Sezession
1. Mai 2005

Der blinde Spiegel – Spenglers unrezipierte Rezeption außerhalb Europas

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession Sonderheft Spengler / Mai 2005

von Thomas Kretzschmer

Der Einfluß des spenglerschen Denkens auf die verschiedenen Strömungen, Persönlichkeiten, politischen und kulturellen Ideen vor allem in den USA, aber auch darüber hinaus, wurde bisher nicht umfassend untersucht. Es lassen sich daher nur Schlaglichter auf die Rezeption dieses Denkers werfen, der dem abgedankten deutschen Kaiser schrieb, jeder Einwohner der westlichen Welt werde im geistigen Sinne zukünftig Amerikaner sein, und zugleich unamerikanischer in der Schwere und Melancholie seines Denkens gar nicht sein konnte.
Der prominenteste Spenglerianer in den USA ist Henry Kissinger. In seiner Stellung als nationaler Sicherheitsberater Richard Nixons und als Außenminister war er geradezu die Verkörperung des Spenglerschen Tatsachenmenschen. Er widmete Spengler in seiner voluminösen Abschlußarbeit Die Bedeutung der Geschichte ein eigenes Kapitel unter der Überschrift „Geschichte als Intuition“. Seine Betrachtung bewegt sich im Spannungsfeld zwischen dem Geschichtsdeterminismus Spenglers und dem Freiheitsbegriff von Immanuel Kant. Seine jugendliche Begeisterung für Kants politische Schriften hätte Kissinger vielleicht zu Wilsonschen Ansichten von Amerikas Mission und Interessen führen können, statt dessen wandte er sich den Fürsten Metternich und Bismarck zu – den beiden größten Praktikern der Machtpolitik. Daß Kissinger sich nicht zum Verfechter der idealistischen Position, wie sie heute vor allem von den neokonservativen Theoretikern vertreten wird, entwickelt hat, verdankt sich nicht zuletzt einer grundsätzlich pessimistischen Anthropologie, die für alle Vertreter der realistischen Schule kennzeichnend ist. Prof. Stanley Hoffmann, ein Bekannter aus Studententagen, wußte zu berichten: „Henry schien, in seiner Melancholie, stets mit dem Geist von Spengler an seiner Seite herumzulaufen“.
Auch andere einflußreiche politische Praktiker in den USA waren von Spengler fasziniert. George F. Kennan lernte Spenglers Schriften 1926 bei seinem Deutschlandaufenthalt in Berlin und Heidelberg kennen. Paul Nitze, der von 1963 bis 1967 an der Spitze des Marineministeriums gestanden und acht Präsidenten in verschiedenen Funktionen, zuletzt Ronald Reagan, gedient hatte, gab Ende der dreißiger Jahre seine Tätigkeit an der Wall Street auf und beschäftigte sich in Harvard intensiv mit dem Untergang des Abendlandes. Spengler machte großen Eindruck vor allem bei politischen Realisten und traditionellen Konservativen, die sich schon im Grundsätzlichen vom Optimismus und Moralismus der Neokonservativen unterscheiden. In einer kritischen Buchbesprechung des vom neokonservativen Vordenker Robert Kagan verfaßten Titels Paradise and Power im American Conservative empfahl der Rezensent dem amtierenden Präsidenten Bush, er solle nach dem Irakkrieg statt den essayistischen Schriften seiner neokonservativen Berater zu folgen, lieber zu den Schriften von Oswald Spengler greifen. Von Spengler könne der Präsident lernen, daß Imperialismus eine Folgeerscheinung der kulturellen Dekadenz sei und in seiner Konsequenz in die Barbarei führe. Daß man aus Spenglers Ausführungen auch lernen könnte, daß der neue Cäsarismus das zwangsläufige, und daher unabwendbare, Endstadium einer jeden Zivilisation darstellt, verschweigt der Autor allerdings.


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