden Weise dadurch stört, dass er die nationalsozialistische Gewalt- und Willkürherrschaft billigt, verherrlicht oder rechtfertigt.

 

Uwe Lay

25. November 2022 17:03

Auch wenn der große Historiker Leopold von Ranke die Maxime ausgab: "Darstellen, wie es wirklich war", hatte und hat die universitäre Geschichtswissenschaft doch stets den Auftrag, die Geschichte gemäß den politischen Vorgaben des jeweilligen Staates zu schreiben. Als einmal ein Politiker zur Debatte um den "Überfall auf Polen" 1939 daran erinnerte, daß Polen davor die Generalmobilmachung ausgerufen hatte, erklärte die Bundeskanzlerin, daß diese Tatsache eben nicht erwähnt werden dürfe, da sie die Alleinschuld Deutschlands am 2.Weltkriege in Frage stellen könnte. Diese Mobilmachung ist so eine "falsche Tatsache", weil sie der offiziellen Geschichtsschreibung widerspricht.So existieren eben viele falsche Tatsachen, denn "wahr" ist nur die offiziöse Geschichtsschreibung!

Uwe Lay

25. November 2022 17:10

Revisionismus- das ist der schlimmste Vorwurf, der heutzutage einem Historiker gegenüber erhoben werden kann. Zum 1.mal wurde dieser Vorwurf aber von orthodoxen Marxisten dem SPD-Politiker Eduard Bernstein gegenüber erhoben, als der meinte, es käme nicht auf das Endziel an, sondern darauf, permanent die bestehenden Verhältnisse zu verbessern. Diese Abkehr von den "Wahrheiten"des Marxismus wird seit dem "Revisionismus" betitelt und meint so den Abfall von ideologischen Wahrheiten: Bernstein war eben "ungläubig" geworden!

Gustav

25. November 2022 17:20

Ist Tatsachenglaube nicht das, was unsere Regierung und unsere Medien als neue Religion betreiben? Ist es jetzt eine Tatsache, wenn unsere Frau Außenminister glaubt, sie wäre eine Juristin des Völkerrechts? Wenn ein Herr Habeck glaubt, er wäre ein Meister der Wirtschaftspolitik? Jemand aus dem Hause Habermas glaubt, er wäre der Wahrheit verpflichtet?

quer

25. November 2022 17:37

E. Flaig hat sicherlich seine  Verdienste. Sein Buch: "Weltgeschichte der Sklaverei"  bei Beck 2009, ISBN 978-3-406-5845-03 war für mich in seiner Komplexität durchaus erhellend. Zu meiner größten Verwunderung stellte ich im Rahmen einer Diskussion fest, daß die Suche nach der Wahrheit bei Prof. Flaig auch nicht ohne Berücksichtigung des Zeitgeistes geprägt ist. Denn: Wie sonst hätte ein Kapitel Sklaverei in den frühen USA "übersehen" werden können? Nämlich ein Buch von dort selbst: "L. Koger: "Black Slaveowners", ISBN 0-89950-160-5, 1989, fast 500 Seiten. Dieses Buch wird bis zu € 500,- in Antiquaren gehandelt. Es wurde nie dem deutschen Sprachraum qua Übersetzung erschlossen. Offenbar keine Urheberrechte mehr, da im Internet für jedermann runterzuladen. Wer übersetzt das mal und publiziert es gar? Die Historikerzunft müßte gierig darauf abfahren. Oder?

quer

25. November 2022 17:43

Hier noch der link zu besagtem Buch über die Sklaverei von freien Negern in den USA:

https://archive.org/details/black-slaveowners-free-black-slave-masters-in-south-carolina/mode/2up

Kann man prima denen vorhalten, die ständig vom "Rassismus" der Weißen faseln.

Niekisch

25. November 2022 17:59

II. 

§ 6
Völkermord

(1) Wer in der Absicht, eine nationale, rassische, religiöse oder ethnische Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören,

1.ein Mitglied der Gruppe tötet,
2.einem Mitglied der Gruppe schwere körperliche oder seelische Schäden, insbesondere der in § 226 des Strafgesetzbuches bezeichneten Art, zufügt,
3.die Gruppe unter Lebensbedingungen stellt, die geeignet sind, ihre körperliche Zerstörung ganz oder teilweise herbeizuführen,
4.Maßregeln verhängt, die Geburten innerhalb der Gruppe verhindern sollen,
5.ein Kind der Gruppe gewaltsam in eine andere Gruppe überführt,

wird mit lebenslanger Freiheitsstrafe bestraft.

(2) In minder schweren Fällen des Absatzes 1 Nr. 2 bis 5 ist die Strafe Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren.

Ein Fremder aus Elea

25. November 2022 18:25

Also, wenn ich mir das angeführte Beispiel des Ursprungs der afrikanischen Freiheit so vor Augen halte, stellt sich mir weniger die Frage, was Wahrheit ist, als was Freiheit ist.

Was Wahrheit ist, ist völlig trivial, was Worte wie Freiheit bedeuten, ist es nicht, und wenn man Aussagen auf Begriffe gründet, welche nicht wohldefiniert sind, so vererbt sich ihre Unzureichendheit aussagenlogisch auf die Aussagen.

