Sezession
1. Mai 2005

Spengler und die Konservative Revolution

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession Sonderheft Spengler / Mai 2005

von Karlheinz Weißmann

In seiner Spectator-Kolumne wies Ernst Troeltsch 1919 als einer der ersten auf Spenglers Untergang des Abendlandes hin. Er nannte das Werk eine „wirklich große Denkerleistung, vermutlich das bedeutendste Buch, das während des Weltkrieges geschrieben worden ist“. Er bezog sich auch auf den Publikumserfolg, hielt ihn aber für sekundär gegenüber der Tatsache, daß hier eine Deutung der Gegenwart vorgelegt wurde, die nicht auf die deutsche Lage verengt war, sondern ins universale, auch ins universalhistorische geweitet.

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Die Begeisterung Troeltschs hatte keine Dauer, und als nach seinem Tod die ursprünglich im Kunstwart erschienenen Texte neu veröffentlicht wurden, ließ man die Betrachtungen zum Untergang aus. Die Situation hatte sich dramatisch verändert. Was im von Troeltsch so genannten „Traumland der Waffenstillstandsperiode“ an Illusionen über den Fortgang der politischen Entwicklung denkbar gewesen sein mochte, war erledigt. Spengler hatte Teil an jener „Welle von rechts“, die nach dem Bekanntwerden der Bedingungen des Versailler Vertrags das Land überflutete, und von der Troeltsch fürchtete, daß sie die neue Ordnung unter sich begraben werde.
Wenn einem Liberalen wie Troeltsch die politische Zuordnung Spenglers anfangs nicht ganz deutlich war, so teilte er seine Ahnungslosigkeit mit vielen, auch und gerade jenen, die nach dem Ende des Kaiserreichs an konservativen oder nationalistischen Positionen festhielten. Auffallend ist das Fehlen von Besprechungen des Untergangs in Zeitschriften der „alten“ (Süddeutsche Monatshefte) wie der „neuen Rechten“ (Deutsches Volkstum). Die traditionsreiche Konservative Monatsschrift brachte erst mit deutlicher Verzögerung – Mitte 1920 – einen Beitrag, der ich außerordentlich kritisch zeigte, und Der weiße Ritter, das Organ der im Entstehen begriffenen Bündischen Jugend, reagierte mit Verständnislosigkeit. Am aufschlußreichsten war vielleicht das Verhalten der Redaktion der Tat, die im Juli 1919 eine umfassende und tief eindringende Rezension Hans Freyers veröffentlichte, sich dann aber gezwungen sah, zwei Jahre später eine Art Widerruf aus der Feder Herbert Bohnstedts folgen zu lassen. Bohnstedts Argumentation erreichte nirgends das Niveau derjenigen Freyers, markierte aber mit der Ablehnung von Spenglers Untergangsprognose und der Hoffnung, es werde vom „deutschen Genius“ wie vom „deutschen Menschen“ die umfassende Erneuerung der Kultur ausgehen, eine typische Tendenz. Man empfand in Kreisen der „nationalen Opposition“ die Analyse Spenglers allzu bitter und neigte der bequemeren Auffassung zu, daß der Wiederaufstieg Deutschlands durch eine so hoffnungslose Lehre behindert werde.
Dabei wurde selten ausgelotet, was Spengler eigentlich mit „Untergang des Abendlandes“ gemeint hatte, nämlich das zwangsläufige Ende, das Erstarren einer bestimmten, das heißt der in West- und Mitteleuropa seit dem Mittelalter entstandenen Kultur. Diese Kultur hatte nach Spengler wie viele andere vor ihr Phasen eines schöpferischen Anfangs und einer schöpferischen Blüte – die Zeit der „Kultur“ im eigentlichen Sinne – erlebt und ging seit dem 19. Jahrhundert in eine „Zivilisation“ über, deren Schicksal zunehmende Sterilität war. Spenglers Morphologie unterschied von anderen Geschichtsphilosophien, die einen notwendigen Verfallsprozeß annahmen, das Bemühen, die strenge Gesetzmäßigkeit des Vorgangs nachzuweisen, indem auf genau parallele Entwicklungen in anderen Hochkulturen hingewiesen wurde. Was dabei eine große Zahl der Leser verstörte, war seine Forderung, das Notwendige nicht nur zu akzeptieren, sondern im Sinne von Nietzsches amor fati anzunehmen.

