Walther Rathenau – Leben und Werk

PDF der Druckfassung aus Sezession 109/ August 2022

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Der Phi­lo­soph Max Sche­ler stell­te die Trau­er­re­de auf sei­nen Freund ­Walt­her Rathen­au an der Uni­ver­si­tät Köln unter das Mot­to: »Nicht immer erleuch­tet ein gewalt­sa­mer Tod […] Wesen und Schick­sal eines Men­schen.« (1)

Wenn­gleich die­ser Satz ziem­lich tri­vi­al ist, da er auf die Mehr­heit der gewalt­sa­men Tode zutrifft, so scheint er doch gera­de auf Walt­her Rathen­au nicht zuzu­tref­fen. Zumin­dest legt das die gegen­wär­ti­ge Inter­pre­ta­ti­on sei­nes Todes nahe, die von den Moti­ven sei­ner Mör­der auf die Gesin­nung des Opfers schließt. Weil die­se zwei­fel­los aus dem rech­ten Milieu kamen, muß Rathen­au, so die ober­fläch­li­che Schluß­fol­ge­rung, ein Lin­ker gewe­sen sein.

Offen­sicht­lich bezieht sich Sche­ler, einen Monat nach dem Tod ­Rathen­aus, auf die bereits bei der offi­zi­el­len Trau­er­fei­er im Reichs­tag begin­nen­de Ver­ein­nah­mung Rathen­aus für die Wei­ma­rer Repu­blik, wenn er wei­ter sagt: »Rathen­aus Gestalt wird viel­mehr durch die­ses Ende ver­deckt als erleuch­tet. Dar­um möch­te ich das Bild des Freun­des vor fal­schen Schlag­lich­tern bewah­ren.« Eines die­ser Schlag­lich­ter sieht Sche­ler vor ­allem dar­in, daß Rathen­au der »gro­ßen Mas­se des deut­schen Vol­kes, die ihn nicht kennt, z. Z. fast aus­schließ­lich als ›Mär­ty­rer der jun­gen deut­schen par­la­men­ta­ri­schen Repu­blik und Demo­kra­tie‹« erscheine.

Sche­ler fragt schließ­lich, in wel­chem Sin­ne Rathen­au als ein sol­cher gel­ten kön­ne, denn die Bedeu­tung des Wor­tes Demo­kra­tie sei viel­deu­tig: »War Rathen­au Demo­krat sei­nem Lebens­ge­füh­le nach? War er Demo­krat im Sin­ne einer etwa in ethi­schen und natur­recht­li­chen ratio­na­len Über­zeu­gun­gen über die ›Gleich­heit der ver­nünf­ti­gen Men­schen­na­tur‹ gegrün­de­ten all­ge­mei­nen ver­fas­sungs­po­li­ti­schen Grund­an­schau­ung von ›for­ma­ler Demo­kra­tie‹, so etwa wie Wil­son oder sonst ein guter Ame­ri­ka­ner? War er Demo­krat im Sin­ne einer posi­ti­vis­ti­schen Phi­lo­so­phie, die der Welt­ge­schich­te eine all­ge­mei­ne Ten­denz zum Wach­sen der Demo­kra­tie unter­legt und deren Ver­wirk­li­chung dann ›Fort­schritt‹ nennt, so etwa wie Spen­cer? War er Demo­krat im Sin­ne einer orga­ni­schen Ver­wur­zelt­heit in den natür­li­chen Glie­de­run­gen sei­nes Volkes?«

