Versittlichung – Kant mißt Houellebecq

PDF der Druckfassung aus Sezession 108/ Juni 2022

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

In Michel Hou­el­le­becqs Roman Ele­men­tar­teil­chen (1998) geht es um die Geschich­te zwei­er fran­zö­si­scher Brü­der, die im sel­ben Maße intel­lek­tu­el­le wie sinn­lo­se Leben füh­ren, das in blo­ßer Sta­tis­tik auf­zu­ge­hen scheint. Das Han­deln der Prot­ago­nis­ten ist umzin­gelt von sexualwissen­schaftlichen, sozio­lo­gi­schen, New-Age- und 68er-Eman­zi­pa­ti­ons­be­grif­fen; gegen Ende des Romans zer­fa­sert das Beschrei­bungs­vo­ka­bu­lar in eine Art trans­humanistische Dys­to­pie (heu­te wür­de man sagen: so schaut es wohl nach dem Gre­at Reset aus). Mit­hil­fe von Anlei­hen aus diver­sen Voka­bu­la­ren gelingt es Hou­el­le­becq, das (vor fünf­und­zwan­zig Jah­ren) popu­lä­re anthro­po­lo­gi­sche Para­dig­ma vorzuführen.

Ver­gleich­ba­res fin­det man, wenn man sich über die meis­ten Schrif­ten der klas­si­schen euro­päi­schen Mora­lis­tik des 16. bis 18. Jahr­hun­derts beugt: exzen­tri­sche Fall­bei­spie­le, Kon­stel­la­tio­nen des gesell­schaft­li­chen Umgangs bei Hofe, Gro­tes­ken, phy­si­ka­li­sche und medi­zi­ni­sche Reduk­tio­nen des Men­schen in schier unend­li­chen Cha­rak­te­ris­ti­ken. Die Zusam­men­füh­rung von Zeit­dia­gno­se, pes­si­mis­ti­schem Men­schen­bild, Beob­ach­tung des Lebens als gro­ßen Gesell­schafts­spiels und uner­füll­ten ethi­schen Ansprü­chen macht Ele­men­tar­teil­chen zu einem mora­lis­ti­schen Text. Die Mora­lis­tik, in deren Tra­di­ti­on der Roman sofort nach Erschei­nen ein­ge­ord­net wur­de, kenn­zeich­net anthro­po­lo­gi­sche Beob­ach­tung der Hand­lungs­mög­lich­kei­ten des Men­schen in einem sozia­len Umfeld, das kei­nen Spiel­raum für eine »eigent­li­che« oder »sitt­li­che« Exis­tenz läßt.

Ich nen­ne die­se Attri­bu­te in Anfüh­rungs­stri­chen, weil es ein Kenn­zei­chen mora­lis­ti­scher Phi­lo­so­phie ist, authen­ti­sches Selbst­sein durch Klug­heits­re­geln, Gewohn­hei­ten, Manie­ren und Kon­ven­tio­nen als Werk­zeu­ge der Lebens­kunst zu erset­zen. Anthro­po­lo­gie in die­sem Sin­ne ist kei­ne Teil­dis­zi­plin der aka­de­mi­schen Phi­lo­so­phie, son­dern seit Mon­tai­gnes Essais, Bal­ta­sar Gra­ciáns Hand­ora­kel und Kunst der Welt­klug­keit oder La Roche­fou­caulds Refle­xio­nen ein eige­nes essay­is­ti­sches oder apho­ris­ti­sches Literaturgenre.

