Mein abenteuerliches Herz

Aus dem Tagebuch Heimo Schwilks

 Druckausgabe

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Wir freu­en uns, Aus­zü­ge aus dem Tage­buch Mein aben­teu­er­li­ches Herz I (Neu­rup­pin: Landt /Manuscriptum 2022. 633 Sei­ten, 42 Euro) des Publi­zis­ten Heimo Schwilk abdru­cken zu dür­fen – in die­ser Aus­wahl von ihm auto­ri­siert. Sie umfas­sen einen Zeit­raum, in dem eine »Neue demo­kra­ti­sche Rech­te« bin­nen andert­halb Jah­ren ver­such­te, im vor­po­li­ti­schen Raum Posi­tio­nen zu beset­zen und zu hal­ten, die der ver­än­der­ten Lage nach 1989 Rech­nung tra­gen und den Deut­schen die Mög­lich­keit vor­stel­len woll­ten, eine selbst­be­wuß­te Nati­on zu sein.

Schwilks Tage­buch­ein­trä­ge beschrei­ben den Ver­such, der Zei­tung Die Welt eine Neu­aus­rich­tung in die­sem Sin­ne zu geben, außer­dem die Reso­nanz auf den Sam­mel­band Die selbst­be­wuß­te Nati­on und auf den »Ber­li­ner Appell«, der in den Wochen vor der Bun­des­tags­wahl von 1994 einen anti­to­ta­li­tä­ren Kon­sens ein­for­der­te. Auch Pla­nung und Schei­tern einer Groß­ver­an­stal­tung zum 50. Jah­res­tag des 8. Mai 1945 sind Thema.

Die Tage­bü­cher Schwilks stel­len über den hier vor­ge­stell­ten Aspekt des Poli­ti­schen eine ganz spe­zi­fi­sche Melan­ge aus phi­lo­so­phi­scher Refle­xi­on, pri­va­tem All­tags­ge­sche­hen, Traum­no­ta­ten und dem wei­ten Feld der Arbeit des Jour­na­lis­ten dar. Der vor­lie­gen­de ers­te Band erstreckt sich über einen Zeit­raum von 16 Jah­ren und beginnt 1983 mit einem Besuch am Grab von Her­mann Hesse.

Als eigent­li­cher Schwer­punkt die­ser Jah­re ent­puppt sich bald die Bekannt­schaft (und spä­te­re Freund­schaft) mit Ernst Jün­ger, über den Schwilk 1988 einen opu­len­ten Bild­band ver­öf­fent­licht, der zahl­rei­che Erst­dru­cke von Bild- und Text­do­ku­men­ten ent­hält. Neben Jün­ger hat Schwilk vie­le ande­re pro­mi­nen­te Autoren getrof­fen, die er inter­view­te und über die er geschrie­ben hat. Sei­ne Rei­sen führ­ten ihn u. a. nach Mos­kau und in die Ark­tis, als Kriegs­re­por­ter berich­te­te er vom Golf und aus dem Koso­vo. Hin­zu kom­men sei­ne aus­führ­li­chen Berich­te über die fried­li­che Revo­lu­ti­on in der DDR, deren Augen­zeu­ge Schwilk in Ber­lin wurde.

 

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Ber­lin, 17. Janu­ar 1994 – – Die ers­ten Wochen des neu­en Jah­res tur­bu­lent, vor allem kon­tu­riert sich mein Enga­ge­ment bei der Welt. Mehr­fach mit Ulrich und RZ [Rai­ner Zitel­mann] mit Man­fred Geist über die Neu­kon­zep­ti­on kon­fe­riert. Was wir wol­len: wert­kon­ser­va­ti­ve Pro­fi­lie­rung, vor allem auf der Ebe­ne von Mei­nung und Kul­tur; dazu ver­mehrt inves­ti­ga­ti­ver Jour­na­lis­mus, der kei­ne Gesin­nung lan­ciert, son­dern auf Fak­ten schaut. Auch ein kla­rer Kurs gegen die Poli­ti­cal Cor­rect­ness, die Miß­stän­de weg­zu­re­den ver­sucht. Ralf Georg Reuth soll von der FAZ zu uns sto­ßen, um dem Poli­tik­res­sort mehr intel­lek­tu­el­le Kom­pe­tenz zu ver­mit­teln. Als His­to­ri­ker wird er zusätz­lich die Kul­tur ver­stär­ken. Ende des Monats steht mein ent­schei­den­des Gespräch mit Gün­ter Prinz, dem Vor­stands­vor­sit­zen­den von Sprin­ger, an. Danach wol­len wir eine Rei­he von Plan­stel­len neu beset­zen. Eine ech­te kon­ser­va­ti­ve Revolution. […]

