Egon Flaig, Rebekka Habermas und die Frage nach der Wahrheit

Die Frage „Was ist Wahrheit?“ gehört zu den Grundproblemen des Menschen.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Sie treibt ihn seit jeher um, und die Suche nach einer Ant­wort hat ihn aus der Höh­le geführt. Gefun­den hat er sie bis heu­te nicht, vom Feld der Aus­sa­gen­lo­gik ein­mal abge­se­hen. Einen Beleg für die anhal­ten­de Suche hat der Alt­his­to­ri­ker Egon Flaig in der FAZ vom 14. Novem­ber gebracht.

Unter der Über­schrift „Wie hält es die His­to­rie mit der his­to­ri­schen Wahr­heit?“ rei­tet er eine Atta­cke gegen eine Geschichts­wis­sen­schaft, die sich zum Die­ner der gera­de gras­sie­ren­den Iden­ti­täts­po­li­tik macht. Wer Flaig kennt, der schon den Rotz in sei­nem Taschen­tuch mit dem Holo­caust ver­glich, um die Behaup­tung his­to­ri­scher Sin­gu­la­ri­tät ab absur­dum zu füh­ren, weiß, daß die­ser das offe­ne Wort liebt.

Zu sei­nem aktu­el­len Bei­trag gibt es eine Vor­ge­schich­te. Mit­te Okto­ber hat­te Flaig in der FAZ einen Bei­trag ver­öf­fent­licht, der sich kri­tisch mit der For­de­rung nach „his­to­ri­scher Gerech­tig­keit“, die der anti­ko­lo­nia­le Dis­kurs gegen­wär­tig in Rich­tung Euro­pa als den für den Kolo­nia­lis­mus Ver­ant­wort­li­chen erhebt, aus­ein­an­der­setz­te. Die­ser leug­ne näm­lich vier his­to­ri­sche Wahr­hei­ten: daß die Skla­ve­rei älter als die euro­päi­sche Welt­herr­schaft ist, daß es nur in Euro­pa eine Anti-Skla­ve­rei-Bewe­gung gab und daß die ara­bi­schen Erobe­rer in Afri­ka Kolo­nia­lis­mus prak­ti­zier­ten. Dort habe schließ­lich der „haut­far­bi­ge Ras­sis­mus“ sei­ne Wurzeln.

Flaig inter­es­sie­ren bei die­ser Debat­te vor allem drei Punk­te. Zunächst die ganz kon­kre­te Fra­ge, wel­che Aus­wir­kun­gen die euro­päi­sche Inbe­sitz­nah­me Afri­kas dort hat­te. Sei­ne Antwort:

Die frei­en Afri­ka­ner von heu­te ver­dan­ken ihre Frei­heit just den aboli­tio­nis­ti­schen Inter­ven­tio­nen von Bri­ten und Franzosen.

Mit ande­ren Wor­ten: Ohne Kolo­nia­lis­mus gäbe es da heu­te noch Skla­ve­rei. Der zwei­te Punkt ist eben die ein­ge­for­der­te „his­to­ri­sche Gerech­tig­keit“, die Flaig für uner­füll­bar hält, weil es sich um eine ins Unend­li­che rei­chen­de Spi­ra­le handelt:

Jede Repa­ra­ti­on pri­vi­le­giert das erin­ner­te Unrecht gegen­über dem nicht-erin­ner­ten und erzeugt neue Ungerechtigkeit.

Und schließ­lich ist es der von Her­mann Lüb­be ein­mal so bezeich­ne­te „demo­kra­ti­sche Dumm­stolz“, mit der die gegen­wär­ti­ge Genera­ti­on meint, die Weis­heit mit Löf­feln gefres­sen zu haben, ohne dabei zu beden­ken, daß die Weis­heit von den Vor­fah­ren hart erkämpft wur­de. Die Ver­dam­mung der Vor­fah­ren bedeu­tet dann auch, unse­re eige­ne Geschich­te zu negie­ren und damit den Weg, auf dem wir wur­den, wie wir sind.