Alles dies scheint weit von Kants Phi­lo­so­phie ent­fernt zu lie­gen. Von Klug­heits­re­geln, Manie­ren und Takt als Werk­zeu­gen der Lebens­kunst, von Völ­ker- und Cha­rak­ter­kun­de ist in Kri­tik der rei­nen Ver­nunft (Erkennt­nis­theo­rie), Kri­tik der prak­ti­schen Ver­nunft (Ethik) und Kri­tik der Urteils­kraft (Ästhe­tik) kei­ne Rede. Auch sei­ne Meta­phy­sik der Sit­ten zieht eine schar­fe Gren­ze zwi­schen Ver­nunft, Pflicht und Ver­stan­des­welt auf der einen Sei­te und Welt­klug­heit, Nei­gung und Sin­nen­welt auf der ande­ren Sei­te. Die Auf­ga­be der Meta­phy­sik liegt in der unauf­heb­bar dua­lis­ti­schen Unter­schei­dung zwei­er Welten.

Doch Imma­nu­el Kant war ein genau­er Ken­ner der mora­lis­ti­schen Schrif­ten und der Anthro­po­lo­gie sei­ner Zeit. Sei­ne 1798 ver­faß­te Anthro­po­lo­gie in prag­ma­ti­scher Hin­sicht schöpft aus dem vol­len: die Gepflo­gen­hei­ten und die kli­ma­ti­schen Prä­gun­gen frem­der Völ­ker, höfi­sche und bür­ger­li­che Sit­ten, Wort­her­künf­te, »Erfah­rungs­see­len­kun­de«, Por­träts gro­ßer Zeit­ge­nos­sen und his­to­ri­scher Figu­ren, mora­lis­ti­sche Apho­ris­men, medi­zi­ni­sche und phy­si­ka­li­sche Neue­run­gen – alles wird auf­ge­grif­fen und auf apho­ris­ti­sche For­meln gebracht, die oft bei­na­he put­zig den All­ge­mein­aus­sa­gen phi­lo­so­phi­scher Sys­te­me (wie denen von Spi­no­za oder Leib­niz und in Kants eige­nen kri­ti­schen Schrif­ten) ähneln.

Kants Anthro­po­lo­gie tritt als »prag­ma­ti­sche« Anthro­po­lo­gie auf. Damit meint er im Gegen­satz zu einer »phy­sio­lo­gi­schen« Anthro­po­lo­gie, die die Natur­be­schaf­fen­heit der Men­schen zum Gegen­stand hat, eine Anthro­po­lo­gie, die unter­sucht, »was der Mensch aus sich sel­ber macht«. Sie unter­sucht Moti­ve und Zwe­cke des Han­delns, und nicht allein des­sen phy­si­sche Ursachen.

Der Begriff des Prag­ma­ti­schen wird in Kants Anthro­po­lo­gie­vor­le­sun­gen in zwei Bedeu­tun­gen gebraucht. Zum einen bezeich­net er eine Klug­heits­leh­re, die Fähig­keit des »Welt­wei­sen«, sich in der Welt zu ori­en­tie­ren, und zum ande­ren wird aus­drück­lich eine Zweck­set­zung hin zur Sitt­lich­keit betont. Das wahr­haft klu­ge Han­deln, zu dem die Anthro­po­lo­gie Anlei­tun­gen geben will, ist, wenn nicht iden­tisch, so doch kom­pa­ti­bel mit dem mora­li­schen Han­deln, dem Kant in der Kri­tik der prak­ti­schen Ver­nunft und der Meta­phy­sik der Sit­ten sowie deren Grund­le­gungs­schrift die bekann­te ratio­na­lis­tisch-pflicht­ethi­sche Begrün­dung gibt.

Beson­ders inter­es­san­tes Unter­su­chungs­ma­te­ri­al lie­fern hier­zu die 1997 her­aus­ge­ge­be­nen Nach­schrif­ten der Vor­le­sun­gen Kants zur Anthro­po­lo­gie. Hier unter­nimmt Kant den Ver­such, Anthro­po­lo­gie als Teil der »Welt­weis­heit« vor sei­nen Hörern in Königs­berg zu ent­fal­ten. Der Moral­phi­lo­so­phie kommt in den sechs Leit­nach­schrif­ten jeweils ein unter­schied­li­ches Gewicht zu, alle the­ma­ti­sie­ren sie jedoch die Dis­kus­si­on um Schein und Illu­si­on und den Begriff des Prag­ma­ti­schen als Klug­heit oder Sitt­lich­keit. Kant geht es um eine halt­ba­re Ver­knüp­fung des Sit­ten­ge­set­zes mit prag­ma­ti­schen Erwä­gun­gen der Lebens­füh­rung. Die­se Ver­knüp­fungs­funk­ti­on über­nimmt die Anthropologie.

