Three Identical Strangers

von August Nagel und Erik Ahrens

PDF der Druckfassung aus Sezession 107/ April 2022

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New York, 1980. Ein jun­ger, mus­ku­lö­ser Mann mit schwar­zen Locken steht am Fens­ter sei­nes Col­lege-Zim­mers und zün­det sich eine Ziga­ret­te an. Dabei schaut er auf sei­ne Hand …

»Frü­her dach­te ich: Sol­che gro­ßen Hän­de hat sonst nie­mand. Jetzt gibt es auf ein­mal gleich drei Paar davon […]. Wir sind fast iden­tisch – ­Eddie, ­David und ich. Dabei kann­te ich sie bis vor kur­zem gar nicht. Ich leb­te ganz nor­mal, hat­te mei­ne Freun­de und mei­ne Fami­lie. Und jetzt? Jetzt will ich ein Restau­rant auf­ma­chen mit zwei Frem­den, die mir gefühlt näher­ste­hen als jeder ande­re. Es ist ver­rückt, manch­mal füh­le ich mich wie im Traum.

Im Traum kam mir auch die Idee mit dem Restau­rant, »Tri­plet«. ­Eddie mein­te, er hät­te schon die­sel­be Idee gehabt. Als David das glei­che sag­te, dach­te ich, er will mich auf den Arm neh­men […]. Aber ins­ge­heim glau­be ich es ihm, wir den­ken ja auch sonst genau gleich. Oft been­det er mei­ne Sät­ze, ich muß gar nicht reden, er sagt, was ich sagen will. Und kei­ner kann uns auseinanderhalten.

David grinst sogar wie ich! Dabei sind unse­re Fami­li­en so anders. Der hat wirk­lich Glück gehabt mit sei­ner Sip­pe, in die sie ihn gesteckt haben. Unend­lich viel Koh­le! Und mein Vater? Der ist ein guter Mann, hat sich immer für mich ein­ge­setzt wie für sein eige­nes Blut. Aber wir sind eben arm.«

Der Doku­men­tar­film Three Iden­ti­cal Stran­gers aus dem Jah­re 2018 schil­dert eine wah­re Geschich­te, die fun­da­men­ta­le Fra­gen auf­wirft: Wer­den wir von unse­rer Prä­gung durch Erzie­hung und Umwelt bestimmt oder sind es natür­li­che Ver­an­la­gun­gen, die unser Leben aus­ma­chen? Letz­te­res ist nicht nur zuneh­mend wis­sen­schaft­lich beleg­bar, son­dern wird durch das Film­ge­sche­hen auch her­vor­ra­gend illus­triert. Eine Geschich­te, die Erwar­tun­gen erschüt­tert und Tabus sprengt.

Als der 19jährige Robert »Bob­by« Shaf­ran zum ersten­mal auf den Cam­pus kam und ihn lau­ter Frem­de begrüß­ten, war er ver­wirrt, wie er spä­ter berich­tet. Eine hüb­sche jun­ge Frau, die er noch nie getrof­fen hat­te, warf sich ihm um den Hals. War das auf dem Col­lege etwa üblich? Und war­um nann­te sie ihn Eddy? Die Ver­wir­rung klär­te sich, als man ihn frag­te, ob er einen Zwil­lings­bru­der namens Edward habe. Er konn­te die Fra­ge nicht beant­wor­ten, denn er war als Baby adop­tiert wor­den und kann­te sei­ne leib­li­che Ver­wandt­schaft nicht.

Doch bald tra­fen die unbe­kann­ten Brü­der erst­mals auf­ein­an­der. Wie sie sich gli­chen, scho­ckier­te alle – an ers­ter Stel­le sie selbst. Nicht nur im Aus­se­hen, son­dern auch cha­rak­ter­lich waren »Bob­by« und »Eddy« für vie­le kaum unter­scheid­bar: Ihre Mimik, ihre Bewe­gun­gen und ihre Art zu Lachen waren fast iden­tisch. Sie tru­gen den­sel­ben Klei­dungs­stil, waren bei­de High­school-Rin­ger gewe­sen und rauch­ten sogar die­sel­be Ziga­ret­ten­mar­ke. Es war klar, war­um die ande­ren Stu­den­ten und sogar Eddys Freun­din die bei­den ver­wech­selt hatten.