Als der erste Band des Untergangs im September 1918 erschien, hatte Spengler noch an den deutschen Sieg geglaubt. Er schrieb sein Buch in der Erwartung, daß es eine Orientierungshilfe für die militärische und politische Elite des Reiches sein würde bei der Neuordnung Europas und der Vorbereitung auf zukünftige Konflikte, die Spengler für unvermeidbar hielt. Niederlage und Zusammenbruch trafen ihn überraschend, haben ihn aber nicht dazu gebracht, seine Prognosen für die Zukunft abzuändern: Aufstieg der Wirtschaft zum bestimmenden innenpolitischen Faktor und mit ihr der Demokratie, deren allmähliche innere Aushöhlung, Zerfall der ständischen Ordnung und der Nationen, Bildung neuer Imperien, die in großen Kriegen gegeneinander antreten würden.
Spengler verwahrte sich mehrfach dagegen, daß seine Anschauung der Geschichte „pessimistisch“ sei. Er wollte seine Sichtweise nicht als Aufforderung zur Resignation, sondern als Appell zum stoischen Ausharren in der gegebenen Lage und zum Verfolgen von „greifbaren historischen Zielen“ verstanden wissen. Diese Aufgabe der eigenen Zeit hat Spengler ausdrücklicher im zweiten Band des Untergangs thematisiert, der allerdings erst im März 1922 erschien und sich mit der Entwicklung der europäischen Geschichte und den Grundlagen aller Politik befaßte.
An zentraler Stelle kam Spengler hier auf den „Cäsarismus“ zu sprechen, in dem sich „ ... die Heraufkunft formloser Gewalten“ abzeichne, die weder auf Tradition noch auf Aristokratie gestützt, nur auf Einschüchterung und den persönlichen Fähigkeiten des Herrschers beruhen würden. Spengler verglich diesen „Cäsarismus“ der europäischen Endzeit mit der frühgriechischen Tyrannis und der Machtausübung eines Sulla, führte aber neben Beispielen aus der antiken auch solche aus der chinesischen Geschichte an und behauptete, daß diese Herrschaftsform zur „endgültigen politischen Verfassung später Zivilisationen“ gehöre.
Mit der Annahme, daß sich der Cäsarismus allein auf Brutalität und die Sympathie der Massen stütze und faktisch zu einer Reprimitivierung des politischen Lebens führe, stand Spengler in der Überlieferung älterer konservativer Deutungen. Doch überwog für ihn zuletzt – bei aller Ambivalenz – die Wahrnehmung der Möglichkeiten, die nach einer Phase der Egalisierung und Demokratisierung dem „großen Tatsachenmenschen“, dem „großen Einzelnen“, geboten würden. Denn die Cäsaren waren auch die letzten „Menschen von Rasse“, die, wenn schon nicht die Nationen, so doch ihre Gefolgschaft „in Form“ bringen, den Parlamentarismus samt der dazugehörigen „Diktatur des Geldes“ beseitigen und durch den „Herrenwillen“ und einen kriegerischen „Sozialismus“ ersetzen konnten.
Spengler sah in einem solchen Sozialismus die letzte Möglichkeit des „In-Form-Seins“ für die geschlagenen Deutschen. Schon einem Brief von Ende Dezember 1918 ist zu entnehmen, daß er, der aus seiner Verehrung des Kaisers und der alten Führungsschicht nie ein Hehl machte, keine Restauration im eigentlichen Sinn, sondern einen „preußischen Staatssozialismus“ wünschte, der vom konservativen Adel einerseits – „nachdem er von jeder feudal-agrarischen Enge gereinigt ist“ – und vom einfachen Volk andererseits – „nachdem es sich von der anarchisch-radikalen ,Masse‘ durch Ekel und Selbstgefühl abgesondert hat“ – getragen werden sollte.

