Sezession
1. Mai 2005

Spengler und die Konservative Revolution

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession Sonderheft Spengler / Mai 2005

von Karlheinz Weißmann

In seiner Spectator-Kolumne wies Ernst Troeltsch 1919 als einer der ersten auf Spenglers Untergang des Abendlandes hin. Er nannte das Werk eine „wirklich große Denkerleistung, vermutlich das bedeutendste Buch, das während des Weltkrieges geschrieben worden ist“. Er bezog sich auch auf den Publikumserfolg, hielt ihn aber für sekundär gegenüber der Tatsache, daß hier eine Deutung der Gegenwart vorgelegt wurde, die nicht auf die deutsche Lage verengt war, sondern ins universale, auch ins universalhistorische geweitet.

Die Begeisterung Troeltschs hatte keine Dauer, und als nach seinem Tod die ursprünglich im Kunstwart erschienenen Texte neu veröffentlicht wurden, ließ man die Betrachtungen zum Untergang aus. Die Situation hatte sich dramatisch verändert. Was im von Troeltsch so genannten „Traumland der Waffenstillstandsperiode“ an Illusionen über den Fortgang der politischen Entwicklung denkbar gewesen sein mochte, war erledigt. Spengler hatte Teil an jener „Welle von rechts“, die nach dem Bekanntwerden der Bedingungen des Versailler Vertrags das Land überflutete, und von der Troeltsch fürchtete, daß sie die neue Ordnung unter sich begraben werde.
Wenn einem Liberalen wie Troeltsch die politische Zuordnung Spenglers anfangs nicht ganz deutlich war, so teilte er seine Ahnungslosigkeit mit vielen, auch und gerade jenen, die nach dem Ende des Kaiserreichs an konservativen oder nationalistischen Positionen festhielten. Auffallend ist das Fehlen von Besprechungen des Untergangs in Zeitschriften der „alten“ (Süddeutsche Monatshefte) wie der „neuen Rechten“ (Deutsches Volkstum). Die traditionsreiche Konservative Monatsschrift brachte erst mit deutlicher Verzögerung – Mitte 1920 – einen Beitrag, der ich außerordentlich kritisch zeigte, und Der weiße Ritter, das Organ der im Entstehen begriffenen Bündischen Jugend, reagierte mit Verständnislosigkeit. Am aufschlußreichsten war vielleicht das Verhalten der Redaktion der Tat, die im Juli 1919 eine umfassende und tief eindringende Rezension Hans Freyers veröffentlichte, sich dann aber gezwungen sah, zwei Jahre später eine Art Widerruf aus der Feder Herbert Bohnstedts folgen zu lassen. Bohnstedts Argumentation erreichte nirgends das Niveau derjenigen Freyers, markierte aber mit der Ablehnung von Spenglers Untergangsprognose und der Hoffnung, es werde vom „deutschen Genius“ wie vom „deutschen Menschen“ die umfassende Erneuerung der Kultur ausgehen, eine typische Tendenz. Man empfand in Kreisen der „nationalen Opposition“ die Analyse Spenglers allzu bitter und neigte der bequemeren Auffassung zu, daß der Wiederaufstieg Deutschlands durch eine so hoffnungslose Lehre behindert werde.
Dabei wurde selten ausgelotet, was Spengler eigentlich mit „Untergang des Abendlandes“ gemeint hatte, nämlich das zwangsläufige Ende, das Erstarren einer bestimmten, das heißt der in West- und Mitteleuropa seit dem Mittelalter entstandenen Kultur. Diese Kultur hatte nach Spengler wie viele andere vor ihr Phasen eines schöpferischen Anfangs und einer schöpferischen Blüte – die Zeit der „Kultur“ im eigentlichen Sinne – erlebt und ging seit dem 19. Jahrhundert in eine „Zivilisation“ über, deren Schicksal zunehmende Sterilität war. Spenglers Morphologie unterschied von anderen Geschichtsphilosophien, die einen notwendigen Verfallsprozeß annahmen, das Bemühen, die strenge Gesetzmäßigkeit des Vorgangs nachzuweisen, indem auf genau parallele Entwicklungen in anderen Hochkulturen hingewiesen wurde. Was dabei eine große Zahl der Leser verstörte, war seine Forderung, das Notwendige nicht nur zu akzeptieren, sondern im Sinne von Nietzsches amor fati anzunehmen.


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