Gegen die­se The­sen lie­ße sich eini­ges ein­wen­den. Ins­be­son­de­re gegen die bei Flaig noto­ri­sche Fort­schritts­ideo­lo­gie. Die Fran­zo­sen und die Eng­län­der kom­men bei ihm zu gut weg, auch wenn die Ara­ber für die Skla­ve­rei in Afri­ka eine maß­geb­li­che Rol­le spiel­ten. Aber wer „Die Wüs­ten­ro­se“ von Hen­ry de Mon­ther­lant gele­sen hat, den wird die Lob­hu­de­lei doch befrem­den. Auch wären die hor­ren­den Opfer­zah­len, den der Kampf gegen die Skla­ve­rei in unzäh­li­gen Bür­ger­krie­gen gefor­dert hat, erwähnenswert.

Über die Deut­schen schweigt sich Flaig ganz aus, dabei ste­hen sie (abge­se­hen von geschei­ter­ten Skla­ven­han­del­ver­su­chen im 17. Jahr­hun­dert) mit wei­ßer Wes­te da. Aber das ist ver­mut­lich ein zu hei­ßes Eisen für Flaig. Bruce Gil­ley, der eben­falls der Fort­schritts­ideo­lo­gie anhängt, hat es ange­packt.

Aller­dings ant­wor­te­te nicht Gil­ley auf Flai­gs Auf­satz, son­dern Rebek­ka Haber­mas. Die­se ist nicht nur die Toch­ter von Jür­gen H., son­dern auch His­to­ri­ke­rin. Ihre Ant­wort in der „Zeit“ vom 30. Okto­ber ist aller­dings in der Sache nicht beson­ders ergie­big und stel­len­wei­se ziem­lich wirr. Sie meint einer­seits, Flai­gs Behaup­tung, daß Skla­ven oft selbst Skla­ven­jä­ger waren, sei kor­rekt (sage aber nichts über die Ursa­chen der Skla­ve­rei aus), ande­rer­seits sei es per­fi­de, dies als Argu­ment in die Debat­te einzuführen.

In einem inter­es­san­ten Punkt pflich­tet sie ihm sogar bei: „Fra­gen der Schuld haben […] erst ein­mal in geschichts­wis­sen­schaft­li­chen Unter­su­chun­gen kei­nen Ort […].“ Ein inter­es­san­ter Grad­mes­ser, den sich jeder mer­ken soll­te, wenn es mal wie­der um die Ursa­chen des Ers­ten oder Zwei­ten Welt­kriegs geht.

Den­noch ist nach der Lek­tü­re des Bei­trags von Haber­mas nicht ganz klar, was Flaig so erzürnt haben mag, daß er in der FAZ zwei Wochen spä­ter nach­le­gen muß­te. Schaut man sich den Text an, wird schnell klar, wor­um es Flaig geht.

Haber­mas hat Stu­di­en unbe­ach­tet gelas­sen, der Flaig für maß­geb­lich hält. Sie hat also den For­schungs­stand igno­riert. Viel schwe­rer wiegt jedoch, daß sie an kei­ner Stel­le den Ver­such unter­nom­men hat, Flai­gs The­sen zu wider­le­gen, denn auch die von ihm für maß­geb­lich gehal­te­nen Stu­di­en kön­nen ja falsch sein. Denn Wis­sen­schaft besteht nun ein­mal vor allem in der Revi­si­on der vor­lie­gen­den Ergebnisse.

Flaig ist da etwas ande­rer Auf­fas­sung. Er ist des­halb so erbost, weil er an die Exis­tenz his­to­ri­scher Tat­sa­chen glaubt. „Glau­ben“ wird sei­ner Auf­fas­sung nicht ganz gerecht, da Tat­sa­chen ja nicht geglaubt wer­den müs­sen. Aller­dings bewe­gen wir uns hier auf einem schma­len Pfad, da es ja auch Glau­bens­tat­sa­chen gibt bzw. der Gläu­bi­ge die Inhal­te sei­nes Glau­bens ja eben­so für Tat­sa­chen hält.

