Der blinde Spiegel – Spenglers unrezipierte Rezeption außerhalb Europas

pdf der Druckfassung aus Sezession Sonderheft Spengler / Mai 2005

von Thomas Kretzschmer

Der Einfluß des spenglerschen Denkens auf die verschiedenen Strömungen, Persönlichkeiten, politischen und kulturellen Ideen vor allem in den USA, aber auch darüber hinaus, wurde bisher nicht umfassend untersucht. Es lassen sich daher nur Schlaglichter auf die Rezeption dieses Denkers werfen, der dem abgedankten deutschen Kaiser schrieb, jeder Einwohner der westlichen Welt werde im geistigen Sinne zukünftig Amerikaner sein, und zugleich unamerikanischer in der Schwere und Melancholie seines Denkens gar nicht sein konnte.

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

Der pro­mi­nen­tes­te Speng­le­ria­ner in den USA ist Hen­ry Kis­sin­ger. In sei­ner Stel­lung als natio­na­ler Sicher­heits­be­ra­ter Richard Nixons und als Außen­mi­nis­ter war er gera­de­zu die Ver­kör­pe­rung des Speng­ler­schen Tat­sa­chen­men­schen. Er wid­me­te Speng­ler in sei­ner volu­mi­nö­sen Abschluß­ar­beit Die Bedeu­tung der Geschich­te ein eige­nes Kapi­tel unter der Über­schrift „Geschich­te als Intui­ti­on“. Sei­ne Betrach­tung bewegt sich im Span­nungs­feld zwi­schen dem Geschichts­de­ter­mi­nis­mus Speng­lers und dem Frei­heits­be­griff von Imma­nu­el Kant. Sei­ne jugend­li­che Begeis­te­rung für Kants poli­ti­sche Schrif­ten hät­te Kis­sin­ger viel­leicht zu Wil­son­schen Ansich­ten von Ame­ri­kas Mis­si­on und Inter­es­sen füh­ren kön­nen, statt des­sen wand­te er sich den Fürs­ten Met­ter­nich und Bis­marck zu – den bei­den größ­ten Prak­ti­kern der Macht­po­li­tik. Daß Kis­sin­ger sich nicht zum Ver­fech­ter der idea­lis­ti­schen Posi­ti­on, wie sie heu­te vor allem von den neo­kon­ser­va­ti­ven Theo­re­ti­kern ver­tre­ten wird, ent­wi­ckelt hat, ver­dankt sich nicht zuletzt einer grund­sätz­lich pes­si­mis­ti­schen Anthro­po­lo­gie, die für alle Ver­tre­ter der rea­lis­ti­schen Schu­le kenn­zeich­nend ist. Prof. Stan­ley Hoff­mann, ein Bekann­ter aus Stu­den­ten­ta­gen, wuß­te zu berich­ten: „Hen­ry schien, in sei­ner Melan­cho­lie, stets mit dem Geist von Speng­ler an sei­ner Sei­te herumzulaufen“.
