Spengler und Toynbee

pdf der Druckfassung aus Sezession Sonderheft Spengler / Mai 2005

von Ulrich March

Das 20. Jahrhundert erscheint im Abstand weniger Jahre als das problematischste der bisherigen Geschichte. Die menschenverachtenden Willkürregime, die Massenverfolgungen und Massenmorde, die Rebarbarisierung des Krieges besonders bei der Partisanen- und Luftkriegsführung, die brutalen Vertreibungen einschließlich der „ethnischen Säuberungen“ noch in den neunziger Jahren – dies alles spricht der lange gehegten Idee eines ständigen allgemeinen Fortschritts der Menschheit Hohn; zugleich rückten die irreparable Zerstörung lebenswichtiger Ressourcen und die atomare Selbstvernichtung der Menschheit erstmals in den Bereich des Möglichen.

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

Der Ablauf der Geschich­te selbst war es, der alle geschichts­phi­lo­so­phi­schen Ansät­ze in nichts zusam­men­fal­len ließ, die – wie die Auf­klä­rungs­phi­lo­so­phie, der Posi­ti­vis­mus oder der Mar­xis­mus – von dem unauf­halt­sa­men Weg des „guten“ Men­schen in eine immer schö­ne­re Zukunft aus­gin­gen. Alle die­se Deu­tungs­mo­del­le sind vom Sturm der Ereig­nis­se, die sie zu inter­pre­tie­ren wähn­ten, hin­weg­ge­fegt wor­den. Wie hohl klin­gen heu­te die mensch­heits­be­glü­cken­den Ver­hei­ßun­gen etwa des fran­zö­si­schen Auf­klä­rungs­phi­lo­so­phen Cond­or­cet: „Es kommt der Tag, da die Son­ne nur noch auf eine Welt frei­er Men­schen her­ab­scheint, die kei­nen Herrn aner­ken­nen als die eige­ne Ver­nunft. Dann wer­den Tyran­nen und Skla­ven, Pries­ter und ihre ver­dumm­ten Werk­zeu­ge nur noch in der Geschich­te und auf der Büh­ne vorkommen.“
Weit­aus bes­ser ste­hen nach Ablauf die­ses kata­stro­pha­len Jahr­hun­derts jene Geschichts­den­ker da, die – von Taci­tus über Machia­vel­li bis Geh­len – die Natur des Men­schen pes­si­mis­ti­scher und damit offen­bar rea­lis­ti­scher ein­ge­schätzt haben und nicht der Ver­su­chung erle­gen sind, Rich­tung und Ziel des his­to­ri­schen Gesche­hens prä­zi­sie­ren zu wol­len. Wie wohl­tu­end wirkt vor dem Hin­ter­grund zahl­lo­ser ideo­lo­gisch bestimm­ter Geschichts­deu­tun­gen etwa die Lek­tü­re eines Jacob Burck­hardt – nicht obwohl, son­dern weil er kei­ne Axio­me gel­ten ließ außer dem his­to­ri­schen Kon­ti­nu­um selbst.
Beson­de­re Auf­merk­sam­keit ver­die­nen in die­sem Zusam­men­hang aber auch sol­che geschichts­phi­lo­so­phi­schen Sys­te­me, die erst wäh­rend des 20. Jahr­hun­derts ent­stan­den sind. Als die mit Abstand wich­tigs­ten Ent­wür­fe sind hier Oswald Speng­lers Der Unter­gang des Abend­lan­des und Arnold J. Toyn­bees A Stu­dy of Histo­ry zu nen­nen, bei­de aus der beson­ders tur­bu­len­ten Zeit der Welt­krie­ge stam­mend. Speng­lers Werk liegt zwar im wesent­li­chen bereits 1912 vor, erscheint aber erst nach dem Ers­ten Welt­krieg, wäh­rend Toyn­bee vor, wäh­rend und nach dem Zwei­ten Welt­krieg schreibt.