 Das Leug­nen von his­to­ri­schen Tat­sa­chen […] annul­liert die Kri­te­ri­en des Bewahr­hei­tens und negiert die ver­bind­li­chen Regeln der glo­ba­len Mit­teil­bar­keit von Wis­sen, Erfah­rung und Argumenten.

Die­ser Satz ergibt natür­lich nur dann Sinn, wenn man weiß, was eine his­to­ri­sche Tat­sa­che ist.

Zunächst will Flaig damit nur den Miß­brauch der Geschichts­wis­sen­schaft für geschichts­po­li­ti­sche Zie­le anpran­gern, so wie sie Haber­mas im Sinn der ehe­ma­li­gen Kolo­ni­al­völ­ker ver­tritt. Damit wür­den his­to­ri­schen Nar­ra­ti­ve bedient, um das Zusam­men­ge­hö­rig­keits­ge­fühl zu stärken.

Mit Wahr­heit und Wis­sen­schaft habe das wenig zu tun, die im Umkehr­schluß auch nicht geeig­net sei­en, Kol­lek­ti­ven Ori­en­tie­rung zu geben. Das ist ein ziem­lich puris­ti­scher Ansatz von Geschichts­wis­sen­schaft, die in so rei­ner Form kaum irgend­wo außer­halb des Elfen­bein­turms anzu­tref­fen sein dürf­te. Denn jede Form der Geschichts­wis­sen­schaft, die Nicht­his­to­ri­ker wahr­neh­men, begibt sich nach außen und ver­sucht in irgend­ei­ner Art und Wei­se Ori­en­tie­rung (in der Ver­gan­gen­heit) zu geben. Flaig nimmt die­ses Vor­recht für sich auch als selbst­ver­ständ­lich in Anspruch.

Inter­es­sant ist, an wel­chem Bei­spiel Flaig die Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen der Geschichts­wis­sen­schaft und der Geschichts­po­li­tik zeigt. Er wählt dazu den His­to­ri­ker­streit von 1986, der vor allem zwi­schen Ernst Nol­te und dem gro­ßen Rest der His­to­ri­ker­zunft aus­ge­tra­gen wur­de. Nol­te war in die­sem Streit der­je­ni­ge, der „auf der fach­lich kon­sti­tu­ti­ven Dif­fe­renz“ beharrte:

„Die Fest­stel­lung einer Tat­sa­che ist abzu­son­dern von der Bewer­tung derselben.“

Für Haber­mas, den Vater von Rebek­ka, und Hans-Ulrich Weh­ler war hin­ge­gen klar,

daß ein gedächt­nis­po­li­tisch erzeug­tes Bild von der Ver­gan­gen­heit öffent­lich zu gel­ten habe, unbe­hel­ligt von ver­stö­ren­den Fra­gen aus der Fachdisziplin.

Wenn man Flaig folgt, stör­ten die von Nol­te fest­ge­stell­ten Tat­sa­chen den geschichts­po­li­ti­schen Frie­den der BRD. Aber aus der Tat­sa­che, daß der Bol­sche­wis­mus älter als der Natio­nal­so­zia­lis­mus ist, folgt nur dann dra­ma­tisch viel, wenn man letz­te­ren zu einem außer­zeit­li­chen Phä­no­men erklärt hat. Und dar­an arbei­tet die Geschichts­wis­sen­schaft bis heu­te, indem sie sich hin­ter gedächt­nis­po­li­ti­schen Geset­zen verschanzt.

Flaig wird hier sehr deut­lich, wenn er die Sus­pen­die­rung die­ser Geset­ze for­dert und die Kon­se­quen­zen beschreibt, die es hat, wenn poli­ti­sche Zie­le klei­ner Grup­pen bestim­men, was his­to­risch als Tat­sa­che zu gel­ten hat. Aus ihrer Betrof­fen­heit folgt der Son­der­sta­tus, der es sich erlau­ben kann, vom Wahr­heits­kri­te­ri­um abzusehen.