Auch ande­re ein­fluß­rei­che poli­ti­sche Prak­ti­ker in den USA waren von Speng­ler fas­zi­niert. Geor­ge F. Kennan lern­te Speng­lers Schrif­ten 1926 bei sei­nem Deutsch­land­auf­ent­halt in Ber­lin und Hei­del­berg ken­nen. Paul Nit­ze, der von 1963 bis 1967 an der Spit­ze des Mari­ne­mi­nis­te­ri­ums gestan­den und acht Prä­si­den­ten in ver­schie­de­nen Funk­tio­nen, zuletzt Ronald Rea­gan, gedient hat­te, gab Ende der drei­ßi­ger Jah­re sei­ne Tätig­keit an der Wall Street auf und beschäf­tig­te sich in Har­vard inten­siv mit dem Unter­gang des Abend­lan­des. Speng­ler mach­te gro­ßen Ein­druck vor allem bei poli­ti­schen Rea­lis­ten und tra­di­tio­nel­len Kon­ser­va­ti­ven, die sich schon im Grund­sätz­li­chen vom Opti­mis­mus und Mora­lis­mus der Neo­kon­ser­va­ti­ven unter­schei­den. In einer kri­ti­schen Buch­be­spre­chung des vom neo­kon­ser­va­ti­ven Vor­den­ker Robert Kagan ver­faß­ten Titels Para­di­se and Power im Ame­ri­can Con­ser­va­ti­ve emp­fahl der Rezen­sent dem amtie­ren­den Prä­si­den­ten Bush, er sol­le nach dem Irak­krieg statt den essay­is­ti­schen Schrif­ten sei­ner neo­kon­ser­va­ti­ven Bera­ter zu fol­gen, lie­ber zu den Schrif­ten von Oswald Speng­ler grei­fen. Von Speng­ler kön­ne der Prä­si­dent ler­nen, daß Impe­ria­lis­mus eine Fol­ge­er­schei­nung der kul­tu­rel­len Deka­denz sei und in sei­ner Kon­se­quenz in die Bar­ba­rei füh­re. Daß man aus Speng­lers Aus­füh­run­gen auch ler­nen könn­te, daß der neue Cäsa­ris­mus das zwangs­läu­fi­ge, und daher unab­wend­ba­re, End­sta­di­um einer jeden Zivi­li­sa­ti­on dar­stellt, ver­schweigt der Autor allerdings.

Ins­ge­samt kann der Pes­si­mist Speng­ler kaum die Rol­le des kon­ser­va­ti­ven Vor­den­kers aus­fül­len. Das zeigt auch das Pam­phlet des rechts­kon­ser­va­ti­ven mehr­fa­chen Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten Patrick Buchanan. Buchanans Buch The Death of the West ist schon im Titel an Decli­ne of the West ange­lehnt, die eng­li­sche Über­set­zung von Speng­lers Unter­gang des Abend­lan­des. Anders als Speng­ler kennt Buchanans Abge­sang auf den Wes­ten, der sich durch Gebur­ten­schwund und Mas­sen­ein­wan­de­rung selbst zugrun­de rich­te, aller­dings einen Schul­di­gen, näm­lich die Frank­fur­ter Schu­le und die aus ihr her­vor­ge­gan­ge­ne Neue Lin­ke, deren Prot­ago­nis­ten somit zu Akteu­ren von welt­his­to­ri­schem For­mat auf­ge­bla­sen wer­den. Nichts könn­te dem Kul­tur­pes­si­mis­mus Speng­lers, der für Intel­lek­tu­el­le nur Ver­ach­tung übrig hat­te, fer­ner ste­hen. Den Nie­der­gang als Fatum zu akzep­tie­ren, kann ver­ständ­li­cher­wei­se für die tra­di­tio­nel­le christ­li­che Rech­te der USA kein attrak­ti­ves ideo­lo­gi­sches Fun­da­ment bie­ten. Somit beschränkt sich die Rezep­ti­on ledig­lich auf bestimm­te Ele­men­te der Speng­ler­schen Welt­sicht, ins­be­son­de­re auf die The­se von der kul­tu­rel­len Dege­ne­ra­ti­on des Westens.
