Uwe Tellkamp: Der Schlaf in den Uhren

von Susanne Dagen --

Das beschriebene Inselreich Treva, ­durchflossen von Elbe, Rhein und Stynon, ist ein phantastisch-mystisches Sinnbild.

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Es zeigt auf meh­re­ren Ebe­nen die alte Bun­des­re­pu­blik, das wie­der­ver­ei­nig­te Deutsch­land nach 1989 und ein neu­es Deutsch­land des Jah­res 2015. Nicht von unge­fähr bedient sich Tell­kamp min­des­tens zwei­er his­to­ri­scher Zäsu­ren, die als Epo­chen­wen­de einer gemein­sa­men deut­schen Geschich­te die­nen, ver­schie­de­ner Zeit­ebenen also, die an das soli­da­ri­sche Gefühl von Sieg und Ohn­macht, das Erle­ben bio­gra­phi­scher Brü­che und gesell­schaft­li­cher Ver­än­de­rung erin­nern und an ein tie­fes Gefühl will­kür­li­cher Demütigung.

Denn es sind Zei­ten, in denen die Uhren ange­hal­ten schei­nen, in denen ein tie­fer Schlaf über den Betei­lig­ten liegt, am Vor­abend welt­ge­schicht­li­cher Wenden.
Fabi­an, der uns als Chro­nist und Beob­ach­ter vor­ge­stellt wird, arbei­tet im Jahr 2015 in der »Tausendundeine­nachtabteilung« des Staa­tes Tre­va. Beauf­tragt ist er mit der Erstel­lung einer Chro­nik anläß­lich des 25. Jah­res­tags der deut­schen Wie­der­ver­ei­ni­gung. Als ehe­ma­li­ger Dis­si­dent ist er in den Staats­dienst ein­ge­tre­ten, um die Macht von innen her zu erfor­schen und zu verstehen.

Neben sei­nem Erkennt­nis­hun­ger zur Funk­ti­on eines Macht­ap­pa­ra­tes treibt ihn vor allem ein eige­nes The­ma an, näm­lich den Ver­rat an sei­nen Eltern auf­zu­klä­ren, der die­se in der unter­ge­gan­ge­nen DDR in die Fän­ge der Staats­si­cher­heit getrie­ben hat. Das ist der eigent­li­che Glut­kern sei­nes Han­delns; nur dafür begibt er sich in die schwar­ze Tie­fe der Ver­gan­gen­heit, durch laby­rin­thi­sche Gän­ge des unter­ir­di­schen Reichs, der »Sicher­heit«, die alle Vor­gän­ge der Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart archi­viert, kon­trol­liert und in den eige­nen Medi­en nach­er­zäh­len läßt.

Die Zitier­lust und die über Jah­re hin­weg erfolg­te Recher­che­ar­beit Tell­kamps bie­ten im Sin­ne einer sich end­los schlän­geln­den Tau­send­und­ei­ne­­nacht-Geschichts­er­zäh­lung dem Leser Gele­gen­heit für ver­gnüg­li­che Dechif­frie­run­gen von Per­sön­lich­kei­ten der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen und gesamt­deut­schen Geistes­welt. Und so ist die­ser Roman vor allem ein Geschichts­buch, das wir an belie­bi­ger Stel­le auf­schla­gen kön­nen, ähn­lich dem neu­gie­ri­gen König, der sich Nacht für Nacht die Geschich­te ohne Ende von Sche­he­ra­za­de wei­ter­erzäh­len läßt, die sich so ihr Leben sichert. Denn Erin­nern bedeu­tet nichts ande­res, als das eige­ne Leben zu sichern, indem man Anker wirft an dem Ort, wo man hin­ge­hört. Als Hei­mat, wo man, so ­Tell­kamp, sein kann ohne Fes­seln und ohne auf­er­leg­te Disziplin.