Damit war umrissen, was Spengler ein Jahr später in seiner Schrift Preußentum und Sozialismus ausführlicher entwickeln sollte: die Vorstellung von der preußischen Überlieferung als Basis eines neuen Römertums, das die notwendige Härte haben würde, um in der Zukunft ein deutsches Imperium zu schaffen. Spengler hat behauptet, daß von diesem Buch „die nationale Bewegung ihren Ausgang genommen habe“. Tatsächlich fand Preußentum und Sozialismus eine außerordentliche Verbreitung – bis 1932 erschienen fast achtzigtausend Exemplare – und gewann einen erheblichen Einfluß auf das Denken der jungen Generation. Das hing einmal damit zusammen, daß nicht das Niveau der Argumentation von Spenglers Untergang vorausgesetzt wurde, es erklärte sich aber auch durch die Handlungsperspektive, die Spengler hier eröffnete und das Zurücktreten jenes Fatalismus, den die Lektüre des Untergangs – wenngleich von Spengler nicht gewollt – auslöste.
Spengler wirkte mit seinen politischen Schriften vor allem auf die Teile der Intelligenz, die man dem Kern der Konservativen Revolution zurechnen kann. So hielt er Kontakt zu einer Gruppe von Publizisten um Heinrich von Gleichen, Eduard Stadtler und Moeller van den Bruck, die in Berlin den „Juni-Klub“ gebildet hatten. Spengler selbst nahm regelmäßig an Veranstaltungen des Münchener Juni-Klubs teil, den der Historiker Karl Alexander von Müller leitete. Allerdings war diese Verbindung nicht von Dauer. Das lag in erster Linie an dem intellektuellen Führungsanspruch, den Spengler erhob und der von Moeller van den Bruck zurückgewiesen wurde. Moeller war der spiritus rector des Juni-Klubs und lieferte ihm die wichtigsten Schlüsselvorstellungen. Fast alle zentralen Ideen des später so genannten Jungkonservatismus hatte er formuliert. Die Bezeichnung dieser Denkfamilie enthielt selbst schon einen Hinweis auf die für Moeller entscheidende Idee: die „ewige Wiederanknüpfung“.
Was die Vorstellungen Moellers und Spenglers auf den ersten Blick unterscheidet, war der größere Optimismus hier, die größere Skepsis dort. Anders als Spengler hatte Moeller zu den scharfen Kritikern des Wilhelminismus gehört und trauerte der Monarchie nicht nach, er wollte, „die Revolution gewinnen“. Er hielt eine Regeneration durchaus für möglich und behauptete, die Zukunft werde den „jungen Völkern“ gehören. In einem im Frühjahr 1919 veröffentlichten Buch Das Recht der jungen Völker gab er sich überzeugt, daß Deutschland dem Schicksal des „Alexandrinertums“ entgehen könne und seine Weltaufgabe noch vor sich habe.
Ob es sich bei dieser Wendung schon um eine Polemik gegen Spengler handelte, ist nicht mehr festzustellen. Allerdings hat sich Moeller seit 1920 in mehreren Texten gegen Spengler gewandt. So hieß es in einem Aufsatz, daß die Besiegten nach dem Ende des Krieges vor einer „doppelten Möglichkeit“ stünden, entweder in den allgemeinen Zusammenbruch hineingerissen zu werden oder sich ihre Lebenskraft zu bewahren. Das eigentümliche an Moellers Argumentation war dann, daß er die erste dieser „Möglichkeiten“ gar nicht ernsthaft in Erwägung zog, sondern erklärte: „Die jungen Völker werden infolge ihrer Niederlage keinen Teil an der politisch-imperialistischen Vollendung der europäischen Zivilisation haben. Aber sie werden durch ihre Niederlage auch dem Schicksal dieser Zivilisation entrückt sein.“

Es war der in diesen Sätzen zum Ausdruck kommende Voluntarismus, der ihn deutlich von Spengler schied. In anderer Hinsicht gab es zwischen beiden durchaus Gemeinsamkeiten – was die Potenz Rußlands oder die zukünftige Rolle der USA betraf, was den Antiliberalismus oder die Notwendigkeit eines „deutschen Sozialismus“ anging –, aber dem düsteren Pathos des Schicksalhaften konnte Moeller wenig abgewinnen. Sein Nationalismus setzte die fast unerschöpfliche Kraft der Völker zum Neuanfang voraus. Demgegenüber traten auch alle theoretischen Erwägungen in den Hintergrund. So, wenn Moeller anders als Spengler die Einheit der Menschheit als Gegenstand der Geschichte behauptete und eine an Herder erinnernde Vorstellung vom Widerspiel zwischen Aufstieg und Niedergang gegen die These von der zwangsläufigen Dekadenz setzte.