Inten­si­ver wur­de Speng­ler aller­dings im Lager der poli­tisch kaum rele­van­ten, extre­men ame­ri­ka­ni­schen Rech­ten stu­diert. Für die­sen Rezep­ti­ons­strang steht wie kein zwei­ter der Name des Juris­ten Fran­cis Par­ker Yockey, der sich selbst als legi­ti­men Nach­fol­ger Speng­lers ansah. Sein kurz nach dem Ende des Zwei­ten Welt­kriegs ver­faß­tes Haupt­werk Impe­ri­um – The Phi­lo­so­phy of Histo­ry and Poli­tics, das er Adolf Hit­ler wid­me­te, folgt der Speng­ler­schen Theo­rie mit­un­ter bis ins Detail und for­dert fol­ge­rich­tig ein gro­ßes euro­päi­sches Impe­ri­um als krö­nen­den Abschluß der abend­län­di­schen Kul­tur­ent­wick­lung. Mit der „euro­päi­schen Revo­lu­ti­on“ von 1933 sei ein ers­ter Schritt in die­se Rich­tung erfolgt. Ein mäch­ti­ges Hin­der­nis auf die­sem sehr spe­zi­fi­schen Weg zur euro­päi­schen Ein­heit sah der Anti­se­mit Yockey vor allem im „Semi­tis­mus“ klei­ner „kul­tur­ent­stel­len­der“ Grup­pen Ruß­lands und Ame­ri­kas, wobei bei­de Län­der ohne die­se „Kul­tur­ver­der­ber“ wohl durch­aus zum abend­län­di­schen Impe­ri­um Yok­keys dazu­ge­hö­ren könn­ten. Die gro­ße kul­tur­pes­si­mis­ti­sche Ver­ach­tung der „Händ­ler“ und des „Wuchers“ lie­ßen Yockey dann auch aus dem Lager der streng anti­kom­mu­nis­ti­schen ame­ri­ka­ni­schen Rech­ten aus­sche­ren und zu einer ver­hal­ten posi­ti­ven Bewer­tung der Sowjet­uni­on gelangen.
Die Über­nah­me der kul­tu­rel­len Deka­denz­the­se ist nicht auf die ame­ri­ka­ni­sche Rezep­ti­on beschränkt. Auch und gera­de außer­halb des Wes­tens wird ein spe­zi­fi­sches Phä­no­men hef­tig kri­ti­siert, das jüngst unter dem Begriff „Okzi­den­ta­lis­mus“ gefaßt wur­de. Damit sind vor allem die klas­si­schen kul­tur­kon­ser­va­ti­ven Res­sen­ti­ments gegen­über der mate­ria­lis­ti­schen und eth­nisch gemisch­ten Groß­stadt, gegen­über der „See­len­lo­sig­keit“ von Auf­klä­rung und Wis­sen­schaft sowie gegen­über dem gesetz­ten Wirt­schafts­bür­ger­tum und der „Gott­lo­sig­keit“ der Moder­ne gemeint. Es han­delt sich bei die­sen Ver­äch­tern des Wes­tens über­wie­gend um urba­ne Intel­lek­tu­el­le, nicht etwa um tra­di­tio­nell leben­de Bau­ern oder Krie­ger. Bin Laden hat­te eine Bau­in­ge­nieur­aus­bil­dung genos­sen, bevor er zum Al Quai­da-Chef auf­stieg und bei den Atten­tä­tern des 11. Sep­tem­ber han­del­te es sich eben­falls um gebil­de­te jun­ge Män­ner und nicht um ara­bi­sche Zie­gen­hir­ten. Eines der bekann­tes­ten Bei­spie­le für die­sen Typus ist sicher der isla­mis­ti­sche Vor­den­ker Said Qutb, der 1948 eine Wei­le in New York leb­te, wo er sich beson­ders über die sexu­el­le Frei­zü­gig­keit und die Israel­freund­lich­keit der Ame­ri­ka­ner erreg­te. Ihren Ursprung haben die­se Res­sen­ti­ments in ihrer intel­lek­tu­el­len Aus­for­mung in Euro­pa, und hier vor allem in Deutsch­land. Die Gegen­gif­te der Auf­klä­rung, die in Euro­pa ent­stan­den, wur­den spä­ter in ande­re Tei­le der Welt expor­tiert. Dort tre­ten sie dem Wes­ten heu­te als ver­meint­lich fremd­ar­ti­ge Phä­no­me­ne entgegen.

