Günter Maschke – ein Leben

PDF der Druckfassung aus Sezession 109/ August 2022

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

 

Janu­ar 1943: Geburt in Erfurt; der Vater fällt im Folgejahr.

1947 Adop­ti­on durch den Bad Sulz­aer Tex­til­fa­bri­kan­ten Wal­ter Maschke und des­sen Frau Meta, 1949 Über­sie­de­lung der Fami­lie nach Trier in der dama­li­gen fran­zö­si­schen Besatzungszone.

 

 

»Revo­lu­ti­on und Kon­ter­re­vo­lu­ti­on sind The­men sei­ner wis­sen­schaft­li­chen Arbei­ten geblie­ben – und der Welt­bür­ger­krieg, der seit zwei­hun­dert Jah­ren zwi­schen ihnen herrscht. […] Nun kann aller­dings, wer im Janu­ar 1943 zur Welt kam, die Welt nun ein­mal kaum anders den­ken denn als Kriegszustand.«

Lorenz Jäger: »Gelehr­ter ohne Amt. Kriegs­theo­rie: Zum sech­zigs­ten Geburts­tag von Gün­ter Maschke«, in: Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zeitung
vom 15. Janu­ar 2003, S. 35.

 

1959 – 1962: Kauf­manns­leh­re in der Trie­rer Filia­le der Nürn­ber­ger Lebens­ver­si­che­rung gegen­über vom Karl-Marx-Haus.

 

1960: Ein­tritt in die DDR-finan­zier­te ­Deut­sche Frie­dens-Uni­on sowie in die ille­ga­le KPD. Maschke bewegt sich in alter­na­tiv-avant­gar­dis­ti­schen Denk­er­krei­sen rund um die »Stutt­gar­ter Grup­pe« des Phi­lo­so­phen Max Bense.

 

1964 / 65: Als Gast­hö­rer der Uni­ver­si­tät Tübin­gen enga­giert sich Maschke im SDS sowie beim Tübin­ger Able­ger der »Sub­ver­si­ven Akti­on«. Im Mai 1964 wird durch den Auf­ruf, revo­lu­ti­ons­be­rei­te Stu­den­ten mögen sich pos­ta­lisch an die Pri­vat­adres­se von Ador­no wen­den, sowie des­sen dar­auf­fol­gen­de Straf­an­zei­ge die Hand­lungs­un­wil­lig­keit des Kri­ti­schen Theo­re­ti­kers ange­pran­gert; für im Sep­tem­ber des Jah­res anläß­lich des Stutt­gar­ter Katho­li­ken­tags ver­kleb­te Pla­ka­te wer­den Maschke und der Publi­zist Frank Böckel­mann fest­ge­nom­men und zu 16.000 DM Scha­den­er­satz verurteilt.

 

1965 – 1966: Nach abge­lehn­ter Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rung wird Maschke von Feld­jä­gern der Trup­pe über­stellt. Anläß­lich einer Dienst­frei­stel­lung zwecks Zeu­gen­aus­sa­ge deser­tiert er über Paris und Zürich nach Wien, schreibt dort für die kom­mu­nis­ti­schen Zei­tun­gen Volks­stim­me und Wie­ner Tagebuch.

 

 

»Mit dem Wort­ra­di­ka­lis­mus in Wien hat man als auf­rech­ter Pief­ke eben Pro­ble­me. Ein Öster­rei­cher ist ein Deut­scher, zwar ohne des­sen Män­gel, aber auch ohne des­sen Vor­zü­ge. Das Wie­ner Talent zur kämp­fe­ri­schen Phra­se, auf die man als Frem­der erst ein­mal her­ein­fällt, hat Leo Trotz­ki […] groß­ar­tig bloßgestellt.«

Gün­ter Maschke: »Ver­rä­ter schla­fen nicht«, Kiel 2011, S. 31.

 

 

9. Okto­ber 1967: Nach Agi­ta­ti­on auf einer Demons­tra­ti­on gegen den Viet­nam­krieg kommt Maschke als »uner­wünsch­ter Aus­län­der« in Haft. Die dro­hen­de Abschie­bung in die BRD ver­zö­gert sich – aller­dings nicht auf­grund der Protest­aktionen der lin­ken Sze­ne Wiens – um drei Wochen, dann bie­tet die kuba­ni­sche Bot­schaft poli­ti­sches Asyl an.