Der Fall begeis­ter­te die Stu­den­ten und erreich­te loka­le Medi­en. Zei­tun­gen brach­ten Berich­te und Inter­views über die »iden­ti­cal stran­gers«, die bei der Geburt getrennt wor­den waren und in ver­schie­de­nen Adop­tiv­fa­mi­li­en auf­wuch­sen, bis sie sich zufäl­lig im Col­lege ken­nen­lern­ten – und ein­an­der gli­chen wie ein Ei dem ande­ren. Ein jun­ger Mann namens David ­Kell­man, eben­falls 19 Jah­re alt und Adop­tiv­sohn einer rei­chen New Yor­ker Fami­lie, las einen die­ser Arti­kel. Ein Blick auf das Foto der Zwil­lin­ge genüg­te, und David wuß­te: Ich bin der drit­te. Über die Zei­tung nahm er Kon­takt zu Eddy und Bob­by auf, und es stell­te sich her­aus, daß sie nicht nur Zwil­lin­ge, son­dern Dril­lin­ge waren. Gro­ße Medi­en grif­fen die Geschich­te auf, und die Dril­lin­ge nutz­ten ihre Berühmt­heit und eröff­ne­ten ein Restau­rant in New York – das »Tri­plet«.

Hin­ter die­ser wun­der­sa­men Fügung steckt letzt­lich kein Wun­der: Zwar war es Zufall, daß die ein­ei­igen Dril­lin­ge sich fan­den. Doch daß sie nach ihrer Geburt 1961 in einem Kreiß­saal auf Long Island getrennt und in drei unter­schied­li­che Adop­ti­ons­fa­mi­li­en gege­ben wor­den waren, geschah nicht aus Not, son­dern war Teil eines Experiments.

Der jüdisch-öster­rei­chi­sche Psych­ia­ter ­Peter B. Neu­bau­er, der 1941 aus der Schweiz nach New York aus­ge­wan­dert war, ver­öf­fent­lich­te im Jahr 1990 das Buch Nature’s Thumbprint: The New Gene­tics of Per­so­na­li­ty. In dem Buch behan­del­te Neu­bau­er, der ursprüng­lich ein Anhän­ger Freuds gewe­sen war, die »gene­ti­schen Ein­flüs­se, die unse­re Per­sön­lich­keit for­men«. Grund­la­ge der Arbeit war eine Lang­zeit­stu­die, die um das Jahr 1960 her­um von der New Yor­ker Psych­ia­te­rin Vio­la Ber­nard im Auf­trag des ­Jewish Board of Fami­ly and Children’s Ser­vices begon­nen wor­den war.

Im Rah­men der Stu­die wur­den fünf Zwil­lings­paa­re sowie die Dril­lin­ge von­ein­an­der getrennt und in Adop­ti­ons­fa­mi­li­en gege­ben. Die Fami­li­en wur­den so aus­ge­sucht, daß die Geschwis­ter in mög­lichst unter­schied­li­chen Ver­hält­nis­sen auf­wuch­sen – unter­schied­li­che Ein­kom­mens­ni­veaus, Erzie­hungs­sti­le und Umge­bun­gen, mit und ohne eige­ne Kin­der. Das Ziel: die Beant­wor­tung der ent­schei­den­den Fra­ge, ob die Gene­tik oder die Umge­bung den Cha­rak­ter und das Geschick eines Indi­vi­du­ums bestimmt – ­natu­re ver­sus nurture.

Robert, Edward und David waren also Teil die­ses Expe­ri­ments. In ihrer Kind­heit und Jugend hat­te Peter Neu­bau­er sie regel­mä­ßig unter­sucht, ohne ihre Eltern von dem Expe­ri­ment zu unter­rich­ten. Wer die Stu­die ­finan­zier­te, wur­de nie bekannt, ihre Ergeb­nis­se nie ver­öf­fent­licht – bis 2065 wird sie in den Yale-Archi­ven unter Ver­schluß liegen.