Flaig:

Hier­aus speist sich die exter­mi­na­to­ri­sche Wut auf jene Geschichts­wis­sen­schaft, die es noch wagt, sich der Woge von uni­ver­si­tär legi­ti­mier­ten Unwahr­hei­ten ent­ge­gen­zu­stem­men und sie als das zu bezeich­nen, was sie fak­tisch sind: fake history.

Dem ist voll und ganz zuzu­stim­men, nur wüß­te man gern, ob er den Sta­tus „Pseu­do­wis­sen­schaft“, den er den „Post­co­lo­ni­al Stu­dies“ zuweist, auch für die „Holo­caust Stu­dies“ anwen­den würde.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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Kommentare (19)

Niekisch

25. November 2022 14:34

Für einen sachgerechten Diskurs erst einmal die aktuelle und einschlägige Fassung des § 130 StGB - www.dejure.org -:

(3) Mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer eine unter der Herrschaft des Nationalsozialismus begangene Handlung der in § 6 Abs. 1 des Völkerstrafgesetzbuches bezeichneten Art in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, öffentlich oder in einer Versammlung billigt, leugnet oder verharmlost.

(4) Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer öffentlich oder in einer Versammlung den öffentlichen Frieden in einer die Würde der Opfer verletzenden Weise dadurch stört, dass er die nationalsozialistische Gewalt- und Willkürherrschaft billigt, verherrlicht oder rechtfertigt.

 

Uwe Lay

25. November 2022 17:03

Auch wenn der große Historiker Leopold von Ranke die Maxime ausgab: "Darstellen, wie es wirklich war", hatte und hat die universitäre Geschichtswissenschaft doch stets den Auftrag, die Geschichte gemäß den politischen Vorgaben des jeweilligen Staates zu schreiben. Als einmal ein Politiker zur Debatte um den "Überfall auf Polen" 1939 daran erinnerte, daß Polen davor die Generalmobilmachung ausgerufen hatte, erklärte die Bundeskanzlerin, daß diese Tatsache eben nicht erwähnt werden dürfe, da sie die Alleinschuld Deutschlands am 2.Weltkriege in Frage stellen könnte. Diese Mobilmachung ist so eine "falsche Tatsache", weil sie der offiziellen Geschichtsschreibung widerspricht.So existieren eben viele falsche Tatsachen, denn "wahr" ist nur die offiziöse Geschichtsschreibung!

Uwe Lay

25. November 2022 17:10

Revisionismus- das ist der schlimmste Vorwurf, der heutzutage einem Historiker gegenüber erhoben werden kann. Zum 1.mal wurde dieser Vorwurf aber von orthodoxen Marxisten dem SPD-Politiker Eduard Bernstein gegenüber erhoben, als der meinte, es käme nicht auf das Endziel an, sondern darauf, permanent die bestehenden Verhältnisse zu verbessern. Diese Abkehr von den "Wahrheiten"des Marxismus wird seit dem "Revisionismus" betitelt und meint so den Abfall von ideologischen Wahrheiten: Bernstein war eben "ungläubig" geworden!

Gustav

25. November 2022 17:20

Ist Tatsachenglaube nicht das, was unsere Regierung und unsere Medien als neue Religion betreiben? Ist es jetzt eine Tatsache, wenn unsere Frau Außenminister glaubt, sie wäre eine Juristin des Völkerrechts? Wenn ein Herr Habeck glaubt, er wäre ein Meister der Wirtschaftspolitik? Jemand aus dem Hause Habermas glaubt, er wäre der Wahrheit verpflichtet?