Auch im Kon­text des Isla­mis­mus spie­len kul­tur­kon­ser­va­ti­ve deut­sche Phi­lo­so­phen und Schrift­stel­ler eine beson­ders bedeut­sa­me Rol­le. In dem tra­di­tio­nell mit Buch­über­set­zun­gen äußerst spar­sa­men ara­bi­schen Raum gab es immer­hin schon in den zwan­zi­ger Jah­ren Über­set­zun­gen von Ernst Jün­ger. Der Pan­ara­bis­mus der Baath-Par­tei war stark vom eth­ni­schen Natio­na­lis­mus deut­scher Pro­ve­ni­enz beein­flußt. Aller­dings ver­lief die Speng­ler-Rezep­ti­on all­ge­mein recht selek­tiv und ober­fläch­lich. Meist wird die Deka­denz­the­se ledig­lich in bezug auf den Wes­ten über­nom­men. Abdel­haq Laya­da etwa, ein alge­ri­scher Karos­se­rie­schlos­ser, des­sen „Bewaff­ne­te Isla­mi­sche Grup­pe“ (GIA) 1993 vie­le Alge­ri­er aus der Mit­te­lund Ober­schicht töte­te, berief sich in einem Inter­view mit der Zei­tung Al Scha­ha­da im März 1993 auf Speng­ler, da die­ser den „Nie­der­gang des Wes­tens“ bestä­tigt habe. Bei nähe­rer Betrach­tung sind dage­gen Speng­lers Kul­tur­re­la­ti­vis­mus und die Dok­trin des Islam kaum mit­ein­an­der zu ver­ein­ba­ren. Der Mus­lim glaubt, genau wie der Christ, an die Unver­gäng­lich­keit der Hand­lun­gen und Errun­gen­schaf­ten des Men­schen sowie ein fes­tes Ziel des indi­vi­du­el­len und kol­lek­ti­ven Geschichts­ver­lau­fes, den Tag der Auf­er­ste­hung und des Gerich­tes mit all sei­nen geschichts­phi­lo­so­phi­schen Impli­ka­tio­nen. Speng­lers am „Anti­chris­ten“ Nietz­sche ori­en­tier­te fata­lis­ti­sche Sicht des Geschichts­ver­lau­fes könn­te ein gläu­bi­ger Mus­lim nie­mals akzeptieren.
Laya­das Hin­weis auf Speng­ler steht stell­ver­tre­tend für Dut­zen­de ent­spre­chen­de Hin­wei­se auf ein­schlä­gi­gen Web­sites, auch von gemä­ßig­ten Mus­li­men. Im popu­lä­ren Bewußt­sein außer­halb Deutsch­lands und Euro­pas schei­nen Speng­ler und der Nie­der­gang des Wes­tens fast stan­dard­mä­ßig in einen wenn­gleich ober­fläch­li­chen Zusam­men­hang gebracht zu wer­den. In der renom­mier­ten Asia Times etwa schreibt ein Autor unter dem Pseud­onym „Speng­ler“ schon seit Jah­ren sei­ne ätzen­den Betrach­tun­gen zur Welt­po­li­tik, und ins­be­son­de­re zum demo­gra­phi­schen Nie­der­gang Euro­pas nie­der, ohne daß dies auf dem alten Kon­ti­nent ernst­haft rezi­piert würde.
Daß eine unter­schwel­li­ge, nicht klar quan­ti­fi­zier­ba­re Rezep­ti­on der Speng­ler­schen The­sen auch bei einem brei­te­ren ame­ri­ka­ni­schen Publi­kum exis­tiert, wird schon anhand eines Blicks auf die ame­ri­ka­ni­sche Pres­se­land­schaft deut­lich. Am Rand der gro­ßen Debat­ten tre­ten dort bestimm­te Ver­wei­se, Dis­kus­sio­nen und direk­te Bezü­ge auf Speng­ler spo­ra­disch an die Ober­flä­che. Mit der Leser­brief­über­schrift „Speng­ler was right“ reagier­te im Sep­tem­ber 1996 ein Leser des Spec­ta­tor auf eine gegen Speng­ler gerich­te­te Pole­mik mit einer genau­en Dar­le­gung und Rich­tig­stel­lung der von Speng­ler vor­ge­leg­ten Zeit­ta­feln und ihrer Über­ein­stim­mung mit der ein­ge­tre­te­nen Ent­wick­lung. In einem wei­te­ren Leser­brief wur­de die Igno­ranz gegen­über dem Werk Speng­lers ange­pran­gert, der schon in den drei­ßi­ger Jah­ren die heu­ti­ge Situa­ti­on vor­aus­ge­sagt habe. Speng­lers Pro­phe­zei­ung von der Alli­anz der Unter­klas­sen­anar­chie und dem Auf­stand der far­bi­gen Völ­ker sei eine exak­te Vor­weg­nah­me der gegen­wär­ti­gen Bewe­gung für eine anti­ras­sis­ti­sche und mul­ti­kul­tu­rel­le Gesell­schaft. In einem lan­gen Arti­kel der Kan­sas City Post vom 4. Dezem­ber 2004 wird die christ­li­che Apo­ka­lyp­se, die im Ideen­gut der reli­giö­sen Rech­ten einen gro­ßen Stel­len­wert besitzt, in ein Ver­hält­nis gesetzt mit der Gestalt der von Speng­ler beschrie­be­nen Spät­zi­vi­li­sa­ti­on. Der Autor sieht in der Gegen­wart deut­li­che Zei­chen für die Erfül­lung der Speng­ler­schen Prophezeiung.