Die epo­cha­le Bedeu­tung bei­der Wer­ke liegt nicht in der gro­ßen Wir­kung, die sie aus­ge­übt haben, nicht ein­mal vor­ran­gig in ihrer inhalt­li­chen Aus­sa­ge, son­dern vor allem in dem metho­di­schen Zugriff. Erst­mals wird hier nicht nur das pro­gres­si­ve Erklä­rungs­mo­dell, seit der Auf­klä­rung prak­tisch ein geschichts­phi­lo­so­phi­sches Dog­ma, prin­zi­pi­ell in Fra­ge gestellt, es wird dar­über hin­aus die Mög­lich­keit, die Mensch­heits­ent­wick­lung im linea­ren Sin­ne zu beschrei­ben, grund­sätz­lich aus­ge­schlos­sen. An die Stel­le der linea­ren tritt bei bei­den Autoren die zykli­sche Geschichts­deu­tung, die – im Alter­tum weit ver­brei­tet – seit der Spät­an­ti­ke kei­ne Rol­le mehr gespielt hat, wenn man davon absieht, daß sie außer­halb des enge­ren Bereichs der Geschich­te in der deut­schen Klas­sik, beson­ders von Höl­der­lin, und dann vor allem von Nietz­sche („Ewi­ge Wie­der­kehr“) neu belebt wor­den war.

Das linea­re Geschichts­mo­dell geht dar­auf zurück, daß nach christ­li­cher Auf­fas­sung alles mensch­li­che Gesche­hen in den gött­li­chen Heils­plan ein­ge­bet­tet ist; es setzt sich daher mit dem Sieg des Chris­ten­tums im west­rö­mi­schen Reich wäh­rend des 4. Jahr­hun­derts all­mäh­lich durch und gewinnt wäh­rend des Mit­tel­al­ters kano­ni­sche Bedeu­tung. Danach hat alle Men­schen­ge­schich­te einen Anfang: den Schöp­fungs­akt Got­tes, und ein Ziel: das Jüngs­te Gericht und das ewi­ge Leben der als gerecht Befun­de­nen im Para­dies. Nicht nur die wesent­li­chen heils­ge­schicht­li­chen Vor­gän­ge, der Sün­den­fall, die Mensch­wer­dung Got­tes und der Erlö­sungs­tod und die erwar­te­te Wie­der­kehr Chris­ti, son­ders alles Gesche­hen über­haupt läßt sich damit im linea­ren Sin­ne inter­pre­tie­ren: Rich­tung und Ziel der Welt­ge­schich­te sind ein­deu­tig definiert.
Es ist das Ver­dienst von Karl Löwith, deut­lich gemacht zu haben, daß nicht nur die mit­tel­al­ter­li­che Geschichts­phi­lo­so­phie, son­dern auch die der Neu­zeit auf die­sem christ­li­chen Heils­dog­ma beruht. In sei­nem bald nach dem Zwei­ten Welt­krieg erschie­ne­nen Buch Welt­ge­schich­te und Heils­ge­sche­hen weist er nach, daß sich alle bis zum Ende des 19. Jahr­hun­derts ent­wi­ckel­ten geschichts­phi­lo­so­phi­schen Sys­te­me von dem heils­ge­schicht­li­chen Grund­mus­ter her­lei­ten, auch wenn sie, wie seit dem 18. Jahr­hun­dert zuneh­mend der Fall, eine aus­ge­spro­chen anti­christ­li­che Ten­denz auf­wei­sen. Beson­ders deut­lich wird dies beim Mar­xis­mus, der genau wie das Chris­ten­tum ein ursprüng­li­ches Para­dies, einen Sün­den­fall – den Über­gang zum Pri­vat­ei­gen­tum –, eine Mensch­heits­er­lö­sung – die Welt­re­vo­lu­ti­on der Arbei­ter­klas­se – und ein frei­lich irdi­sches Para­dies kennt, von den ver­gleich­ba­ren äuße­ren For­men, in denen sich die­ser Glau­be dar­stellt, ganz abge­se­hen (Hel­den- und Mär­ty­rer­ver­eh­rung, Exkom­mu­ni­ka­ti­on“ von Abweich­lern, „hei­li­ge Tex­te“, Pro­zes­sio­nen in Form von Massenaufmärschen).