Ber­lin, 21. März 1994 – – Vier Wochen, in der sich die Welt ver­än­der­te – oder auch nicht. Im ers­ten Anlauf geschei­tert, könn­te man sagen. Am Diens­tag trat ich vom Amt des Kul­tur­chefs zurück, nach einer öffent­li­chen Kam­pa­gne, mit der Ulrich, Rai­ner und ich als »Rechts­extre­me« abge­stem­pelt wur­den, teils aus dem Blatt her­aus. Zeit, FR, SZ, taz und Spie­gel insze­nier­ten den Ruf­mord mit Unter­stüt­zung von miß­güns­ti­gen Welt-Redak­teu­ren und Rolf Hoch­huth, der Mate­ri­al, u. a. mei­ne Brie­fe an ihn, dem Spie­gel zuspiel­te.

Alles nach­zu­le­sen in der taz, die genüß­lich über Welt-Inter­na berich­te­te. Ich soll zu den Redak­teu­ren gesagt haben: »Das ist der Auf­stand des Schlam­mes gegen den Berg« und zu Hoch­huth: »Kom­men Sie mir doch nicht dau­ernd mit die­sen alten Män­nern, die inter­es­sie­ren hier eben­so­we­nig wie die zwei noch amtie­ren­den Chef­re­dak­teu­re.« Ulrich bekann­te sich stolz zum ers­ten State­ment, das er tat­säch­lich Welt-Redak­teu­ren an den Kopf geknallt hat­te, als sie sei­ne Kom­pe­tenz als Chef­re­por­ter in Fra­ge stellten.

Die publi­zis­ti­sche Kam­pa­gne ist eine per­fi­de Mischung aus Halb­wahr­hei­ten, Lügen, Spe­ku­la­tio­nen. In einer »Ehren­er­klä­rung« hiel­ten u. a. Bri­git­te See­ba­cher-Brandt, Arnulf Baring, Micha­el Wolff­sohn, Sarah Kirsch, Wal­ter Kem­pow­ski und Hans Joa­chim Schäd­lich dage­gen. Eigent­li­cher Aus­lö­ser für mei­nen Rück­tritt war aber nicht die­se Denun­zia­ti­ons­kam­pa­gne, son­dern Astrids Ein­lie­fe­rung ins Kran­ken­haus wegen star­ker Blu­tun­gen. »Ich ver­lie­re mein Kind!« schluchz­te sie am Tele­fon. Am Nach­mit­tag gab ich dann mein Welt-Amt auf, das das Sprung­brett sein soll­te für die Chefredaktion.

Die zurück­lie­gen­den Wochen waren lehr­reich; ich habe viel über die Mise­ra­bi­li­tät des Men­schen gelernt, über das Böse, das sich als Gutes mas­kiert. Erst­mals das Paria-Gefühl am eige­nen Leib gespürt, »Min­der­heit« und »Haß­ob­jekt« zu sein. Viel­leicht waren wir unse­rer Sache zu sicher, wahr­schein­lich hat das Gemein­schafts­ge­fühl uns dazu ver­führt, die Geg­ner nicht ernst zu neh­men. Wir haben den Wider­stand gegen die intel­lek­tu­el­le Wen­de in der Redak­ti­on, aber auch Man­fred Geists Oppor­tu­nis­mus unter­schätzt. Ärger­lich nur, daß die Lemu­ren tri­um­phie­ren, die Min­der­be­gab­ten, die Zeit­geist-Rit­ter von der trau­ri­gen Gestalt. […]