In einer großen Auseinandersetzung mit dem Untergang, die im Juliheft der Deutschen Rundschau erschien, erwog Moeller noch einmal das „Für und wider Spengler“ und konzedierte Spengler, daß er mit seiner Kritik des geschichtsphilosophischen Rationalismus und der westlichen Fortschrittsidee eine „Wahrheit“ entdeckt habe, und die sei „wie jede Wahrheit … eine Wohltat“, aber dieses Lob blieb doch schwach gegenüber dem Tadel, Spengler löse „ ... die Probleme nicht, die er aufwirft“.
Man kann den Text Moellers eigentlich nicht anders denn als klare Absage an Spengler lesen, vielleicht ausgelöst durch eine persönliche Begegnung zwischen beiden im Frühjahr 1920, die mit der Feststellung unüberbrückbarer Differenzen endete. Spengler blieb zwar noch bis 1923 im Münchener Juni-Klub aktiv und unterstütze auch die Versuche Rudolf Pechels, Einfluß auf den Berliner Zirkel zu gewinnen, aber dann ging er enttäuscht auf Distanz. Das wurde ihm dadurch erleichtert, daß er sich als „Tatsachenmenschen“ betrachtete, der die beschränke Wirksamkeit von Debattiervereinen überschaute. Allerdings waren seine Versuche, auf anderen Wegen und unmittelbar politischen Einfluß zu nehmen, erfolglos. Bezeichnend ist das Ergebnis eines Gesprächs, das er am 20. September 1923 mit dem Chef der Heeresleitung, von Seeckt, führte, und das damit endete, daß der ihn zum „politischen Narren“ erklärte, während Spengler in dem General, der die verschärfte Lage nicht zum Staatsstreich nutzen wollte, nur einen „Opportunisten“ erkannte.
Das Scheitern des „Marschs auf Berlin“ im Herbst dieses Jahres – nicht unter Hitlers Führung, sondern der eines bürgerlich-konservativen „Direktoriums“ – führte dazu, daß Spengler sich wieder auf das Feld der geistigen Tätigkeit zurückzog, ohne dabei seinen nationalpädagogischen Anspruch aufzugeben. Das wurde besonders deutlich an seiner berühmten Rede über „Politische Pflichten der deutschen Jugend“, die er am 26. Februar 1924 in Würzburg vor Studenten hielt. An demselben Tag hatte in München der Prozeß gegen Hitler begonnen, und Spengler nutzte die Gelegenheit zu einer Generalkritik des vaterländischen „Rausches“, dem die Sympathie seiner Hörer galt: „Es gibt Tugenden für Führer und Tugenden für Geführte. Auch zu den letzten gehört, daß man Wesen und Ziele echter Politik begreift – sonst trabt man hinter Narren her und die geborenen Führer gehen einsam zugrunde.“

Spengler hielt Mussolini für einen solchen „geborenen Führer“, aber er konnte in Deutschland keinen Mann vergleichbaren Formats erkennen. An seiner Verachtung Hitlers hielt er immer fest, während der seinerseits mehrfach die Formel „Untergang des Abendlandes“ zurückwies. Die Nationalsozialisten warfen Spengler aber vor allem vor, daß er die zentrale Bedeutung des Begriffs „Rasse“ nicht anerkennen wollte oder „Rasse“ als ein in erster Linie geistig, nicht biologisch gemeintes „In-Form-Sein“ begriff. Dazu kam noch das, was die Nationalsozialisten als „fatalistisch“ betrachteten. Alfred Rosenberg etwa, erkannte Verdienste Spenglers für die „Bewegung“ durchaus an und wies auf zahlreiche Übereinstimmungen in den praktischen Forderungen hin, behauptete in seinem Mythus des XX. Jahrhunderts aber, daß der Nationalsozialismus außerhalb der von Spengler erfaßten Realitäten stehe: man könne ihn nicht als ein „historisch Gewordenes“ betrachten, es handele sich um eine „geschichtsbildende Kraft“ aus eigenem Recht.