Die moder­ne Zwil­lings­for­schung ist etwa ein­hun­dert Jah­re alt. 1924 unter­schied der deut­sche Der­ma­to­lo­ge Her­mann Wer­ner Sie­mens (1891 – 1969) für sei­ne Stu­die Die Zwil­lings­pa­tho­lo­gie kon­se­quent zwi­schen ein­ei­igen und zwei­ei­igen Zwil­lin­gen. So konn­te er fest­stel­len, daß ein­ei­ige Zwil­lin­ge iden­ti­sches Erb­gut und die­sel­be Anfäl­lig­keit für Erb­krank­hei­ten haben. Wie vie­le Gene­ti­ker sei­ner Zeit unter­stütz­te auch Sie­mens die »Erbhygiene«-Politik der NSDAP, wider­setz­te sich jedoch spä­ter der deut­schen Besat­zungs­po­li­tik in den Nie­der­lan­den, wo er eine Pro­fes­sur inne­hat­te, und wur­de von 1942 bis 1945 aus der Leh­re ver­bannt und zeit­wei­lig in Haft genommen.

In Deutsch­land ist die Zwil­lings­for­schung durch die Kin­der­ex­pe­ri­men­te des Ausch­witz-Arz­tes Josef Men­ge­le in Ver­ruf gera­ten. Zusätz­lich zum maß­lo­sen Leid ihrer Opfer führ­ten die­se Ver­bre­chen dazu, daß gan­ze For­schungs­zwei­ge seit­her mit Men­schen­ex­pe­ri­men­ten und Lager­greu­eln asso­zi­iert wer­den. In den Ver­ei­nig­ten Staa­ten gab es eine sol­che Tabui­sie­rung nicht. Den­noch führ­te Neu­bau­er sei­ne Expe­ri­men­te unter abso­lu­ter Geheim­hal­tung durch.

Dies hat­te meh­re­re Grün­de: Einer­seits muß­te er das Expe­ri­ment vor den Fami­li­en ver­ber­gen, wenn es gelin­gen soll­te, und ande­rer­seits hat­te er wohl doch mit öffent­li­cher Empö­rung zu rech­nen. Vor allem jedoch ver­trat Neu­bau­er als Freu­dia­ner die Annah­me, daß Men­schen als sprich­wört­lich unbe­schrie­be­nes Blatt Papier (blank sla­te) gebo­ren und kom­plett durch Inter­ak­tio­nen und Erfah­run­gen geprägt wür­den. Um die­se Sicht zu bele­gen und die Debat­te im Sin­ne des blank sla­tism zu ent­schei­den, hät­te die Stu­die erge­ben müs­sen, daß sich die Dril­lin­ge cha­rak­ter­lich kom­plett unter­schied­lich ent­wi­ckel­ten, wenn sie so ver­schie­den auf­wüch­sen. Doch wie die Auf­trit­te Edwards, Roberts und Davids im Live-TV zeig­ten, traf das Gegen­teil ein.

Heu­te ist die Stu­di­en­la­ge klar: In fast jeder Hin­sicht ähneln Kin­der ihren bio­lo­gi­schen Eltern mehr als ihren Adop­tiv­el­tern – selbst dann, wenn sie ihre leib­li­chen Eltern nie gese­hen haben. (1) Ein­ei­ige Zwil­lin­ge, die getrennt auf­wach­sen, haben nicht nur kör­per­lich, son­dern auch im Ver­hal­ten mehr gemein als zwei­ei­ige Zwil­lin­ge, die im sel­ben Haus­halt auf­wach­sen. (2)

Die­ser Erkennt­nis lie­gen kei­ne obsku­ren Expe­ri­men­te unter Geheim­hal­tung zugrun­de, son­dern gro­ße Meta­stu­di­en und gigan­ti­sche Genom­datenbanken mit Unter­su­chungs­er­geb­nis­sen von Mil­lio­nen Zwil­lin­gen und Tau­sen­den Eigen­schaf­ten. Nahe­zu jedes die­ser Merk­ma­le hängt stark von den Genen ab – im Durch­schnitt sind in der west­li­chen Welt etwa 50 Pro­zent der Vari­anz eines Merk­ma­les gene­tisch bedingt.

