Kybernetik, Masse, Mensch

PDF der Druckfassung aus Sezession 107/ April 2022

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

Der Pla­net ächzt unter der Last des Men­schen. Wenn der Welt­wirt­schaft in einer »Post­wachs­tums­öko­no­mie« Gren­zen gesetzt wür­den, wenn das Über­be­völ­ke­rungs­pro­blem lös­bar wür­de, wenn die »men­schen­ge­mach­te Über­hit­zung« (Micha­el Belei­tes) ein­ge­dämmt wür­de, wenn die Ener­gie­kri­se uns alle zum Maß­hal­ten bräch­te, wenn der Mas­sen­kon­sum durch eine Ethik des Ver­zichts kor­ri­giert wür­de, wenn die Natur sich die Städ­te zurück­erobern wür­de – ja, was dann?

»Es scheint somit aktu­ell kei­ne Patent­lösung in Sicht, und es bleibt abzu­war­ten, ob die Mensch­heit dazu in der Lage ist, sich gemein­schaft­li­che Beschrän­kun­gen auf­zu­er­le­gen, wel­che die selbst­ver­schul­de­te Kata­stro­phe zumin­dest ver­lang­sa­men, oder ob sie beschließt, sich in Anleh­nung an ein Bibel­zi­tat die Erde wei­ter unter­tan zu machen, bis die Aus­beu­tung der Res­sour­cen und die Welt­be­völ­ke­rung selbst an ihr natür­li­ches Ende gelan­gen«, schreibt Andre­as Kars­ten in der Zeit­schrift Die Keh­re. (1)

Ich will in die­sem Arti­kel ver­su­chen, auf dem Grun­de die­ser sozi­al­tech­no­lo­gi­schen Ideo­lo­gie deren Anthro­po­lo­gie auf­zu­stö­bern. Dazu neh­me ich mir exem­pla­risch das Pro­blem der »Über­be­völ­ke­rung« vor, das auf den Denk­rah­men »Tech­no­kra­tie«, »Kyber­ne­tik« und »Entro­pie« ver­weist. Wel­ches ganz ande­re Men­schen­bild ist davon unab­hän­gig zu ent­wi­ckeln? Wel­che Rol­le spie­len dabei die christ­li­che Anthro­pologie und die Idee des »indi­vi­du­el­len Organismus«?

2019 erschien in der Zeit­schrift Bio­Sci­ence eine Stu­die, wel­che die welt­wei­te Bevöl­ke­rungs­kon­trol­le als eine Lösung des »Kli­ma­not­stands« anpries. Die­se Publi­ka­ti­on wur­de dann von 11 000 Wis­sen­schaft­lern aus 153 Län­dern unter­zeich­net, um der Öffent­lich­keit zu sug­ge­rie­ren, daß es einen »wis­sen­schaft­li­chen Kon­sens« gebe. (2) Ernst Ulrich von Weiz­sä­cker, Co-Vor­sit­zen­der des Club of Rome, gei­ßel­te im Deutsch­land­funk 2018 das »herr­schen­de Wachs­tums­den­ken«, inso­fern dar­in das zen­tra­le glo­ba­le Pro­blem, die Über­be­völ­ke­rung, »ver­nied­licht« und »ver­harm­lost« wer­de. (3)

Als Grund dafür, war­um die­ses Pro­blem in der »pro­gres­si­ven Kli­ma­de­bat­te« bis­her kei­ne Rol­le spie­len dür­fe, führ­te der lin­ke Poli­tik­wis­sen­schaft­ler ­Micha­el Brö­ning im Ber­li­ner Tages­spie­gel an, daß die »extre­me Rech­te« es für sich nut­ze. (4) Tabu­be­haup­tun­gen eig­nen sich gut, um unter­halb der­sel­ben das schein­bar Tabui­sier­te zu propagieren.