Die Polemik Rosenbergs ähnelt vordergründig der Moellers, unterschied sich aber doch in der Bejahung des „Fortschritts“, ein Begriff, den auch Hitler regelmäßig in einem ganz positiven Sinn verwendete. Sie zeigte insofern größere Gemeinsamkeiten mit der Haltung der Völkischen zu Spengler, die von Anfang an zu seinen schärfsten Gegnern gehörten. So hatte Houston Stewart Chamberlain schon 1922 im Vorwort zur Neuausgabe der Grundlagen des XIX. Jahrhunderts geschrieben: „Darum kann es keine unglücklichere Losung geben als die, welche der innere Feind gerade in diesem Augenblick, wo wir alle Kraft des Glaubens benötigen, in Umlauf gesetzt hat, die Parole von dem ,Untergang des Abendlandes‘. Mit dem Worte ,Abendland‘ soll der Rassengedanke untergraben, und mit dem Worte ,Untergang‘ alles Hoffen abgeschnitten werden.“ Chamberlain galt in völkischen Kreisen als eine Art „Anti-Spengler“, und seine Prophezeiung, daß Deutschland beziehungsweise die germanische Rasse „erst am Morgen seines großen Tages“ stehe, fand in diesem Lager ungleich größeren Beifall als die Thesen Spenglers.
Aufs Ganze gesehen muß man feststellen, daß Spengler überhaupt nur in einer Gruppe der Konservativen Revolution auf grundsätzliche Zustimmung hoffen konnte, und das waren die Nationalrevolutionäre. Unter Jungkonservativen, auch wenn sie wie Wilhelm Stapel oder Edgar Julius Jung nicht zur „Berliner Schule“ gehörten, blieb es bei allgemeingehaltenen Respektsbekundungen. Dagegen fanden sich früh einige aus dem Kreis des „Soldatischen“ oder „Neuen Nationalismus“, die über das Unverbindliche hinausgingen. Erhalten geblieben sind Briefe von Helmut Franke und Franz Schauwecker an Spengler, es fehlen allerdings solche von Albrecht Erich Günther, der wahrscheinlich zu den entschlossensten Verfechtern eines „spenglerschen“ Wegs gehörte.
Günther hatte sich nach dem Ersten Weltkrieg und der Teilnahme an den Freikorpskämpfen zuerst auf einen radikalen Nationalbolschewismus zubewegt, dann aber eine Korrektur vollzogen. 1926 war er neben Stapel in die Schriftleitung des Deutschen Volkstums eingetreten. Anders als der in vielem noch den Vorkriegstraditionen verhaftete Stapel neigte Günther zum Bruch mit Überlieferungen und war skeptisch gegenüber den üblichen konservativen Affekten. So veröffentlichte er einen stark diskutierten Aufsatz unter der bezeichnenden Überschrift „Zivilisation“. Er plädierte hier unter ausdrücklichem Bezug auf Spenglers Preußentum und Sozialismus für einen organisatorischen – wie er ihn nannte: „kategorischen“ – Sozialismus. Vor allem aber ging es ihm um den Abschied von aller „Kultursentimentalität“: „Wie die Jahrtausende alte Einsicht in unsere individuelle Sterblichkeit die Tatkraft des Menschen nicht gemindert, sondern ihre verantwortliche Anspannung begründet hat, so bewirkt die Überzeugung von der Endlichkeit der geschichtlichen Gestaltungskraft eines Volkes eine harte, männliche Entschlossenheit, die gesetzte Frist rühmlich zu nutzen.“
Inhalt und Duktus der Argumentation Günthers erinnern nicht zufällig an Ernst Jünger. Beide waren eng befreundet, und es wäre reizvoll zu untersuchen, wie stark der Einfluß Günthers bei Jüngers Abwendung vom naiven Nationalismus der ersten Nachkriegszeit wirkte. Jedenfalls entwickelten beide bis zum Beginn der dreißiger Jahre eine Position, die durch Bejahung der Modernität und vor allem der Technik gekennzeichnet war. Diesen Weg haben viele Anhänger Jüngers nicht nachvollziehen können, was hinreichend ihre verstörten Reaktionen bei Erscheinen des Arbeiters, 1932, erklärt.