 

1968 / 69: Wäh­rend in Euro­pa die stu­den­ti­sche »Revol­te« offe­ne Türen der bür­ger­li­chen Poli­tik ein­rennt, schlägt sich Maschke in Kuba als Deutsch­leh­rer durch, ver­kehrt in Cas­tro-skep­ti­schen Lite­ra­ten­krei­sen, wird zum Ärger­nis für die Macht­ha­ber und zur Zucker­rohr­ern­te abge­stellt. Schließ­lich erfolgt die Abschie­bung nach Spa­ni­en, von wo aus er in die BRD zurück­reist und nach Grenz­über­tritt aus dem Zug her­aus ver­haf­tet wird.

 

Ende 1969 bis Ende 1970: Maschke sitzt wegen Fah­nen­flucht 13 Mona­te lang in Lands­berg am Lech ein, näht im Rah­men der Häft­lings­ar­beit Leder­fuß­bäl­le und ver­sieht die Gefäng­nis­bi­blio­thek mit den Klas­si­kern der Kri­ti­schen Theorie.

 

1971: Als 506. Band der edi­ti­on suhr­kamp erscheint, über­setzt und mit Nach­wort von ­Gün­ter Maschke, der Gedicht­band sei­nes kuba­ni­schen Freun­des Heber­to Padil­la, Außer­halb des Spiels. Der in einem Stück ver­ball­horn­te Jür­gen Haber­mas droht Suhr­kamp-Chef Sieg­fried Unseld mit Ver­lags­boy­kott, wor­auf­hin die­ser Nach­dru­cke unter­sagt, die Restauf­lage aber ver­ram­schen läßt und so für größt­mög­li­che Ver­brei­tung sorgt.

 

 

»Wir sahen den Nie­der­gang der Parlamente
und den geflick­ten Arsch des Liberalismus.«

Heber­to Padil­la: »Rede zum Ende des Jahr-
hun­derts« (1968), in: ders.: Außer­halb des Spiels, Frank­furt a. M. 1971.

 

 

1973: Bei S. Fischer in Frank­furt erscheint ­Maschkes Abrech­nung mit den auf der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Lin­ken ver­brei­te­ten Legen­den über die kuba­ni­sche Revo­lu­ti­on, Kri­tik des Gue­ril­le­ro. Zur Theo­rie des Volks­kriegs. Im sel­ben Jahr beginnt eine kurz­zei­ti­ge Autoren­tä­tig­keit für das Kul­tur­res­sort des Hes­si­schen Rund­funks sowie die »fes­te freie« Mit­ar­beit bei der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung, die zwölf Jah­re andau­ern wird.

 

1979: In der Wochen­end­aus­ga­be vom 24. /
25. März der Süd­deut­schen Zei­tung bespricht Maschke das im Vor­jahr erschie­ne­ne Buch Ten­denz­wen­de für Fort­ge­schrit­te­ne von »Armin Moh­ler […], der eigen­wil­ligs­te und intel­lek­tu­ell über­ra­schends­te Spre­cher der natio­nal­kon­ser­va­ti­ven Rech­ten in der Bun­des­re­pu­blik«, was die bei­den ein­an­der zuvor ableh­nend gegen­über­ste­hen­den Män­ner zusam­men­führt und Maschkes Weg nach rechts deut­lich voranbringt.

 

 

»Ich wur­de dann immer kon­ser­va­ti­ver, habe schließ­lich eine theo­re­ti­sche Basis für mei­ne Affekte
gesucht […]. Es gibt nun ein­mal Men­ta­li­tä­ten, wel­che ihre Theo­rien suchen, um ihre Erfah­run­gen inter­pre­tie­ren zu können.«

»›Ich war eigent­lich von Jugend an immer ›dage­gen‹ …‹ Gespräch mit Gün­ter Maschke«, in:
Claus‑M. Wolf­schlag (Hrsg.): Bye-bye ’68 …
Rene­ga­ten der Lin­ken, APO-Abweich­ler und aller­lei Quer­den­ker berich­ten,
Graz / Stutt­gart 1998,
S. 29 – 48, hier S. 42.