quer

25. November 2022 17:37

E. Flaig hat sicherlich seine  Verdienste. Sein Buch: "Weltgeschichte der Sklaverei"  bei Beck 2009, ISBN 978-3-406-5845-03 war für mich in seiner Komplexität durchaus erhellend. Zu meiner größten Verwunderung stellte ich im Rahmen einer Diskussion fest, daß die Suche nach der Wahrheit bei Prof. Flaig auch nicht ohne Berücksichtigung des Zeitgeistes geprägt ist. Denn: Wie sonst hätte ein Kapitel Sklaverei in den frühen USA "übersehen" werden können? Nämlich ein Buch von dort selbst: "L. Koger: "Black Slaveowners", ISBN 0-89950-160-5, 1989, fast 500 Seiten. Dieses Buch wird bis zu € 500,- in Antiquaren gehandelt. Es wurde nie dem deutschen Sprachraum qua Übersetzung erschlossen. Offenbar keine Urheberrechte mehr, da im Internet für jedermann runterzuladen. Wer übersetzt das mal und publiziert es gar? Die Historikerzunft müßte gierig darauf abfahren. Oder?

quer

25. November 2022 17:43

Hier noch der link zu besagtem Buch über die Sklaverei von freien Negern in den USA:

https://archive.org/details/black-slaveowners-free-black-slave-masters-in-south-carolina/mode/2up

Kann man prima denen vorhalten, die ständig vom "Rassismus" der Weißen faseln.

Niekisch

25. November 2022 17:59

II. 

§ 6
Völkermord

(1) Wer in der Absicht, eine nationale, rassische, religiöse oder ethnische Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören,

1.ein Mitglied der Gruppe tötet,
2.einem Mitglied der Gruppe schwere körperliche oder seelische Schäden, insbesondere der in § 226 des Strafgesetzbuches bezeichneten Art, zufügt,
3.die Gruppe unter Lebensbedingungen stellt, die geeignet sind, ihre körperliche Zerstörung ganz oder teilweise herbeizuführen,
4.Maßregeln verhängt, die Geburten innerhalb der Gruppe verhindern sollen,
5.ein Kind der Gruppe gewaltsam in eine andere Gruppe überführt,

wird mit lebenslanger Freiheitsstrafe bestraft.

(2) In minder schweren Fällen des Absatzes 1 Nr. 2 bis 5 ist die Strafe Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren.

Ein Fremder aus Elea

25. November 2022 18:25

Also, wenn ich mir das angeführte Beispiel des Ursprungs der afrikanischen Freiheit so vor Augen halte, stellt sich mir weniger die Frage, was Wahrheit ist, als was Freiheit ist.

Was Wahrheit ist, ist völlig trivial, was Worte wie Freiheit bedeuten, ist es nicht, und wenn man Aussagen auf Begriffe gründet, welche nicht wohldefiniert sind, so vererbt sich ihre Unzureichendheit aussagenlogisch auf die Aussagen.

Gabun hat Erdöl, Frankreich kümmert sich um seine Förderung und stellt den Gabunern dafür Schulen und Wohnraum zur Verfügung.

Es gibt nur anderthalb Millionen Gabuner, und Gabun ist ungefähr so groß wie Deutschland. Das krasseste Beispiel. Aber Afrika wird insgesamt weiterhin landwirtschaftlich und bergbauerisch auswärtig verwaltet, das Ende des Kolonialismus bedeutet lediglich, daß in vielen Fällen (nicht in Gabun) die zivile Verwaltung Afrikanern überlassen wurde.

Und die Frage ist doch erlaubt, ob man unter einer europäischen Kolonialverwaltung freier ist, welche die örtliche Wirtschaft fördert, oder unter einer afrikanischen Verwaltung, welche sich dafür bezahlen, ausländische Wirtschaftsinteressen zu vertreten.

Volksdeutscher

26. November 2022 02:47

"Wer Flaig kennt, der schon den Rotz in seinem Taschentuch mit dem Holocaust verglich, um die Behauptung historischer Singularität ab absurdum zu führen, weiß, daß dieser das offene Wort liebt."

