900 Jahre Wormser Konkordat

von Stefan Scheil -- PDF der Druckfassung aus Sezession 109/ August 2022

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In Rom war man zufrie­den und griff zu einem plas­ti­schen Bild. Damit die Öffent­lich­keit den gewünsch­ten Ein­druck vom bedeu­tungs­vol­len Gesche­hen des Jah­res 1122 bekä­me, gab der Vati­kan ein Mosa­ik in Auf­trag. Es wur­de im Late­r­an­pa­last aus­ge­führt und zeig­te Kai­ser Hein­rich V., wie er Papst Calixt II. die Urkun­de über sei­nen Ver­zicht auf das wei­te­re Recht zur Inves­ti­tur von Bischö­fen als Reichs­fürs­ten übergab.

Man begnüg­te sich im Mosa­ik nicht mit dem sym­bo­li­schen Bild einer Urkun­de. Sie wur­de als les­ba­rer Text gestal­tet. Auf die­se Art wür­dig­te der Papst das, was heut­zu­ta­ge als Ende des Inves­ti­tur­streits durch das »Worm­ser Kon­kor­dat« bekannt ist: einen Urkun­den­aus­tausch zwi­schen welt­li­cher und geist­li­cher Macht auf einer nicht genau loka­li­sier­ba­ren Wie­se vor den Toren der Stadt.

Von der kai­ser­li­chen Gegen­par­tei sind ver­gleich­bar anschau­li­che Dar­stel­lun­gen nicht erhal­ten – jeden­falls kei­ne posi­tiv besetz­ten. Mit dem Inves­ti­tur­streit ver­bin­det sich im popu­lä­ren Gedächt­nis des­halb haupt­säch­lich der »Gang nach Canos­sa« durch Hein­rich IV., 45 Jah­re vor­her, als der im sel­ben Streit vom Papst gebann­te Kai­ser gezwun­gen war, sich im Büßer­ge­wand unter­wür­fig nach Ita­li­en zu bege­ben. Das hat­te Wir­kung hinterlassen.

»Nach Canos­sa gehen wir nicht, weder kör­per­lich noch geis­tig!« rief Deutsch­lands neu­er Kanz­ler Otto von Bis­marck sei­nen katho­li­schen Wider­sa­chern noch wäh­rend des Kul­tur­kampfs im neu­pro­kla­mier­ten deut­schen Kai­ser­reich ent­ge­gen. Er rief es vor dem Reichs­tag im Früh­jahr 1872, recht genau 750 Jah­re nach dem Worm­ser Kon­kor­dat. Der Inves­ti­tur­streit und sein Ende stan­den zu die­ser Zeit sym­bo­lisch für den Ver­fall der könig­lich-kai­ser­li­chen Zen­tral­macht in Deutsch­land. Der poli­ti­sche Katho­li­zis­mus galt unver­än­dert als Gefahr für die Ein­heit und die Sou­ve­rä­ni­tät des Landes.

Damit gehört das »Kon­kor­dat« aller­dings in die Rei­he geschicht­li­cher Vor­gän­ge, denen erst zähe Öffent­lich­keits­ar­beit und der spä­te­re Gang der Din­ge ihren Platz zuge­wie­sen haben. Von einem Kon­kor­dat war zum Zeit­punkt der Aus­stel­lung ohne­hin nicht die Rede, erst der Phi­lo­soph Gott­fried Wil­helm Leib­niz wies der Urkun­de meh­re­re hun­dert Jah­re spä­ter die­se inzwi­schen für wich­ti­ge Abma­chun­gen auf­ge­kom­me­ne Bezeich­nung zu.

Es man­gel­te der zwi­schen­zeit­lich lan­ge ver­schol­le­nen Ori­gi­nal­ur­kun­de des Kon­kor­dats auch an den ansons­ten übli­chen For­ma­li­en von Datie­rung und Bekräf­ti­gung. Mehr noch: »Als recht­set­zen­de Urkun­de war der Ver­trag bereits in der Zeit Fried­rich ­Bar­ba­ros­sas nicht mehr bekannt«, stell­te der Alt­his­to­ri­ker ­Peter Clas­sen lapi­dar fest (»Das Worm­ser Kon­kor­dat in der Ver­fas­sungs­ge­schich­te«, in: Inves­ti­tur­streit und Reichs­ver­fas­sung, Sig­ma­rin­gen 1973). Die Abma­chung erleb­te also Wel­len der Auf­merk­sam­keit und war nur weni­ge Jahr­zehn­te nach ihrem Abschluß erst ein­mal vergessen.