Schel­ers Ant­wort fällt ein­deu­tig aus, wenn er fest­stellt, daß Rathen­au in kei­ner die­ser Bedeu­tun­gen Demo­krat genannt wer­den kön­ne. Im Gegen­teil, er sei durch und durch Aris­to­krat gewe­sen, habe in die Mas­sen und die öffent­li­che Mei­nung wenig Ver­trau­en gehabt, dem Bild eines star­ken mon­ar­chis­ti­schen Zen­tral­staats ange­han­gen, sei intel­lek­tu­el­ler Ein­zel­gän­ger und über­haupt der Über­zeu­gung gewe­sen, daß nur klei­ne Eli­ten die Mensch­heits­ge­schich­te vor­an­trei­ben wür­den. Ein­zig die »par­la­men­ta­ri­sche Erzie­hungs­de­mo­kra­tie für neue Füh­rer­eli­ten«, für die er man­gels Alter­na­ti­ven ein­ge­tre­ten sei, brin­ge ihn mit dem Begriff Demo­kra­tie zusam­men. Wenn wir also Sche­ler fol­gen, der jeg­li­cher Rechts­las­tig­keit unver­däch­tig ist, bleibt nicht viel übrig von der demo­kra­ti­schen Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur Rathenau.

Betrach­tet man Leben und Werk Walt­her Rathen­aus, (2) wird schnell deut­lich, daß er selbst sei­nen Tod nicht als Opfer für die par­la­men­ta­ri­sche Demo­kra­tie gese­hen hät­te, son­dern als Opfer der »Furi­en­gei­ßeln der Vor­zeit«, der nie­de­ren Instink­te wie Neid und Feind­schaft, und damit der­je­ni­gen, die nicht in der Lage gewe­sen sind, die gemein­sa­me Auf­ga­be zu sehen. »In die Galee­re geschmie­det, sol­len wir uns in Ket­ten zer­flei­schen, obwohl es unser Schiff ist, das wir rudern, und unser Kampf, zu dem es aus­lief«, heißt es gera­de­zu pro­phe­tisch in sei­nem Buch Von kom­men­den ­Din­gen. (3)

Um die­se Gemein­sam­keit des natio­na­len Wol­lens hat Rathen­au sein Leben lang gerun­gen: einer­seits pri­vi­le­giert durch sei­ne Stel­lung als Sohn des Grün­ders der AEG, dem der wirt­schaft­li­che Erfolg in die Wie­ge gelegt war, ande­rer­seits durch sei­ne jüdi­sche Abstam­mung zunächst aus­ge­schlos­sen von dem, was er als Preu­ße am meis­ten begehr­te, dem Wir­ken im höhe­ren Staatsdienst.

Gegen die­se Nei­gung, zu der noch die des frei­en Künst­ler­tums kommt, schlägt er die vom Vater vor­ge­se­he­ne Lauf­bahn als Indus­tri­el­ler ein, die ihn über Sta­tio­nen in Neu­hau­sen (Schweiz) und Bit­ter­feld schließ­lich in den Vor­stand (1899) und den Auf­sichts­rat (1904) der AEG führt. ­Rathen­au hat in sei­nem Leben die sagen­haf­te Zahl von über 80 Auf­sichts­rats­man­da­ten wahr­ge­nom­men. (4)

Neben sei­ner Tätig­keit in der Indus­trie beginnt ­Rathen­au eine Kar­rie­re als Publi­zist. Sie nimmt ihren Anlauf mit anony­men Auf­sät­zen in ­Maxi­mi­li­an Har­dens Zeit­schrift Zukunft, geht dann in die regel­mä­ßi­ge Publi­ka­ti­on von poli­tisch-welt­an­schau­li­chen Auf­sät­zen über, erreicht ihren Höhe­punkt in drei welt­an­schau­li­chen Haupt­wer­ken vor und wäh­rend des Krie­ges und besteht in der Nach­kriegs­zeit vor allem aus tages­po­li­ti­schen Stel­lung­nah­men. Das Werk ist umfang­reich, ins­be­son­de­re, wenn man die zahl­rei­chen Brief­edi­tio­nen dazu­zählt. (5)

Auch wenn das The­ma »Juden­tum« immer mal wie­der in den Schrif­ten auf­taucht, spielt der jüdi­sche Glau­ben für ihn kaum eine Rol­le. Insti­tu­tio­na­li­sier­ter Reli­gi­on stand Rathen­au als intel­lek­tu­el­ler Fein­geist immer ableh­nend gegen­über. Ande­rer­seits sah er in der Tau­fe, der sich Juden unter­zo­gen, um in eine staat­li­che Stel­lung zu gelan­gen, eine Form der Nega­tiv­aus­le­se, da sie nur im Schie­len auf das Fort­kom­men begrün­det war. Sei­nen Wunsch, Reser­ve­of­fi­zier zu wer­den, konn­te er sich daher nicht erfüllen.

