Wassilij A. Schipkow: Nach dem Menschen

Nicht nur seine Weltoffenheit unterscheidet den Menschen vom Tier, sondern seine Sonderstellung beruht vor allem darauf, daß er seine Mängel handelnd bewältigt.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Dar­in liegt zum einen der Ursprung der Kul­tur, zum ande­ren aber auch die Hybris, die eige­nen Gren­zen über­schrei­ten zu kön­nen. Nicht umsonst fin­det sich am Anfang des Alten Tes­ta­ments der wie­der­hol­te Hin­weis dar­auf, daß die­se Grenz­über­schrei­tung etwas ist, das Gott nicht gefällt und von ihm ent­spre­chend bestraft wird.

In einer Gegen­wart, die stän­dig dar­an arbei­tet, den Men­schen zu per­fek­tio­nie­ren, klingt das wenig über­zeu­gend. Und tat­säch­lich fällt es den säku­la­ren Zeit­ge­nos­sen schwer, plau­si­ble Argu­men­te gegen das zu fin­den, was man Trans­hu­ma­nis­mus nennt, da die­ser ledig­lich den ver­brei­te­ten Mach­bar­keits­glau­ben auf den Men­schen anwendet.

In die­ser argu­men­ta­ti­ven Fal­le befin­det sich der­je­ni­ge nicht, der an Gott glaubt und in des­sen Schöp­fung das rech­te Maß vor­zu­fin­den meint. Die christ­li­chen Kir­chen Deutsch­lands erfül­len die­se Vor­aus­set­zung nicht, son­dern lavie­ren in der Regel mit den Res­ten eines Tra­di­tio­na­lis­mus her­um, der zeit­geist­mä­ßig zurecht­ge­macht ist. In der rus­sisch-ortho­do­xen Kir­che ist das anders, dort wer­den in die­ser Hin­sicht kaum Zuge­ständ­nis­se an den Zeit­geist gemacht.

In Deutsch­land taucht das hin und wie­der in der Pres­se­be­richt­erstat­tung auf, wenn es bei­spiels­wei­se um die Ver­dam­mung der gleich­ge­schlecht­li­chen Ehe durch die rus­sisch-ortho­do­xe Kir­che geht. Die grund­sätz­li­che Hal­tung, die hin­ter die­sem Schlag­wort steckt, wird jedoch kaum the­ma­ti­siert. Der Blick auf die ortho­do­xe Posi­ti­on zum Trans­hu­ma­nis­mus macht deut­lich, wie fun­da­men­tal die Ableh­nung der Moder­ne begrün­det wird. Da dort auch der Huma­nis­mus als Ver­feh­lung gilt, weil dar­in der Mensch zum Maß aller Din­ge gemacht wor­den sei, ist die Ableh­nung des Trans­hu­ma­nis­mus logisch ein­fach zu begründen.

Der vor­lie­gen­de Band bringt – neben drei kür­ze­ren Auf­sät­zen – vor allem eine aus­führ­li­che Erör­te­rung der Ideo­lo­gie des Trans­hu­ma­nis­mus und sei­ner Kon­se­quen­zen von Was­si­lij Schip­kow, der am Staat­li­chen Insti­tut für Inter­na­tio­na­le Bezie­hun­gen in Mos­kau lehrt. Sei­ne Ableh­nung des Trans­hu­ma­nis­mus ist umfas­send. Alle Übel der gegen­wär­ti­gen Welt, wie Mate­ria­lis­mus, Mach­bar­keits­wahn, Gen­der­wahn und Glo­ba­lis­mus, sam­meln sich in die­ser Ideo­lo­gie wie in einem Brenn­glas. Soweit die­se Ver­dam­mung erwart­bar ist, über­rascht doch das Pro­blem­be­wußt­sein, mit dem die Mög­lich­kei­ten des Wider­stands erör­tert wer­den. Schip­kow skiz­ziert zwei mög­li­che Wege: ihn öffent­lich bekämp­fen oder sich in die Kata­kom­ben bege­ben, um sei­nen Glau­ben zu bewah­ren. Letz­te­res lehnt er ab, weil es das Ein­ge­ständ­nis der eige­nen Nie­der­la­ge wäre.

Eben­so warnt er aller­dings davor, die The­sen des Trans­hu­ma­nis­mus in der Kir­che zu debat­tie­ren. Dabei ist ihm die Lob­by­ar­beit der Gen­der­ideo­lo­gen sicher­lich ein war­nen­des Bei­spiel, hat ihre Wühl­ar­beit doch dazu geführt, den Glau­ben zu schwä­chen, die Kir­chen zu spal­ten und sie als Geg­ner die­ser Ideo­lo­gie zu neu­tra­li­sie­ren. Alex­an­der Dugin bezeich­net in sei­nem Bei­trag die Gegen­po­si­ti­on zum Trans­hu­ma­nis­mus als Tra­di­tio­na­lis­mus, der nicht nur das letz­te Sta­di­um des Huma­nis­mus, den Trans­hu­ma­nis­mus, ableh­ne, »son­dern die gesam­te Moder­ne – die Idee des Fort­schritts, der Ent­wick­lung, des wis­sen­schaft­li­chen Welt­bil­des, der Demo­kra­tie und des Liberalismus«.

Ob die­ser Fun­da­men­ta­lis­mus eine Posi­ti­on ist, die von den ein­fa­chen Rus­sen geteilt wird, darf bezwei­felt wer­den. Es ist aber bezeich­nend, daß die­se Posi­ti­on in Ruß­land nicht von der öffent­li­chen Debat­te aus­ge­schlos­sen wird und offen­bar in der Eli­te über Anhän­ger verfügt.

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Was­si­lij A. Schip­kow: Nach dem Men­schen. Ideo­lo­gie und Pro­pa­gan­da des Trans­hu­ma­nis­mus in der Moder­ne, Wacht­en­donk: Edi­ti­on Hagia Sophia 2021 (= Phi­lo­so­phia Eura­sia 7). 146 S., 15,90 Euro

 

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Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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