Die Geschichts­phi­lo­so­phie des 18. und 19. Jahr­hun­derts, wie sich im ein­zel­nen beson­ders bei Vol­taire, Rous­se­au, Cond­or­cet, Her­der oder Hegel zei­gen lie­ße, stellt folg­lich in ihrem Kern die säku­la­ri­sier­te Vari­an­te des christ­li­chen Heils­mo­dells dar – frei­lich mit einem bezeich­nen­den Unter­schied. Hat­te das Chris­ten­tum eine durch­aus rea­lis­ti­sche Vor­stel­lung von der natur­ge­ge­be­nen Schwä­che des Men­schen, sei­ner „Sünd­haf­tig­keit“, so geht man seit der Auf­klä­rung immer mehr zu der Vor­stel­lung über, daß der Mensch von Natur gut ist und daß, schal­tet man die tra­di­tio­nel­len Auto­ri­tä­ten aus, sei­ner per­ma­nen­ten Auf­wärts­ent­wick­lung im äußer­lich-mate­ri­el­len, aber auch im geis­tig-mora­li­schen Sin­ne nichts ent­ge­gen­steht. Die logi­sche Fol­ge ist eine ent­schie­den pro­gres­si­ve Wen­dung des wei­ter­hin line­ar ver­stan­de­nen Geschichts­ab­laufs – der „Fort­schritt“ in allen Lebens­be­rei­chen wird zum Cre­do nicht nur von Lite­ra­ten und Poli­ti­kern, son­dern von brei­ten Bevöl­ke­rungs­schich­ten. Dabei erliegt das auf­stre­ben­de Bür­ger­tum der Fas­zi­na­ti­on des tat­säch­li­chen Fort­schritts, der ja etwa in Wis­sen­schaft und Tech­nik, Medi­zin und Kom­mu­ni­ka­ti­on nicht zu leug­nen ist, und über­trägt die Fort­schritts­idee auch auf den geis­tig-mora­li­schen und den poli­ti­schen Bereich. Das Ziel der säku­la­ren Heils­er­war­tung steht außer Fra­ge: die Mensch­heit wird sich zu immer­lich­te­ren Höhen hinaufentwickeln.

Wie eine Bom­be muß­te hier Speng­lers The­se ein­schla­gen, daß es eine Mensch­heit in die­sem Sin­ne gar nicht gebe („Kennt­nis auch nur der all­ge­meins­ten Geschich­te die­ser Welt ist für alle Zei­ten unmög­lich“), daß sich viel­mehr jeweils unter­ein­an­der nicht ver­bun­de­ne Kul­tur­krei­se ent­wi­ckel­ten, und zwar nach der Art orga­ni­scher Wesen, daß jeder die­ser Kul­tur­krei­se eine Früh­zeit, eine Zeit höchs­ter Blü­te und eine Spät­zeit habe, nach etwa ein­tau­send­jäh­ri­ger Dau­er aber unwi­der­ruf­lich zugrun­de gehe. Die abend­län­di­sche Kul­tur, so schließt Speng­ler aus der ver­glei­chen­den Betrach­tung „gleich­zei­ti­ger“ Pha­sen ande­rer Kul­tu­ren, wird die­ses Schick­sal ab Beginn des drit­ten Jahr­tau­sends erlei­den, um dann wie alle ande­ren in die Pha­se der „Zivi­li­sa­ti­on“ über­zu­ge­hen. In die­ser Zeit zäh­len nur noch funk­tio­na­le Intel­li­genz, Tech­nik und Geld, wäh­rend alle pro­duk­ti­ven Kräf­te des Lebens – Kunst, Kul­tur im enge­ren Sin­ne und jede eigen­stän­di­ge schöp­fe­ri­sche Leis­tung – erlo­schen sind.
