Sezession
1. Mai 2005

Spengler und die Konservative Revolution

Gastbeitrag

Spengler hielt Mussolini für einen solchen „geborenen Führer“, aber er konnte in Deutschland keinen Mann vergleichbaren Formats erkennen. An seiner Verachtung Hitlers hielt er immer fest, während der seinerseits mehrfach die Formel „Untergang des Abendlandes“ zurückwies. Die Nationalsozialisten warfen Spengler aber vor allem vor, daß er die zentrale Bedeutung des Begriffs „Rasse“ nicht anerkennen wollte oder „Rasse“ als ein in erster Linie geistig, nicht biologisch gemeintes „In-Form-Sein“ begriff. Dazu kam noch das, was die Nationalsozialisten als „fatalistisch“ betrachteten. Alfred Rosenberg etwa, erkannte Verdienste Spenglers für die „Bewegung“ durchaus an und wies auf zahlreiche Übereinstimmungen in den praktischen Forderungen hin, behauptete in seinem Mythus des XX. Jahrhunderts aber, daß der Nationalsozialismus außerhalb der von Spengler erfaßten Realitäten stehe: man könne ihn nicht als ein „historisch Gewordenes“ betrachten, es handele sich um eine „geschichtsbildende Kraft“ aus eigenem Recht.
Die Polemik Rosenbergs ähnelt vordergründig der Moellers, unterschied sich aber doch in der Bejahung des „Fortschritts“, ein Begriff, den auch Hitler regelmäßig in einem ganz positiven Sinn verwendete. Sie zeigte insofern größere Gemeinsamkeiten mit der Haltung der Völkischen zu Spengler, die von Anfang an zu seinen schärfsten Gegnern gehörten. So hatte Houston Stewart Chamberlain schon 1922 im Vorwort zur Neuausgabe der Grundlagen des XIX. Jahrhunderts geschrieben: „Darum kann es keine unglücklichere Losung geben als die, welche der innere Feind gerade in diesem Augenblick, wo wir alle Kraft des Glaubens benötigen, in Umlauf gesetzt hat, die Parole von dem ,Untergang des Abendlandes‘. Mit dem Worte ,Abendland‘ soll der Rassengedanke untergraben, und mit dem Worte ,Untergang‘ alles Hoffen abgeschnitten werden.“ Chamberlain galt in völkischen Kreisen als eine Art „Anti-Spengler“, und seine Prophezeiung, daß Deutschland beziehungsweise die germanische Rasse „erst am Morgen seines großen Tages“ stehe, fand in diesem Lager ungleich größeren Beifall als die Thesen Spenglers.
Aufs Ganze gesehen muß man feststellen, daß Spengler überhaupt nur in einer Gruppe der Konservativen Revolution auf grundsätzliche Zustimmung hoffen konnte, und das waren die Nationalrevolutionäre. Unter Jungkonservativen, auch wenn sie wie Wilhelm Stapel oder Edgar Julius Jung nicht zur „Berliner Schule“ gehörten, blieb es bei allgemeingehaltenen Respektsbekundungen. Dagegen fanden sich früh einige aus dem Kreis des „Soldatischen“ oder „Neuen Nationalismus“, die über das Unverbindliche hinausgingen. Erhalten geblieben sind Briefe von Helmut Franke und Franz Schauwecker an Spengler, es fehlen allerdings solche von Albrecht Erich Günther, der wahrscheinlich zu den entschlossensten Verfechtern eines „spenglerschen“ Wegs gehörte.
Günther hatte sich nach dem Ersten Weltkrieg und der Teilnahme an den Freikorpskämpfen zuerst auf einen radikalen Nationalbolschewismus zubewegt, dann aber eine Korrektur vollzogen. 1926 war er neben Stapel in die Schriftleitung des Deutschen Volkstums eingetreten. Anders als der in vielem noch den Vorkriegstraditionen verhaftete Stapel neigte Günther zum Bruch mit Überlieferungen und war skeptisch gegenüber den üblichen konservativen Affekten. So veröffentlichte er einen stark diskutierten Aufsatz unter der bezeichnenden Überschrift „Zivilisation“. Er plädierte hier unter ausdrücklichem Bezug auf Spenglers Preußentum und Sozialismus für einen organisatorischen – wie er ihn nannte: „kategorischen“ – Sozialismus. Vor allem aber ging es ihm um den Abschied von aller „Kultursentimentalität“: „Wie die Jahrtausende alte Einsicht in unsere individuelle Sterblichkeit die Tatkraft des Menschen nicht gemindert, sondern ihre verantwortliche Anspannung begründet hat, so bewirkt die Überzeugung von der Endlichkeit der geschichtlichen Gestaltungskraft eines Volkes eine harte, männliche Entschlossenheit, die gesetzte Frist rühmlich zu nutzen.“
Inhalt und Duktus der Argumentation Günthers erinnern nicht zufällig an Ernst Jünger. Beide waren eng befreundet, und es wäre reizvoll zu untersuchen, wie stark der Einfluß Günthers bei Jüngers Abwendung vom naiven Nationalismus der ersten Nachkriegszeit wirkte. Jedenfalls entwickelten beide bis zum Beginn der dreißiger Jahre eine Position, die durch Bejahung der Modernität und vor allem der Technik gekennzeichnet war. Diesen Weg haben viele Anhänger Jüngers nicht nachvollziehen können, was hinreichend ihre verstörten Reaktionen bei Erscheinen des Arbeiters, 1932, erklärt.


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