Biopolitik

von Erik Ahrens -- PDF der Druckfassung aus Sezession 109/ August 2022

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Ideo­lo­gie und Realität

Auf­bau­end auf den Erkennt­nis­sen der gene­ti­schen For­schung, konn­te im 20. Jahr­hun­dert die alte Fra­ge beant­wor­tet wer­den, was den Men­schen formt: Wir wis­sen, daß er als natür­li­ches Wesen sowohl in sei­nem äuße­ren Erschei­nungs­bild als auch in sei­nen Ver­hal­tens­wei­sen und Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten maß­geb­lich von sei­nen gene­ti­schen Ver­an­la­gun­gen bestimmt wird. »Bestimmt« ist hier in dem Sin­ne zu ver­ste­hen, wie man etwa eine Gitarren­saite stimmt: Die Bestim­mung gibt nicht vor, wel­ches Lied gespielt wird, aber sie defi­niert den Bereich der spiel­ba­ren Töne.

Die Bestim­mung unse­rer natür­li­chen Ver­an­la­gun­gen ist also nicht gleich­zu­set­zen mit einem »har­ten Deter­mi­nis­mus«, son­dern ist in dem völ­lig intui­ti­ven Sin­ne zu ver­ste­hen, daß ein Mensch mit ver­an­lag­tem Talent für Spra­chen und ver­an­lag­ter Schwä­che im Bereich Mathe­ma­tik dazu bestimmt ist, einen kom­mu­ni­ka­ti­ven Beruf zu ergrei­fen. Kein Schick­sal und kein Demi­urg zwin­gen ihn dazu. Er kann sich auch mit viel Fleiß und Dis­zi­plin durch ein Phy­sik­stu­di­um quä­len – aber nur, wenn er in Ein­klang mit sei­ner Ver­an­la­gung lebt, kann er sein Leben als glück­lich und sinn­voll wahrnehmen.

So weit, so evi­dent. Doch die­se Sicht­wei­se auf Ver­an­la­gung wur­de und wird seit dem 19. Jahr­hun­dert und bis in die Gegen­wart hin­ein mas­siv her­aus­ge­for­dert: Aus­ge­hend von der uto­pi­schen Vor­stel­lung, die Unter­schie­de zwi­schen Men­schen könn­ten besei­tigt wer­den, eta­blier­te sich im intel­lek­tu­el­len Dis­kurs die Vor­stel­lung, daß der Mensch bei Geburt gewis­ser­ma­ßen ein unbe­schrie­be­nes Blatt Papier (engl. blank sla­te) sei, auf dem erst durch Erzie­hung und gesell­schaft­li­che Ein­flüs­se fest­ge­schrie­ben wer­de, was er als Erwach­se­ner ist.

Stimmt die Blank-sla­te-Sicht­wei­se, so gibt es bis auf im Grun­de unbe­deu­ten­de Äußer­lich­kei­ten kei­ne natür­li­chen Unter­schie­de zwi­schen Indi­vi­du­en und zwi­schen Grup­pen. Daß Män­ner durch­schnitt­lich zu tech­ni­schen Beru­fen ten­die­ren und Frau­en zu sozia­len, erscheint dann rein gesell­schaft­lich gemacht und somit grund­sätz­lich ver­än­der­bar. Daß nord­eu­ro­päi­sche Gesell­schaf­ten ein hohes Maß an Indi­vi­dua­lis­mus und Altru­is­mus auf­wei­sen, wäh­rend sich etwa nord­ost­asia­ti­sche Gesell­schaf­ten durch star­ke Grenz­zie­hun­gen zwi­schen Eigen- und Fremd­grup­pe aus­zeich­nen, ist dann eben­so kon­stru­iert und ver­än­der­bar wie, daß bei­de Grup­pen eine im welt­wei­ten Ver­gleich hohe durch­schnitt­li­che Intel­li­genz aufweisen.