Der Chro­nist Fabi­an ist also ein Geschich­ten­er­zäh­ler, der sich erin­nert und dafür nicht nur in die Archi­ve, son­dern auch in sei­ne eige­nen Tie­fen hin­ab­steigt. Als einer, der von Kind­heit an stot­tert, ist er noch mehr ein Beob­ach­ter als akti­ver Prot­ago­nist. Er bewun­dert den Wel­ten­lauf, das fort­wäh­ren­de Ver­än­dern, das fol­ge­rich­ti­ge Ent­wickeln, erkennt damit eine höhe­re Macht an, die treibt und trägt. Wenn Höl­der­lin also in sei­nem Lang­ge­dicht »Archi­pe­la­gus« von eben­je­nem Ent­zü­cken über die Natur, die Schön­heit und das Wer­den spricht, dann aber Zer­stö­rung beklagt, weil dem Men­schen die Demut feh­le, ist es Fabi­an, der im Rück­blick vor allem Trau­er über Unwie­der­bring­li­ches verspürt.

Wer sich an die Fami­li­en­ver­hält­nis­se aus Tell­kamps Turm noch erin­nert, wird in die­ser Fort­schrei­bung nun belohnt mit Vor- und Nach­ge­schich­ten der Fami­li­en Roh­de und Hoff­mann. Ein Epos also. Tell­kamp nutzt in sei­nem Roman die gro­ßen lite­ra­ri­schen Moti­ve und geht dabei tra­di­tio­nel­le Wege der bio­gra­phi­schen Erzäh­lung. Schon in Dan­te Ali­ghie­r­is Gött­li­cher Komö­die sind es die drei Rei­che der jen­sei­ti­gen Welt, die mit dem eige­nen Gang durch Höl­le, Fege­feu­er und Para­dies dem Geret­te­ten ewi­ge Selig­keit ver­spricht und den durch­leb­ten Erkennt­nis­schmerz im nach­hin­ein vergoldet.

Auch Uwe John­son, der in sei­nem vier­bän­di­gen Haupt­werk Jah­res­ta­ge einen Zeit­raum von unge­fähr 60 Jah­ren in zwei Gene­ra­tio­nen und damit All­tags­er­zäh­lung als modell­haf­tes Erfah­ren eige­ner Ent­schei­dun­gen und deren Kon­se­quen­zen beschreibt, gilt als wei­te­rer lite­ra­ri­scher Ahne Tell­kamps. Denn auch Fabi­an wird sich dem eige­nen Spie­gel stel­len müs­sen, um Wis­sen in einer Gegen­wart zu erlan­gen, die auf ver­drängt Erleb­tem fußt.

Für ein 900seitiges Buch, das Mit­te Mai erschien, ist die Rezep­ti­ons­ge­schich­te schon jetzt außer­ge­wöhn­lich umfang­reich, in ihrem fast ein­hel­lig ableh­nen­den Ges­tus zumin­dest bemer­kens­wert. Tell­kamp selbst spricht davon, nichts damit »zu wol­len«, ledig­lich Erin­ne­rungs­ar­beit zu leis­ten, die not­wen­dig sei und einer künst­le­ri­schen Adap­tie­rung bedür­fe. Auf einer der vie­len Ver­an­stal­tun­gen, die Tell­kamp mit sei­nem Roman absol­vier­te, äußer­te er: »Wenn Sie sie dafür inter­es­sie­ren, wie Gesell­schaft funk­tio­nie­ren mag, was gewis­se Spie­ler in die­ser Gesell­schaft kön­nen oder wol­len, wie Poli­tik arbei­tet in ihren ver­schie­de­nen Aus­prä­gun­gen, wie All­tag in einer euro­pä­isch, bun­des­deutsch, modern gestal­te­ten Groß­stadt aus­sieht, wie Jour­na­lis­mus hier und dort arbei­tet, dann ist der Roman für Sie richtig.«

Ver­ste­hen wir das Buch also als lust­vol­les Ange­bot, die aus­ge­brei­te­ten Mosa­ik­stei­ne zu sor­tie­ren und sich vom der­zeit wich­tigs­ten und sprach­mäch­tigs­ten deut­schen Schrift­stel­ler Geschich­te in Geschich­ten erzäh­len zu las­sen – von Uwe Tellkamp.

Gekürz­te Fas­sung einer Rezen­si­on, die zuerst in der Preu­ßi­schen All­ge­mei­nen Zei­tung erschien.

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Uwe Tell­kamp: Der Schlaf in den Uhren. Roman, Ber­lin: Suhr­kamp 2022. 904 S., 32 €

 

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