Ist das »Bevöl­ke­rungs­pro­blem« nun ein Ver­satz­stück der lin­ken oder der rech­ten Wachs­tums­kri­tik? Mög­li­cher­wei­se han­delt es sich um eine Klam­mer für bei­de und fußt auf einer lager­über­grei­fen­den depo­pu­la­tio­nis­ti­schen Grund­an­nah­me: »Ganz gleich, was Sie über die Pan­de­mie und / oder Ver­schwö­rungs­theo­rien den­ken, ist es kaum zu leug­nen, daß eine Men­ge ein­fluß­rei­cher Leu­te glaubt, die Erde wäre über­be­völ­kert. Die­se Annah­me liegt der Agen­da ›Stoppt den Kli­ma­wan­del‹ zugrun­de. Offen­sicht­lich tre­ten die­se Leu­te nicht als Depo­pu­la­tio­nis­ten auf, genau­so­we­nig wie die Ver­tre­ter der ›Diversity‹-Ideologie mit dem Geno­zid an den Wei­ßen hau­sie­ren gehen. Aber wo Rauch ist, ist auch Feu­er. Jeder, der annimmt, daß der Mensch den Pla­ne­ten zer­stört, ist in einem gewis­sen Gra­de auch Depo­pu­la­tio­nist.« (Hewitt E. Moo­re) (5)

Wie ist die­se Grund­an­nah­me ent­stan­den? Hier muß ver­wie­sen wer­den auf die legen­dä­ren Macy-Kon­fe­ren­zen, auf denen in den USA zwi­schen 1946 und 1953 Eli­te­wis­sen­schaft­ler, Wis­sen­schafts­ma­na­ger und Beam­te ver­schie­de­ner ame­ri­ka­ni­scher Behör­den (gele­gent­lich auch der CIA) teil­nah­men. War­ren McCul­lochs A Logi­cal Cal­cu­lus of the Ide­as Imma­nent in Ner­vous Acti­vi­ty, Nor­bert Wie­ners Beha­vi­or, Pur­po­se, and ­Teleo­lo­gy und Clau­de Shan­nons Mathe­ma­ti­cal Theo­ry of Com­mu­ni­ca­ti­on lie­fer­ten die theo­re­ti­schen Anstö­ße, aus denen die Teil­neh­mer der Macy-Kon­fe­ren­zen eine uni­ver­sa­le Theo­rie der Regu­la­ti­on, Steue­rung und Kon­trol­le entwickelten.

Die­se Theo­rie bean­spruch­te, für Lebe­we­sen eben­so wie für Maschi­nen, für öko­no­mi­sche wie für psy­chi­sche Pro­zes­se, für sozio­lo­gi­sche eben­so wie für ästhe­ti­sche Phä­no­me­ne zu gel­ten. Von der Eth­no­lo­gin Mar­ga­ret Mead und dem Sozi­al­wis­sen­schaft­ler Law­rence Frank, zwei der Säu­len der Macy-Kon­fe­ren­zen, ist durch Ste­ve Joshua Heims’ Buch ­Con­s­truc­ting a ­Social Sci­ence for Post­war Ame­ri­ca. The Cyber­ne­tics Group im Zusam­men­hang mit der 1947 in Lon­don abge­hal­te­nen Kon­fe­renz zum The­ma »Welt­ge­sund­heit« fol­gen­des State­ment über­lie­fert: »Das Ziel von geis­ti­ger und see­li­scher Gesund­heit erwei­tert sich, von der Vor­sor­ge für die Ent­wick­lung von gesun­den Per­sön­lich­kei­ten hin zu den grö­ße­ren Zie­len von einer gesun­den Gesell­schaft. Das Kon­zept von geis­ti­ger Gesund­heit steht im engen Zusam­men­hang mit einer neu­en Welt­ord­nung und Welt­ge­sell­schaft.« (6)

Tech­no­kra­tie ist ange­wand­te Kyber­ne­tik. Ein Tech­no­krat ima­gi­niert sich am Hebel einer gro­ßen Maschi­ne sit­zend, deren Regel­kreis­läu­fe er steu­ern kann. Pro­blem, Pro­gramm und Lösung ste­hen in einem Bedin­gungs­ver­hält­nis. Der Tech­no­krat faßt die Welt als Sys­tem auf, für des­sen Funk­ti­ons­pro­ble­me nicht etwa das Sys­tem selbst (in der Spra­che der Sys­tem­theo­rie: auto­poie­tisch) zustän­dig ist, son­dern er selbst als Steu­er­mann (kyber­né­tes). So ist es erklär­lich, daß sich lin­ke wie rech­te Theo­re­ti­ker vor­stel­len kön­nen, die Welt­be­völ­ke­rung zu dezi­mie­ren. Im kyber­ne­ti­schen Den­ken ist die Mensch­heit pro­gram­mier­bar und zu ihrem eige­nen Wohl pro­gram­mie­rungs­be­dürf­tig, um »sich gemein­schaft­li­che Beschrän­kun­gen auf­zu­er­le­gen«, denn von allein wür­de sie sich wei­ter res­sour­cen­ver­schlin­gend und zer­stö­re­risch »die Erde unter­tan machen«.