War­um lin­ke und links­li­be­ra­le Intel­lek­tu­el­le zu die­sem Men­schen­bild nei­gen, ist evi­dent, denn die Impli­ka­tio­nen der Blank-sla­te-Annah­me sind zugleich ihre Begrün­dung. Wenn alle eben beschrie­be­nen Eigen­schaf­ten nicht rein gesell­schaft­lich kon­stru­iert und will­kür­lich ver­än­der­bar sind, son­dern gene­tisch ver­an­lagt, bre­chen ihre Fort­schritts­uto­pien zusam­men. Die­ser Ein­bruch des Rea­lis­mus in das Gesell­schafts­bild muß also mit allen Mit­teln abge­wehrt wer­den, zumal er zugleich den poli­ti­schen Füh­rungs­an­spruch der­je­ni­gen Intel­lek­tu­el­len in Fra­ge stellt, die von aus­ge­spro­che­nen oder unaus­ge­spro­che­nen Blank-sla­te-Annah­men aus­ge­hen. Dies betrifft bei­na­he die kom­plet­te links­las­ti­ge Intel­li­genz in der west­li­chen Welt und ins­be­son­de­re die Ton­an­ge­ber in den Geis­tes- und Gesellschaftswissenschaften.

 

Bio­lo­gie und Gesellschaft

 

Das Feld der Über­schnei­dun­gen zwi­schen bio­lo­gi­scher Betrach­tung der gene­ti­schen Ver­an­la­gun­gen und sozio­lo­gi­scher Betrach­tung der Gesell­schaft bezeich­nen wir dabei, aus­ge­hend vom ame­ri­ka­ni­schen Wis­sen­schaft­ler ­Edward O. Wil­son, als Sozio­bio­lo­gie, For­scher, die sich mit die­sem The­ma beschäf­ti­gen (unab­hän­gig davon, aus wel­cher Dis­zi­plin sie stam­men) als Soziobiologen.

Um die Sozio­bio­lo­gie wur­den in der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts die hef­tigs­ten aka­de­mi­schen Strei­tig­kei­ten aus­ge­foch­ten, bei denen meis­tens pri­mär der Wis­sen­schaft­lich­keit ver­pflich­te­te For­scher von pri­mär der lin­ken Ideo­lo­gie ver­pflich­te­ten Akti­vis­ten aus dem aka­de­mi­schen Dis­kurs gedrängt wur­den – die heu­te viel­be­klag­te »Can­cel Cul­tu­re« nahm ihren Anfang im links­ak­ti­vis­ti­schen Kampf gegen Sozio­bio­lo­gen wie Arthur Jen­sen, Edward O. Wil­son, Richard Herrn­stein und Charles Murray.

Grund­le­gen­de Erkennt­nis der Sozio­bio­lo­gie ist vor allem, daß die beob­acht­ba­ren Unter­schie­de in Cha­rak­ter und Ver­hal­ten zwi­schen Indi­vi­du­en eben­so wie zwi­schen Grup­pen zu einem gro­ßen Teil gene­tisch ver­an­lagt sind. Weil die Men­schen ihre Umwelt gemäß ihren gene­ti­schen Ver­an­la­gun­gen gestal­ten (bil­dungs­af­fi­ne Men­schen umge­ben sich mit Bil­dungs­gü­tern und schaf­fen Bil­dungs­ein­rich­tun­gen, sport­lich ver­an­lag­te Men­schen wir­ken in Sport­ver­ei­nen mit, gewalt­tä­tig und impul­siv ver­an­lag­te Men­schen schaf­fen eine gewalt­tä­ti­ge und unsi­che­re Kul­tur in sozia­len Brenn­punk­ten), weil die auf den her­an­wach­sen­den Men­schen ein­wir­ken­de Umwelt also von den gene­ti­schen Ver­an­la­gun­gen der Vor­gän­ger­ge­ne­ra­ti­on bestimmt wird, sind auch die meß­ba­ren Umwelt­fak­to­ren in der Cha­rak­ter- und Ver­hal­tens­ge­ne­se letzt­lich gene­tisch bedingt beeinflusst.