Ber­lin-Ste­glitz, 31. März 1994 – – Die Anti­fa läuft Sturm: Nach dem Lübe­cker Syn­ago­gen-Brand wer­den auf allen Kanä­len »geis­ti­ge Brand­stif­ter« nam­haft gemacht: Botho Strauß, Ernst Nol­te, Rai­ner Zitel­mann, Franz Schön­hu­ber, Will Trem­per etc. Die taz mel­det tri­um­phie­rend, daß Ulrich Schacht von der Welt zur Welt am Sonn­tag »zurück­de­le­giert« wor­den sei, »die Redak­ti­on atmet auf«. Man ist stolz auf das eige­ne Werk, die Ver­hin­de­rung eines »Rechts­rucks« bei Sprin­ger. Dabei wird von die­sem Rechts­ruck seit Jahr­zehn­ten gefa­selt; schon Axel Sprin­ger schmäh­te man als »Bran­den­bur­ger Tor«, des­sen Glau­be an die deut­sche Ein­heit man her­un­ter­mach­te. Nun ist der gro­ße Ver­le­ger von der Geschich­te bestä­tigt wor­den, und die Acht­und­sech­zi­ger machen den Ver­such eines Roll­backs, malen einen neu­en Natio­na­lis­mus an die Wand, um als Kas­san­dra irgend­wie doch recht zu behal­ten. Popanz dabei sind Schacht, Schwilk und Zitel­mann, in denen neu-altes Unheil auf­er­stan­den ist. […]

Ber­lin, 14. April 1994 – – Ges­tern in der FAZ ein Bei­trag über die »Geis­ti­ge Welt«, in dem Zitel­manns Wir­ken und unser Rück­zug aus der Welt kom­men­tiert wer­den. Der Vor­wurf des Autors läuft dar­auf hin­aus, RZ betrei­be in der »Geis­ti­gen Welt« die Abwen­dung vom »Libe­ra­lis­mus des Wes­tens«. Dabei ist Zitel­mann ein glü­hen­der Anhän­ger des Wirt­schafts­li­be­ra­lis­mus und FDP-Sym­pa­thi­sant! Man schreibt beim Spie­gel und der taz ab und erspart sich so das Lesen von Zitel­manns Welt-Bei­trä­gen und sei­ner Bücher.

Rich­tig ist allein die Fest­stel­lung, RZ bemü­he sich, lin­ke und rech­te Intel­lek­tu­el­le zusam­men­zu­brin­gen. Unse­re wert­kon­ser­va­ti­ven Grund­hal­tun­gen wer­den über­haupt nicht wahr­ge­nom­men; aber aus ihnen erklärt sich die Soli­da­ri­tät von Leu­ten wie Arnulf Baring, Bri­git­te See­ba­cher- Brandt, Hans-Peter Schwarz, Micha­el Wolff­sohn. Ulrich arbei­tet im Auf­trag von Frank Schirr­macher an einer per­sön­li­chen Gegen­dar­stel­lung in der FAZ. Schirr­ma­cher steht eben­falls unter Beschuß – im eige­nen Blatt. […]

Ham­burg, 2. Sep­tem­ber 1994 – – […] Am 22. August, abends nach der Pro­duk­ti­on, dann Eröff­nung von Geist und Böde­cker, man sehe kei­ne Mög­lich­keit, mich in der Chef­re­dak­ti­on ein­zu­set­zen. Die acht Wochen in Ham­burg gaben mir einen Ein­blick in das Getrie­be einer Redak­ti­on, die weni­ger der Leis­tung ver­pflich­tet ist als den kaum kaschier­ten Kar­rie­re­er­war­tun­gen. Wir woll­ten eine intel­lek­tu­el­le und, ja, auch welt­an­schau­li­che Wen­de, die von außen als »rechts«, ja »rechts­extrem« ver­teu­felt wur­de. Den Ball nah­men die­je­ni­gen dank­bar auf, an denen die­se Neu­ori­en­tie­rung vor­bei­zu­ge­hen droh­te. Ihr Roll­back ent­spricht dem, was das gan­ze Land seit Anfang der Neun­zi­ger erlebt. […]