Mat­ti­as Des­met, der­je­ni­ge bel­gi­sche Sozi­al­psy­cho­lo­ge, der im Zusam­men­hang der glo­ba­len »Corona«-Angstmache von einer »mass for­ma­ti­on psy­cho­sis« spricht, inter­es­siert sich für psy­chi­sche Sys­te­me und deren Miß­brauch durch Steue­rungs­den­ken. Des­met hält die tech­no­kra­ti­sche Vor­stel­lung, Sys­te­me kon­trol­lie­ren zu kön­nen, in bezug auf kom­ple­xe dyna­mi­sche Sys­te­me für absurd, da Sys­te­me nur in ihrer Ent­ste­hungs­pha­se die Eigen­schaft der Deter­mi­niert­heit und der Vor­her­sag­bar­keit haben. Er kri­ti­siert die Kyber­ne­tik also aus ihrer eige­nen Logik heraus.

Des­met stellt in einem Inter­view fest, daß »vie­le unse­rer füh­ren­den Poli­ti­ker davon über­zeugt sind, daß wir von einem demo­kra­ti­schen Sys­tem zu einem tech­no­kra­ti­schen Sys­tem über­ge­hen müs­sen. Ich glau­be, die meis­ten Men­schen sind davon über­zeugt, daß dies die ein­zi­ge Lösung für die unlös­ba­ren Pro­ble­me ist, mit denen wir jetzt kon­fron­tiert sind. Und ich glau­be, auf die­ser Ebe­ne glau­ben sie wirk­lich, daß sie das Rich­ti­ge tun. Ich den­ke also, daß sie davon über­zeugt sind, daß wir von einem demo­kra­ti­schen zu einem tech­no­kra­ti­schen Sys­tem über­ge­hen müs­sen, wenn wir mit dem Kli­ma­wan­del, mit der Pan­de­mie, aber auch mit allen mög­li­chen ande­ren Pro­ble­men fer­tig wer­den wol­len. Und des­halb glau­be ich, daß vie­le von ihnen so über­zeugt sind, daß sie es tat­säch­lich für gerecht­fer­tigt hal­ten, psy­cho­lo­gi­sche Tech­ni­ken wie Nud­ging usw. ein­zu­set­zen, um die Men­schen an das Nar­ra­tiv glau­ben zu las­sen und sie davon zu über­zeu­gen, dem Nar­ra­tiv zu fol­gen.« (7)

Moder­ne mas­sen­psy­cho­lo­gi­sche Tech­ni­ken (framing, nud­ging, pre­dic­ti­ve pro­gramming, schließ­lich das CIA-Gehirn­wä­sche­pro­gramm MK-Ultra und das Neu­ro­lin­gu­is­ti­sche Pro­gram­mie­ren, NLP) ent­stam­men in direk­ter wis­sen­schafts­his­to­ri­scher Linie den Macy-Kon­fe­ren­zen. Dar­an nah­men auch die Sozio­lo­gen Kurt Lewin und Paul Felix Lazars­feld teil, die die Re-edu­ca­ti­on der besieg­ten Deut­schen dort kon­zep­tua­li­siert haben. Schwer vor­stell­bar ist, daß rech­te Öko­lo­gen damit auch nur im ent­fern­tes­ten etwas zu tun haben wol­len. Das haben sie aber zumin­dest auf indi­rek­te Wei­se, wenn sie in Kate­go­rien der »Entro­pie« und des »Öko­sys­tems« den­ken, wel­ches an der Krank­heit der »Viel­zu­vie­len« zugrun­de gehe.