Mit sei­nem aus­drück­li­chen Ras­se­stolz, der in sei­nem ers­ten, zunächst pseud­onym erschie­ne­nen Auf­satz »Höre, Isra­el!«, (6) trotz der abwer­ten­den, immer wie­der zitier­ten Fest­stel­lung, daß die Juden »auf mär­ki­schem Sand eine asia­ti­sche Hor­de« dar­stell­ten, deut­lich zum Aus­druck kommt, war das unver­ein­bar. In die­sem Stolz, der nicht der jüdi­sche sein muß­te, sah er so etwas wie die Grund­be­din­gung höhe­ren Men­schen­tums. Wer nicht stolz und mutig ist, kann kei­nem höhe­ren Ziel zustreben.

Vor dem Ers­ten Welt­krieg leg­te Rathen­au die­se Welt­an­schau­ung in zwei Büchern nie­der. Sein Buch Zur Kri­tik der Zeit (1912) ist ein Essay über die Sinn­su­che im Indus­trie­zeit­al­ter. Rathen­au stellt sich damit in eine Rei­he von Den­kern, die, ohne par­tei­po­li­tisch wir­ken zu wol­len, dem Zeit­al­ter eine düs­te­re Pro­gno­se aus­stell­ten. Sie hat, auch nach Rathen­aus Auf­fas­sung, ihren Grund zum einem im Erlah­men der schöp­fe­ri­schen Kräf­te, zum ande­ren in der Macht, die Tech­nik und Orga­ni­sa­ti­on über den Men­schen gewin­nen, der damit wie­der­um zu einem Räd­chen im Getrie­be degra­diert wird. Das Buch ist ein Mani­fest des Kul­tur­pes­si­mis­mus, das die herr­schen­de Ein­för­mig­keit und den Still­stand beklagt und die­sen Zustand auf eine unge­sun­de Ras­se­mi­schung zurückführt.

Denn nach Rathen­au gibt es zwei ver­schie­de­ne Ras­sen in Deutsch­land, eine furcht­sa­me und eine muti­ge: »Wer ein preu­ßi­sches Regi­ment defi­lie­ren sah und die Gestal­ten der Trup­pe mit denen der Füh­rer ver­glich, der hat, wenn anders sein Auge für Betrach­tung orga­ni­scher Wesen geschärft ist, den Gegen­satz zwei­er Ras­sen erkannt: gleich­zei­tig aber hat er ein sicht­ba­res Sym­bol und Abbild der Glie­de­rung unse­res Vol­kes erblickt.« (7) Die einen sind Nach­fah­ren der ger­ma­ni­schen Erobe­rer, die ande­ren der unter­wor­fe­nen Urbevölkerung.

Rathen­au sieht in der Geschich­te das Gesetz wal­ten, daß die Unter­schicht am Ende immer von der Unter­wer­fung durch eine Ober­schicht pro­fi­tiert und sich ent­spre­chend ver­mehrt, wohin­ge­gen die Ober­schicht aus­ge­zehrt wird. Rathen­au nennt die­sen Vor­gang »Ver­dich­tung und Umla­ge­rung«. Aus der Ver­dich­tung, der Bevöl­ke­rungs­zu­nah­me erfolgt der Zwang zur Mecha­ni­sie­rung, und gleich­zei­tig spricht sich die Umla­ge­rung »in der geis­ti­gen Ver­fas­sung unse­rer Völ­ker als Ent­ger­ma­ni­sie­rung aus, die ein neu­es, für die Auf­ga­ben der Mecha­ni­sie­rung selt­sam geeig­ne­tes Men­schen­ma­te­ri­al geschaf­fen hat«. (8)