Ber­lin-Ste­glitz, 26. Sep­tem­ber 1994 –[…] Ers­te Rezen­sio­nen der Selbst­be­wuß­ten Nati­on, die der frü­he­re Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter ­Rupert Scholz im Axel-Sprin­ger-Club in der Koch­stra­ße vor­stell­te. Rund 70 Zuhö­rer, dar­un­ter zehn Autoren des Ban­des, auch Bri­git­te See­ba­cher-Brandt. Außer der B.Z. boy­kot­tier­te die »Sprin­ger-Pres­se« die Buch­prä­sen­ta­ti­on – im eige­nen Haus! Die Kol­le­gen leh­nen das Auf­merk­sam­keit erre­gen­de »Tri­um­vi­rat« Schacht / Schwilk / Zitel­mann ab, meist aus Neid, aber auch aus poli­ti­schem Kal­kül. In der Wochen­post und der taz ganz­sei­ti­ge Rezen­sio­nen, aber ohne jede Sub­stanz. Man las das Buch nicht, son­dern las vie­les hin­ein, was in den alar­mis­ti­schen Köp­fen her­um­spukt. Ein­zi­ges The­ma: Die »Neue Rech­te« als Gefahr für das wie­der­ver­ein­te Land! Dabei hat­te die Lin­ke die Ein­heit jahr­zehn­te­lang als Dro­hung an die Wand gemalt und jeden her­un­ter­ge­macht, der die Über­win­dung der Tei­lung als Ziel deut­scher (und euro­päi­scher!) Poli­tik anstreb­te. Sand­te Ernst Jün­ger und Botho Strauß Exem­pla­re; das Kanz­ler­amt for­der­te ein Buch für Hel­mut Kohl an. […]

Ber­lin-Ste­glitz, 29. Sep­tem­ber 1994 – – […] Heu­te unser Ber­li­ner Appell in vie­len Blät­tern kom­men­tiert, meist als Sym­ptom für einen Rechts­ruck in Deutsch­land. Die Frank­fur­ter Rund­schau sag­te eine Wie­der­kehr von Anto­nio Gramscis Theo­rie der intel­lek­tu­el­len Hege­mo­nie vor­aus, nun von rechts. Kom­men­ta­re auch im Neu­en Deutsch­land, in der taz, FAZ, in der Jun­gen Welt und der Jun­gen Frei­heit, im Ber­li­ner Tages­spie­gel. Bis­lang läuft alles nach Regie. Jetzt noch der Spie­gel und Focus; grö­ße­re Bei­trä­ge zur Selbst­be­wuß­ten Nati­on sind bereits angekündigt. […]

Ber­lin-Ste­glitz, 30. Sep­tem­ber 1994 – – Heu­te Demen­ti von Sarah Kirsch in der FAZ; sie will den Ber­li­ner Appell nie unter­schrie­ben haben. Man hat sie wohl mit viel Druck zu die­sem pein­li­chen, ja fei­gen Rück­zug gebracht; die Kirsch ist seit lan­gem mit Ulrich befreun­det und sieht die Ent­wick­lung seit 1989 wie wir, hat aber Angst um ihre Pfrün­de als Autorin. […]

Ber­lin, 2. / 3. Okto­ber 1994 – – Anruf von Freya Klier wegen des Ber­li­ner Appells. Sie müs­se sich lei­der distan­zie­ren. Wir rede­ten eine Stun­de lang, in der ich sie über­zeug­te; aber sie befürch­tet Nach­tei­le für ihre Arbeit und will sich her­aus­zie­hen. Unse­re Gegen­dar­stel­lung im Tages­spie­gel; dazu Noti­zen zum Ber­li­ner Appell in Focus, ND, taz. […]

Ber­lin, 18. Okto­ber 1994 – – Im Spie­gel der lan­ge erwar­te­te Bei­trag über die ­Selbst­be­wuß­te Nati­on. Der Ver­fas­ser ist mein frü­he­rer Tübin­ger Kom­mi­li­to­ne Mar­tin Doer­ry, wie ich einst wis­sen­schaft­li­che Hilfs­kraft bzw. Assis­tent bei Pro­fes­sor Bern­hard Mann. Ein übles Mach­werk, reins­tes Denun­zi­an­ten­tum. Dazu bringt das Maga­zin nicht die Kon­ter­feis der Her­aus­ge­ber, son­dern die von Nol­te und Zitel­mann, um die denun­zia­to­ri­sche Schlag­zahl zu erhö­hen. Botho Strauß wird als welt­frem­der Wald­gän­ger der Ucker­mark prä­sen­tiert. Aus mei­nem Schmerz-Bei­trag zitier­te der »Anbräu­ner«, wie EJ sol­che Leu­te nennt, den Satz über das Zer­rei­ßen der Föten bei der Abtrei­bung. Tenor: »Flut bräun­li­cher Pro­sa«. Nun wol­len Her­bert Kremp (Die Welt), Rupert Scholz (Rhei­ni­scher Mer­kur) und ­Ste­phan Satt­ler (Focus) antworten. […]