Ich kann mich an den nämlichen Artikel erinnern, er erschien im Merkur von Schehl und Bohrer, kurz bevor Letzterer dort ausschied und an die Stanford Universität wechselte. Die Grenzen des Sagbaren wurden damals von der Redaktion etwas gelockert, die vorher Siegfried Kohlhammer gegenüber noch strengstens verteidigt wurden, als dieser in der Zeit des Jugoslawienkrieges Bilder von abgemagerten Soldaten hinterm Stacheldraht mit Bildern von jüdischen KZ-Insassen verglich. Aber was Anderes sollte Flaig auch sagen? Alles in der Welt ist singulär. Jedes Ding, jedes Wesen, jede Erscheinung gibt es nur ein einziges Mal, daher ist die EINS die einzige wirkliche wie wahre Qualität und Quantität. Kein Subjekt gibt es zweimal. Emphatisierung der Einmaligkeit und Einzigartigkeit ist die Beschreibung der Wirklichkeit. Emphatisierung von Ähnlichkeit und Gemeinsamkeit nennt man Abstraktion. Die Abstraktion kommt bekanntlich durch Kaschierung individueller Besonderheiten bei gleichzeitiger Betonung verbindender Gemeinsamkeiten zustande.
Was will man nun? Es hat sich nämlich eine Gruppe von Leuten bis heute nicht entscheiden können oder wollen, ob sie ein bestimmtes Phänomen für einmalig oder für wiederholbar halten sollte, obwohl Einmaligkeit und Wiederholbarkeit eine contradictio in adiecto darstellen. Die Betonung der Einmaligkeit dient ihnen zur Herstellung einer sinnwidrigen Hierarchie, deren Spitze das von ihnen favorisierte Phänomen einnehmen und die Abwertung aller anderen Phänomene vornehmen sollte, andererseits erfüllt sie den Zweck der Fokussierung der Aufmerksamkeit aller auf sich. Die Betonung der Widerholbarkeit dient dagegen zur Errichtung einer Drohkulisse zwecks Stigmatisierung, geistig-seelischer Unterjochung und Einspannung zukünftiger Generationen für ihre machtpolitischen Zwecke. Das Dilemma der Akteure der Gruppe könnte man wie folgt beschreiben: Die Einzigartigkeit des von ihnen favorisierten Phänomens ist nicht einzigartiger als die Einzigartigkeit anderer einzigartigen Phänomene. Wenn sie jedoch auf Widerholbarkeit des von ihnen favorisierten Phänomens bestehen, negieren sie damit dessen Einzigartigkeit.

Volksdeutscher

26. November 2022 03:54

"Flaig ist da etwas anderer Auffassung. Er ist deshalb so erbost, weil er an die Existenz historischer Tatsachen glaubt. „Glauben“ wird seiner Auffassung nicht ganz gerecht, da Tatsachen ja nicht geglaubt werden müssen. Allerdings bewegen wir uns hier auf einem schmalen Pfad, da es ja auch Glaubenstatsachen gibt bzw. der Gläubige die Inhalte seines Glaubens ja ebenso für Tatsachen hält."

Flaig hat recht, Tatsachen müssen in der Tat nicht geglaubt, sondern (können) erkannt werden. Zu sagen ich glaube diese Tatsache, ohne zu wissen, ob sie ist oder ob sie eine ist, ist grammatikalisch und logisch ein Unding. Wenn ich es jedoch weiß (weil ich die Tatsache erkannt habe), bin ich mit meinem Wissen über meinen Glauben hinaus und kann auf ihn verzichten. Erkennen kann bekanntlich eine substitutive und/oder korrektive Wirkung auf den Glauben ausüben. Vom subjektiven Glauben an etwas kann man also nicht dessen Tatsächlichkeit ableiten, in anderen Worten: Die Existenz einer Tatsache (äußere Wirklichkeit) steht nicht in Abhängigkeit vom Glauben (innere Wirklichkeit). Was aber die sogenannten "Glaubenstatsachen" betrifft, kann man sagen, daß die Inhalte des Glaubens keine Tatsachen im Sinne eines objektiv verbindlich vermittelbaren Wissens sind, sondern Imaginationen, Wünschbarkeiten oder Verhärtungen einer subjektiv unverbindlichen Innerlichkeit.

kikl

26. November 2022 05:17

Zur Frage, ob "Holocaust Studies" Wissenschaft sind.