Daß es die Mecha­ni­sie­rung noch nir­gends und zu kei­ner Zeit so stark gege­ben hat wie im gegen­wär­ti­gen Euro­pa, führt Rathen­au auf das Zusam­men­tref­fen der kli­ma­ti­schen Vor­aus­set­zun­gen, aus denen der Zwang zur Vor­sor­ge folgt, mit den intel­lek­tu­ell-ethi­schen Fähig­kei­ten, die es braucht, um die tech­nisch-metho­di­schen Hilfs­mit­tel zu schaf­fen, zurück. Es liegt nahe, hier Max Webers The­se von der pro­tes­tan­ti­schen Arbeits­ethik im Hin­ter­grund wir­ken zu sehen, wenn­gleich bei die­sem die Ras­sen­fra­ge kei­ne Rol­le spielt. Die Kon­se­quen­zen und die Unent­rinn­bar­keit die­ser Kon­stel­la­ti­on sehen bei­de aller­dings ähn­lich. Die Mecha­ni­sie­rung der Güter­erzeugung macht die Orga­ni­sa­ti­on von Gesell­schaft not­wen­dig. Es ent­steht ein Zwang, dem sich auch schein­bar ent­ge­gen­ge­setz­te Bewe­gun­gen, zu denen Rathen­au den dog­ma­ti­schen Sozia­lis­mus zählt, nicht ent­zie­hen können.

Rathen­au bleibt fixiert auf die Ras­se, wenn er die Mecha­ni­sie­rung auf die Ablö­sung der Herr­schaft der Her­ren­ras­se zurück­führt. Die­se war furcht­los und zur Mecha­ni­sie­rung nicht ver­an­lagt, weil ihr zweck­haf­tes Den­ken fremd war. Aber es braucht ande­re Tugen­den: »Die Furcht erspäht hin­ter den Din­gen Gefah­ren und Hoff­nun­gen, sie flüch­tet in die Zukunft, indem sie die Gegen­wart ver­nich­tet. Der Muti­ge läßt sich die sinn­li­che und über­sinn­li­che Gegen­wart genü­gen, er respek­tiert die Din­ge, liebt sie um ihrer selbst wil­len und benutzt kei­ne Krea­tur als Mit­tel.«  (9) Die­se etwas will­kür­li­che Gegen­über­stel­lung ori­en­tiert sich am land­be­sit­zen­den, dem Fort­schritt ableh­nend gegen­über­ste­hen­den Adel, der in die­ser Stel­lung nur ver­har­ren kann, solan­ge die­se nicht in Fra­ge gestellt wird.

Auch wenn den Juden sei­ner­zeit eine beson­de­re Affi­ni­tät zum Kapi­ta­lis­mus, und damit ja zur Mecha­ni­sie­rung, dem Resul­tat der Herr­schaft der Mut­lo­sen, zuge­schrie­ben wur­de, sieht Rathen­au im Anti­se­mi­tis­mus die fal­sche Schluß­fol­ge­rung aus der rich­ti­gen Prä­mis­se, der Fest­stel­lung einer Ent­ger­ma­ni­sie­rung. Solan­ge der Anti­se­mi­tis­mus auf die Reger­ma­ni­sie­rung abzielt, respek­tiert Rathen­au ihn, sieht aller­dings die von ihm gefor­der­te Volks­ent­mi­schung als prak­tisch unmög­lich an. Daß die Juden an der Ent­wick­lung zur Mecha­ni­sie­rung schuld sei­en, hält er für eine Über­stei­ge­rung, weil der jüdi­sche Ein­fluß kaum erklä­ren dürf­te, wie aus Rit­tern Kauf­leu­te wur­den. Hier sieht er eher den Ehr­geiz und den Waren­hun­ger der Unter­schicht als ursäch­lich an, die irgend­wann über­mäch­tig wur­den und alles in ihren Dienst nahmen.