Alle Kul­tu­ren durch­lau­fen nach Speng­ler einen Früh­ling (in der anti­ken Kul­tur die Zeit zwi­schen Homer und Hesi­od, in der abend­län­di­schen die ger­ma­ni­sche Früh­zeit und das Hoch­mit­tel­al­ter), einen Som­mer (Vor­so­kra­ti­ker, Pytha­go­rä­er – Refor­ma­ti­on, car­te­sia­ni­sches Zeit­al­ter), einen Herbst (Sophis­ten, Pla­to, Aris­to­te­les – Auf­klä­rung, Goe­the, Hegel) und einen Win­ter (Hel­le­nis­mus, Stoi­zis­mus – Dar­win, Marx, Nietz­sche). Dabei bil­den sie wäh­rend der jeweils par­al­le­len Epo­chen in Kunst, Wis­sen­schaft und Poli­tik ver­wand­te, gleich­wohl kul­tur­spe­zi­fi­sche For­men, Inhal­te und Abläu­fe aus (zum Bei­spiel Dorik „gleich­zei­tig“ mit Gotik, grie­chi­sche Geo­me­trie mit moder­ner Infi­ni­te­si­mal­ma­the­ma­tik, Stoi­zis­mus mit Sozia­lis­mus). Nach dem „Kli­mak­te­ri­um“ der jewei­li­gen Kul­tur folgt jedoch unver­meid­bar das Zeit­al­ter des kul­tur­lo­sen Fel­la­chen­tums, der „Ple­be­je­r­mo­ral“ und des Nihi­lis­mus: „Sie pre­di­gen das Evan­ge­li­um der Mensch­lich­keit, aber es ist die Mensch­lich­keit des intel­li­gen­ten Stadt­men­schen … der die Kul­tur satt hat, des­sen rei­ne, näm­lich see­len­lo­se Ver­nunft nach einer Erlö­sung von ihr und ihrer gebie­ten­den Form sucht … Die Her­auf­kunft des Nihi­lis­mus … ist kei­ner der gro­ßen Kul­tu­ren fremd. Sie gehört mit inners­ter Not­wen­dig­keit zum Aus­gang die­ser unzäh­li­gen Organismen.“
Auch bei Toyn­bee tritt an die Stel­le der linea­ren Geschichts­be­trach­tung die zykli­sche. A Stu­dy of Histo­ry stellt den Wer­de­gang von 21 Kul­tu­ren dar, die alle ihre Geburt, ihr Wachs­tum, ihren Nie­der­gang und ihren Zer­fall erle­ben. Die Ent­ste­hung einer Kul­tur voll­zieht sich dabei stets nach dem Prin­zip von chal­len­ge and respon­se: Für eine grö­ße­re Men­schen­grup­pe ergibt sich eine beson­de­re Her­aus­for­de­rung äuße­rer Natur, der man in schöp­fe­ri­scher Wei­se begeg­net, wodurch die Kräf­te geweckt wer­den, die dann in der Fol­ge­zeit den Gang der betref­fen­den Kul­tur bestim­men. So besteht die Her­aus­for­de­rung, die zur Ent­ste­hung der ägyp­ti­schen Kul­tur führt, in der jähr­li­chen Nil­schwem­me, die nicht nur eine leis­tungs­fä­hi­ge Land­wirt­schaft und einen ent­spre­chen­den Han­del her­vor­bringt, son­dern im Zusam­men­hang mit der Bewäl­ti­gung der sich all­jähr­lich stel­len­den Auf­ga­ben auch die Ent­wick­lung der Schrift, der Wis­sen­schaft (Geo­me­trie, Astro­no­mie), der Admi­nis­tra­ti­on und der Staats­or­ga­ni­sa­ti­on anstößt. In glei­cher Wei­se bil­det nach Toyn­bee die Wei­te des Mee­res um die Insel Kre­ta die Her­aus­for­de­rung für die Ent­wick­lung der minoi­schen Kul­tur (als Fol­ge Ent­ste­hung von Flot­te, Han­del und Kul­tur­aus­tausch), wäh­rend die Geburt der grie­chi­schen Kul­tur mit den außer­or­dent­lich unfrucht­ba­ren Böden Atti­kas zusam­men­hängt, auf denen nur die Oli­ve gedeiht; wegen der ein­sei­ti­gen land­wirt­schaft­li­chen Pro­duk­ti­on wer­den Hand­wer­ker, in ers­ter Linie Töp­fer, und Händ­ler für den Ver­trieb des Oli­ven­öls benö­tigt, so daß sich schließ­lich eine Sied­lung mit Fern­han­del und Flot­te, die Polis Athen, bildet.