Der zwei­te Haupt­satz der Ther­mo­dy­na­mik (Entro­pie­ge­setz) besagt, daß in abge­schlos­se­nen Sys­te­men eine Eigen­ten­denz vor­herrscht, bei der eine Tem­pe­ra­tur­er­hö­hung des Sys­tems mit einem Ver­lust von Struk­tur, Ord­nung und Infor­ma­ti­on ein­her­geht. Was soll dar­an pro­ble­ma­tisch sein? Wen­det man das Entro­pie­ge­setz auf den Men­schen an, ent­fal­tet sich eine ver­hee­ren­de Anthro­po­lo­gie. Robert Grö­zin­ger hat die­se in einem Auf­satz für die Zeit­schrift eigen­tüm­lich frei auf­ge­zeigt: »Denn wenn es unhin­ter­frag­bar sein soll, daß wir alle dadurch, daß wir leben, ledig­lich zur ewi­gen Ver­damm­nis ver­ur­teil­te Umwelt­sün­der und ›Para­si­ten‹ sind, weil jeder von uns durch sei­ne pure Exis­tenz den Fort­gang zum Käl­te­tod des Uni­ver­sums beschleu­nigt, dann dür­fen wir bei Bedarf gna­den­los aus­ge­rot­tet wer­den. Und zwar von jenen ›Erleuch­te­ten‹ und ›Auf­ge­klär­ten‹, die zu wis­sen glau­ben, was man alles auf dem Altar des Entro­pie­got­tes opfern muß, um ihn zu besänf­ti­gen.« (8)

Der Mensch trägt allein dadurch, daß er lebt, uner­bitt­lich zur Entro­pie, mit­hin letzt­lich zum Sys­tem­kol­laps (je nach Per­spek­ti­ve durch Wär­me- oder Käl­te­tod) bei. Und allein der Mensch weiß, daß das so ist. Wer noch ein Stück wei­ter zurück­geht, kommt an die Weg­ga­be­lung zwi­schen natur- und geis­tes­wis­sen­schaft­li­chem Men­schen­bild. Den Men­schen natur­wis­sen­schaft­lich zu den­ken heißt am Ende, ihn auf den Beha­vio­ris­mus zu redu­zie­ren, soviel man auch über die hoch­kom­plex ver­floch­te­nen neu­ro­na­len, gene­ti­schen und che­mi­schen Sys­te­me in sei­nem Kör­per noch her­aus­fin­den mag.

Der Mensch ist im natur­wis­sen­schaft­li­chen Den­ken grund­sätz­lich bere­chen­bar, der Pro­gram­mie­rung und der Steue­rung unter­wor­fen: »Und wenn nun die­se Men­schen etwas tun, was man gewis­ser­ma­ßen ›errech­nen‹ kann, was bezeugt das dann? Dann braucht man nur hin­zu­schau­en auf einen Vor­gang, der Ihnen allen bekannt sein wird. Neh­men Sie an, da steht der Hund Tyras, und Sie hal­ten ihm ein Stück Fleisch vor; Sie wer­den ziem­lich genau errech­nen kön­nen, was er tut: Er schnappt danach. Und es wird in den sel­tens­ten Fäl­len vor­kom­men, daß der Hund Tyras nicht nach dem Stück Fleisch schnappt. Wenn aber der Mensch in einer ganz bestimm­ten Situa­ti­on etwas Erre­chen­ba­res tut, so bezeugt das nur, daß sein See­len-­Ni­veau her­un­ter­ge­sun­ken ist; und je mehr man im sozia­len Leben errech­nen oder kau­sal bestim­men kann, des­to mehr weist man damit dar­auf hin, daß die Men­schen mehr auf ein tie­ri­sches Niveau her­un­ter­ge­sun­ken sind.« (9)

Wenn Rudolf Stei­ner hier davon spricht, daß »die Men­schen mehr auf ein tie­ri­sches Niveau her­un­ter­ge­sun­ken« sei­en wie die Paw­low­schen Hun­de, dann geht er in hel­lem Kon­trast dazu davon aus, daß das bei­lei­be nicht die ein­zi­ge Mög­lich­keit der mensch­li­chen Exis­tenz und auch bei­lei­be nicht die ein­zi­ge Mög­lich­keit der Auf­fas­sung des Men­schen sei. Im natur­wis­sen­schaft­li­chen Den­ken kommt man gera­de so weit, die Geset­ze, die man für den natür­li­chen Orga­nis­mus (seit den 1940er Jah­ren wird dann von »bio­lo­gi­schen Sys­te­men« oder »Öko­sys­te­men« gespro­chen) erkannt hat, auf den Men­schen zu übertragen.