Der demo­gra­phi­sche Nie­der­gang Euro­pas und das Anwach­sen mus­li­mi­scher Min­der­hei­ten in Euro­pa wer­den, Speng­ler fol­gend, in Ana­lo­gie zur Ent­völ­ke­rung und Neu­be­sied­lung des römi­schen Ter­ri­to­ri­ums in der Spät­an­ti­ke inter­pre­tiert. Nach dem 11. Sep­tem­ber kon­sta­tier­te Oli­ver Ben­nett im New Sta­tes­man, der Pes­si­mis­mus sei zur vor­herr­schen­den geis­ti­gen Grund­hal­tung auf­ge­stie­gen und hät­te die Pro­gres­si­ons­theo­rien der Auf­klä­rung end­gül­tig abge­löst. Die­se geis­ti­ge Depres­si­on habe bereits in den sech­zi­ger Jah­ren ein­ge­setzt und sei­ne wich­tigs­ten Vor­den­ker sei­en Oswald Speng­ler und Sig­mund Freud. Gera­de in aka­de­mi­schen Krei­sen blü­he der intel­lek­tu­el­le Pes­si­mis­mus in Form der post­mo­der­nen Wer­te­kri­tik, der sich zu einer der mäch­tigs­ten Kräf­te des herr­schen­den Zeit­geis­tes auf­ge­schwun­gen habe. Der intel­lek­tu­el­le Opti­mis­mus sei in die Defen­si­ve gera­ten. Fran­cis Fuku­ya­ma sei mit sei­ner The­se vom Ende der Geschich­te einer der letz­ten ein­fluß­rei­chen, gegen den Strom der Dege­ne­ra­ti­ons­theo­re­ti­ker schwim­men­den Denker.
Fuku­ya­ma mag zunächst tat­säch­lich als libe­ra­ler Gegen­pol zur speng­ler­schen Geschichts­be­trach­tung erschei­nen. Bei genaue­rer Betrach­tung zei­gen sich jedoch gera­de in sei­nen neu­es­ten Arbei­ten Par­al­le­len zu Speng­lers zykli­scher Geschichts­be­trach­tung. Der Opti­mis­mus von Fuku­ya­ma ergibt sich nicht wie unter­stellt aus einem ein­sei­tig line­ar-pro­gres­si­ven Geschichts­bild, son­dern dar­aus, daß er von kür­ze­ren Zyklen der kul­tu­rel­len Dege­ne­ra­ti­on und sitt­li­chen Erneue­rung aus­geht. Der Pro­zeß, der bei Speng­ler ein Mil­le­ni­um umfaßt, ist bei Fuku­ya­ma auf hun­dert bis hun­dert­fünf­zig Jah­re ver­kürzt. In sei­nem 1999 erschie­ne­nen Buch Der Gro­ße Bruch beschreibt Fuku­ya­ma die Deka­denz­er­schei­nun­gen der west­li­chen Gesell­schaft, den Rück­gang der Gebur­ten­ra­ten, den Anstieg der Kri­mi­na­li­tät, den Ver­fall der Fami­lie und den Ver­lust von Sozi­al­ka­pi­tal. Eine ähn­li­che Ent­wick­lung habe sich in der ers­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts voll­zo­gen, die dann durch neue For­men der sozia­len Dis­zi­pli­nie­rung in der Vik­to­ria­ni­schen Ära über­wun­den wor­den sei. In den fünf­zi­ger Jah­ren habe der in den zwan­zi­ger Jah­ren erst nur in der Eli­te ein­set­zen­de mora­li­sche Bruch lang­sam die gesam­te Gesell­schaft erfaßt, die Gegen­ten­den­zen sei­en jedoch schon klar erkenn­bar und wür­den in der ers­ten Hälf­te des 21. Jahr­hun­derts qua­si zu einem neu­en Vik­to­ria­ni­schen Zeit­al­ter füh­ren, womit erneut ein kul­tur­his­to­ri­scher Zyklus sei­nen Anfang nehme.