Las­sen Sie mich kurz das Dilem­ma sei­ner ratio­na­lis­ti­schen Ethik umrei­ßen. Der kate­go­ri­sche Impe­ra­tiv zwingt auf­grund sei­ner jen­seits jeg­li­cher Erfah­rung gel­ten­den Abso­lut­heit den Men­schen zum sitt­lich guten Han­deln. Wer den Impe­ra­tiv ver­nimmt, kann ihm nicht mehr zuwi­der­han­deln, es sei denn, er will gegen das »mora­li­sche Gesetz in mir« (Kant) absicht­lich ver­sto­ßen, also böse sein. Das mora­li­sche Gesetz ent­spricht jeder­zeit und bei jeder­mann sei­nem eigent­li­chen Wol­len. Doch dies zu wis­sen führt nicht auto­ma­tisch zum guten Tun.

Die Ein­sicht in die Not­wen­dig­keit kann man auf theo­re­ti­schem Wege gewin­nen: Man kann ratio­nal ein­se­hen, daß man die Nega­ti­on des kate­go­ri­schen Impe­ra­tivs nicht wol­len kann.

Die­se ratio­na­lis­ti­sche Moral­be­grün­dung ist von vie­len Kri­ti­kern (Schil­ler, Hegel, Scho­pen­hau­er, Stei­ner sind nur die beson­ders bekann­ten) für so wahr wie unper­sön­lich und unrea­lis­tisch gehal­ten wor­den. Die Pflicht gilt unum­stöß­lich und über­per­sön­lich – aber ich als beson­de­res Indi­vi­du­um muß sie erst in mir »wir­ken machen«. Wie kommt ein Indi­vi­du­um dazu, ein mora­li­scher Mensch zu wer­den? Begrün­dungs­theo­re­tisch ist es bereits qua Ver­nunft­fä­hig­keit mora­lisch, aber »zwi­schen dem Gesoll­ten und der Tat fehlt noch viel«, wie Kant in einer post­hum her­aus­ge­ge­be­nen Vor­le­sung über Ethik einräumt.

Die Anthro­po­lo­gie springt hier in die Bre­sche, indem Kant in die­ser Schrift und in den Anthro­po­lo­gie­vor­le­sun­gen detail­liert aus­führt, »was der Mensch ist, aus sich sel­ber machen kann und machen soll«.

Um nichts weni­ger als um die Beschrei­bung des mensch­li­chen Cha­rak­ters und um den Pro­zeß der Kul­ti­vie­rung die­ses Cha­rak­ters ging es schon der mora­lis­ti­schen Ethik, nur hat kei­ner der klas­si­schen Mora­lis­ten (ob man Des­car­tes und Spi­no­za dazu­zäh­len soll­te, wäre Gegen­stand einer eige­nen Dis­kus­si­on) die Not­wen­dig­keit emp­fun­den, prag­ma­ti­sche Lebens­klug­heit mit der Elle einer meta­phy­si­schen Moral­be­grün­dung zu mes­sen, und also auch nie­mals das Pro­blem der kon­kre­ten Moti­va­ti­on zum abs­trakt gel­ten­den Sit­ten­ge­setz gese­hen, das zu lösen Kant als den »Stein der Wei­sen« bezeich­net hat. Der Begriff der »Lebens­klug­heit«, wie er bei Bal­tha­sar Gra­cián vor­kommt, oder eben jener der »Welt­weis­heit« bei Kant sind gewis­ser­ma­ßen Vor­be­grif­fe zur Mora­li­sie­rung des Men­schen. Ohne prag­ma­ti­sche Ein­übung durch moti­va auxi­li­a­ra (»Hilfs­mo­ti­ve«) ist das Sitt­lich­wer­den des Indi­vi­du­ums unmöglich.