Gabun hat Erdöl, Frankreich kümmert sich um seine Förderung und stellt den Gabunern dafür Schulen und Wohnraum zur Verfügung.

Es gibt nur anderthalb Millionen Gabuner, und Gabun ist ungefähr so groß wie Deutschland. Das krasseste Beispiel. Aber Afrika wird insgesamt weiterhin landwirtschaftlich und bergbauerisch auswärtig verwaltet, das Ende des Kolonialismus bedeutet lediglich, daß in vielen Fällen (nicht in Gabun) die zivile Verwaltung Afrikanern überlassen wurde.

Und die Frage ist doch erlaubt, ob man unter einer europäischen Kolonialverwaltung freier ist, welche die örtliche Wirtschaft fördert, oder unter einer afrikanischen Verwaltung, welche sich dafür bezahlen, ausländische Wirtschaftsinteressen zu vertreten.

Volksdeutscher

26. November 2022 02:47

"Wer Flaig kennt, der schon den Rotz in seinem Taschentuch mit dem Holocaust verglich, um die Behauptung historischer Singularität ab absurdum zu führen, weiß, daß dieser das offene Wort liebt."

Ich kann mich an den nämlichen Artikel erinnern, er erschien im Merkur von Schehl und Bohrer, kurz bevor Letzterer dort ausschied und an die Stanford Universität wechselte. Die Grenzen des Sagbaren wurden damals von der Redaktion etwas gelockert, die vorher Siegfried Kohlhammer gegenüber noch strengstens verteidigt wurden, als dieser in der Zeit des Jugoslawienkrieges Bilder von abgemagerten Soldaten hinterm Stacheldraht mit Bildern von jüdischen KZ-Insassen verglich. Aber was Anderes sollte Flaig auch sagen? Alles in der Welt ist singulär. Jedes Ding, jedes Wesen, jede Erscheinung gibt es nur ein einziges Mal, daher ist die EINS die einzige wirkliche wie wahre Qualität und Quantität. Kein Subjekt gibt es zweimal. Emphatisierung der Einmaligkeit und Einzigartigkeit ist die Beschreibung der Wirklichkeit. Emphatisierung von Ähnlichkeit und Gemeinsamkeit nennt man Abstraktion. Die Abstraktion kommt bekanntlich durch Kaschierung individueller Besonderheiten bei gleichzeitiger Betonung verbindender Gemeinsamkeiten zustande.
Was will man nun? Es hat sich nämlich eine Gruppe von Leuten bis heute nicht entscheiden können oder wollen, ob sie ein bestimmtes Phänomen für einmalig oder für wiederholbar halten sollte, obwohl Einmaligkeit und Wiederholbarkeit eine contradictio in adiecto darstellen. Die Betonung der Einmaligkeit dient ihnen zur Herstellung einer sinnwidrigen Hierarchie, deren Spitze das von ihnen favorisierte Phänomen einnehmen und die Abwertung aller anderen Phänomene vornehmen sollte, andererseits erfüllt sie den Zweck der Fokussierung der Aufmerksamkeit aller auf sich. Die Betonung der Widerholbarkeit dient dagegen zur Errichtung einer Drohkulisse zwecks Stigmatisierung, geistig-seelischer Unterjochung und Einspannung zukünftiger Generationen für ihre machtpolitischen Zwecke. Das Dilemma der Akteure der Gruppe könnte man wie folgt beschreiben: Die Einzigartigkeit des von ihnen favorisierten Phänomens ist nicht einzigartiger als die Einzigartigkeit anderer einzigartigen Phänomene. Wenn sie jedoch auf Widerholbarkeit des von ihnen favorisierten Phänomens bestehen, negieren sie damit dessen Einzigartigkeit.

Volksdeutscher

26. November 2022 03:54

"Flaig ist da etwas anderer Auffassung. Er ist deshalb so erbost, weil er an die Existenz historischer Tatsachen glaubt. „Glauben“ wird seiner Auffassung nicht ganz gerecht, da Tatsachen ja nicht geglaubt werden müssen. Allerdings bewegen wir uns hier auf einem schmalen Pfad, da es ja auch Glaubenstatsachen gibt bzw. der Gläubige die Inhalte seines Glaubens ja ebenso für Tatsachen hält."

Flaig hat recht, Tatsachen müssen in der Tat nicht geglaubt, sondern (können) erkannt werden. Zu sagen ich glaube diese Tatsache, ohne zu wissen, ob sie ist oder ob sie eine ist, ist grammatikalisch und logisch ein Unding. Wenn ich es jedoch weiß (weil ich die Tatsache erkannt habe), bin ich mit meinem Wissen über meinen Glauben hinaus und kann auf ihn verzichten. Erkennen kann bekanntlich eine substitutive und/oder korrektive Wirkung auf den Glauben ausüben. Vom subjektiven Glauben an etwas kann man also nicht dessen Tatsächlichkeit ableiten, in anderen Worten: Die Existenz einer Tatsache (äußere Wirklichkeit) steht nicht in Abhängigkeit vom Glauben (innere Wirklichkeit). Was aber die sogenannten "Glaubenstatsachen" betrifft, kann man sagen, daß die Inhalte des Glaubens keine Tatsachen im Sinne eines objektiv verbindlich vermittelbaren Wissens sind, sondern Imaginationen, Wünschbarkeiten oder Verhärtungen einer subjektiv unverbindlichen Innerlichkeit.

kikl

26. November 2022 05:17

Zur Frage, ob "Holocaust Studies" Wissenschaft sind.