Weil bestimm­ba­re sozia­le Grup­pen wie etwa Schich­ten, Klas­sen oder Sze­nen ent­we­der qua Ver­wandt­schaft gene­ti­sche Ver­an­la­gun­gen tei­len oder durch bestimm­te insti­tu­tio­nel­le Fil­ter nach gene­ti­schen Fak­to­ren aus­ge­wählt wer­den (bei­spiels­wei­se fil­tern die beson­ders schwe­ren ers­ten Semes­ter des Mathe­ma­tik­stu­di­ums die wenig begab­ten und wenig flei­ßi­gen Stu­den­ten aus), läßt sich der gesell­schaft­li­che Pro­zeß auch als situa­ti­ons­ab­hän­gi­ges Neben‑, Mit- und Gegen­ein­an­der ver­schie­de­ner Ver­an­la­gungs­mus­ter beschrei­ben: Wett­be­werbs­ori­en­tier­te, indi­vi­dua­lis­tisch ver­an­lag­te Per­so­nen­grup­pen schaf­fen Märk­te und dis­rup­ti­ve Kräf­te, wäh­rend koope­ra­ti­ons­ori­en­tier­te, kol­lek­ti­vis­tisch ver­an­lag­te Per­so­nen­grup­pen eher gro­ße Insti­tu­tio­nen und sta­bi­le Ord­nun­gen schaf­fen. Grund­sätz­lich läßt sich eine Viel­zahl von Cha­rak­ter- und Ver­hal­tens­dis­po­si­tio­nen beschrei­ben, zu deren Erfas­sung etwa das psy­cho­me­tri­sche Modell der soge­nann­ten Big Five Per­so­na­li­ty Traits oder auch die ver­brei­te­ten Intel­li­genz­tests dienen.

Anthro­po­lo­gi­sche und eth­no­lo­gi­sche Rea­li­tä­ten, wie die Exis­tenz eth­ni­scher Grup­pen mit bestimm­ten kul­tu­rel­len Eigen­schaf­ten, las­sen sich eben­so sozio­bio­lo­gisch beschrei­ben wie die Dif­fe­ren­zie­rungs­pro­zes­se inner­halb von Kul­tu­ren und Gesell­schaf­ten. Das Feld der Sozio­bio­lo­gie ist noch in sei­nen Anfän­gen begrif­fen und wird auf­grund des har­schen Gegen­win­des nur lang­sam erwei­tert; jün­ge­re Publi­ka­tio­nen wie Blue­print des Psy­cho­lo­gen Robert Plomin (2018) oder The Weir­dest Peo­p­le in the World des Har­vard-Pro­fes­sors Joseph Hen­rich (2020) sowie die rapi­den Fort­schrit­te der Gen­for­schung zei­gen jedoch viel­ver­spre­chen­de Ent­wick­lun­gen an.

Eine zen­tra­le Schluß­fol­ge­rung aus den sozio­bio­lo­gi­schen Erkennt­nis­sen lau­tet, daß die Ent­wick­lung einer Gesell­schaft wesent­lich davon abhängt, wel­che gene­ti­schen Ver­an­la­gun­gen in ihr in wel­cher Quan­ti­tät vor­han­den sind und wel­chen Gestal­tungs­spiel­raum ihre Trä­ger haben und / oder erhal­ten. Wenn bei­spiels­wei­se Reli­gio­si­tät heu­te mit über­durch­schnitt­li­cher Kin­der­zahl kor­re­liert und wir zugleich wis­sen, daß Glau­bens­fä­hig­keit auch gene­tisch ver­an­lagt ist, kön­nen wir die Ver­mu­tung auf­stel­len, daß (gesetzt den Fall, die Kor­re­la­ti­on zwi­schen Reli­gio­si­tät und Kin­der­zahl bleibt sta­bil) die heu­te säku­la­ren Gesell­schaf­ten des Wes­tens über die kom­men­den Gene­ra­tio­nen hin­weg wie­der reli­giö­ser wer­den kön­nen, daß also auf gene­ti­scher Sei­te das Poten­ti­al dafür vor­han­den ist.

 

Dimen­sio­nen der Biopolitik

 

Als Bio­po­li­tik kön­nen wir jede Poli­tik bezeich­nen, die sich auf die bio­lo­gi­sche Natur des Men­schen aus­wirkt. Auf Grund­la­ge der sozio­bio­lo­gi­schen Erkennt­nis­se wis­sen wir, daß das gesam­te sozia­le Leben des Men­schen von gene­ti­schen Fak­to­ren tan­giert wird, daß also jede Poli­tik immer auch Bio­po­li­tik ist. Somit han­delt es sich bei der Bio­po­li­tik nicht um einen bestimm­ten (neu­en) und abgrenz­ba­ren Bereich der Poli­tik, son­dern viel­mehr um ein all­ge­gen­wär­ti­ges Feld, das sich in bestimm­ten Berei­chen ver­dich­tet. Um die­ses Feld zu beschrei­ben, bie­ten sich fünf Para­me­ter an: Direk­ti­on, Inten­si­tät, Dau­er (Zeit), Exten­si­tät und Bewußt­sein. Im fol­gen­den defi­nie­ren wir die­se fünf bio­po­li­ti­schen Para­me­ter und zei­gen sie exem­pla­risch an ver­schie­de­nen Berei­chen der Poli­tik auf.