Ber­lin-Ste­glitz, 24. Okto­ber 1994 – – […] Man schei­tert nicht umsonst. Das Aben­teu­er des Poli­ti­schen ist been­det, bevor es rich­tig begon­nen hat. Die­se Paria-Erfah­rung war wich­tig, weil sie vie­les zurecht­rück­te, vor allem das Hei­mat­lo­se und damit Bedroh­te unse­rer gesell­schaft­li­chen Exis­tenz frei­leg­te. Man kann nicht gegen die gan­ze Welt antre­ten. Selbst ein Mar­tin Luther ver­hielt sich tak­tisch, um ans Ziel zu kom­men. Und er hat­te die Ten­den­zen der Epo­che auf sei­ner Sei­te. Wir haben nur unse­re Unbe­dingt­heit, die in die­ser noto­ri­schen Kom­pro­miß­ge­sell­schaft zum Schei­tern ver­ur­teilt. Auch wenn wir noch immer fest dar­an glau­ben, daß uns die Geschich­te am Ende recht geben wird. In all den Kämp­fen bin ich Astrid wie­der näher gekom­men und dank­bar für die Treue, mit der sie alles begleitete. […]

Ber­lin-Ste­glitz, 17. Novem­ber 1994 – – Heu­te Tele­fo­na­te mit Mar­tin Wal­ser und ­Stef­fen Heit­mann. Wal­ser hat unser Buch erhal­ten und sich an Ernst Nol­tes Essay fest­ge­le­sen. Des­sen Links-rechts-Kau­sa­li­tät (»rechts reagiert auf links«) er für »hirn­ris­sig« erklär­te. Er befürch­tet, im Fal­le sei­ner Mit­wir­kung an der zwei­ten Auf­la­ge atta­ckiert zu wer­den, das wol­le er sich nicht noch ein­mal antun. Er sor­ge schon selbst, sag­te er sar­kas­tisch, für die Pro­vo­ka­tio­nen. Erklär­te ihm, daß sei­ne Kate­go­ri­sie­rung unse­res Ban­des als »rechts« genau das repe­tie­re, was die PC-Medi­en mit sei­nen eige­nen Tex­ten ver­an­stal­te­ten. Nach län­ge­rem Dis­put räum­te er ein, daß wir »im sel­ben Boot« säßen, ver­wies aber auf einen Brief, den er an mich abge­schickt und in dem er sei­ne Posi­ti­on dar­ge­legt habe. Ich sol­le ihn am Wochen­en­de erneut anru­fen. Stef­fen Heit­mann, eins­ti­ger Kan­di­dat für das Amt des Bun­des­prä­si­den­ten, sag­te sofort zu, sei­nen FAZ-Bei­trag in unse­rem Band abzudrucken. […]

Ber­lin-Ste­glitz, 24. Novem­ber 1994 – – Heu­te die Fah­nen mit den Kor­rek­tu­ren für die zwei­te Auf­la­ge abge­ge­ben. Rund 5000 Exem­pla­re des Ban­des sind laut Ver­lag nach zwei Mona­ten ver­kauft – trotz oder gera­de wegen des üblen Medien-Echos. […]