Wo keine Kritik und kein Dissens möglich ist, da herrscht das Tabu und nicht die Wissenschaft. Denn Kritik und Dissens sind konstitutiv für die Wissenschaft. De omnibus dubitandum est!

Franz Bettinger

26. November 2022 07:00

Wenn Habermas' Grundsatz stimmen würde, "dass ein gedächtnispolitisch erzeugtes Bild von der Vergangenheit öffentlich und unbehelligt von verstörenden Fragen der Fachdisziplin zu gelten habe“, könnte im Prinzip nie ein falsches Bild korrigiert werden. Welche Bilder von der Vergangenheit hätten dann bis heute überlebt? - Z.B: (1) Das Bild (der Griechen, Römer) von den minderwertigen Barbaren (womit alle anderen Völker gemeint waren). (2) Das (christliche, jüdische wie auch islamische) Bild von der ehrenwerten Bekämpfung der Ungläubigen (das im Islam bis heute Gültigkeit hat). (3) Das chauvinistische Bild von der (arischen, japanischen, chinesischen, brit...) Herrenrasse. (4) Das beliebte Bild von der Überlegenheit der Demokratie (wobei es die Staatsform heute nirgends wirklich gibt). (5) Das Bild von der Existenz objektiver und un-korrumpierter Wissenschaft.

Gab es denn irgendwo irgendwann einmal ein Weltbild, das sich nicht als falsch erwies? All die falschen Bilder der Gegenwart und Vergangenheit wurden erst korrigiert, nachdem man sie immer wieder revisionistisch in Frage stellte und von verschiedenen Winkeln beleuchtete. So geht Wissenschaft. So geht Wahrheit. Der §130 ist somit ein Anti-Wahrheits-Paragraph.

Laurenz

26. November 2022 11:19

@Franz Bettinger

Wer immer nur nach Neuseeland reist, kann nie die Massai in Kenia oder Tansania erleben, die aus ihrer erhöhten Sicht, alle anderen Zwerge des Planeten zutiefst verachten.

Laurenz

26. November 2022 11:20

@Niekisch

Verjähren Völkermorde?

quer

26. November 2022 11:36

Das sozialistische Schimpfwort "Revisionismus" ist zumal für den Historiker eher Ansporn und Anspruch. Dieses Wort bezeichnet den schmalen Grat der Wahrheit und den Gegensatz zum Ideologen. Nirgendwo besteht mehr die Gefahr, von Wissenschaft in Ideologie abzustürzen. Will sagen: Ein Historiker muß zwingend auch Revisionist sein. Beim Auftauchen von z.B. neuer Akten/Unterlagen etc. muß  er bereit sein, seine Sicht und Erkenntnis den neuen Informationen anzupassen bzw. zu korrigieren. Ignoriert er neue Informationen und beharrt auf dem einmal gewonnenen Bild, so ist er Ideologe und wird als Historiker nicht mehr ernstgenommen. Er will nichts weiter wissen; kehrt damit der Wissenschaft den Rücken.

Adler und Drache

26. November 2022 13:26

@Volksdeutscher

Ich halte diese scharfe Trennung von "Wissen" und "Glauben" für ein Ideal, mit ein wenig Nachdenken lässt sie sich nicht halten. Ein großer Bereich der Phänomene ist für den Einzelnen empirisch nicht verifizierbar und muss auf eine bestimmte Art und Weise "geglaubt" werden, sei es die Bewegung der Erde um die Sonne, die Existenz der Dinosaurier, von der Evolution ganz zu schweigen. Auch das, was unmittelbar erfahrbar ist, muss durch die "doors of perception" und vom Hirn verarbeitet werden, weitere Filter, und selbst wenn man diese mal bei Seite lässt, so stellt sich doch die Frage nach den Kategorien, in die wir das Erfahrbare einordnen und die wiederum nicht der Erfahrung selbst entnommen, sondern ihr vorgelagert sind (die Anschauung von etwas als Einzelnes oder als Menge beispielsweise). Andererseits besteht kein Glaube aus reiner, absoluter Fiktion, in der Regel entspringt z.B. religiöser Glaube der Tiefenschicht der Erfahrungswelt, verarbeiteter, verinnerlichter und verdichteter Erfahrung. (Zumindest aus christlicher Sicht ist der Glaube keineswegs das Gegenteil des Wissens, er befindet sich nicht mal auf derselben Ebene mit dem Wissen [etwa in dem Sinne, dass er Nichtgewusstes oder Nichtzuwissendes substituierte]; Wissen ist abstrakt, Glaube existentiell).

Wo Historie die Form der Tabelle verlässt und "Geschichte" wird, muss sie zwangsläufig auch "geglaubt" werden.   

 

Ein gebuertiger Hesse

26. November 2022 13:40

@ Franz Bettinger

"All die falschen Bilder der Gegenwart und Vergangenheit wurden erst korrigiert, nachdem man sie immer wieder revisionistisch in Frage stellte und von verschiedenen Winkeln beleuchtete. So geht Wissenschaft. So geht Wahrheit. Der §130 ist somit ein Anti-Wahrheits-Paragraph."