Die Direk­ti­on drückt aus, ob eine Poli­tik direkt oder indi­rekt bio­po­li­tisch wirkt, ob sie also (wie im Fal­le der Gebur­ten- oder der Migrations­politik) direk­ten Ein­fluß auf die Zusam­men­set­zung einer Bevöl­ke­rung nimmt oder ob sie dies indi­rekt tut, also durch Ein­stel­lung der sozia­len Fil­ter. Ein Bei­spiel für sol­che indi­rek­te Bio­po­li­tik stellt die Geschich­te der Straf­ver­fol­gung dar, die vom Mit­tel­al­ter bis in die Moder­ne hin­ein aus jeder Gene­ra­ti­on die impul­sivs­ten und aggres­sivs­ten Män­ner (Mör­der, Räu­ber etc.) aus­sieb­te und durch Hin­rich­tung, Ver­ban­nung oder Ein­sper­rung aus der Gesell­schaft ent­fern­te. Die ent­spre­chen­den Ver­an­la­gun­gen wur­den somit indi­rekt aus der Bevöl­ke­rung ent­fernt – ein Pro­zeß der Domes­ti­zie­rung, der sich mit Hil­fe der Gen­for­schung rekon­stru­ie­ren läßt und der mit­ver­ant­wort­lich dafür ist, daß die Gewalt­kri­mi­na­li­tät in Tei­len Euro­pas heu­te ver­gleichs­wei­se gering ist.

Inten­si­tät: In Gesell­schaf­ten mit Todes­stra­fe wie etwa den USA wer­den bestimm­te Per­so­nen samt ihren gene­ti­schen Ver­an­la­gun­gen sogar noch heu­te phy­sisch aus dem Sozi­al­kör­per ent­fernt. Inso­fern die­se Pra­xis nicht auf die Ver­an­la­gun­gen selbst, son­dern auf deren Fol­gen (das Ver­hal­ten) abzielt, ist sie als indi­rek­te Bio­po­li­tik zu beschrei­ben. Den­noch ist sie im Fal­le der Todes­stra­fe aus­ge­spro­chen inten­siv, weil die ent­spre­chen­den Ver­an­la­gun­gen kom­plett aus der Popu­la­ti­on ent­fernt wer­den. Anders stellt es sich etwa bei einer Geld- oder Haft­stra­fe dar: Hier wird der Täter durch Ent­zug von Res­sour­cen und / oder Frei­heit sowie durch Stig­ma­ti­sie­rung in der sozia­len Hier­ar­chie her­ab­ge­stuft, aber nicht end­gül­tig aus ihr ent­fernt. Am unte­ren Ende der sozia­len Rang­ord­nung ist er kaum in der Lage, gemäß sei­nen Ver­an­la­gun­gen akti­ven Ein­fluß auf die Gesell­schaft zu nehmen.

Ein nied­ri­ger Rang in der sozia­len Hier­ar­chie bedeu­te­te in vor­mo­der­nen Zei­ten über­dies, daß die Betrof­fe­nen sehr wahr­schein­lich nur weni­ge oder über­haupt kei­ne eige­nen Kin­der erfolg­reich auf­zie­hen konn­ten – sta­tis­tisch war die Kin­der­sterb­lich­keit extrem hoch, und Seu­chen und Hun­gers­nö­te konn­ten jeder­zeit zuschla­gen. Ein sozia­ler Abstieg war also damit ver­bun­den, daß der Betrof­fe­ne sei­ne gene­ti­schen Ver­an­la­gun­gen nicht wei­ter­ge­ben konn­te – ein Bei­spiel für indi­rek­te, wenig inten­si­ve, aber den­noch lang­fris­tig wirk­sa­me Fil­ter, die nach unse­ren heu­ti­gen Maß­stä­ben sehr grau­sam sind, jedoch bis in die Neu­zeit den his­to­ri­schen Nor­mal­zu­stand darstellten.

