Sezession
1. Mai 2005

Spengler und Toynbee

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession Sonderheft Spengler / Mai 2005

von Ulrich March

Das 20. Jahrhundert erscheint im Abstand weniger Jahre als das problematischste der bisherigen Geschichte. Die menschenverachtenden Willkürregime, die Massenverfolgungen und Massenmorde, die Rebarbarisierung des Krieges besonders bei der Partisanen- und Luftkriegsführung, die brutalen Vertreibungen einschließlich der „ethnischen Säuberungen“ noch in den neunziger Jahren – dies alles spricht der lange gehegten Idee eines ständigen allgemeinen Fortschritts der Menschheit Hohn; zugleich rückten die irreparable Zerstörung lebenswichtiger Ressourcen und die atomare Selbstvernichtung der Menschheit erstmals in den Bereich des Möglichen.
Der Ablauf der Geschichte selbst war es, der alle geschichtsphilosophischen Ansätze in nichts zusammenfallen ließ, die – wie die Aufklärungsphilosophie, der Positivismus oder der Marxismus – von dem unaufhaltsamen Weg des „guten“ Menschen in eine immer schönere Zukunft ausgingen. Alle diese Deutungsmodelle sind vom Sturm der Ereignisse, die sie zu interpretieren wähnten, hinweggefegt worden. Wie hohl klingen heute die menschheitsbeglückenden Verheißungen etwa des französischen Aufklärungsphilosophen Condorcet: „Es kommt der Tag, da die Sonne nur noch auf eine Welt freier Menschen herabscheint, die keinen Herrn anerkennen als die eigene Vernunft. Dann werden Tyrannen und Sklaven, Priester und ihre verdummten Werkzeuge nur noch in der Geschichte und auf der Bühne vorkommen.“
Weitaus besser stehen nach Ablauf dieses katastrophalen Jahrhunderts jene Geschichtsdenker da, die – von Tacitus über Machiavelli bis Gehlen – die Natur des Menschen pessimistischer und damit offenbar realistischer eingeschätzt haben und nicht der Versuchung erlegen sind, Richtung und Ziel des historischen Geschehens präzisieren zu wollen. Wie wohltuend wirkt vor dem Hintergrund zahlloser ideologisch bestimmter Geschichtsdeutungen etwa die Lektüre eines Jacob Burckhardt – nicht obwohl, sondern weil er keine Axiome gelten ließ außer dem historischen Kontinuum selbst.
Besondere Aufmerksamkeit verdienen in diesem Zusammenhang aber auch solche geschichtsphilosophischen Systeme, die erst während des 20. Jahrhunderts entstanden sind. Als die mit Abstand wichtigsten Entwürfe sind hier Oswald Spenglers Der Untergang des Abendlandes und Arnold J. Toynbees A Study of History zu nennen, beide aus der besonders turbulenten Zeit der Weltkriege stammend. Spenglers Werk liegt zwar im wesentlichen bereits 1912 vor, erscheint aber erst nach dem Ersten Weltkrieg, während Toynbee vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg schreibt.
Die epochale Bedeutung beider Werke liegt nicht in der großen Wirkung, die sie ausgeübt haben, nicht einmal vorrangig in ihrer inhaltlichen Aussage, sondern vor allem in dem methodischen Zugriff. Erstmals wird hier nicht nur das progressive Erklärungsmodell, seit der Aufklärung praktisch ein geschichtsphilosophisches Dogma, prinzipiell in Frage gestellt, es wird darüber hinaus die Möglichkeit, die Menschheitsentwicklung im linearen Sinne zu beschreiben, grundsätzlich ausgeschlossen. An die Stelle der linearen tritt bei beiden Autoren die zyklische Geschichtsdeutung, die – im Altertum weit verbreitet – seit der Spätantike keine Rolle mehr gespielt hat, wenn man davon absieht, daß sie außerhalb des engeren Bereichs der Geschichte in der deutschen Klassik, besonders von Hölderlin, und dann vor allem von Nietzsche („Ewige Wiederkehr“) neu belebt worden war.


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