So etwas ist Stoff für zahl­rei­che For­schungs­kon­tro­ver­sen um das Kon­kor­dat. Ent­spre­chend detail­reich ist sei­ne Über­lie­fe­rungs- und Wir­kungs­ge­schich­te. For­mal gese­hen hat­te der Kai­ser auf das Recht der Inves­ti­tur von Bischö­fen »mit Ring und Stab« ver­zich­tet und deren freie Wahl und Wei­he gestat­tet. Das König­tum hat­te aber das Recht, wei­ter bei der Wahl prä­sent zu sein, strit­ti­ge Fäl­le mit­zu­ent­schei­den und dem Gewähl­ten das zu ver­lei­hen, das damals unter ande­rem »Rega­li­en« genannt wur­de, also die tat­säch­li­che Ver­fü­gungs­ge­walt über das Eigen­tum und die mate­ri­el­len Rech­te, die mit sei­ner Bischofs­stel­lung ver­bun­den waren.

Da die Bischö­fe als Reichs­fürs­ten die­se Rega­li­en viel­fach an Lehns­neh­mer wei­ter­ga­ben, blie­ben sie als Geben­de und Neh­men­de in einer Zwi­schen­stel­lung. Auch gab es wei­ter­hin durch­aus die Mög­lich­keit für die welt­li­che Macht, bei Nicht­er­fül­lung der Lehns­pflich­ten sei­tens des Bis­tums die­se Rega­li­en wie­der ein­zu­zie­hen, was in der Fol­ge­zeit immer wie­der mal geschah. Das ließ die Bischofs­wür­de dann de fac­to wert­los werden.

Ob so etwas geschah und durch­ge­setzt wer­den konn­te, hing von der per­sön­li­chen Stel­lung des Königs und Kai­sers ab. Der eben erwähn­te Fried­rich Bar­ba­ros­sa ver­füg­te über die Macht, sich auf die­se Wei­se durch­zu­set­zen, und tat das auch wie­der­holt. Auch des­halb geriet das Kon­kor­dat zu sei­ner Zeit in Ver­ges­sen­heit. Auf dem Reichs­tag in Besan­çon im Okto­ber 1157 ereig­ne­te sich also, »was seit Men­schen­ge­den­ken nicht mehr gesche­hen war«, wie die Chro­nis­ten schrie­ben. Es kamen die Erz­bi­schö­fe von Vien­ne und Lyon, von Valence und Avi­gnon, um Bar­ba­ros­sa den Treu­eid zu leis­ten und ihre Lehen zu emp­fan­gen. Für den Moment gab es das Worm­ser Kon­kor­dat nicht mehr, ganz im Gegen­teil schien der amtie­ren­de Kai­ser den Inves­ti­tur­streit gewon­nen zu haben.

Über die gan­zen Win­dun­gen und Wen­dun­gen in die­ser Geschich­te sind unge­zähl­te Bän­de publi­ziert wor­den. Hat­ten die Autoren bestimm­te poli­ti­sche Anlie­gen, muß­ten sie die his­to­ri­schen Fak­ten stets deut­lich zurecht­schnei­den, um hier die gera­den Lini­en einer Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen geist­li­cher und welt­li­cher Macht zu zie­hen, bei der die eine oder die ande­re Sei­te ein­deu­tig gewon­nen habe. Der Kon­flikt zwi­schen König­tum und Papst blieb ein typisch deut­scher, euro­päi­scher und als sol­cher nicht pau­schal zu lösen­der Streit. Die unter­schied­li­che Art und Wei­se, wie er in den ein­zel­nen Län­dern behan­delt wur­de, gehört dann zur jewei­li­gen Nationalgeschichte.