Vor allem die Lern­fä­hig­keit eines Kin­des, aus­schlag­ge­bend für das Funk­tio­nie­ren moder­ner Gesell­schaf­ten, ent­wi­ckelt sich unter hie­si­gen Bedin­gun­gen bei­na­he voll­stän­dig gemäß der gene­ti­schen Ver­an­la­gung. Hem­men­de Fak­to­ren wie der Man­gel an essen­ti­el­len Nähr­stof­fen oder an Schul­zu­gang spie­len in Län­dern wie Deutsch­land, wo die­se Vor­aus­set­zun­gen flä­chen­de­ckend gege­ben sind, kei­ne Rol­le. Ins­be­son­de­re die indi­vi­du­el­le Ober­gren­ze ist gene­tisch bedingt und bei­na­he unverrückbar.

Den­noch gibt es nach aktu­el­lem Erkennt­nis­stand kein »Intel­li­genz-Gen«; kom­ple­xe Merk­ma­le wie kogni­ti­ve Fähig­kei­ten wer­den von vie­len Genen beein­flußt. Um die Ver­an­la­gung sol­cher Merk­ma­le zu erfor­schen, müs­sen Tau­sen­de Stel­len im Genom iden­ti­fi­ziert wer­den, an denen DNS-Vari­an­ten mit Merk­mals­aus­prä­gun­gen kor­re­lie­ren. Die­se Tech­nik der Geno­me Wide Asso­cia­ti­on Stu­dies (GWAS) ist seit den 1990ern bekannt und bekam mit der ers­ten Voll­se­quen­zie­rung des mensch­li­chen Genoms im Jahr 2003 erheb­li­chen Auf­wind. Seit­dem ist es zuneh­mend mög­lich, neben der Her­kunft eines Men­schen auch sei­ne Krank­heits­ver­an­la­gun­gen, sei­ne kog­nitiven Fähig­kei­ten und ande­re kom­ple­xe Eigen­schaf­ten aus Gen­pro­ben abzu­schät­zen oder in gewis­sem Rah­men herauszulesen.

Die GWAS iden­ti­fi­zie­ren, wel­che Vari­an­ten im Genom mit wel­chen Aus­prä­gun­gen eines Merk­mals asso­zi­iert sind, und quan­ti­fi­zie­ren die­se Kor­re­la­ti­on. Der­art aus­ge­mach­te Kor­re­la­tio­nen wer­den gewich­tet und in eine Zahl auf­sum­miert, den poly­ge­nen Index. Je höher die­ser für ein Merk­mal (bei­spiels­wei­se Anfäl­lig­keit für Darm­krebs) aus­fällt, des­to höher die ent­spre­chen­de Ver­an­la­gung. Für kogni­ti­ve Fähig­kei­ten kennt man bereits eini­ge tau­send Vari­an­ten, und mit der wach­sen­den Daten­men­ge stei­gen das sta­tis­ti­sche Gewicht der GWAS und die Vor­aus­sa­ge­kraft der poly­ge­nen Indi­zes immer wei­ter an.

Auf die­ser Grund­la­ge kön­nen hier­zu­lan­de etwa 16 Pro­zent der Vari­anz für Bil­dungs­er­folg erfaßt wer­den. Damit ist eine Pro­gno­se anhand des poly­ge­nen Index bes­ser mög­lich als anhand des Fami­li­en­ein­kom­mens: Wäh­rend die Kor­re­la­ti­on zwi­schen Ein­kom­men der Eltern und Schul­erfolg der Kin­der bei 0,2 bis 0,35 liegt, ist die uns bekann­te Kor­re­la­ti­on zwi­schen gene­ti­scher Infor­ma­ti­on und Bil­dungs­er­folg inzwi­schen schon bei 0,4 – Ten­denz stei­gend, da das Genom noch lan­ge nicht aus­ge­forscht ist. (3)

Die Bedeu­tung der Gene­tik für den Men­schen ist mit dem All­tags­ver­stand kaum begreif­bar. Wür­den Robert, Edward und David heu­te, knapp 60 Jah­re spä­ter gebo­ren, könn­te Neu­bau­er sich das Expe­ri­ment spa­ren: Bereits im Embryo­sta­di­um könn­te er ihnen Zel­len ent­neh­men und pro­gnos­ti­zie­ren, wor­in sie ein­an­der ähneln wer­den und wie stark die­se Ähn­lich­keit gene­tisch bedingt ist. Schon weni­ge Tage nach der Zeu­gung las­sen sich anhand spe­zi­fi­scher Gen­se­quen­zen Schät­zun­gen zu Eigen­schaf­ten wie Tem­pe­ra­ment, IQ, Fleiß, Ziel­stre­big­keit usw. und sogar Pro­gno­sen zu Bil­dungs­ab­schlüs­sen und Berufs­er­folg vor­neh­men. Die Rele­vanz die­ser Eigen­schaf­ten ist in einem ent­wi­ckel­ten Land wie Deutsch­land beson­ders hoch, da Lebens­weg und sozia­ler Sta­tus in bedeu­ten­dem Maße von ihnen abhängen.