Obwohl die Mecha­ni­sie­rung gera­de dabei ist, die Welt zu ver­ein­heit­li­chen, unse­re Idea­le zu for­men und bis in den letz­ten Win­kel vor­zu­drin­gen, sieht Rathen­au in ihr den Keim ihres eige­nen Unter­gangs: »Denn im Urgrund ihres Bewußt­seins graut die­ser Welt vor sich selbst; ihre inners­ten Regun­gen kla­gen sie an und rin­gen nach Befrei­ung aus den Ket­ten unab­läs­si­ger Zweck­ge­dan­ken.« (10) Auch in die­ser mecha­ni­sier­ten und durch­ge­tak­te­ten Welt beginnt erneut die Sinn­su­che, weil der Mensch glau­ben möch­te oder wenigs­tens Wer­te braucht, die über den Zweck hin­aus­ge­hen. Auch wenn Rathen­au die­sen Sinn in der See­le, dem höhe­ren Men­schen­tum erblickt, ver­harrt er in die­sem Buch bei der Kri­tik, die ihre Glaub­wür­dig­keit vor allem aus der Tat­sa­che bezieht, daß hier ein Voll­ender der Mecha­ni­sie­rung von dem Ende der von ihm selbst mit­ge­schaf­fe­nen Welt spricht.

Das Buch war ein gro­ßer Erfolg und wur­de leb­haft dis­ku­tiert. ­Rathen­au war aber offen­sicht­lich mit dem erreich­ten Punkt nicht zufrie­den und ver­öf­fent­li­che ein Jahr spä­ter ein wesent­lich umfang­rei­che­res Buch, Zur Mecha­nik des Geis­tes, das einer­seits einen unkla­ren Begriff, die See­le, erläu­tern woll­te, zum ande­ren aber die Schroff­hei­ten des Vor­gän­gers ver­mied, um nie­man­den vom Erkennt­nis­pro­zeß aus­zu­schlie­ßen. Der Inhalt des Buches läßt sich schwer auf weni­ge The­sen redu­zie­ren, weil Rathen­au hier der damals übli­chen Weit­schwei­fig­keit frönt und bemüht ist, unter einer gro­ßen Zahl von All­ge­mein­gül­tig­keit bean­spru­chen­den Aus­sa­gen sei­ne eige­ne Lebens­phi­lo­so­phie mehr zu ver­ber­gen als zu offenbaren.

Die Selbst­zeug­nis­se Rathen­aus, in denen er immer wie­der betont, daß die Mecha­nik sein wich­tigs­tes Buch sei, bestä­ti­gen die Inter­pre­ta­ti­on, daß es ihm bei die­sem Buch dar­um geht, den eige­nen Ent­wick­lungs­weg nach­zu­zeich­nen. Die See­le bedeu­tet die höchs­te Errun­gen­schaft des ein­zel­nen, die sich in der Außen­welt gespie­gelt fin­det: »an uns­rer See­le haben wir die Welt zu mes­sen«. (11) In der »Evo­lu­ti­on des prak­ti­schen Geis­tes«, wie der letz­te Teil des Buches über­schrie­ben ist, geht es um Ethik, Ästhe­tik und Prag­ma­tik der Seele.

Der Weg der Mensch­heit zur See­le führt, was ja bereits die Kri­tik her­aus­ge­ar­bei­tet hat­te, über die Mecha­ni­sie­rung. Die Mecha­ni­sie­rung läßt sich nur über Gesin­nung über­win­den, denn jede Ver­bes­se­rung im Sin­ne einer Über­win­dung wäre nur im Rah­men der Mecha­ni­sie­rung denk­bar. Er spricht daher von einer »inne­ren Wie­der­ge­burt«, die not­wen­dig sei, um den Zau­ber­kreis der Mecha­ni­sie­rung, die Kräf­te von Furcht und Begier­de zu lockern: »Nicht Ein­rich­tun­gen, Geset­ze und Men­schen schaf­fen das neue Leben, son­dern Gesin­nun­gen; den Gesin­nun­gen des neu­en Lebens aber fol­gen wider­stands­los Ein­rich­tun­gen, Geset­ze und Men­schen.« (12) Die Gesin­nun­gen kön­nen von Rathen­au nicht ent­wi­ckelt wer­den, weil jeder sei­nen eige­nen Weg zur See­le fin­den muß und weil das höhe­re Men­schen­tum ja gera­de dar­in besteht, sich den Kon­ven­tio­nen der Zeit nicht zu unter­wer­fen. Kein Wun­der, daß die­ses Buch im Ver­gleich zu sei­nem Vor­gän­ger kaum gele­sen wurde.