Ber­lin, 16. Febru­ar 1995 – – Hin­ter mir lie­gen zahl­rei­che TV- und Rund­funk­ge­sprä­che; dar­un­ter ein Pan­ora­ma-Auf­tritt sowie eine Talk­show beim Sen­der N3 mit Peter Mer­se­bur­ger, Arnulf Baring, Claus Leg­ge­wie, Gui­do Wes­ter­wel­le und Wolf­gang Temp­lin. Dazu Inter­views mit Repor­tern von Le Mon­de und L’Express. Im Aus­land sieht man unse­re Arbeit viel gelas­se­ner, ja wünscht sich gera­de­zu ein grö­ße­res Selbst­be­wußt­sein der Deut­schen, die all­zu lan­ge in ihre Geschich­te ver­strickt blie­ben und damit als Akteu­re aus­fie­len. Bei allen Gesprä­chen ging es um die Dop­pel­ver­öf­fent­li­chung der Selbst­be­wuß­ten Nati­on und der Jün­ger-Fest­schrift, die als tak­tisch ein­ge­schätzt wird. Das stellt sich natür­lich, schaut man auf die Wir­kung, durch­aus so dar, aber es sind ja auch Ereig­nis­se wie die Debat­te um den »Anschwel­len­den Bocks­ge­sang« und vor allem der 100. Geburts­tag Ernst Jün­gers, die hier die Ter­min­la­ge bestimm­ten. Die Lin­ke inter­pre­tiert die­se Koin­zi­denz als Dis­kurs­stra­te­gie der »Neu­en Rech­ten«, um, im Sin­ne von Anto­nio Gramsci, die Mei­nungs­füh­rer­schaft zu über­neh­men. Das gefällt Rai­ner Zitel­mann, dem es vor allem um maxi­ma­les Getö­se und den eige­nen Auf­tritt geht.

Das Tri­um­vi­rat ­Schacht / Schwilk / ­Zitel­mann ist eigent­lich eine Mär von inter­es­sier­ter Sei­te, um uns als Ver­schwö­rer zu dis­kre­di­tie­ren. Uns, den Her­aus­ge­bern der Selbst­be­wuß­ten Nati­on, also Ulrich und mir, geht es um Nor­ma­li­sie­rung, um die Aner­ken­nung der neu­en Lage nach 1989. »Selbst­be­wußt­sein«, das schrei­ben wir im Vor­wort, »for­miert sich nicht gegen ande­re, son­dern formt sich auf sich selbst hin. Ohne Selbst­ver­trau­en jedoch ist solch ein Pro­zeß nicht wirk­lich mög­lich«. Dann folgt der Satz, der von den Denun­zi­an­ten, die dem Band und sei­nen Autoren Revi­sio­nis­mus vor­wer­fen, durch­weg über­le­sen wird: »Das deut­sche Selbst­ver­trau­en aber ist gebro­chen. Dafür gibt es bösen Grund. Jedes Nach­den­ken über deut­sche Iden­ti­tät muß sich die­ses bösen Grun­des – als tem­po­rä­rer, nicht dau­ern­der deut­scher Selbst­ver­feh­lung – bewußt sein.« […]

Ber­lin, 19. Mai 1995 – – Wochen vol­ler Tur­bu­len­zen, kei­ne Atem­pau­se, um Tage­buch zu füh­ren. Die Initia­ti­ve 8. Mai 1945 bean­spruch­te alle Kräf­te. Dies­mal arbei­te­te die gan­ze Fami­lie mit. Astrid orga­ni­sier­te den Brief­ver­sand, Timo und Lina tüte­ten Ein­la­dun­gen ein, kleb­ten Brief­mar­ken. 6000 Brie­fe wur­den ver­sandt, 700 Brie­fe mit Ein­tritts­kar­ten für die geplan­te Groß­ver­an­stal­tung in der Münch­ner Phil­har­mo­nie – und, nach den Inter­ven­tio­nen von Kohl und Wai­gel, 700 Absa­gen. Der Auf­ruf »8. Mai 1945 – Gegen das Ver­ges­sen« erschien als Anzei­ge erst­mals am 7. April auf Sei­te 3 der FAZ. Ich hat­te ihn zusam­men mit Ulrich und Rai­ner Zitel­mann for­mu­liert. Wir nutz­ten ein Heuss-Zitat, um den undif­fe­ren­zier­ten öffent­li­chen Umgang mit dem Kapi­tu­la­ti­ons­da­tum zu atta­ckie­ren: »Im Grun­de genom­men bleibt die­ser 8. Mai 1945 die tra­gischs­te und frag­wür­digs­te Para­do­xie für jeden von uns. War­um denn? Weil wir erlöst und ver­nich­tet in einem gewe­sen sind.« Dar­an knüpf­ten wir unse­re Kri­tik: »Die Para­do­xie des 8. Mai, die der ers­te Prä­si­dent unse­rer Repu­blik, Theo­dor Heuss, so tref­fend cha­rak­te­ri­sier­te, tritt zuneh­mend in den Hin­ter­grund. Ein­sei­tig wird der 8. Mai von Medi­en und Poli­ti­kern als ›Befrei­ung‹ cha­rak­te­ri­siert. Dabei droht in Ver­ges­sen­heit zu gera­ten, daß die­ser Tag nicht nur das Ende der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Schre­ckens­herr­schaft bedeu­te­te, son­dern auch den Beginn von Ver­trei­bungs­ter­ror und neu­er Unter­drü­ckung im Osten und den Beginn der Tei­lung unse­res Lan­des. Ein Geschichts­bild, das die­se Wahr­hei­ten ver­schweigt, ver­drängt oder rela­ti­viert, kann nicht Grund­la­ge für das Selbst­ver­ständ­nis einer selbst­be­wuß­ten Nati­on sein, die wir Deut­schen in der euro­päi­schen Völ­ker­fa­mi­lie wer­den müs­sen, um ver­gleich­ba­re Kata­stro­phen künf­tig auszuschließen.«