Die Ergeb­nis­se aus meh­re­ren Jahr­zehn­ten Zwil­lings­for­schung und unzäh­li­gen Stu­di­en gehen so weit, daß der US-ame­ri­ka­ni­sche Psy­cho­lo­ge und Gene­ti­ker Robert Plomin vom King’s Col­lege Lon­don mitt­ler­wei­le von der DNS als »Blau­pau­se« des Men­schen spricht. Die gegen­wär­ti­ge For­schung, so schreibt er in sei­nem Buch Blue­print (2018), »signa­li­siert den Beginn der DNA-Revo­lu­ti­on in der Psy­cho­lo­gie« (4), weil sie für bei­na­he jede Eigen­schaft eine star­ke gene­ti­sche Ver­an­la­gung nach­wei­sen und sogar medi­zi­ni­sche Pro­ble­me lan­ge vor ihrem Auf­tre­ten erken­nen kön­ne. Vom Kaf­fee­kon­sum über die Anfäl­lig­keit für chro­ni­sche Schlaf­stö­run­gen bis hin zum Früh­auf­ste­hen – all dies ist durch die gene­ti­sche »Blau­pau­se« bedingt und läßt sich durch ihre Kennt­nis vor­her­sa­gen. Der renom­mier­te Pro­fes­sor spricht sogar von einer »Kris­tall­ku­gel«, die uns »unse­re Zukunft von Geburt an vor­her­sa­gen« kön­ne – denn »mehr als alles ande­re bedingt Gene­tik die indi­vi­du­el­len Unter­schie­de zwi­schen Men­schen, mehr als alle ande­ren Fak­to­ren zusammen.«

Mit dem Bild der Kris­tall­ku­gel illus­triert Plomin die Mög­lich­keit, mit­tels DNS und GWAS auch kom­ple­xe Eigen­schaf­ten eines Men­schen vor­her­zu­sa­gen und sta­tis­ti­sche Wahr­schein­lich­kei­ten für sei­nen Lebens­weg zu bestim­men. Was Plomin jedoch nicht meint, ist ein har­ter Deter­mi­nis­mus im phi­lo­so­phi­schen Sin­ne oder ein kon­kre­tes, in den Genen detail­liert fest­ge­schrie­be­nes Schick­sal. Die im Genom ver­an­lag­ten Eigen­schaf­ten geben Mög­lich­kei­ten, Gren­zen und Nei­gun­gen vor, doch der tat­säch­li­che Lebens­weg läßt sich nie­mals vorhersagen.

Wie die gene­ti­schen Ver­an­la­gun­gen sich zum Schick­sal ver­hal­ten, läßt sich an den Bio­gra­phien der Dril­lin­ge Edward, Robert und David betrach­ten. Die­se ver­lie­fen kei­nes­falls gleich, und das, obwohl sich die Brü­der ähnel­ten wie ein Ei dem ande­ren. Ihre gene­ti­sche »Blau­pau­se« gab die inne­ren und äuße­ren Ver­an­la­gun­gen vor, doch das Leben nahm unbe­re­chen­ba­re Wege: Robert Shaf­ran und David Kell­man konn­ten 2018 der Pre­mie­re von Three Iden­ti­cal Stran­gers bei­woh­nen, wäh­rend Edward Gal­land 1995 im Alter von 34 Jah­ren Sui­zid began­gen hatte.