Aus heu­ti­ger Sicht tut man wohl gut dar­an, die Sache auch aus euro­päi­scher Per­spek­ti­ve zu betrach­ten. Der Inves­ti­tur­streit war kei­ne rein deut­sche Ange­le­gen­heit. Er fand in ganz ähn­li­cher Wei­se und ähn­li­chem Ver­lauf eben­so in Frank­reich und in Eng­land statt. Letzt­lich dürf­te er ein Aus­druck des Bemü­hens der Kir­che gewe­sen sein, sich selbst als geist­li­che Insti­tu­ti­on erns­ter zu neh­men, als dies im frü­hen Mittel­alter der Fall gewe­sen war.

Bischofs­stel­len wur­den zunächst häu­fig mit Lai­en aus dem Hoch­adel besetzt, jeden­falls sehr oft aus prak­ti­schen poli­ti­schen und dynas­ti­schen Erwä­gun­gen her­aus. Das galt als nor­ma­le feu­da­le Herrschafts­praxis und wur­de in Deutsch­land von Otto I. um 962 her­um zu einer Art Sys­tem erho­ben, als sich das ost­frän­ki­sche Reich zu einem deut­schen Reich mit der spe­zi­fi­schen Eigen­schaft einer Wahlmonar­chie von Stam­mes­her­zog­tü­mern aus­bil­de­te. Als »Prae­cep­tor Ger­ma­niae«, infor­mell obers­ter Geist­li­cher im Reich, galt seit die­ser Zeit der Main­zer Bischof und erin­ner­te damit an den aus römi­scher Zeit stam­men­den Germanenbegriff.

Die Kon­kor­dats­ur­kun­de wähl­te einen ­etwas ande­ren Begriff für ihren Gel­tungs­be­reich: »Epis­co­po­rum et abba­tum Teu­to­ni­ci reg­ni, qui ad regnum per­ti­nent«. Es sind die Äbte und die Bischö­fe des Regnum Teu­to­ni­cum, deren Wahl hier gere­gelt wird. Es geht also aus­drück­lich um die inne­ren Ver­hält­nis­se des Deut­schen Reichs. Das mag man­chen erstau­nen, da man ange­sichts einer Lawi­ne heu­ti­ger Behaup­tun­gen glau­ben könn­te, eine expli­zit und bewußt deut­sche Staat­lich­keit habe es vor 1871 nicht gegeben.

Die­se Wort­wahl taucht im Kon­kor­dat auch nicht ein­ma­lig auf, son­dern ist die Kon­se­quenz eines vor­aus­ge­gan­ge­nen jahr­zehn­te­lan­gen Streits zwi­schen Kai­ser und Papst, in dem gera­de letz­te­rer sei­ne Schrif­ten immer wie­der an die Fürs­ten und die Geist­li­chen »im Deut­schen Reich« rich­te­te. In der Fol­ge­zeit wird die­ser Begriff in Urkun­den zwi­schen König und Papst immer wie­der und immer öfter ver­wen­det. Auch hier haben der Inves­ti­tur­streit und sein Abschluß lang­fris­ti­ge Wir­kun­gen hin­ter­las­sen, wenn auch kei­ne abschließenden.

Der Streit zwi­schen deut­scher Zen­tral­ge­walt, den welt­li­chen wie geist­li­chen Reichs­fürs­ten und dem »ultra­mon­ta­nen« päpst­li­chen Katho­li­zis­mus ist ein Dau­er­the­ma der deut­schen Geschich­te geblie­ben. Sei­ne Spu­ren las­sen sich über ein wei­te­res »Worm­ser« Ereig­nis, den dor­ti­gen Reichs­tag mit sei­nen Ver­hand­lun­gen zu Mar­tin Luthers Refor­ma­ti­ons­be­mü­hun­gen, bis zu Bis­marcks Reichs­tags­re­de von 1872 ver­fol­gen. Man­ches spricht dafür, die­se Aus­ein­an­der­set­zung für eine Art natio­na­les Trau­ma zu hal­ten, das dazu bei­getra­gen hat, daß die Deut­schen oft wenig ver­söhnt mit ihrem Staat gewe­sen sind und das Land kein poli­ti­sches Zen­trum aus­bil­den konn­te. Die iko­ni­schen Mosai­ke die­ser Geschich­te kamen eben oft von ande­rer Seite.

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