Wo keine Kritik und kein Dissens möglich ist, da herrscht das Tabu und nicht die Wissenschaft. Denn Kritik und Dissens sind konstitutiv für die Wissenschaft. De omnibus dubitandum est!

Franz Bettinger

26. November 2022 07:00

Wenn Habermas' Grundsatz stimmen würde, "dass ein gedächtnispolitisch erzeugtes Bild von der Vergangenheit öffentlich und unbehelligt von verstörenden Fragen der Fachdisziplin zu gelten habe“, könnte im Prinzip nie ein falsches Bild korrigiert werden. Welche Bilder von der Vergangenheit hätten dann bis heute überlebt? - Z.B: (1) Das Bild (der Griechen, Römer) von den minderwertigen Barbaren (womit alle anderen Völker gemeint waren). (2) Das (christliche, jüdische wie auch islamische) Bild von der ehrenwerten Bekämpfung der Ungläubigen (das im Islam bis heute Gültigkeit hat). (3) Das chauvinistische Bild von der (arischen, japanischen, chinesischen, brit...) Herrenrasse. (4) Das beliebte Bild von der Überlegenheit der Demokratie (wobei es die Staatsform heute nirgends wirklich gibt). (5) Das Bild von der Existenz objektiver und un-korrumpierter Wissenschaft.

Gab es denn irgendwo irgendwann einmal ein Weltbild, das sich nicht als falsch erwies? All die falschen Bilder der Gegenwart und Vergangenheit wurden erst korrigiert, nachdem man sie immer wieder revisionistisch in Frage stellte und von verschiedenen Winkeln beleuchtete. So geht Wissenschaft. So geht Wahrheit. Der §130 ist somit ein Anti-Wahrheits-Paragraph.

Laurenz

26. November 2022 11:19

@Franz Bettinger

Wer immer nur nach Neuseeland reist, kann nie die Massai in Kenia oder Tansania erleben, die aus ihrer erhöhten Sicht, alle anderen Zwerge des Planeten zutiefst verachten.

Laurenz

26. November 2022 11:20

@Niekisch

Verjähren Völkermorde?

quer

26. November 2022 11:36

Das sozialistische Schimpfwort "Revisionismus" ist zumal für den Historiker eher Ansporn und Anspruch. Dieses Wort bezeichnet den schmalen Grat der Wahrheit und den Gegensatz zum Ideologen. Nirgendwo besteht mehr die Gefahr, von Wissenschaft in Ideologie abzustürzen. Will sagen: Ein Historiker muß zwingend auch Revisionist sein. Beim Auftauchen von z.B. neuer Akten/Unterlagen etc. muß  er bereit sein, seine Sicht und Erkenntnis den neuen Informationen anzupassen bzw. zu korrigieren. Ignoriert er neue Informationen und beharrt auf dem einmal gewonnenen Bild, so ist er Ideologe und wird als Historiker nicht mehr ernstgenommen. Er will nichts weiter wissen; kehrt damit der Wissenschaft den Rücken.

Adler und Drache

26. November 2022 13:26

@Volksdeutscher

Ich halte diese scharfe Trennung von "Wissen" und "Glauben" für ein Ideal, mit ein wenig Nachdenken lässt sie sich nicht halten. Ein großer Bereich der Phänomene ist für den Einzelnen empirisch nicht verifizierbar und muss auf eine bestimmte Art und Weise "geglaubt" werden, sei es die Bewegung der Erde um die Sonne, die Existenz der Dinosaurier, von der Evolution ganz zu schweigen. Auch das, was unmittelbar erfahrbar ist, muss durch die "doors of perception" und vom Hirn verarbeitet werden, weitere Filter, und selbst wenn man diese mal bei Seite lässt, so stellt sich doch die Frage nach den Kategorien, in die wir das Erfahrbare einordnen und die wiederum nicht der Erfahrung selbst entnommen, sondern ihr vorgelagert sind (die Anschauung von etwas als Einzelnes oder als Menge beispielsweise). Andererseits besteht kein Glaube aus reiner, absoluter Fiktion, in der Regel entspringt z.B. religiöser Glaube der Tiefenschicht der Erfahrungswelt, verarbeiteter, verinnerlichter und verdichteter Erfahrung. (Zumindest aus christlicher Sicht ist der Glaube keineswegs das Gegenteil des Wissens, er befindet sich nicht mal auf derselben Ebene mit dem Wissen [etwa in dem Sinne, dass er Nichtgewusstes oder Nichtzuwissendes substituierte]; Wissen ist abstrakt, Glaube existentiell).