Dieser Ausspruch sollte, so wie früher "11 Freunde sollt ihr sein" in der Umkleidekabine jedes normalen Fußballvereins zu lesen war, hinter den Ohren aller heutiger Historiker geschrieben stehen (ginge aber nur über Selbsttätowierung).

quarz

26. November 2022 15:20

Mit der Wirklichkeit haben wir es, wenn wir uns mit dem Intellekt auf sie beziehen, immer nur im Modus des Glaubens zu tun. Diesbezüglich unterscheidet sich die Geschichtswissenschaft nicht von der Physik oder Biologie. Dass sich dieser Glaube auf objektive Fakten bezieht, muss zwischen denen, die Gegensätzliches Glauben, unbestrittene Voraussetzung sein. Denn ein Glaube ist ja immer ein Glaube daran, dass etwas objektiv der Fall sei. Sonst wäre die Rede von „Glauben“ völlig sinnlos.

Dies vorausgesetzt muss von zwei einander widersprechenden Meinungen notwendigerweise eine falsch sein. Die Klärung, welche Meinung die falsche ist, findet auf der Bühne der epistemischen Begründung statt. Verschiedene Vorkommnisse des Glaubens können sich durch unterschiedlich gute Begründungen unterscheiden. Es gibt keine kategoriale Trennlinie zwischen (wahrem) Glauben und Wissen. Wissen nennen wir einfach einen gut begründeten wahren Glauben.

Die Kritik an einer politisierten Geschichtswissenschaft kann deshalb auf zwei Ebenen stattfinden. Sie kann sich erstens gegen jene richten, die eine objektive Faktenlage bestreiten und sich weigern, ihr Urteil an dieser messen zu lassen. Und zweitens gegen jene, die zwar die Existenz einer objektiven Faktenlage zugestehen, aber den Scheinwerfer der Aufmerksamkeit nur auf ideologisch genehme Teile der Faktenrealität richten und andere, für die Urteilsbildung relevante Teile im Dunkeln lässt

Gimli

26. November 2022 15:38

Das doch sehr verstörende Rotz-Zitat zu wiederholen, grenzt für mich an Dogwhistling. Mit der sog Singularität des Holocaust soll meines Erachtens versucht werden, für die ungeheuerliche Industrialisierung des Mordens eine sprachliche Entsprechung zu finden. In der zeitlichen Nähe mag dann jeder Vergleich mit Völkermorden zu anderer Zeit und in ggf. größerem Ausmaß und ggf sogar von heutigen Bündnispartnern noch immer wie bösartige Relativierung wirken, das kann man aber intellektuell aushalten. Wichtig ist, dass hier bitte niemand unter der philosophischen Frage nach der Wahrheit meint, man könne alle FAkten relativieren. Die Mondlandung, Viren, die Form der Erde —> Fakten. Farben, Geräusche: Eher weniger. Es ist also gleichermaßen trivial wie auch nicht. Aber bitte den Holocaust so schrecklich und ungeheuerlich belassen, wie er von Deutschland aus begangen wurde.

Dieter Rose

26. November 2022 16:46

@Gimli 

Zum ersten Satz: ging mir auch so!

Zum letzten Satz: Zustimmung.

Laurenz

26. November 2022 17:16

@Gimli (1)

Die Mondlandung, Viren —> Fakten.

Sie, Gimli, verbreiten eben Verschwörungstheorien als Wahrheit. Wenn Sie über die Industrialisierung des Mordens, über Medizin, Mondflüge keinerlei Recherche betrieben haben, bleiben Sie doch nur im Bereich des Glaubens, der Religion & weichen der Quellenkunde des Historikers aus.

In der aktuellen historischen Debatte geht es um den Holodomor der Sowjetunion gegen die Ukraine, weitestgehend vor dem Zeitraum der Großen Säuberung, als Mio. in der Ukraine verhungerten & deutsche Kommunisten an die Krim zum Kurlaub fuhren.

https://de.wikipedia.org/wiki/Hungersnot_in_der_Sowjetunion_in_den_1930er_Jahren

Weder Sie noch ich wissen, ob es Viren gibt, denn wir können nur diesen oder jenen Wissenschaftlern glauben. Im Falle der historischen Mondlandung ist die Offensichtlichkeit der technischen Unmöglichkeit zu solch einem Unternehmen Ende der 60er, Anfang der 70er eindeutig. Das ist schon durch Veröffentlichungen der NASA selbst nachzuvollziehen, kostet aber Zeit zur Recherche. Kein Pilot des Planeten ist in der Lage, eine weiche Raketenlandung hinzulegen. Ob die aktuelle Artemis-Mission den Mond umrundet hat oder nicht, wissen wir auch nicht. Aber mittlerweile haben NASA & SpaceX den Nachweis erbracht, ein Flugobjekt mit Raketenantrieb weich zu landen, was für die angekündigte Mondlandung in 2025 Grundvoraussetzung ist.

Volksdeutscher

26. November 2022 17:18

"Dem ist voll und ganz zuzustimmen, nur wüßte man gern, ob er den Status „Pseudowissenschaft“, den er den „Postcolonial Studies“ zuweist, auch für die „Holocaust Studies“ anwenden würde."