Kant hat vor sei­nen Stu­den­ten der Anthro­po­lo­gie im Win­ter­se­mes­ter 1772 / 73 eine Art Pro­gramm einer mora­lis­ti­schen Ethik vor­ge­tra­gen: »Das ist die Pflicht eines Mora­lis­ten nicht wie­der die mensch­li­che Natur zu han­deln, son­dern sich der Nei­gung der Men­schen zu acco­mod­iren und die Tugend ihnen Lie­bens­wür­dig vor­zu­tra­gen. Ihr wah­res Bestre­ben soll seyn, die Tugend nicht als eine schwe­re Pflicht vor­zu­tra­gen, son­dern sie sol­len suchen eine Lust zur Aus­übung der Tugen­den her­vor­zu­brin­gen, nicht deß­we­gen weil ein Rich­ter da ist, son­dern weil sie das Leben ange­nehm macht, und an sich was voll­kom­me­nes ist; (sie ist auch in der That nicht schwer vor den, der durch Albern­heit noch nicht ver­dor­ben ist) so müß­te die gan­ze Moral vor­ge­tra­gen wer­den.« Sein »mora­lis­ti­sches Pro­gramm« kann man es nen­nen, weil er ver­sucht, in der Anthro­po­lo­gie, sowohl in der schließ­lich publi­zier­ten Fas­sung von 1798 als auch in den Vor­le­sun­gen zwi­schen 1772 und 1789, popu­lä­re Moral­phi­lo­so­phie in die­sem Sin­ne zu betreiben.

Nicht des­we­gen, weil ein Rich­ter da sei, son­dern weil sie das Leben ange­nehm mache, sol­le man sich Moral aneig­nen. Dazu sei eine »Lust« an der Aus­übung der Tugen­den not­wen­dig. Wie aber ist das ver­ein­bar mit der Kan­ti­schen Begrün­dung des Gehor­sams gegen­über dem Sit­ten­ge­setz »ohne Bei­mi­schung von Neigung«?

Der Witz der Anthro­po­lo­gie in prag­ma­ti­scher Hin­sicht ist: Kant lagert die Idee des »eigent­li­chen Selbst­seins« in die meta­phy­si­sche Ethik aus und beschränkt sich auf die Beschrei­bung der Kul­ti­vie­rung der äuße­ren For­men des Mit­ein­an­ders. »Vom erlaub­ten mora­li­schen Schein« über­schreibt er ein berühm­tes Kapi­tel. Neben dem Schein (»daß etwas zunächst nur geküns­telt sei, aber nach und nach in die Sit­ten über­ge­he«) sind es vor allem die bewußt gepfleg­te Gewohn­heit (habi­tus liber­ta­tis), die Erzie­hung (und Selbst­er­zie­hung) und die Reli­gi­on als pra­xis pieta­tis, die den empi­ri­schen Men­schen erst emp­fäng­lich machen für die in ihm als Ver­nunft­we­sen bereits vor­han­de­ne Moralität.

So kann man die Anthro­po­lo­gie als gro­ßes Lob der Äußer­lich­keit lesen: Es geht nichts über das Spiel der Kon­ven­tio­nen. Hier trifft Kant auf Hou­el­le­becqs mora­lis­ti­sche Dia­gno­se – doch die­sem ist die Tugend »zu schwer«, so daß die all­mäh­li­che Ver­sitt­li­chung lei­der aus­fal­len muß. Dem an Kant geschul­ten Ver­dacht, daß er und sei­ne Roman­fi­gu­ren womög­lich »durch Albern­heit ver­dor­ben« sei­en, wür­de Hou­el­le­becq gewiß zustimmen.

 

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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