 

 

1980: Als Aus­grün­dung des Deut­schen Ärz­te-ver­lags in Köln ent­steht der Hohen­heim Ver­lag, des­sen Pro­gramm zur Hälf­te Gün­ter Maschke im Rah­men sei­ner eige­nen »Edi­ti­on« anver­traut wird. Bereits Ende 1982, nach 19 Büchern, fin­det die Unter­neh­mung ein Ende – die Neu­her­aus­ga­be von Carl Schmitts Levia­than mit einem aus­la­den­den Nach­wort Maschkes hat die Ner­ven der Geld­ge­ber überstrapaziert.

 

1985: Im Sam­mel­band Infe­rio­ri­tät als Staats­rä­son erscheint erst­mals Maschkes ful­mi­nan­ter und mehr­mals nach­ge­druck­ter Auf­satz »Die Ver­schwö­rung der Flakhelfer«.

Schick­sal­haft wird das Jahr aller­dings vor allem auf­grund des Ver­ster­bens von Carl Schmitt: Maschkes Nach­ruf in der FAZ sorgt für einen klei­nen publi­zis­ti­schen Skan­dal, und der obers­te »Ver­fas­sungs­pa­tri­ot« Adolf Stern­ber­ger sieht sich zu einem Gegen­nach­ruf ver­an­laßt, wor­auf­hin Maschke sei­ne Arbeit für die Zei­tung beendet.

 

1987: In der Debüt­aus­ga­be der Buch­zeit­schrift Der Pfahl. Jahr­buch aus dem Nie­mands­land zwi­schen Kunst und Wis­sen­schaft erscheint Maschkes Essay »Ster­ben­der Kon­ser­va­ti­vis­mus und Wie­der­ge­burt der Nati­on« – ursprüng­lich geschrie­ben für die 100. Aus­ga­be von Cri­ticón, doch von die­sem bereits zuneh­mend betu­lich wer­den­den Haus­blatt der kon­ser­va­ti­ven Intel­li­genz letzt­lich als zu scharf abgelehnt.

Die römi­sche Zeit­schrift Behe­mo­th ver­öf­fent­licht auf ita­lie­nisch Maschkes Erle­di­gung der Carl-Schmitt-Kri­tik Jür­gen Haber­mas’, »Sankt Jür­gen und der tri­um­phie­ren­de Dra­che«. Par­al­lel erscheint der Text beim Wie­ner Ver­lag Karo­lin­ger in Der Tod des Carl Schmitt. Apo­lo­gie und Pole­mik (2., durch­ges. u. erw. Ausg. 2012). Der Band begrün­det die 35 Jah­re wäh­ren­de Zusam­men­ar­beit zwi­schen Autor und Verlag.

 

1989: Für den Wein­hei­mer Ver­lag VCH gibt Maschke die Schrif­ten von Juan Dono­so Cor­tés her­aus. Das weg­wei­sen­de Buch wird seit­her in wech­seln­den Ver­la­gen neu aufgelegt.

 

 

»Auch vier­zig Jah­re der Repres­si­on haben nicht genügt, sol­che Ideen zum Ver­schwin­den zu brin­gen. Bei Ideen hilft nicht ver­bie­ten, son­dern nur widerlegen.«

Peter Glotz: Die deut­sche Rech­te. Eine Streit-
schrift,
Stutt­gart 1989, S. 39.

 

 

1990: Maschke nimmt für eine zwei­jäh­ri­ge Lehr­tä­tig­keit als Dozent für Kriegs­ge­schich­te den Ruf an die Hoch­schu­le der perua­ni­schen Mari­ne in La Pun­ta an.

 

1993: In der legen­dä­ren Fest­schrift Poli­ti­sche Lage­analyse zum 70. Geburts­tag des Poli­tik­wis­sen­schaft­lers Hans-Joa­chim Arndt erscheint Maschkes his­to­risch-stra­te­gi­sche Stu­die »Das bewaff­ne­te Wort« über die perua­ni­sche Guerilla­gruppe »Sen­de­ro Luminoso«.

 

1995: Bei Carl Schmitts lang­jäh­ri­gem »Haus­ver­lag« Dun­cker & Hum­blot in Ber­lin erscheint Maschkes ers­ter Sam­mel­band the­ma­tisch geord­ne­ter und akri­bisch kom­men­tier­ter Schmitt-Schrif­ten, Staat, Groß­raum, Nomos. Arbei­ten aus den Jah­ren 19161969. Zehn Jah­re spä­ter folgt ihm Frie­den oder Pazi­fis­mus? Arbei­ten zum Völ­ker­recht und zur inter­na­tio­na­len Poli­tik 1924 – 1978.