Das natur­wis­sen­schaft­li­che Den­ken ist nicht in der Lage, das Leben, die See­le, den Geist im Ein­zel­we­sen zu begrei­fen, genau­so­we­nig ver­mag es dies im Sozia­len. Das ist solan­ge nicht wei­ter schlimm, wie die »zwei Kul­tu­ren« (C. P. Snow) des natur­wis­sen­schaft­li­chen und des geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Den­kens nun ein­mal unter­schied­li­che Fel­der beackern. Schlimm wird es, wenn auf das Feld men­schen­kund­li­cher Geis­tes­wis­sen­schaft eine die­se aus­schlie­ßen­de tech­no­kra­ti­sche Sozi­al­wis­sen­schaft tritt, wie dies seit der Grün­dung der Frank­fur­ter Schu­le para­dig­men­aus­wech­selnd gesche­hen ist.

Dann ist nach ein paar Wis­sen­schaft­ler- und Schü­ler­ge­nera­tio­nen der Mensch nicht mehr begreif­bar als see­li­sches Wesen und die Welt nicht mehr begreif­bar als eine genu­in geis­ti­ge Welt. Dann hat der »unbe­merk­te Feld­zug der Kyber­ne­tik« gesiegt, aber noch viel weit­rei­chen­der, als ihn der Autor Ras­kol­ni­kow in sei­nem Auf­satz in der Keh­re (Nr. 5, Herbst 2020) von Nor­bert Wie­ner bis zu den Glo­bo­ho­mo-Trans­hu­ma­nis­ten nach­zeich­net. Nicht nur der ideo­lo­gi­sche Geg­ner steht im Bann steue­rungs­tech­no­lo­gi­scher Anthro­po­lo­gie, son­dern auch so man­cher rech­te Öko­lo­ge und Post­wachs­tums­öko­nom, der das eigent­lich gar nicht will.

Was wäre aus einer erhal­ten geblie­be­nen geis­ti­gen Per­spek­ti­ve her­aus anders zu den­ken? Mein Kern­ge­dan­ke ist, daß die Fra­ge falsch gestellt ist, wenn sie beha­vio­ris­tisch-steue­rungs­tech­no­lo­gisch gestellt wird: Dann starrt man die Men­schen­mas­sen an und wird ihrer nie­mals Herr. Umge­stellt wer­den müß­te das Den­ken von Quan­ti­tät auf Qua­li­tät, um »der Flie­ge den Weg aus dem Flie­gen­glas zu zei­gen« (Lud­wig Witt­gen­stein). Es ver­hält sich mit der Agrar­tech­no­lo­gie und ihrem inhä­ren­ten Ziel der quan­ti­ta­ti­ven Ernäh­rung der Welt­be­völ­ke­rung ganz ähn­lich der Art und Wei­se, auf die wir uns ange­wöhnt haben, das Bil­dungs- und das Gesund­heits­sys­tem zu betrach­ten. Kin­der­gar­ten­plät­ze und Bet­ten­ka­pa­zi­tä­ten zu gewähr­leis­ten scheint in die­ser Betrach­tung das Ziel von Bil­dung und Gesund­heit zu sein. Das ein­zel­ne Kind, den ein­zel­nen Kran­ken anzu­schau­en, so wie Gott ihn anschaut, müß­te in einer geis­ti­gen Per­spek­ti­ve das Ziel werden.

Wir reden hier ganz ent­schie­den nicht mehr über Gesell­schafts­po­li­tik, die­se Aus­ge­burt der »poli­ti­schen Wis­sen­schaf­ten«, deren Ursprung ­Cas­par von Schrenck-Not­zing in Cha­rak­ter­wä­sche (1965) auf den Grund gegan­gen ist. (10) Wir reden nicht mehr über Gesell­schafts­po­li­tik, son­dern neh­men den Weg des Aus­stei­gers aus dem Sys­tem, wenn wir mit vol­ler Absicht vom Indi­vi­du­um aus den­ken. Die »Mas­sen­ge­sell­schaft« herrscht, doch sie darf uns geis­tig nicht ban­nen. Viel­mehr muß das Quan­ti­täts­den­ken selbst als Krank­heits­phä­no­men betrach­tet wer­den, so wie eine Krank­heit herrscht, aber eben dadurch auf drin­gen­den Hei­lungs­be­darf hinweist.