Der nach­hal­ti­ge Effekt die­ser kul­tu­rell-sozio­bio­lo­gi­schen Fil­ter hing beson­ders an drei Fak­to­ren: zum einen an den bereits ange­spro­che­nen har­schen Über­le­bens­be­din­gun­gen, wie sie in west­li­chen Indus­trie­ge­sell­schaf­ten heu­te nicht mehr vor­kom­men, zum ande­ren an der Kor­re­la­ti­on der sozia­len Stel­lung mit der Kin­der­zahl (heu­te kor­re­liert die­se nega­tiv) und zuletzt an den immensen Zeit­räu­men, über die die­se Fil­ter ihre Wir­kung ent­fal­te­ten. Die­se Dimen­si­on der Zeit mar­kiert den drit­ten Para­me­ter der Biopolitik.

Nach­hal­tig und tief­grei­fend wir­ken vie­le bio­po­li­ti­sche Maß­nah­men erst dann, wenn sie über meh­re­re Gene­ra­tio­nen statt­fin­den, also von Dau­er sind. Selbst die sehr inten­si­ve Bio­po­li­tik der Hin­rich­tung von Mör­dern und Tot­schlä­gern konn­te ihre Wir­kung nur über vie­le Gene­ra­tio­nen ent­fal­ten. Hät­te man nur in einer Ein­zel­ge­ne­ra­ti­on die über­mä­ßig aggres­si­ven und impul­si­ven Män­ner aus­ge­siebt, so wären ihre Ver­an­la­gun­gen rezes­siv im Gen­pool erhal­ten geblie­ben. Doch die über Jahr­hun­der­te wir­ken­den, extrem bru­ta­len Straf­sys­te­me, wie sie etwa Fou­cault noch für die im Jahr 1757 erfolg­te Hin­rich­tung des geschei­ter­ten Königs­mör­ders Robert-­Fran­çois Dami­ens schil­dert, wirk­ten über Gene­ra­tio­nen hin­weg, bis die Popu­la­ti­on an einem Domes­ti­ka­ti­ons­grad ange­langt war, der in etwa dem heu­ti­gen entspricht.

Die vier­te Dimen­si­on der Bio­po­li­tik, die Exten­si­tät, ist leicht zu ver­ste­hen: Eine exklu­si­ve Gebur­ten­po­li­tik wie die des alten Hoch­adels erfaß­te ledig­lich einen sehr klei­nen Teil der Bevöl­ke­rung, wäh­rend moder­ne Poli­ti­ken zumeist die gan­ze Bevöl­ke­rung erfas­sen. Die Dimen­si­on der Exten­si­tät spielt heu­te immer dann eine Rol­le, wenn bestimm­te Poli­ti­ken ent­ge­gen dem uni­ver­sel­len Anspruch demo­kra­ti­scher Poli­tik fak­tisch nur bestimm­te Grup­pen betref­fen, so wie etwa die öko­so­zia­lis­ti­sche For­de­rung, für das Kli­ma kei­ne Kin­der zu bekom­men, haupt­säch­lich auf die west­li­che Mit­tel­schicht abzielt.

Wäh­rend die bio­po­li­ti­schen Dimen­sio­nen von Direk­ti­on, Inten­si­tät, Dau­er und Exten­si­tät auf jede Form der Poli­tik seit der Früh­ge­schich­te ange­wandt wer­den kön­nen, kam die Dimen­si­on des Bewußt­seins erst mit der moder­nen Wis­sen­schaft und der Kennt­nis um sozio­bio­lo­gi­sche Tat­be­stän­de auf. Kon­kret mar­kiert sie die Fra­ge, inwie­fern sich Akteu­re dar­über bewußt sind, daß ihre poli­ti­sche Pra­xis immer auch bio­po­li­ti­sche Impli­ka­tio­nen hat, sowie ob sie bei ihrer poli­ti­schen Theo­rie­bil­dung und Ent­schei­dungs­fin­dung sozio­bio­lo­gi­sches Wis­sen reflektieren.