Die ein­zel­nen Kul­tu­ren ent­wi­ckeln sich bei Toyn­bee nicht so iso­liert von­ein­an­der wie bei Speng­ler, viel­mehr gibt es man­nig­fa­che Bezie­hun­gen zwi­schen ihnen, auch Mut­ter- und Toch­ter­kul­tu­ren. Wie Speng­ler geht jedoch auch Toyn­bee von der Par­al­le­li­tät bestimm­ter inner­lich ver­wand­ter Ent­wick­lungs­pha­sen aus. So fällt jeweils in die Epo­che des Nie­der­gangs eine „Zeit der Wir­ren“, in die des Zer­falls das „Zeit­al­ter der Groß­staa­ten“. Auch Toyn­bees Kul­tu­ren, die er „Gesell­schafts­kör­per“ nennt, enden in Ste­ri­li­tät, wenn­gleich die­se sich nicht so extrem dar­stellt wie bei Speng­ler: „Ein Ver­sa­gen der schöp­fe­ri­schen Kraft in der Min­der­heit, als Ant­wort dar­auf ein Rück­gang der Nach­ah­mung auf sei­ten der Mehr­heit und ein sich dar­aus erge­ben­der Ver­lust der sozia­len Ein­heit im Gesell­schafts­kör­per als gan­zem.“ Schließ­lich wird das Pro­le­ta­ri­at ton­an­ge­bend – auch das „inne­re Pro­le­ta­ri­at“, das sich durch­aus mit dem Besitz mate­ri­el­ler Güter ver­trägt: „Der wah­re Stem­pel des Pro­le­ta­rier­tums ist weder Armut noch nied­ri­ge Geburt, son­dern das Bewußt­sein … sei­nes Plat­zes in der Gesell­schaft beraubt … zu sein sowie das Res­sen­ti­ment, das die­ses Bewußt­sein einflößt.“
Betrach­tet man aus dem kri­ti­schen Abstand, den die seit­her ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te gestat­ten, die bei­den geschichts­phi­lo­so­phi­schen Wer­ke unter for­ma­len, inhalt­li­chen und metho­do­lo­gi­schen Gesichts­punk­ten, so wird zunächst, wie nicht anders zu erwar­ten, eine gewis­se Zeit­ge­bun­den­heit der Autoren deut­lich Toyn­bee pole­mi­siert wie­der­holt gegen „Mili­ta­ris­mus“ und „Ras­sis­mus“ und ver­weist damit auf die Ent­ste­hungs­zeit sei­nes Buches, übri­gens auch dadurch, daß er dem Bri­tish Com­mon­wealth noch einen hohen Stel­len­wert bei­mißt. Speng­ler ver­wen­det unbe­fan­gen und mit auf­fal­len­der Häu­fig­keit Begrif­fe wie „Ras­se“ oder „Blut“ und gibt sich damit eben­so als Kind sei­ner Zeit zu erken­nen wie durch die apo­dik­tisch-undif­fe­ren­zier­te Art der Dar­stel­lung und den unbe­küm­mer­ten Anspruch auf All­ge­mein­gül­tig­keit, der mög­li­chen Wider­spruch gar nicht in Erwä­gung zieht. Mit gro­ßem Ges­tus wen­det er sich gegen man­che geis­tig- poli­ti­schen Vor­stel­lun­gen sei­ner Epo­che, aber er tut es – wie Nietz­sche – im Stil der Epo­che. Sei­nen Kri­ti­kern begeg­net er mit blan­ker Ver­ach­tung, wäh­rend Toyn­bee bereits im Vor­feld sei­ner Ver­öf­fent­li­chung mit Spe­zia­lis­ten und Fach­his­to­ri­kern über bestimm­te Pas­sa­gen sei­nes Werks kor­re­spon­diert hat und sich damit bes­ser absicherte.
Bei­de Wer­ke sind unge­ach­tet ihrer gro­ßen Ver­kaufs­er­fol­ge auch auf inhalt­li­chen Wider­spruch gesto­ßen, nicht nur von sei­ten der Fach­welt. Bei der grund­le­gen­den Kon­zep­ti­on, dem Umfang und der Viel­falt der behan­del­ten Gegen­stän­de und dem jeweils erho­be­nen Anspruch erscheint das nicht eben ver­wun­der­lich. Auf Wider­spruch stieß vor allem der tie­fe Pes­si­mis­mus, mit dem bei­de Autoren die Kul­tur­ent­wick­lung betrach­ten. Zu Beginn des drit­ten Jahr­tau­sends läßt sich nun aller­dings kaum mehr über­se­hen, daß sich die abend­län­di­sche Kul­tur der­zeit nicht eben beein­dru­ckend dar­stellt. Qua­li­tät und Dich­te der künst­le­risch-lite­ra­ri­schen Leis­tun­gen in Euro­pa sind seit der Zeit Speng­lers, die ja noch den Sym­bo­lis­mus und den Expres­sio­nis­mus her­vor­ge­bracht hat, erheb­lich zurück­ge­gan­gen, von den vor­an­ge­hen­den kunst­ge­schicht­li­chen Epo­chen ganz zu schwei­gen. Was Toyn­bee über die gesell­schaft­li­che Spal­tung, das inne­re Pro­le­ta­rier­tum und des­sen Res­sen­ti­ment gegen­über bes­ser aus­ge­stat­te­ten Mit­bür­gern sagt, über die Bedeu­tung des Nei­des in der Gesell­schaft also, erscheint bei kri­ti­scher Betrach­tung unse­rer gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se eben­falls wohl­be­grün­det. Schließ­lich kommt man nach der Ent­wick­lung der letz­ten Jahr­zehn­te gar nicht umhin, der Vor­stel­lung Speng­lers vom „Kli­mak­te­ri­um“, das er aus­drück­lich auch im demo­gra­phi­schen Sinn ver­steht, zumin­dest in die­sem Punkt voll zuzustimmen.