Die ein­ei­igen Dril­lin­ge sind manisch-depres­siv ver­an­lagt und bei allen drei­en brach die psy­chi­sche Krank­heit aus – aber nur einer von ihnen, Eddie, nahm sich das Leben. Zuvor war er in ärzt­li­cher Behand­lung gewe­sen und hat­te Anti­de­pres­si­va erhal­ten, wel­che in der frü­hen Behand­lungs­pha­se die Wahr­schein­lich­keit eines Selbst­mor­des erhö­hen. Sein Sui­zid stellt mög­li­cher­wei­se ein­fach das Ergeb­nis einer medi­ka­men­tös beding­ten Neben­wir­kung dar. Denk­bar ist jedoch auch, daß Eddy durch sei­ne pro­ble­ma­ti­sche Jugend bereits psy­chisch geschwächt und dar­um beson­ders anfäl­lig war. Wäh­rend er die manisch-depres­si­ve Ver­an­la­gung mit sei­nen Brü­dern teil­te, könn­ten sein Gesund­heits­zu­stand und sei­ne Fähig­keit, damit umzu­ge­hen, durch die Umstän­de sei­ner Kind­heit und Jugend beein­träch­tigt wor­den sein.

Ent­ge­gen den Blank-sla­te-Annah­men der Freu­dia­ner gehen die meis­ten psy­chi­schen Krank­hei­ten zwar nicht ursäch­lich auf fal­sche Erzie­hung im Kin­des­al­ter zurück, son­dern auf die Gene­tik. Den­noch ist es wahr­schein­lich, daß sie durch Erleb­nis­se und Umwelt­ein­flüs­se aus­ge­löst oder poten­ziert wer­den, so wie auch eine gene­tisch beding­te Ver­an­la­gung für Lun­gen­krebs durch Fak­to­ren wie das Ziga­ret­ten­rau­chen oder den Groß­stadt­smog poten­ziert wer­den kann.

Es ist gut denk­bar, daß die drei emo­tio­nal fra­gi­len Jun­gen in der Jugend beson­ders durch die jewei­li­ge Vater-Sohn-Bezie­hung beein­flußt wur­den. Eddies Adop­tiv­va­ter begeg­ne­te ihm streng, auto­ri­tär und kalt. David hin­ge­gen hat­te Glück. Sein Adop­tiv­va­ter galt als warm und herz­lich und wur­de von allen Brü­dern als gemein­sa­me Vater­fi­gur akzep­tiert. Jedoch konn­te nur David in sei­ner Obhut auf­wach­sen, wäh­rend Eddy in sei­ner Kind­heit und Jugend schwe­ren psy­chi­schen Belas­tun­gen aus­ge­setzt war. Für das Wohl­erge­hen eines Men­schen ist von beson­de­rer Bedeu­tung, daß die Umwelt zur eige­nen natür­li­chen Ver­an­la­gung paßt, doch als Kind war Eddy der emo­tio­na­len Fremd­heit sei­nes Erzie­hers hilf­los ausgeliefert.

Brü­che zwi­schen Kin­dern und ihren leib­li­chen Eltern zeu­gen davon, daß sol­che Inkom­pa­ti­bi­li­tä­ten auch inner­halb einer Fami­lie exis­tie­ren kön­nen, doch sind sie hier sel­te­ner, denn die Wahr­schein­lich­keit, ähn­lich ver­an­lagt zu sein, ist groß. Bei Adop­tiv­kin­dern spielt Glück eine wesent­li­che Rol­le, denn die Wahr­schein­lich­keit, nicht zusam­men­zu­pas­sen, ist weit­aus grö­ßer. Im Fall der frem­den Dril­lin­ge hat­ten David und Robert Glück, doch Eddy blieb sei­nem Vater ein Leben lang fremd. Mög­li­cher­wei­se war dies der Grund sei­nes trau­ri­gen Schicksals.

– – –

(1) – Vgl. Robert Plomin: Blue­print – How DANN makes us who we are, Cam­bridge Mas­sa­chu­setts 2018, S. 54.

(2) – Vgl. Tin­ca JC Pol­der­man, Beben Ben­ya­min et al.: »Meta-ana­ly­sis of the heri­ta­bi­li­ty of human traits based on fif­ty years of twin stu­dies«, in: Natu­re Gene­tics 47, 2015, S. 702 – 709.

(3) – Vgl. James J. Lee: Poly­ge­nic pre­dic­tion within and bet­ween fami­lies from a 3‑mil­li­on-per­son GWAS of edu­ca­tio­nal attain­ment, Social Sci­ence Gene­tic Asso­cia­ti­on Con­sor­ti­um (Stu­die noch unveröffentlicht).

(4) – Vgl. Plomin: Blue­print, S. 117.

 

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