Ange­sichts der gegen­wär­ti­gen Ver­drän­gung des sozio­bio­lo­gi­schen Wis­sens aus allen öffent­li­chen Dis­kur­sen, ange­fan­gen bei Geschlech­ter­fra­gen über Migra­ti­ons­po­li­ti­ken bis hin zur wis­sen­schaft­li­chen For­schung, kann gesagt wer­den, daß die Dimen­si­on des Bewußt­seins ins­be­son­de­re von lin­ken Akteu­ren auf den Null­punkt fixiert wird – auch wenn es hier etwa bei der US-Psy­cho­lo­gin Pai­ge Har­den sowie in den Dis­kur­sen des soge­nann­ten Anti­ras­sis­mus ers­te Ansät­ze zu einer Bewußt­ma­chung der Bio­po­li­tik von links gibt.

Der­weil lau­tet der pau­scha­le Vor­wurf gegen­über jeder The­ma­ti­sie­rung und Poli­ti­sie­rung von Sozio­bio­lo­gie noch immer, des­sen Urhe­ber wür­den an den Natio­nal­so­zia­lis­mus anknüp­fen wol­len. Doch gera­de hier kann das bio­po­li­ti­sche Dimen­sio­nen­mo­dell, und ins­be­son­de­re die Fra­ge des Bewußt­seins, ein ent­schei­den­des Gegen­ar­gu­ment bringen:

Es ist leicht fest­zu­stel­len, daß sowohl die Kom­mu­nis­ten in der Sowjet­union als auch die Natio­nal­so­zia­lis­ten tota­li­tä­re und ver­bre­che­ri­sche For­men der Bio­po­li­tik anwand­ten, indem sie die in ihrem jewei­li­gen Sin­ne zum Feind erklär­ten Per­so­nen­grup­pen mas­sen­haft ermor­de­ten. Dabei unter­schie­den sie sich gera­de in der Fra­ge des bio­po­li­ti­schen Bewußt­seins: Die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Ideo­lo­gie pro­pa­gier­te bewußt den Ras­sen­haß, wäh­rend die sowjet­kom­mu­nis­ti­sche Ideo­lo­gie expli­zit von aller Bio­po­li­tik abs­tra­hier­te und ihre Feind­mar­kie­rung auf rein sozia­le Kate­go­rien fest­leg­te – wel­che, wie wir wis­sen, immer auch sozio­bio­lo­gisch sind.

Das bedeu­tet im Umkehr­schluß, daß wir im 20. Jahr­hun­dert zwei mör­de­ri­sche Sys­te­me vor­fin­den, von denen das eine bewußt tota­li­tä­re Bio­po­li­tik trieb, wäh­rend das ande­re unbe­wußt tota­li­tä­re Bio­po­li­tik trieb. Die Fra­ge des bio­po­li­ti­schen Bewußt­seins kann also an und für sich nicht als Kenn­zei­chen tota­li­tä­rer Poli­tik gel­ten, so daß ein nicht­to­ta­li­tä­res bio­po­li­ti­sches Bewußt­sein denk­bar ist. Die­ses zu ent­wi­ckeln und kon­kre­te poli­tisch-theo­re­ti­sche Ansät­ze her­vor­zu­brin­gen ist eine Auf­ga­be der poli­ti­schen Rech­ten im 21. Jahrhundert.

 

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Kommentare (1)

stoecktecrime

1. April 2023 09:17

Das Thema der Biopolitik kann eigentich sogar noch erweitert angewandt werden auf die Akteure linker Politk selbst. Sie sind im Schnitt mental instabiler, weniger optisch ansprechend und physisch schwächer. Des weiteren setzt sich diese Gruppe zum Großteil aus Frauen und feminineren Männern zusammen, was einen geringeren Testosteronspiegel zur Folge hat. Da aber auch diese Primaten um einen Platz in der sozialen Hierarchie und den damit verbunden Zugang zu nutzbarer Energie konkurrieren müssen, aufgrund der genannten Faktoren jedoch nicht direkt konfrontativ agieren können, nutzen Sie moralisch aufgeladenes, prosoziales Gerede um sich so durch den Anschein einer kooperativen Natur Status zu sichern. Auch das Gerede um Gleichheit und Gerechtigkeit dient letztlich diesem Ziel, weil Sie insgeheim wissen, dass Menschen sich in allen Dingen voneinander teils marginal, teils drastisch unterscheiden und diese Differenzen größtenteils erblich bedingt sind. Setzt man jedoch Umverteilung und Gleichheit durch, reduziert man das Statusgefälle und kann sich so einen höheren Platz in der Primatenhierarchie sichern.