Wie er diese Frage beantworten würde, weiß ich natürlich nicht, aber wenn ich er wäre, würde ich sie Ihnen unter vier Augen im freiesten Deutschland aller Zeiten beantworten. Flaig wurde übrigens in die Halle "Endstation Rechts" der Unsterblichen aufgenommen. Vielleicht werden Sie in diesem Interview mit ihm fündig, was die oben gestellte Frage angeht.

https://www.endstation-rechts.de/news/der-revisionismus-gehort-zum-kernbestand-der-aufklarung-gesprach-mit-prof-dr-egon-flaig-i

Pferdefuss

26. November 2022 17:33

Ist das so einfach: gute deutsche Taten werden von anderen gern untertrieben bis vergessen, schlechte Taten übertrieben bis unvergessen gemacht?

Hier mal eine gute Tat ins Bewusstsein gerückt, zumal die Sklaverei nicht nur die Ursünde Amerikas ist, sondern grundsätzlich den Weißen, incl. der Deutschen, angelastet wird.

Dass die ersten Einwanderer, die gegen die Sklaverei auftraten, Deutsche waren, ist kaum mehr bekannt. Der aus Sommerhausen stammende Jurist, Universalgelehrte und Reformierter Franz Daniel Pastorius (1651-1719) und 13 Mennoniten- und Quäkerfamilien wanderten in die Neue Welt aus, 50 weitere folgten, so dass Germatown (Duitschstedele) entstand

Pastorius, erster Bürgermeister, Richter, Parlamentarier verfasste 1688 eine leidenschaftliche Petition gegen die Sklaverei. Doch mit einem simplen Verweis auf Gesetze verweigerte man die Behandlung dieses Anliegens. Erst 1776, fast 100 Jahre später, verbot eine Quäkerproklamation, die mit der Unabhängigkeitserklärung der USA in Philadelphia zusammenfiel, die Sklaverei. Noch einmal 90 Jahre später wurde 1865 die Sklaverei in der gesamten USA abgeschafft. Wiederum 100 Jahre später: Rassenunruhen

Und heute leben genau dort, mehrheitlich die Nachkommen der Sklaven in Freiheit, aber in Armut, mit Prostitution, Drogen und großer Kriminalität. 

Volksdeutscher

26. November 2022 18:05

@Adler und Drache

Die scharfe Trennung zwischen Wissen und Glauben mag in der Theorie anders ausgeprägt und beschaffen sein als in der Praxis. Der unterschiedliche Umgang damit dürfte mit dem zu vermittelnden Gegenstand zu tun haben. Bei der theoretischen Verifizierung/Falsifizierung kann man nämlich nur mittels der Sprache argumentieren, im Falle einer empierischen Verifizierung/Falsifizierung jedoch kann man über die Sprache hinaus auch die Hilfe seiner Sinnesorgane als Prüfinstanzen hinzuziehen und dementsprechend reich oder arm, einfach oder schwierig wird sich die Beweisführung ausfallen. Ihnen wird es selbstverständlich klingen, wenn ich behaupte, daß es einen großen Unterschied macht, wessen Existenz und/oder was für Glaubensinhalte wir objektivieren und beweisen wollen, salopp gesagt: die der weißen Wand oder die Gottes. Davon wird es im Großen und Ganzen abhängen, welches Mittel der Beweisführung wir in Anspruch nehmen werden. Wenn die geistige Durchdringung des Gegenstandes und die auf sie folgende Beweisführung nicht restlos aufgehen kann, wird die unscharfe Trennung zwischen Wissen und Glauben selbstverständlich bestehen bleiben.

Franz Bettinger

26. November 2022 19:56

@Gimli: Bevor man Fakten relativiert, muss man sie erst mal kennen. Wer wissen will, ob eine Darstellung richtig oder falsch ist, muss sich mit den (guten oder schlechten) Gründen der Revisionisten beschäftigen. Es ist also ganz einfach: Audiatur et altera pars. Was aber, wenn dies per Gesetz verboten wird?

Franz Bettinger

26. November 2022 20:17

@Gimli: Als ich zum ersten Mal von der angeblich "nur inszenierten Mondlandung“ hörte, musste ich lachen; so sehr hatten sich die Apollo-Flüge in mein Hirn gegraben; so gewiss war ich meiner Sache! Aber nicht für lang. Ich tat, was ich bei solchen Dingen immer tue (auch bei den Thesen zur Flachen Erde, Hohlen Erde, Chemtrails, dem bösen Zucker, gesunde Ernährung und anderen modernen Brunnen-Vergiftungs-Versuchen): Ich las die Schriften meiner Gegner. Wenn ich das tue, komme ich meist sehr schnell zu einem Schluss. Denn manche Thesen sind auf Anhieb so schlecht begründet, dass sich für mich weitere Beschäftigung mit ihnen nicht lohnt. Manch andere These aber war überzeugend begründet; dazu gehört die gefakte Mondlandung. Ja, kein Mensch war je auf dem Mond. @Gimli, gehen Sie dieses Abenteuer ein und fangen Sie an, sich mit den Schriften der Abtrünnigen zu befassen. Sie werden staunen.