Begrün­de­ter scheint die Kri­tik, die sich gegen die pos­tu­lier­te All­ge­mein­gül­tig­keit, die Qua­si-Natur­ge­setz­mä­ßig­keit rich­tet, die bei­de Autoren für ihre Theo­rien in Anspruch neh­men. Es fällt tat­säch­lich schwer zu glau­ben und ist nach allen Erfah­run­gen in ande­ren Lebens­be­rei­chen unwahr­schein­lich, daß sich zeit­lich und räum­lich sehr weit von­ein­an­der ent­fern­te Kul­tu­ren in allen ihren Pha­sen so frap­pie­rend ähn­lich, wie behaup­tet, ent­wi­ckelt haben sol­len. Wenn, um je ein Bei­spiel anzu­füh­ren, Toyn­bee auf der All­ge­mein­gül­tig­keit des Prin­zips von chal­len­ge and respon­se beharrt, Speng­ler die abso­lu­te Iso­la­ti­on der jewei­li­gen Ein­zel­kul­tu­ren als unan­tast­ba­ren Grund­satz sei­nes Sys­tems ansieht, so wider­spricht sol­cher Rigo­ris­mus nicht nur aller Lebens­er­fah­rung, son­dern läßt sich auch mit dem Stand der heu­ti­gen For­schung nicht in Ein­klang bringen.
Damit erhebt sich die Fra­ge nach dem Zusam­men­hang zwi­schen inhalt­li­cher Aus­sa­ge und metho­di­schem Ansatz. Könn­te es sein, daß der epo­cha­le, aber schlag­ar­tig-unver­mit­tel­te Über­gang von der linea­ren zur zykli­schen Geschichts­be­trach­tung von gewis­sen Irri­ta­tio­nen und Trü­bun­gen beglei­tet gewe­sen ist, die sich erst im wei­te­ren Ver­lauf der geschichts­phi­lo­so­phi­schen Ent­wick­lung wie­der ver­lo­ren haben oder ver­lie­ren wer­den. Es wäre nicht das ers­te Mal, daß ein ein­schnei­den­der Para­dig­men­wech­sel nicht sofort, son­dern erst im Lau­fe der Zeit zu über­zeu­gen­den Resul­ta­ten geführt hat. So hat es nach der „koper­ni­ka­ni­schen Wen­de“ noch lan­ge gedau­ert, bis sich die Astro­no­mie und die Phy­sik zu Wis­sen­schaf­ten im heu­ti­gen Sin­ne ent­wi­ckel­ten. Auch die Geo­gra­phie, die Che­mie und die Medi­zin stan­den wäh­rend der Renais­sance und auch noch danach viel­fach im Ban­ne von Vor­stel­lun­gen, die mit sach­li­cher For­schung wenig zu tun hat­ten, wohl aber geeig­net waren, den jewei­li­gen Gegen­stand zu ver­zeich­nen. Es erscheint durch­aus denk­bar, daß auch die ers­ten Ver­tre­ter einer zykli­schen Geschichts­phi­lo­so­phie in ihrem ver­ständ­li­chen Bemü­hen, das abso­lut unhalt­bar gewor­de­ne pro­gres­siv-linea­re Modell durch ein trag­fä­hi­ge­res zu erset­zen, in einen zu ange­streng­ten Ges­tus ver­fie­len und – mög­li­cher­wei­se noch unter dem Ein­druck der gera­de damals gro­ße Tri­um­phe fei­ern­den Natur­wis­sen­schaf­ten – die ein­zel­nen Kul­tu­ren als all­zu geschlos­se­ne Regel­sys­te­me inter­pre­tiert haben.