Wei­te­re Anzei­gen in den gro­ßen deut­schen Blät­tern folg­ten und lös­ten ein gewal­ti­ges Echo aus. Es unter­schrie­ben u. a. der Ehren­vor­sit­zen­de der CDU Alfred Dreg­ger, der frü­he­re Bun­des­mi­nis­ter Hans Apel von der SPD, die CSU-Poli­ti­ker Die­ter Spran­ger und Fried­rich Zim­mer­mann sowie Peter Gau­wei­ler und der eins­ti­ge baye­ri­sche FDP-Vor­sit­zen­de (und jet­zi­ge Chef des Bun­des Frei­er Bür­ger) Man­fred Brun­ner. Um dem posi­ti­ven Echo eine Büh­ne zu bie­ten, luden wir Mit­glie­der der Uni­on und sämt­li­che kon­ser­va­ti­ven Köp­fe des Lan­des nach Mün­chen ein. Dort soll­te eine Gegen­ver­an­stal­tung zu der von Bun­des­kanz­ler Kohl im Kon­zert­haus am Gen­dar­men­markt in Ber­lin geplan­ten Fei­er stattfinden.

Um die Details der Münch­ner ­Ver­an­stal­tung zu bespre­chen, lud Alfred Dreg­ger uns in sein Bun­des­tags­bü­ro nach Bonn ein. Rai­ner Zitel­mann führ­te das gro­ße Wort, was Ulrich ver­är­ger­te. Die bei­den sind sich spin­ne­feind. Wir ver­ein­bar­ten, daß Dreg­ger die Haupt­re­de hält, ­Ulrich als DDR-Wider­stands­kämp­fer unse­re Posi­ti­on dar­legt. Auf der Büh­ne der Phil­har­mo­nie soll­ten dann Ernst Nol­te, Man­fred Brun­ner, ­Ulrich Schacht, Rai­ner Zitel­mann und ich über die his­to­ri­schen Hin­ter­grün­de bzw. die gesell­schafts­po­li­ti­sche Bedeu­tung des 8. Mai dis­ku­tie­ren. Am Ende stie­ßen wir mit Sekt auf das Gelin­gen der Münch­ner Ver­an­stal­tung an. ­Dreg­ger sag­te: »Mei­ne Her­ren, es ist gut, daß es Sie gibt!« Nur zehn Tage spä­ter, am 27. April, fiel er um, nach­dem er uns Bedin­gun­gen für sei­nen Red­ner-Auf­tritt – unter ande­rem die Absa­ge des Podi­ums – hat­te dik­tie­ren wollen.

Davor führ­te ich zahl­rei­che Tele­fo­na­te mit ihm und sei­ner per­sön­li­chen Refe­ren­tin. Die Gesprä­che zeig­ten, wie abhän­gig der soge­nann­te Rechts­au­ßen der Uni­on, von sei­nen Ver­eh­rern wegen sei­nes for­schen Auf­tre­tens »Djan­go« genannt, von Hel­mut Kohl ist. Vor nichts scheint er mehr Angst zu haben als vor der Aus­gren­zung. Am Tele­fon jam­mer­te er: »Ich bin in mei­ner Par­tei völ­lig iso­liert.« Er erwar­te­te wohl, daß ich mich aus Mit­leid umstim­men las­se, was natür­lich völ­lig abwe­gig war. Wir waren ja die Ver­an­stal­ter, und der Gast-Red­ner kann nicht – nach­träg­lich! – die Agen­da bestimmen.