Volksdeutscher

26. November 2022 21:04

Unlängst wurde ich auf Vkontakte auf eine Veröffentlichung aufmerksam, in der behauptet wurde, daß die ersten Sklaven der Neuzeit Europäer, also Iren waren, die seit dem 17. Jahrhundert durch die Engländer, unter Cromwell dann in verstärktem Maße in verschiedene Weltteile exportiert wurden. Eine linke Wikipedia-Eintrag bezeichnet dies sogar als Mythos und rechte Verschwörungstheorie, um "den Rassismus gegenüber Afroamerikanern zu leugnen oder zu behaupten, daß Afroamerikaner zu lautstark nach Gerechtigkeit für historische Mißstände verlangen". Nachdem ich Textteile der Veröffentlichung in die Suche eingab, stieß ich auf verschiedene Bücher mit dem Thema irische Sklaven. Die Argumentationsmuster des linken Wikipedia-Eintrags selbst erinnert einen stark an die Art, wie die an Deutschen begangenen Verbrechen heruntergespielt, relativiert oder gar als verdiente Folgen für das Verhalten des deutschen Militärs dargestellt werden. Ob der Verkauf von Weißen in die Sklaverei durch die Engländer oder durch die Türken im 17. Jahrhundert - es ist ein Tabu und scheint heftige Abwehrreaktionen bei linken Verschwörungspraktikern ausgelöst zu haben. Der Täter ist immer der Weiße.

https://www.globalresearch.ca/the-irish-slave-trade-the-forgotten-white-slaves/31076 https://www.globalresearch.ca/englands-irish-slaves-meme-the-numbers/5529851  https://en.wikipedia.org/wiki/Irish_slaves_myth 

Laurenz

27. November 2022 08:14

@Pferdefuß

Die Geschichte des Sklavenhandels aus Afrika nach den Amerikas ist gut dokumentiert. Ihre Bewertung dessen ist diskutabel. Diese Debatten hatten wir hier schon. Die Weißen, welche in die Amerikas auswanderten, waren der Abschaum Europas, eben meist jene, die hier nichts mehr zu verlieren hatten, wie auch einige, die der Situation einer gesellschaftlichen Minderprivilegierung in Religionsfragen oder dem Adel gegenüber auszuweichen wünschten. Die deportierten Schwarzen Afrikas bilden die Elite Afrikas. Den Auslese-Prozeß durch die Schiffreise, wie die Lebensumstände in den Amerikas sorgten dafür, daß nur die besten sich fortpflanzten.

In Südamerika retteten die Jesuiten einige Indigene vor der Versklavung durch die Christianisierung/Taufe. Um zu überleben, mußten diese armen Schweine ihre Kultur aufgeben.

In vielen Hollywood-Sklavenfilmen, wie auch bei Karl May, wird die Ablehnung der Sklaverei durch viele Deutsche zum Thema gemacht. Auch wohl beim besten Film mit Tobey Maguire. https://youtu.be/vjVJ-OgAnLw

https://de.wikipedia.org/wiki/Ride_with_the_Devil

Valjean72

27. November 2022 10:33

@Franz Bettinger:

Was aber, wenn dies per Gesetz verboten wird?

Das ist der springende Punkt, der doch grundsätzlich Skepsis hervor rufen oder zumindest nachdenklich stimmen sollte.

Im Zuge der C-Pandemie wurde auch der Begriff Corona-Leugner kolportiert, ebenso wie schon vorher von Klimawandel-Leugnern die Rede war, die es evtl. zu sanktionieren gelte. Dieser Begriff der Leugnung ist aber im Austausch von Auffassungen (Meinungen) grundsätzlich abzulehnen.

Und mit welchem Recht kann sich ein demokratisch verfasster Rechtsstaat anmaßen Menschen, die in gesellschaffts-politischen oder eben in historischen Fragen zu anderen Ergebnissen kommen, zu bestrafen (bis hin zu Freiheitsentzug) und dies einzig und allein, weil sie ihre vom vorherrschenden Meinungskonsens abweichende Meinung kundtun?

Mit der Freiheit der Rede verhält es sich wie mit der Schwangerschaft. Es gibt bei keinem der beiden einen relativen Zustand. Entweder eine Frau ist schwanger oder sie ist nicht schwanger. Und so gilt: entweder ich darf meine Meinung zu allen Dingen aussprechen (veröffentlichen) ohne Bestrafung fürchten zu müssen oder ich darf es nicht. 

 

 

 

 

 

kikl

27. November 2022 10:41

Außer im Bereich der nicht angewandten, reinen Mathematik und Logik können wir mit Gewissheit Wahrheiten feststellen. Sobald wir Aussagen über die Welt machen, ist jede Aussage eine Wahrscheinlichkeitsaussage. Die strenge Unterscheidung zwischen Fakten und Glauben ist in der Tat künstlich. Fakten sind Glaubensinhalte, die mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit wahr sind.

Die Frage nach der Wahrheit ist fundamental und uralt. Es gibt die Wahrheit, aber wir können in der Regel nicht mit absoluter Gewissheit sagen, dass wir die Wahrheit entdeckt haben. Wir sind als Wahrheitssucher = Wissenschaftler immer auf der Suche. Die Suche ist niemals abgeschlossen. Wer sich aufrichtig und ernsthaft darum bemüht, die Wahrheit aufzufinden, der muss jederzeit sachliche Kritik an eigenen Überzeugungen begrüßen. Wer die Suche aufgibt und das unbestreitbare Dogma verkündet, der hört auf Wissenschaftler zu sein.