Gera­de das 20. Jahr­hun­dert, das Speng­ler nur zu einem Drit­tel, Toyn­bee zu drei Vier­teln erlebt hat, bie­tet reich­lich Anschau­ungs­ma­te­ri­al dafür, daß Geschich­te bloß teil­wei­se als sinn­vol­les Sys­tem von Kau­sal­ket­ten und logisch begrün­de­ten Abläu­fen inter­pre­tiert wer­den kann, daß es dane­ben auch viel anschei­nend Sinn­lo­ses, Ord­nungs- und Struk­tur­lo­ses gibt, das sich dem ratio­na­len Zugriff ent­zieht. Trotz aller tech­nisch-gesell­schaft­li­chen Zwän­ge des Mas­sen­zeit­al­ters behaup­tet sich nach wie vor die mensch­li­che Frei­heit als geschichts­wirk­sa­mes Phä­no­men: Nicht nur über­in­di­vi­du­el­le Zwangs­läu­fig­kei­ten, son­dern auch die bewuß­te Ein­zel­ent­schei­dung und der per­sön­li­che Gestal­tungs­wil­le beein­flus­sen den Gang der Ereig­nis­se. Eine sehr wich­ti­ge, häu­fig unter­schätz­te Rol­le spielt fer­ner, etwa bei mili­tä­ri­schen Ent­schei­dun­gen oder in der Bio­gra­phie han­deln­der Per­so­nen, der schlich­te Zufall, fer­ner kol­lek­ti­ve Psy­cho­sen, Seu­chen wie Pest oder Aids, Natur­ka­ta­stro­phen, Epi­de­mien, Kli­ma- und Umwelt­ver­än­de­run­gen. Dies alles, wie­wohl von erheb­li­cher Bedeu­tung für his­to­ri­sche Abläu­fe, läßt sich ent­we­der gar nicht oder nur teil­wei­se in ein geschlos­se­nes Sys­tem inte­grie­ren; man­che die­ser Erschei­nun­gen ent­zie­hen sich einer befrie­di­gen­den logi­schen Durch­drin­gung überhaupt.

Der Unter­gang des Abend­lan­des und A Stu­dy of Histo­ry haben das unbe­strit­te­ne Ver­dienst, die Geschichts­phi­lo­so­phie aus der Sack­gas­se geführt zu haben, in die sie sich durch die bewuß­te oder unbe­wuß­te Bin­dung an die christ­li­che Heils­ge­schich­te und vor allem durch die weit­ge­hen­de, im Nach­hin­ein gera­de­zu pein­lich oder jeden­falls unver­ständ­lich wir­ken­de Unter­wer­fung unter das Fort­schritts­dog­ma manö­vriert hat­te. Hin­sicht­lich Form, Inhalt und Metho­dik bei­der Neu­an­sät­ze sind jedoch aus heu­ti­ger Sicht Abstri­che zu machen. Die Autoren nei­gen in wesent­li­chen Punk­ten zu einem von der Sache nicht zwin­gend gebo­te­nen Rigo­ris­mus, der zwar die jewei­li­gen geschichts­phi­lo­so­phi­schen Sys­te­me als in sich geschlos­sen erschei­nen läßt, aber viel­fach über das Ziel hin­aus­schießt. Die pol­terndd­röh­nen­de Spra­che, die selbst­ge­fäl­li­ge, arro­gant wir­ken­de Atti­tü­de, mit der Speng­ler sein Ideen­gut vor­trägt, sind heu­te nur schwer zu verdauen.
Bei­de Geschichts­den­ker, Speng­ler in radi­ka­ler, Toyn­bee in mode­ra­te­rer Wei­se, nei­gen dazu, nach Form und Inhalt zu über­zie­hen und dadurch ihre frucht­ba­ren, gut begrün­de­ten und vor allem drin­gend erfor­der­li­chen Neu­an­sät­ze unnö­tig zu belas­ten. Streng­ge­nom­men haben sie ledig­lich eine simp­le geo­me­tri­sche Figur – die auf­stei­gen­de Gera­de – durch eine ande­re, eben­so simp­le – den Kreis – ersetzt. Geschich­te ist komplizierter.

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