Dreg­ger hat­te Hel­mut Kohl nichts ent­ge­gen­zu­set­zen. Kohl woll­te als »Kanz­ler der Ein­heit« unbe­dingt den gro­ßen Auf­tritt in Ber­lin und hat­te dazu auch Gor­bat­schow gela­den. Lei­der fiel auch Gau­wei­ler um, der sich um unse­ren Auf­tritt in der Münch­ner Phil­har­mo­nie geküm­mert und das Haus ange­mie­tet hat­te. Er knick­te letzt­lich vor dem CSU-Vor­sit­zen­den Theo­dor Wai­gel ein. Der ver­such­te die baye­ri­sche Ver­an­stal­tung im Sin­ne sei­nes Meis­ters zu ver­hin­dern. Eri­ka Stein­bach sag­te mir nach dem 8. Mai, Dreg­ger sei nun sehr depres­siv und bekla­ge unse­re Hart­nä­ckig­keit, die er voll­kom­men unter­schätzt habe. Wir nen­nen das Moral.

In den zurück­lie­gen­den Wochen gab ich unzäh­li­ge Inter­views, vie­le auf eng­lisch: BBC, ABC etc. Zwei TV-Inter­views fan­den am Gen­dar­men­markt und vor dem Bran­den­bur­ger Tor statt. Weni­ge Tage vor dem 8. Mai kam ein ABC-Repor­ter (Euro­pa-Kor­re­spon­dent des Sen­ders) extra aus Lon­don, um mit mir ein Gespräch zu füh­ren. Es wur­de in der bes­ten Sen­de­zeit – 18.30 Uhr – in den USA aus­ge­strahlt. Inzwi­schen liegt uns ein dicker Pres­se­spie­gel zum 8. Mai vor, der doku­men­tiert, was für ein kon­tro­ver­ses Echo unse­re Akti­on aus­ge­löst hat. Trotz der »von oben« ver­füg­ten Münch­ner Absa­ge, die vie­le Sym­pa­thi­san­ten (und Uni­ons­leu­te) ent­täusch­te, ent­schie­den wir, eine Alter­na­tiv­ver­an­stal­tung auf dem Ham­ba­cher Schloß zu orga­ni­sie­ren. Dort hielt Ulrich sei­ne, auch rhe­to­risch, groß­ar­ti­ge Rede (»Das Maß der Erschüt­te­rung«). Die ­Zuhö­rer hielt es nicht auf den Sit­zen, tosen­der Applaus, der auch unse­rem Durch­hal­te­wil­len galt – trotz des über­mäch­ti­gen Gegen­win­des aus dem Kanzleramt.

Ich mode­rier­te anschlie­ßend eine zwei­stün­di­ge Podi­ums­dis­kus­si­on zum The­ma Auf­bruch und Erneue­rung. Lei­der hat­te Alfred Jebens, Vor­sit­zen­der der Hans Fil­bin­ger-Stif­tung, Spie­gel-TV und die Zeit aus­ge­la­den, so daß nur die Regio­nal­pres­se berich­te­te. Bei der Pres­se­ar­beit soll­te man nicht nach ideo­lo­gi­schen Kri­te­ri­en ver­fah­ren, son­dern aus­schließ­lich nach der Wir­kung. Nichts ist schlim­mer als die Nicht-Bericht­erstat­tung. Das weiß jeder Autor, der ein­mal erlebt hat, daß sein Buch nicht schlecht, son­dern gar nicht bespro­chen wur­de. […] Kauf­te einen Extra-PC nebst Fax­ge­rät für das Orga­ni­sa­to­ri­sche. Bei­des ist nütz­lich, wenn wir jetzt dar­an­ge­hen, unse­ren Ver­ein »Arbeit für Deutsch­land« auf­zu­bau­en – Vor­stu­fe für eine mög­li­che Par­tei mit dem Namen »Alli­anz für Deutsch­land«, Kür­zel AfD.

 

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