Es wäre ent­setz­lich, wenn die Maslow­sche Bedürf­nis­py­ra­mi­de das Den­ken schon so eng geführt hät­te, daß, solan­ge noch ein Mensch auf der Welt die ele­men­tars­ten phy­sio­lo­gi­schen Ver­sor­gungs­be­dürf­nis­se nicht stil­len könn­te, nie­mand auf der obers­ten Stu­fe der Pyra­mi­de sich im Gei­gen­spiel selbst ver­wirk­li­chen dürf­te (geschwei­ge denn das noch dar­über ste­hen­de Bedürf­nis nach »Tran­szen­denz« ver­spür­te, die Abra­ham Maslow noch 1970 kurz vor sei­nem Tode hinzufügte).

Man­fred Klett hat in sei­nem Buch Von der Agrar­tech­no­lo­gie zur Land­bau­kunst (2021) eine umfang­rei­che Grund­le­gung der anthro­po­so­phisch ori­en­tier­ten Land­wirt­schaft geleis­tet. Dar­in dia­gnos­ti­ziert er den Tod der indus­tri­el­len Agrar­tech­no­lo­gie, was gewiß auch lin­ke und rech­te Nach­hal­tig­keits­theo­re­ti­ker so sehen, kommt dann aber zu einer mir sehr ver­trau­ten Schluß­fol­ge­rung: »[Die Land­wirt­schaft] ist als tra­gen­des Kul­tur­ele­ment der Mensch­heit dem Tode ver­fal­len. Immer, wenn etwas stirbt, ergeht eine Auf­for­de­rung an die Zeit­ge­nos­sen­schaft, sich eines sol­chen Todes bewußt zu wer­den, sowie sei­ner Umstän­de und der Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten, die als neue Lebens­kei­me aus die­sem Tode her­vor­ge­hen kön­nen. Der zum Selbst­be­wußt­sein erwach­te Mensch braucht das Erle­ben der Schwel­le zum Tod. Der Tod erst macht den erken­nen­den Blick wach und frei für Fra­gen, wel­che Ein­sich­ten gewon­nen, wel­che Bedin­gun­gen geschaf­fen wer­den müs­sen, damit ein neu­es Leben und Wer­den, gewis­ser­ma­ßen eine Auf­er­ste­hung zu einer neu­en Kul­tur­trä­ger­schaft, ent­ste­hen kann.« (11)

Ähn­lich wie beim »Volks­tod« ste­hen wir auf der Schwel­le zu einer geis­ti­gen Auf­er­ste­hung: die neu­en Lebens­kei­me las­sen sich nie wie­der sozi­al­tech­no­lo­gisch ver­wal­ten. Erst wenn man sich völ­lig ver­ab­schie­det hat von der indus­tri­el­len Agrar­wirt­schaft und den ein­zel­nen Hof als »Hof­or­ga­nis­mus« denkt, der ein Eigen­le­ben führt, kommt man zu einem Ver­ständ­nis men­schen­ge­mä­ßer Land­wirt­schaft. Nicht die Natur ist das Maß aller Din­ge, son­dern der Mensch, weil nur er die Natur als durch­geis­tigt begrei­fen und dem­entspre­chend höher­ent­wi­ckeln kann in der cul­tu­ra.

Wenn Stei­ner oben dahin­ge­hend zitiert wur­de, daß je mehr man im sozia­len Leben errech­nen oder kau­sal bestim­men kön­ne, des­to mehr dar­auf hin­wei­se, »daß die Men­schen mehr auf ein tie­ri­sches Niveau her­un­ter­ge­sun­ken sind«, dann ist eine Land­wirt­schaft (des­glei­chen: eine Wirt­schaft, eine Wis­sen­schaft usw.) zukunfts­reich, wenn sie den Men­schen wie­der dar­aus zu erhe­ben hilft. Dann ist der Vor­wurf, allein mit lau­ter Demet­er­hö­fen kön­ne man die Welt­be­völ­ke­rung nicht ernäh­ren, Aus­druck eines toten Den­kens. Der indi­vi­du­el­le Hof wirkt wie ein geis­tig hoch­ste­hen­der Mensch: er strahlt aus und zieht Nach­ah­mer, Sys­tem­aus­stei­ger, Müh­se­li­ge und Bela­de­ne, Begeis­ter­te und vor allem die nächs­te Gene­ra­ti­on an.