Die Wirkung von Jüngers Arbeiter war in vielem derjenigen von Spenglers Untergang ähnlich. Im einen wie im anderen Fall erlebten gerade die „konservativen Menschen ... eine außerordentliche Erschütterung“, weil ihnen die Einsicht abverlangt wurde, daß der „Nomos der Ahnen erlischt“ (Albrecht Erich Günther). Diese Gemeinsamkeit war insofern kein Zufall, als die spenglersche Geschichtsphilosophie große Bedeutung für Jüngers Denken besaß. Man könnte sicher die Ähnlichkeit zwischen dem von Spengler geforderten Ethos und dem „heroischen Realismus“ nachweisen, und Jüngers Forderung nach „organischer Konstruktion“ erschien auch als Konsequenz der Einsicht, daß sich die „Kultur“ nicht wiederbeleben ließ und jetzt die Gestaltung der „Zivilisation“ gefordert war.
Spengler hat diese Nähe allerdings nicht gesehen. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, daß er sich mit der 1931 erschienenen Schrift Der Mensch und die Technik auf Distanz zum futuristischen Elan seiner früheren Jahre gegangen war. Letztlich war es aber Desinteresse an einer anderen, selbständigen Deutung. Nachdem Jünger ihm den Arbeiter mit einer respektvollen Widmung zugesandt hatte, antwortete Spengler höflich, aber das eigene Unverständnis decouvrierend: „Wenn man dem angeblichen sterbenden Bauerntum ,den Arbeiter‘, das heißt den Fabrikarbeiter, als neuen Typus gegenüberstellt, entfernt man sich von der Wirklichkeit und damit von jedem Einfluß auf die Zukunft, die ganz andre Wege gehen wird.“
Spengler glaubte allerdings, daß er diese Wege kenne und trotz der tiefen Frustration, in die ihn die politische Entwicklung stürzte, hielt er es nach wie vor für möglich, Einfluß zu gewinnen. Dabei mußte unbedingt die Frage geklärt werden, welche Rolle die NSDAP zukünftig spielen sollte. Mit vielen Vertretern der Konservativen Revolution teilte Spengler die Überzeugung, daß zwischen Hitler und der Partei zu trennen sei und daß man bei einigem Geschick Hitler „zähmen“ und seine Bewegung nützlicheren Zielen zuführen könne. Aus diesem Kalkül erklärt sich zum einen die mehrfache Stimmabgabe Spenglers für die Nationalsozialisten in den Jahren 1932 und 1933, zum zweiten die Intensivierung seiner langjährigen Beziehung zu Gregor Strasser, der nicht nur ihm als möglicher Nachfolger Hitlers galt, und zum dritten die fortdauernde Kritik der Partei, ihrer Kader und ihrer Ideologie. Kurz vor der Reichstagswahl am 6. November 1932 begann er mit dem Diktat seines letzten Buches, das unter dem Titel Jahre der Entscheidung erscheinen sollte.