 

1997: Bei Karo­lin­ger erscheint Maschkes – neben Der Tod des Carl Schmitt – ein­zi­ge Werk­schau: Das bewaff­ne­te Wort. Auf­sät­ze aus den Jah­ren 1973 – 93.

 

1998: Zum Jah­res­en­de wird im Namen der Ex-SDS-Ange­hö­ri­gen Horst Mahler, Rein­hold Ober­ler­cher und Gün­ter Maschke eine »Kano­ni­sche Erklä­rung zur Bewe­gung von 1968« ver­öf­fent­licht, die in Anknüp­fung an einen Streit in neu­lin­ken wie ‑rech­ten Krei­sen die west­deut­sche Stu­den­ten­be­we­gung in eine natio­nal­re­vo­lu­tio­nä­re Tra­di­ti­on ein­zu­rei­hen ver­sucht. Spä­te­ren Aus­sa­gen Maschkes zufol­ge war die »Erklä­rung« ein­zig Ober­ler­chers Werk; sein Name sei unge­fragt hin­zu­ge­fügt worden.

 

 

»Die 68er Bewe­gung steht nicht für die Ame­ri­ka­ni­sie­rung der Welt, nicht für die Zer­stö­rung der Völ­ker und der Fami­li­en durch Kom­mer­zia­li­sie­rung von allem und jedem, nicht für die Aus­brei­tung von Job-Men­ta­li­tät, schlech­ter Musik, Por­no­gra­phie, Rausch­gift, Kapi­tal, Ver­bre­chen und Kapi­tal­ver­bre­chen – sie steht für das Gegenteil.«

Horst Mahler, Gün­ter Maschke, Rein­hold Ober­ler­cher: »Kano­ni­sche Erklä­rung zur Bewe­gung von 1968«, in: Staats­brie­fe 1 / 1999, S. 16.

 

 

Novem­ber 2008: Nicht etwa in Deutsch­land, son­dern im spa­ni­schen Mur­cia erscheint als Son­der­aus­ga­be des poli­tik­wis­sen­schaft­li­chen Peri­odi­kums Empre­sas Polí­ti­cas, an dem Maschke mit­ar­bei­tet, eine Fest­schrift zu des­sen 65. Geburts­tag. Freun­de und Weg­ge­fähr­ten – vom Schmitt-Ver­trau­ten Gerd Gies­ler über den Kul­tur­jour­na­lis­ten Ste­fan Dor­nuf bis hin zum His­to­ri­ker Ernst Nol­te – zele­brie­ren auf mehr als 350 Sei­ten das Werk des Jubilars.

 

 

»Auf­grund sei­nes Inter­es­ses für spa­ni­sche poli­ti­sche Den­ker wie Ála­mos de Bar­ri­ent­os, Saa­ve­dra Fajar­do, Dono­so Cor­tés, Con­de und Fueyo ist Maschke in ­Spa­ni­en zu einer Refe­renz­per­son geworden.«

Fabi­an Altem­öl­ler: Die spa­ni­sche extre­me Rechte
zwi­schen Meta­po­li­tik und Poli­tik. Eine Ana­ly­se der
Situ­ie­rung der Nue­va Derecha und der Adap­ti­on der Nou­vel­le Droi­te,
Ber­lin u. Müns­ter 2017, S. 282.

 

2011: Im Kie­ler Regin-Ver­lag erscheint ein Lang­interview mit Maschke als vor­zei­ti­ge Lebens­bi­lanz, »Ver­rä­ter schla­fen nicht«, sowie bei Dun­cker & Hum­blot der von Maschke her­aus­ge­ge­be­ne und kom­men­tier­te Schmitt-Auf­satz Staats­ge­fü­ge und Zusam­men­bruch des zwei­ten Rei­ches. Der Sieg des Bür­gers über den Soldaten.

 

7. Febru­ar 2022: Drei Wochen nach sei­nem 79. Geburts­tag stirbt Gün­ter Maschke in Frank­furt am Main. Eine in der FAZ geschal­te­te Trau­er­an­zei­ge mit Unter­zeich­nern von Alain de ­Benoist über Erik Leh­nert und Frank Böckel­mann bis Mar­tin Mose­bach sorgt bei der Süd­deut­schen Zei­tung für Panik vor »alten und neu­en Netz­wer­ken, in Trau­er vereint«.

 

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

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