»Auf­er­ste­hung zu einer neu­en Kul­tur­trä­ger­schaft« (Man­fred Klett) ist nur denk­bar, wenn der »Todes­trieb in der Gegen­wart« (Robert ­Grö­zin­ger) über­wun­den wer­den kann. Sehen Sie, wie weit wir vom anfangs behan­del­ten Depo­pu­la­tio­nis­mus weg­ge­kom­men sind? Das ist doch ein gutes Zeichen.

– – –

 

(1) – Andre­as Kars­ten: »Der Mensch, eine Natur­ka­ta­stro­phe?«, in: Die Keh­re, Heft Nr. 8, Win­ter 2021, S. 12.

(2) – www.academic.oup.com, Bio­Sci­ence, Volu­me 70, Issue 1, Janu­ar 2020, S. 8 – 12.

(3) – »50 Jah­re Club of Rome. Wir brau­chen eine neue Auf­klä­rung«, in: deutschlandfunkkultur.de, 4. Juli 2018.

(4) – Micha­el Brö­ning: »Kli­ma­po­li­tik? Reden wir auch über das Bevöl­ke­rungs­wachs­tum!«, in:causa.tagesspiegel.de, 10. Novem­ber 2019

(5) – Hewitt E. Moo­re: »Sixth Extinc­tion. Depo­pu­la­ti­on by Pro­xy«, in: counter-currents.com, 4. Febru­ar 2022.

(6) – Lutz Damm­beck: »Re-edu­ca­ti­on oder Kunst und Kon­di­tio­nie­rung«, in: heise.de, 15. Okto­ber 2007.

(7) – Inter­view mit Mat­ti­as ­Des­met, »Zur Psy­cho­lo­gie und Ideo­lo­gie hin­ter ­Covid«, in: www.freizahn.de, 9. Janu­ar 2022.

(8) – Robert Grö­zin­ger: »Leben ist unver­zeih­li­che Ursün­de. Entro­pie als per­fek­te Meta­pher für den Todes­trieb in der Gegen­wart«, in: ­eigen­tüm­lich frei Nr. 219, Jan. / Feb. 2022, S. 16 f.

(9) – Rudolf Stei­ner, »Die heu­ti­gen wirt­schaft­li­chen ­Kri­sen­ver­hält­nis­se« (1920), in: ders.: Gesamt­aus­ga­be, Band 337 a, S. 275.

(10) – »Die anwe­sen­den deut­schen Pro­fes­so­ren ver­such­ten in alter Gelehr­ten­tra­di­ti­on zu erör­tern, ob die Poli­ti­schen Wis­sen­schaf­ten Wis­sen­schafts­cha­rak­ter trü­gen und metho­disch ent­spre­chend aus­ge­baut sei­en. Die als ›Bera­ter‹ anwe­sen­den Ame­ri­ka­ner unter dem Vor­sit­zen­den des Ver­ban­des der Poli­ti­schen Wis­sen­schaft­ler erklär­ten, daß die Poli­ti­sche Wis­sen­schaft in ihrem Lan­de des­halb eine Wis­sen­schaft sei, weil sie über so und so vie­le Lehr­stüh­le, Zeit­schrif­ten und Insti­tu­te ver­fü­ge. Der Ver­tre­ter der Mili­tär­re­gie­rung, Prof. Kurt Loe­wen­stein, mein­te kur­zer­hand, daß man einem geschenk­ten Gaul nicht ins Maul schau­en sol­le und die Ame­ri­ka­ner für die Finan­zie­rung der neu­en Wis­sen­schaft und Stel­lung von Lehr­per­so­nen schon Sor­ge tra­gen würden.«

Cas­par von Schrenck-Not­zing: Cha­rak­ter­wä­sche. Die Re-edu­ca­ti­on der Deut­schen und ihre blei­ben­den Aus­wir­kun­gen (1965), 2. Aufl. der Son­der­aus­ga­be, Rot­ten­burg 2018, S. 124.

(11) – Man­fred Klett: Von der Agrar­tech­no­lo­gie zur Land­bau­kunst, Dor­nach 2021, S. 27.

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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