Ein von dem Fuku­ya­mas abwei­chen­des Zyklen­mo­dell leg­te der His­to­ri­ker Paul Ken­ne­dy in sei­nem Werk Auf­stieg und Fall der gro­ßen Mäch­te dar. Ken­ne­dy sieht die Welt­ge­schich­te als ewi­gen Pro­zeß des Auf- und Abstiegs von Groß­mäch­ten, bedingt durch die Span­nung zwi­schen der Begrenzt­heit öko­no­mi­scher Res­sour­cen und die Anfor­de­run­gen hege­mo­nia­ler Expan­si­on. Der Nie­der­gang eines Rei­ches kann durch geschick­te Poli­tik zwar hin­aus­ge­zö­gert, jedoch lang­fris­tig nicht ver­hin­dert wer­den. Ken­ne­dys Argu­men­ten kam in der Abrüs­tungs­de­bat­te und der Dis­kus­si­on über die Über­for­de­rung des US-Haus­halts und der ame­ri­ka­ni­schen Wirt­schaft beson­ders in der Clin­ton-Ära eine gewis­se Bedeu­tung zu.

Neben Vor­stel­lun­gen von kul­tu­rel­ler Dege­ne­ra­ti­on und der Popu­la­ri­tät zykli­scher Geschichts­bil­der gewann noch ein drit­tes Ele­ment des speng­ler­schen Den­kens seit dem Ende des Zwei­ten Welt­kriegs an Bedeu­tung. Der Kul­tur­de­ter­mi­nis­mus, also die Vor­stel­lung, daß alle poli­ti­schen, öko­no­mi­schen und ideo­lo­gi­schen Ent­wick­lun­gen durch einen kul­tu­rel­len Rah­men mehr oder weni­ger vor­ge­ge­ben sind, kor­re­spon­diert dabei mit dem Kul­tur­re­la­ti­vis­mus, der Idee neben­ein­an­der exis­tie­ren­der Wer­te­sys­te­me, die nur aus sich selbst her­aus ver­stan­den wer­den dür­fen und einen uni­ver­sel­len Wer­te­kon­sens unmög­lich machen. Für vie­le „Okzi­den­ta­lis­ten“ ist der Kul­tur­re­la­ti­vis­mus anzie­hend, weil sich durch sei­ne Bril­le die Domi­nanz des Wes­tens und die Glo­ba­li­sie­rung als kul­tu­rell frem­de Aus­läu­fer der „abend­län­di­schen Kul­tur“ deu­ten las­sen, denen die ande­ren Kul­tu­ren nicht dau­er­haft unter­lie­gen wer­den. Die rei­ne Leh­re der Speng­ler­schen Kul­tur­kreis­theo­rie bie­tet dies­be­züg­lich aber wenig Erfreu­li­ches. Ara­bi­sche Natio­na­lis­ten bei­spiels­wei­se dürf­te es wenig begeis­tern, daß nach dem Unter­gang des Abend­lan­des die „ara­bi­sche Kul­tur“ bereits mit der Erfin­dung des Islam den Über­gang zur Zivi­li­sa­ti­ons­pha­se und damit zum Nie­der­gang voll­zo­gen und dar­über hin­aus lan­ge Zeit ledig­lich eine soge­nann­te „Pseu­do­mor­pho­se“ durch­ge­macht habe. Die Kul­tur­kreis­leh­re stand vor dem Zwei­ten Welt­krieg in der deut­schen Völ­ker­kun­de hoch im Kurs. Ihr gro­ßer Popu­la­ri­sie­rer war der Afri­ka­for­scher Leo Fro­be­ni­us, der Speng­ler nach dem Ers­ten Welt­krieg ken­nen­ge­lernt und das Insti­tut für Kul­tur­mor­pho­lo­gie gegrün­det hat­te. In Fro­be­ni­us’ Münch­ner Zeit bis 1925 kam es zu einer inten­si­ven Zusam­men­ar­beit der bei­den Kul­tur­theo­re­ti­ker. Über die­sen Kanal beein­fluß­te das kul­tur­mor­pho­lo­gi­sche Den­ken fran­ko­pho­ne Afri­ka­ner und Afro­ame­ri­ka­ner wie Seng­hor, Diop, Césaire, Damas und Maran, die in den drei­ßi­ger Jah­ren zu Begrün­dern der phi­lo­so­phisch-lite­ra­ri­schen Bewe­gung der Négritu­de wurden.