Rathen­au war sich des Pro­blems bewußt, das im man­geln­den Wirk­lich­keits­be­zug des Buches lag. Er begann daher par­al­lel mit der Nie­der­schrift eines wei­te­ren Buches, das die Kon­se­quen­zen aus Kri­tik und Sinn­su­che zie­hen soll­te. Unter­bro­chen wur­de er dabei durch den Aus­bruch des Ers­ten Welt­krie­ges. Er stell­te sei­ne Fähig­kei­ten für eini­ge Mona­te in den Dienst der all­ge­mei­nen Mobil­ma­chung und bau­te eine eige­ne Abtei­lung im Kriegs­mi­nis­te­ri­um auf, die sich um die Roh­stoff­ver­sor­gung Deutsch­lands, die durch die eng­li­sche See­blo­cka­de unter­bro­chen wur­de, küm­mern soll­te. Nach sei­nem Aus­schei­den aus dem Amt im März 1915 setz­te er die Arbeit an dem Buch fort, das 1917 unter dem Titel Von kom­men­den Din­gen erschien und ein gro­ßer Erfolg wurde.

Auch hier ging es ihm um die »Ent­fal­tung der See­le und ihres Rei­ches« (13) und um das »Wachs­tum der See­le«, (14) und er bie­tet als Insti­tu­ti­on, die die­sen Weg gleich­zei­tig beför­dern und krö­nen soll, aus­ge­rech­net den Staat an. »Der Staat soll sein das zwei­te, erwei­ter­te und irdisch unsterb­li­che Ich des Men­schen, die Ver­kör­pe­rung des sitt­li­chen und täti­gen Gemein­schafts­wil­lens.« Was der Krieg durch die geleb­te Gemein­schaft des Lei­dens, durch die Zurück­drän­gung des Luxus und die Vor­be­rei­tung einer künf­ti­gen Gemein­wirt­schaft beför­dert, kann der Sieg wie­der zunich­te machen. Denn der Sieg recht­fer­tigt das Bestehen­de. »Nie­mals wie­der darf Inter­es­se und Erwerb uns das Ers­te, Nati­on und Staat uns das Zwei­te und Gott das sonn­täg­lich Drit­te sein«, das Schick­sal dür­fe nie wie­der in die Hän­de von Erb­ver­wal­tern und Bier­bank­phi­lis­tern fallen.

Das bedeu­te­te aller­dings nicht, daß Rathen­au die Nie­der­la­ge wünsch­te, im Gegen­teil: Noch im Okto­ber 1918 dräng­te er auf eine Fort­set­zung des Krie­ges und sah in der Bit­te um Waf­fen­still­stand eine ver­häng­nis­vol­le Ent­schei­dung. Als es galt, die Kon­se­quen­zen die­ser Ent­schei­dung zu tra­gen, zöger­te er nicht, sei­ne Ämter in der Wirt­schaft, die sei­ne Unab­hän­gig­keit garan­tier­ten, nie­der­zu­le­gen und als Minis­ter poli­ti­sche Ver­ant­wor­tung zu übernehmen.

Er war in die­sem Moment ein Bei­spiel preu­ßi­scher Pflicht­er­fül­lung. Den Hin­wei­sen auf die mög­li­chen Gefah­ren sei­ner expo­nier­ten Stel­lung ent­geg­ne­te er: »Wir müs­sen über­all den Weg bis zum Ende gehen, den uns die Pflicht und die Ver­ant­wor­tung vor dem eige­nen Gewis­sen vor­schreibt.« (15) Daß er den Frei­wil­li­gen, die aus ähn­li­chem Geist her­aus die Gren­zen im Osten geschützt hat­ten, zum Opfer fiel, ist einer der tra­gi­schen Momen­te der deut­schen Geschichte.