Jahre der Entscheidung ist eine merkwürdige Mischung aus Regentenspiegel und Polemik. Es enthält ein Tableau der bevorstehenden politischen Entwicklungen im Weltmaßstab, aber auch eine Abrechnung mit leerer Propaganda, Unfähigkeit und ideologischem Unsinn wie etwa dem Antisemitismus. Kurz vor Erscheinen des Buches, erhielt Spengler am 25. Juli 1933 Gelegenheit zu einem eineinhalb Stunden dauernden Gespräch mit Hitler. Es endete ohne Ergebnis, der Eingang des Hitler zugedachten Exemplars von Jahre der Entscheidung wurde in der Reichskanzlei quittiert, aber eine Antwort erhielt der Verfasser nicht. Hitler soll das Buch „zu pessimistisch“ gefunden haben. Das war eine moderate Stellungnahme, wenn man die sonstige Kritik betrachtet, nicht nur die offiziöse, etwa von Alfred Baeumler, sondern auch und gerade die in Organen der Konservativen Revolution. Die hatten, wie etwa der Ring, in der Atmosphäre des „Hitlersommers“ eine Selbstgleichschaltung vollzogen, andere waren tatsächlich verstört über die Schärfe der Sprache Spenglers und die düsteren Farben, in denen er die Zukunft ausmalte.

Eine Ausnahme wird man in bezug auf Ernst Niekisch machen müssen, der seiner Zeitschrift Widerstand noch eine erstaunliche Unabhängigkeit bewahren konnte. Niekisch hatte unter den führenden nationalrevolutionären Intellektuellen Spengler mit der größten Fremdheit gegenübergestanden, auch wenn er durch die Freundschaft mit August Winnig und Jünger in Berührung mit dessen Vorstellungen gekommen war. Die Ursache dieser Fremdheit kann man auf den bürgerlichen Habitus Spenglers und den proletarischen Niekischs zurückführen, aber darüber hinaus wird man die von Niekisch nach 1933 veröffentlichten Bücher immer auch als Angriffe auf Spenglers Positionen lesen müssen. Diese Angriffe wurden zwar gedeckt geführt, aber schon Im Dickicht der Pakte enthielt neben deutlicher Kritik an der nationalsozialistischen (Außen)Politik auch eine scharfe Polemik gegen die von Spengler favorisierte Linie. Niekisch hielt Spengler im Grunde für einen Mann des 19. Jahrhunderts, dessen Vorstellungen von Imperialismus und Cäsarismus bestenfalls „faschistisch“ waren. Jedenfalls erschienen die in vielem so brutal wirkenden Äußerungen Spenglers relativ harmlos verglichen mit den radikaleren Plänen Niekischs, wie er sie zuletzt in Die dritte imperiale Figur darlegte, das auch als eine Art Fortsetzung und Zuspitzung der Thesen Jüngers gelesen werden konnte.
Den Erfolg von Jahre der Entscheidung hat die öffentliche Zurückweisung nicht behindert – es erschien noch 1940 im 162. bis 166. Tausend –, und es ist genauso wie der Untergang auch nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes immer wieder aufgelegt worden. Ähnliches wird man nur von wenigen Büchern der Konservativen Revolution behaupten können, kaum von den dezidiert politischen. Das darf allerdings so wenig wie die Distanz Spenglers zu anderen Hauptfiguren dieser Bewegung über dessen sachliche Zugehörigkeit hinwegtäuschen. Spengler gehörte nach Armin Mohler zu den „herausragenden Autoren“ der Konservativen Revolution, jenen, die man keinem Lager ganz klar zuordnen darf. Er hat alle ihre Denkfamilien mit seinen Ideen und seiner Sprache beeinflußt, vielleicht sogar mehr noch mit einer bestimmten Atmosphäre, die beide erzeugten.
So wenig wie man die außerordentliche Wirkung seiner Grundgedanken mit der scharfen Kritik aller möglichen Fachwissenschaftler am Untergang des Abendlandes verrechnen kann, so wenig darf aus der Distanz Spenglers gegenüber anderen Protagonisten der Konservativen Revolution auf einen fehlenden Zusammenhang geschlossen werden. Armin Mohler hat Spengler zu Recht unter die „Kategorien sprengenden“ Autoren dieses Lagers gezählt.


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