Wo Historie die Form der Tabelle verlässt und "Geschichte" wird, muss sie zwangsläufig auch "geglaubt" werden.   

 

Ein gebuertiger Hesse

26. November 2022 13:40

@ Franz Bettinger

"All die falschen Bilder der Gegenwart und Vergangenheit wurden erst korrigiert, nachdem man sie immer wieder revisionistisch in Frage stellte und von verschiedenen Winkeln beleuchtete. So geht Wissenschaft. So geht Wahrheit. Der §130 ist somit ein Anti-Wahrheits-Paragraph."

Dieser Ausspruch sollte, so wie früher "11 Freunde sollt ihr sein" in der Umkleidekabine jedes normalen Fußballvereins zu lesen war, hinter den Ohren aller heutiger Historiker geschrieben stehen (ginge aber nur über Selbsttätowierung).

quarz

26. November 2022 15:20

Mit der Wirklichkeit haben wir es, wenn wir uns mit dem Intellekt auf sie beziehen, immer nur im Modus des Glaubens zu tun. Diesbezüglich unterscheidet sich die Geschichtswissenschaft nicht von der Physik oder Biologie. Dass sich dieser Glaube auf objektive Fakten bezieht, muss zwischen denen, die Gegensätzliches Glauben, unbestrittene Voraussetzung sein. Denn ein Glaube ist ja immer ein Glaube daran, dass etwas objektiv der Fall sei. Sonst wäre die Rede von „Glauben“ völlig sinnlos.

Dies vorausgesetzt muss von zwei einander widersprechenden Meinungen notwendigerweise eine falsch sein. Die Klärung, welche Meinung die falsche ist, findet auf der Bühne der epistemischen Begründung statt. Verschiedene Vorkommnisse des Glaubens können sich durch unterschiedlich gute Begründungen unterscheiden. Es gibt keine kategoriale Trennlinie zwischen (wahrem) Glauben und Wissen. Wissen nennen wir einfach einen gut begründeten wahren Glauben.

Die Kritik an einer politisierten Geschichtswissenschaft kann deshalb auf zwei Ebenen stattfinden. Sie kann sich erstens gegen jene richten, die eine objektive Faktenlage bestreiten und sich weigern, ihr Urteil an dieser messen zu lassen. Und zweitens gegen jene, die zwar die Existenz einer objektiven Faktenlage zugestehen, aber den Scheinwerfer der Aufmerksamkeit nur auf ideologisch genehme Teile der Faktenrealität richten und andere, für die Urteilsbildung relevante Teile im Dunkeln lässt

Gimli

26. November 2022 15:38

Das doch sehr verstörende Rotz-Zitat zu wiederholen, grenzt für mich an Dogwhistling. Mit der sog Singularität des Holocaust soll meines Erachtens versucht werden, für die ungeheuerliche Industrialisierung des Mordens eine sprachliche Entsprechung zu finden. In der zeitlichen Nähe mag dann jeder Vergleich mit Völkermorden zu anderer Zeit und in ggf. größerem Ausmaß und ggf sogar von heutigen Bündnispartnern noch immer wie bösartige Relativierung wirken, das kann man aber intellektuell aushalten. Wichtig ist, dass hier bitte niemand unter der philosophischen Frage nach der Wahrheit meint, man könne alle FAkten relativieren. Die Mondlandung, Viren, die Form der Erde —> Fakten. Farben, Geräusche: Eher weniger. Es ist also gleichermaßen trivial wie auch nicht. Aber bitte den Holocaust so schrecklich und ungeheuerlich belassen, wie er von Deutschland aus begangen wurde.