– – –

(1) – Max Sche­ler: ­»Walt­her Rathen­au. Eine Wür­di­gung zu sei­nem Gedächt­nis«, in: ders.: Schrif­ten zur Sozio­lo­gie und Welt­an­schau­ungs­leh­re, Bern 1963 (= Gesam­mel­te Wer­ke 6), S. 361 – 376. Die fol­gen­den Zita­te Schel­ers sind dem Text entnommen.

(2) – Hier­zu bie­tet neben dem Klas­si­ker von Har­ry Graf Kess­ler (1928) immer noch das Buch von Peter Berglar, Walt­her Rathen­au. Sei­ne Zeit, sein Werk, sei­ne Per­sön­lich­keit (1970), die bes­te Einführung.

(3) – Walt­her Rathen­au: Von kom­men­den Din­gen (1917), in: ders.: Haupt­wer­ke und Gesprä­che, hrsg. von Ernst Schul­in, Mün­chen 1977 (= Rathen­au-Gesamt­aus­ga­be 2), 301 – 497, hier S. 496.

(4) – Vgl. Peter Strunk: »Die Kar­rie­re Walt­her Rathen­aus in der AEG«, in: Die Extre­me berüh­ren sich. Walt­her ­Rathen­au 1867 – 1922, hrsg. von Hans Wil­de­r­ot­ter, Ber­lin o. J. [1993], S. 45 – 54, hier S. 49.

(5) – Die Gesam­mel­te Schrif­ten Rathen­aus erschie­nen bereits zu Leb­zei­ten in fünf Bän­den. Die wis­sen­schaft­li­che Rathen­au-Gesamt­aus­ga­be, die 1977 von Ernst Schul­in mit den Haupt­wer­ken und den Gesprä­chen begon­nen wur­de, ist 2015 und 2017 end­lich durch die Bän­de mit den klei­ne­ren Schrif­ten fort­ge­setzt wor­den. Die Brie­fe sind bereits in den 1920er Jah­ren in meh­re­ren Aus­wahl­bän­den ediert wor­den; mitt­ler­wei­le lie­gen aus­ge­wähl­te Brief­wech­sel kom­plett ediert vor (mit ­Maxi­mi­li­an Har­den und ­Wil­helm Schwaner).

(6) – Der Text erschien zuerst 1897 in der Zeit­schrift Die Zukunft, 1902 nahm ihn Rathen­au in sei­ne Essay-Samm­lung Impres­sio­nen auf. Erst als der Ver­fas­ser fest­stand, gab es einen Sturm der Ent­rüs­tung. Vgl. Hel­muth Braun: »›Höre, Isra­el!‹. Anti­se­mi­tis­mus und Assi­mi­la­ti­on«, in: Die Extre­me ­berüh­ren sich. Walt­her Rathen­au 1867 – 1922, hrsg. von Hans Wilder­otter, Ber­lin o. J. [1993],
S. 320 – 341, hier S. 320.

(7) – Walt­her Rathen­au: »Zur Kri­tik der Zeit« (1912), in: ders.: Haupt­wer­ke und Gesprä­che, hrsg. von Ernst Schul­in, Mün­chen 1977 (= Rathen­au-Gesamt­aus­ga­be 2), S. 17 – 104, hier S. 33.

(8) – Ebd., S. 37.

(9) – Ebd., S. 70.

(10) – Ebd., S. 91.

(11) – Walt­her Rathen­au: »Zur Mecha­nik des Geis­tes oder Vom Reich der See­le« (1913), in: ders.: Haupt­wer­ke und Gesprä­che, hrsg. von Ernst Schul­in, Mün­chen 1977 (= Rathen­au-Gesamt­aus­ga­be 2), S. 105 – 296, hier S. 207.

(12) – Rathen­au: Mecha­nik, S. 280.

(13) – Rathen­au: Din­gen, S. 302.

(14) – Ebd., S. 327.

(15) – Walt­her Rathen­au: Brie­fe. Zwei­ter Band, Dres­den 1926, S. 347.

 

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Verein für Staatspolitik e.V.
DE80 8005 3762 1894 1065 43
NOLADE21HAL

Kommentare (0)