Die deutsche Justiz und Gesetzgebung haben sich von diesem Grundsatz der Wissenschaft verabschiedet und unbestreitbare Wahrheiten verkündet. Deshalb leben wir in keinem wissenschaftlichen sondern in einem ideologischen Zeitalter. Unsere Glaubensdogmen sind nicht mehr religiös sondern weltanschaulich und historisch. Im Übrigen ist unser Denken genauso mittelalterlich wie das unserer Vorfahren.

tearjerker

27. November 2022 10:50

@Volksdeutscher: Das zeigt vor Allem, dass heute null Verständnis für die damaligen Verhältnisse existiert, die heutigen Historiker fast ausschliesslich Herrschaftserzählungen produzieren so wie Zensurparagraphen die Entsprechung zur Vernichtung der Steintafeln mit den Siegesgeschichten des letzten Pharaohs sind. Bis weit in die 1700er hinein waren die Sklaven auf den Plantagen Nordamerikas vor Allem Iren, Waliser, Schotten, Engländer und schliesslich Deutsche. Deren systematischer Import wurde ab 1804 gesetzlich beendet, da die Industrialisierung den Arbeitssklaven zum Lohnsklaven werden liess und damit ein neuer rechtlicher Status für abhängige Arbeit entstand. Die klassische Arbeitssklaverei hielt sich schliesslich im Süden, wo Schwarzafrikaner in den vorherrschenden Betrieben bessere Ergebnisse als die Nordwesteuropäer lieferten und Unternehmer bereits in den Jahrzehnten zuvor deshalb auf natürliche Vermehrung der schwarzen Sklaven und nach 1800 auf die Vermischung der schwarzen und weissen Unterschicht setzten um die Zahl der Arbeiter hoch zu halten. Deren Produktivität sank dennoch, was die Behandlung massiv verschlechterte und die Onkel-Tom Jammergeschichten entstehen liess, mit denen bis heute Politik gemacht wird. Die in Amerika zu Millionen versklavten Europäer sind vergessen, denn sie sind heute niemandem mehr von Nutzen, verbrauchtes Material.

kikl

27. November 2022 10:55

Die Delegitimierung des Verfassungsschutz durch den Verfassungsschutz in Person von Präsident Haldenwang nimmt übrigens Fahrt auf. In diesem Video schießt Julian Reichelt eine Breitseite auf den Verfassungsschutz ab, die man nur mit Genuss beobachten kann. Für alle Genießer verbaler Salven und Volltreffer sei das Video empfohlen:

https://www.youtube.com/watch?v=qU7YdgTupKo

RMH

27. November 2022 11:10

"Flaig wurde übrigens in die Halle "Endstation Rechts" der Unsterblichen aufgenommen."

@Volksdeutscher,

vielen Dank für den Hinweis auf Endstation Rechts, dort einfach einmal "Flaig" in die SuFu eingeben und man hat eine Vielzahl von Artikeln/Interviews. Da ich mit Herrn Flaig bislang nichts anfangen konnte (ich lese weder FAZ, noch die JF, noch Endstation Rechts, noch die Süddeutsche, noch irgendwelche Provinzblätter), konnte ich mir jetzt ein erstes Bild machen.

Flaig ist ganz klar Universalist, der aber die intellektuelle Redlichkeit hat, nach diesem A auch stets B zu sagen. Er ist klar keiner, den die neue Rechte weder vor ihren Karren spannen kann noch als Zeugen für irgendwas gebrauchen kann. In einem der Interviews auf ER, spricht er sich für den § 130 StGB aus, womit er ziemlich deutlich zeigt, dass er als Historiker weiß, wo seine polit. Grenzen sind und dass er von Rechtswissenschaft und Rechtspolitik keine Ahnung hat, was man ihm als Historiker aber nicht vorwerfen kann. § 130 StGB hat in seiner heutigen Form vor allem die Funktion eines Gummiparagraphen, der die Gefahr der Beliebigkeit enthält und aus rechtswissenschaftlicher Sicht vor allem der Kritik der Unbestimmtheit zu unterziehen ist.

Gimli

27. November 2022 11:42

@Laurenz: Es ist wirklich abwegig, die Mondlandung oder die Existenz von Viren zu leugnen. Und die Begründung, mir als „Gläubigem“ dieser Wahrheiten abzuverlangen, ich möge Physik oder Biologie studieren, um sozusagen von der Pike auf eine nahtlose Beweiskette nachzuvollziehen, steht der Forderung gleich, unsere arbeitsteilige Gesellschaft wieder zu einer Jäger und Sammlergesellschaft umzuformen. Viren sind ist einer wirklich nahtlosen Beweiskette aus Fakten und Indizien so existent, wie es Atome gibt. DAs kann ich sagen, ich habe Bio studiert. Und die Mondlandung wird ausnahmslos von keinem ernszunehmenden Astronomen bestritten. Nicht einmal vom politischen Gegner - seinerzeit wie heute - der Sowjetunion/Russland. Sie können meinetwegen über die Erkenntnisfähigkeiten eines evolutionär entwickelten Gehirns philosophieren und die Frage nach der Natur der Dinge an sich stellen -  das ändert aber an den Fakten von makromolekularen Dingen nichts. Selbst ein Einwand, dass auch ein Galileo, ein Alfred Wegener oder Russell/Darwin zu ihrer Zeit allein gegen den Mainstream standen und gewannen wäre PLURV. 