In den USA wur­de die kul­tu­ra­lis­ti­sche Sicht­wei­se in jüngs­ter Zeit am popu­lärs­ten durch den poli­ti­schen Best­sel­ler Kampf der Kul­tu­ren von Samu­el Hun­ting­ton ver­tre­ten, der eben­falls dem Lager der poli­ti­schen Rea­lis­ten um die Zeit­schrift For­eign Affairs zuzu­rech­nen ist. Bei Hun­ting­ton ist die Speng­ler­re­zep­ti­on expli­zit und klar for­mu­liert, aller­dings ver­zich­tet er auf zykli­sche Model­le und fata­lis­ti­sche Nie­der­gangs­sze­na­ri­en. Wie bei Speng­ler bil­den Kul­tur­krei­se bei Hun­ting­ton die pri­mä­ren Grö­ßen der Iden­ti­täts­bil­dung, wor­aus folgt, daß auch die glo­ba­len Kon­flikt­gren­zen im wesent­li­chen kul­tu­rell bestimmt sind. Er iden­ti­fi­ziert einen kon­fu­zia­ni­schen, einen isla­mi­schen, einen hin­du­is­ti­schen und einen sla­wisch-ortho­do­xen Kul­tur­kreis und einen west­li­chen, der durch das jüdisch-christ­li­che Erbe gekenn­zeich­net ist. An den geo­gra­phi­schen und poli­ti­schen Gren­zen, an denen die­se kul­tu­rel­len Groß­räu­me auf­ein­an­der­tref­fen, ent­ste­hen soge­nann­te „Bruch­li­ni­en­kon­flik­te“. Die­se Kon­flik­te wer­den wegen ihres kul­tu­rel­len Kerns beson­ders blu­tig und grau­sam aus­ge­tra­gen. Kri­ti­ker war­fen Hun­ting­ton vor, ein Ersatz­mo­dell für das Freund-Feind-Sche­ma des Kal­ten Krie­ges ent­wi­ckeln zu wol­len, in dem Mus­li­me und Hin­dus die Rol­le der Kom­mu­nis­ten, die Kul­tur­krei­se die Funk­ti­on von kom­pak­ten poli­ti­schen Bünd­nis­sys­te­men über­neh­men und die Bruch­li­ni­en eine Art kul­tu­rel­len „Eiser­nen Vor­hang“ bil­den, ori­en­tiert an dem Dik­tum Speng­lers, daß Kul­tu­ren kei­ne Fens­ter besäßen.

