Wer war … Robert Havemann?

von Marcel Kehlberg -- PDF der Druckfassung aus Sezession 107/ April 2022

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In beson­ders schmerz­li­che Ver­le­gen­heit wur­de der real exis­tie­ren­de Sozia­lis­mus immer dann gestürzt, wenn die Kri­tik an ihm von sei­ten der Wis­sen­schaft kam.

Der Kom­mu­nis­mus ver­stand sich von sei­nen Anfän­gen her als Wis­sen­schaft, wel­che die »Natur­ge­set­ze« der Geschich­te wie der Öko­no­mie erkannt habe und daher die idea­le Gesell­schaft errich­ten kön­ne. Daß er aus der Uto­pie kam und trotz aller Anstren­gung viel von ihm dort ver­blieb, war ihm so unan­ge­nehm wie ein miß­ra­te­nes Tat­too aus Jugendtagen.

Daß Fach­leu­te aus den Natur­wis­sen­schaf­ten im eige­nen Macht­be­reich die­ses Selbst­bild angrif­fen, wur­de von den Macht­ha­bern als Ver­let­zung eines Natur­ge­set­zes wahr­ge­nom­men. In der DDR gehör­te der eben­so schil­lern­de wie geist­rei­che ­Che­mi­ker Robert ­Have­mann zu die­ser ­Kate­go­rie. Er ver­starb vor genau vier­zig Jah­ren in sei­nem von der Sta­si dau­er­über­wach­ten Anwe­sen bei Berlin.

In der NS-Zeit ver­dank­te der jun­ge Kom­mu­nist Have­mann sein Leben der Wis­sen­schaft, als sei­ne Hin­rich­tung von höhe­ren Für­spre­chern aus dem Hee­res­waf­fen­amt, für das er auch als Häft­ling forsch­te, immer wie­der hin­aus­ge­zö­gert wer­den konn­te. In der DDR wur­de sie ihm dann zum Ver­häng­nis, als er die Phi­lo­so­phie hin­ter dem Macht­ap­pa­rat wis­sen­schaft­lich – und das hieß für ihn stets intel­lek­tu­ell red­lich – zu über­prü­fen begann. Dabei blieb Robert Have­mann bis in sei­ne staat­lich ver­ord­ne­te Qua­ran­tä­ne hin­ein ein über­zeug­ter Sozia­list, für den der Sozia­lis­mus als dia­lek­ti­sches Bewe­gungs­prin­zip des Geis­tes die Offen­heit des Den­kens wie nichts ande­res verbürgte.

Alles, was eine Par­tei oder ein Staat dar­aus mach­ten, nann­te er mecha­ni­schen Sozia­lis­mus und mecha­ni­schen Mate­ria­lis­mus oder salop­per einen »Kate­chis­mus von Bana­li­tä­ten«. Star­re Dog­ma­ti­sie­rung war Ergeb­nis einer Staats­nä­he, die er als authen­ti­scher Wis­sen­schaft­ler ableh­nen muß­te, die er als Sozia­list aber als wesens­im­ma­nent hät­te erken­nen müs­sen. Have­mann unter­such­te in einer berühmt gewor­de­nen Vor­le­sungs­rei­he aus dem Win­ter­se­mes­ter 1963 / 64 an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät (Dia­lek­tik ohne Dog­ma?) die Unzu­läs­sig­keit, Natur­wis­sen­schaft auf die mensch­li­che Geschich­te anzu­wen­den, da Geschich­te wesent­lich ein­ma­lig und end­gül­tig ver­lau­fe und die Natur­wis­sen­schaf­ten somit nicht zustän­dig seien.

Zugleich ver­such­te er dabei, den Sozia­lis­mus wis­sen­schaft­lich von sei­ner ererb­ten Ideologie­lastigkeit zu befrei­en (mit Aus­flü­gen in die Meta­phy­sik). Gegen­über sei­nen Sta­si-Ver­neh­mern gab er spä­ter an, die­se aka­de­mi­sche Oppo­si­ti­on allein im Diens­te der DDR und ihrer Idea­le betrie­ben zu haben. Von der Hand zu wei­sen ist das nicht, war er doch kein Fundamental­oppositioneller wie der bär­bei­ßi­ge ­Sol­sche­ni­zyn oder der from­me Wałę­sa. In den Anfangs­jah­ren der DDR eine Art Star des Regimes (mit geheim­dienst­li­cher Neben­tä­tig­keit), wur­de er nun zu einem Star der Oppo­si­ti­on. Sein Grund­stück in Grün­hei­de war in spä­te­ren Jah­ren eine Pil­ger­stät­te für Dis­si­den­ten wie Wolf Bier­mann und ­Jür­gen Fuchs.

Robert Have­mann stritt für eine Art von Ehren­ret­tung des Sozia­lis­mus, die auf­grund des Sta­li­nis­mus (damals noch offi­zi­ell »Per­so­nen­kult« genannt) not­wen­dig gewor­den sei. Für ihn war der Sta­li­nis­mus eine tra­gi­sche Mög­lich­keit, jedoch mit­nich­ten eine zwin­gen­de Not­wen­dig­keit inner­halb des Sozia­lis­mus. Den spä­ten Sta­li­nis­mus der DDR nann­te er »raf­fi­nier­ter, ver­lo­ge­ner und fei­ger als der ursprüng­li­che zu Sta­lins Leb­zei­ten«. Sei­ne Büro­kra­ten stün­den vor allem im Mit­tel­bau unter stän­di­gem Druck ideo­lo­gisch fana­ti­sier­ter Nach­züg­ler, die der undurch­sich­ti­gen obe­ren Rie­ge zu gefal­len suchten.

Für jeden, der dort eine Stel­lung zu hal­ten habe, gel­te es, stets zu wis­sen, was man gera­de zu den­ken habe. Noch in sei­nem letz­ten Werk, dem pro­phe­tisch-apo­ka­lyp­ti­schen ­Mor­gen (1980), unter­zieht Have­mann im Namen eines uto­pi­schen Sozia­lis­mus, den er hell­sich­tig als eine Art von Gre­at Reset beschreibt, den Staats­so­zia­lis­mus und den pri­vat­wirt­schaft­li­chen Kapi­ta­lis­mus einer ver­nich­ten­den Kri­tik. Sie sei­en bei­de nicht in der Lage, die mensch­heits­ge­fähr­den­den Pro­ble­me des Pla­ne­ten zu lösen.

»Die jet­zi­ge Kri­se, die sich übri­gens erst im Anfang ihrer Ent­wick­lung befin­det, wird über Sein und Nicht­sein ent­schei­den«. Dem Wis­sen­schaft­ler Have­mann bleibt am Ende nur die Uto­pie eines frei­en Sozia­lis­mus und die stren­ge Unter­schei­dung von Den­ken und Denkgewohnheit.

 

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