Karl Otto

27. November 2022 14:36

Ist die evolutionäre Erkenntnistheorie von Konrad Lorenz und Gerhard Vollmer hier bekannt? Besonders Lorenz` Buch "Die Rückseite des Spiegels" ist sehr empfehlenswert.

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_R%C3%BCckseite_des_Spiegels

Hat mich vom Erkenntnis-Skeptizismus geheilt.

kikl

27. November 2022 15:17

@Gimli

Ich bin kein Biologe aber in Folge der Corona-Hysterie gezwungen gewesen, mich mit dem Thema Viren auseinanderzusetzen. Ich habe mir ein paar Publikationen über das Corona-Virus SARS-COV-2 durchgelesen und war von der Beweisführung nicht überzeugt. Deswegen interessiert mich die Frage, ob dieses Virus wirklich existiert. 

"Viren sind ist einer wirklich nahtlosen Beweiskette aus Fakten und Indizien so existent, wie es Atome gibt. DAs kann ich sagen, ich habe Bio studiert."

Natürlich können Sie es sagen, genauso wie ich es sagen könnte. Mich überzeugt das nicht.

Können Sie wirklich beweisen, dass ein bestimmtes Molekül die alleinige Ursache für die Erkrankung Covid-19 ist?

Das Einfordern von Beweismitteln und Argumenten führt uns nicht in die vorindustrielle Gesellschaft. Ganz im Gegenteil, das ist Voraussetzung für wissenschaftlichen Fortschritten. Wer sich dem wissenschaftlichen Diskurs verweigert, verletzt die Regeln der Wissenschaft.

Volksdeutscher

27. November 2022 16:10

@RMH

So ähnlich sehe ich das auch. Wir sind verschiedenen Mächten in vielerlei Hinsicht auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Ob wir Wissenschaftler, Politiker oder Künstler sind: Wir alle müssen sehr aufpassen, wie wir uns ausdrücken. Nietzsche schrieb irgendwo, daß man mit Tyrannen nur in Gleichnissen reden dürfe, aber selbst das sei gefährlich. So ist das auch heute im "besten Deutschland aller Zeiten" vor. Der Staat formt die Gesellschaft nach seinem Antlitz und dieses System ruht nicht, ehe es die Freiheit nicht aus allen Winkeln der Gesellschaft ausgetrieben hat. Mich hat auch etwas verwundert, daß Flaig diesem linken Blog ein Interview gegeben hat. Preisfrage: Warum hat ein souveräner Geisteswissenschaftler soetwas nötig? Eine gewisse Ehrlichkeit kann man ihm gewiß nicht absprechen, worauf auch Sie ja hingewiesen haben. Ich bin mir nicht sicher, ob wir von Wissenschaftlern, Politikern und Künstlern in diesen schweren Zeiten Heldentaten erwarten dürfen. Ich weiß nur, daß wir ohne Helden auf Dauer verloren sind und verlieren werden. Jeder prüfe sich selbst im höchsten Moment seelischer Not und frage: "Was liegt an mir, wenn mein Volk durch mich ein Tag länger überleben kann?" Dann aber handle er nach seinem besten Gewissen.

Volksdeutscher

27. November 2022 16:22

@nom de guerre - "„Irish slaves“: Das ist doch aber nicht neu...."

Nein, ist es nicht, aber in diesem Strang ist es neu. Fragen Sie einen beliebigen Fußgänger auf der Straße, was er über die Sklaverei wisse. Ich möchte wetten, daß 9999 von 10000 nichts davon wissen und anfangen würden über Negersklaven in Amerika zu erzählen.

RMH

27. November 2022 16:26

"Diese Debatten hatten wir hier schon." 

@Laurenz,

ja, die hatten wir schon, aber warum verbreiten Sie dann immer noch so einen historischen Quatsch wie diesen hier?

"In Südamerika retteten die Jesuiten einige Indigene vor der Versklavung durch die Christianisierung/Taufe. Um zu überleben, mußten diese armen Schweine ihre Kultur aufgeben."

Es ist genau anders herum. Bereits 1537 verbot der Pabst die Versklavung der Indianer per se und zwar unabhängig vom Taufstatus (Schlagworte u.a.: Bulle "Sublimis Deus"). Daran haben sich die katholischen Spanier und Portugiesen auch im Großen und Ganzen gehalten (Nicht alles konnte überwacht werden - Südamerika war fern). Der in den Diskussionen aktuell doch schwer vermisste Maiordomus hat dazu sehr viel ausgeführt.

Es ist zudem kein Wunder, dass gerade in den USA, wohin protestantische Fundamentalisten auswanderten, die Versklavung von Schwarzen länger andauerte, als anderswo (Schlagwort: Fluch Noahs über Hams Sohn Kanaan). Der Import von Sklaven aus Afrika wurde in den USA bereits 1808 verboten, so dass von da an mit dem "Bestand" gearbeitet wurde.

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