Hun­ting­tons kul­tu­ra­lis­ti­sche Sicht­wei­se steht in den USA in einem sehr brei­ten poli­ti­schen und wis­sen­schaft­li­chen Kon­text. Über Franz Boas, den Vater der ame­ri­ka­ni­schen Kul­tur­anthro­po­lo­gie, fan­den die deut­sche Phi­lo­so­phie des 19. Jahr­hun­derts und vor allem der deut­sche Kul­tur­be­griff brei­ten Ein­zug in den intel­lek­tu­el­len Dis­kurs Ame­ri­kas. „Es gibt so vie­le Mora­len, als es Kul­tu­ren gibt, nicht mehr und nicht weni­ger.“ Die­ses Speng­ler­sche Dik­tum hat­te Boas schon vor dem Erschei­nen des Unter­gangs her­aus­ge­ar­bei­tet. Nach dem Zwei­ten Welt­krieg trat der Kul­tur­re­la­ti­vis­mus, ver­brei­tet durch Boas’ zahl­rei­che Schü­ler, sei­nen Sie­ges­zug durch die ame­ri­ka­ni­schen Uni­ver­si­tä­ten an. Boas Schü­le­rin Ruth Bene­dict, die wäh­rend des Krie­ges Stu­di­en über den japa­ni­schen Natio­nal­cha­rak­ter betrie­ben hat­te, leg­te ihrem eth­no­lo­gi­schen Klas­si­ker Pat­terns of Cul­tu­re Speng­lers Unter­schei­dung von faus­ti­schen und apol­li­ni­schen Kul­tu­ren zugrun­de. Das Buch wur­de ein Rie­sen­er­folg, in 24 Spra­chen über­setzt und über zwei Mil­lio­nen Mal verkauft.
Clif­ford Geertz erklär­te, es sei der rich­ti­ge Text zur rich­ti­gen Zeit gewe­sen. Geertz selbst trug mit sei­ner „dich­ten Beschrei­bung“ und sei­ner Sym­bol­theo­rie viel zur Wei­ter­ent­wick­lung der Kul­tur­theo­rie bei. Nach die­ser Theo­rie lei­den die Staa­ten der Drit­ten Welt dar­un­ter, daß ihnen neue west­li­che Kon­zep­te über­ge­stülpt wor­den sei­en, die mit den alten tra­di­tio­nel­len Kul­tu­ren in einem Span­nungs­feld stün­den, man könn­te viel­leicht in Speng­ler­scher Ter­mi­no­lo­gie sagen, daß sie eine „Pseu­do­mor­pho­se“ durch­ma­chen. Geertz wur­de somit zum Vater des moder­nen kul­tu­rel­len Essen­tia­lis­mus. Kri­ti­ker haben die­sen Denk­stil als „kogni­ti­ve Apart­heid“, „kogni­ti­ve Anar­chie“ oder auch als „kul­tu­rel­len Fun­da­men­ta­lis­mus“ bezeich­net, da öko­no­mi­sche, poli­ti­sche und gesell­schaft­li­che Kon­flik­te ein­sei­tig auf kul­tu­rel­le, eth­ni­sche und reli­giö­se Dif­fe­renz zurück­ge­führt würden.
Man muß kon­sta­tie­ren, daß es weder in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten noch anders­wo eine wirk­li­che Akzep­tanz des Speng­ler­schen Gesamt­ent­wur­fes gege­ben hat. Dafür scheint sein Geschichts­bild zu mono­li­thisch, sein Pes­si­mis­mus zu wenig kon­struk­tiv. Aber über vie­le Rinn­sa­le haben Ele­men­te sei­nes Welt­ent­wur­fes Ein­zug in ver­schie­de­ne zum Teil gegen­sätz­li­che Dis­kur­se gefun­den, vom poli­ti­schen Rea­lis­mus bis zur Post­mo­der­ne, vom wei­ßen Supre­ma­tis­mus bis zum Mulit­kul­tu­ra­lis­mus, von der christ­li­chen Rech­ten bis zum Isla­mis­mus. Die­se, zum Teil stark ver­zerr­ten und frag­men­tier­ten Spie­gel­bil­der der Speng­ler­schen Kul­tur­theo­rie außer­halb Euro­pas im ein­zel­nen nach­zu­wei­sen und her­aus­zu­ar­bei­ten, wäre eine loh­nen­de Auf­ga­be für die deut­sche Kulturwissenschaft.

 Gastbeitrag

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