Sezession
1. Oktober 2005

Mircea Eliade und C.G. Jung

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 11 / Oktober 2005

sez_nr_11von Florin Turcanu

Unmittelbar vor seiner Teilnahme am Amsterdamer Kongreß hatte Eliade Einlaß in einen sehr anderen Ort der Begegnungen und des Austauschs von Ideen gefunden, der eine andere Art von Legitimität erforderte und an dem das in der akademischen Welt so wichtige Spiel Anwesenheit / Abwesenheit andere Bedeutungen hatte. Sein Besuch dort sollte sich im übrigen sehr schnell als folgenschwer für seinen weiteren Lebensweg erweisen. Am 5. Oktober 1949, als sich die Rezensionen von Kosmos und Geschichte zu häufen begannen, hatte er eine Einladung zur Teilnahme am nächsten Eranos-Treffen in der kleinen Schweizer Stadt Ascona am Ufer des Lago Maggiore im August 1950 erhalten. „Diese Einladung erfreute mich und schmeichelte mir. Ich hatte einst in Rumänien die ersten Eranos-Jahrbücher gelesen, die mich mit der Idee dieser pluridisziplinären Symposien vertraut gemacht hatten.“
Eliade erhielt seine Einladung zu den Eranos-Treffen von der Frau, die sie achtzehn Jahre zuvor ins Leben gerufen hatte. Olga Froebe-Kapteyn war eine damals neunundsechzigjährige Holländerin, die seit dreißig Jahren in Ascona lebte. Inspiriert von Hermann Keyserlings „Schule der Weisheit“ in Darmstadt, hatte sie dort 1930 die Grundsteine für eine „Schule der spirituellen Forschung“ gelegt. Die Einrichtung, in die sie von nun an ihre ganze Energie und ihr gesamtes Vermögen investiert, entfaltet ab 1932 ihre Aktivitäten. Mit Rudolf Ottos Segen ruft Olga Froebe in der Schweizer Kleinstadt eine Vortragsreihe zu Fragen der Spiritualität ins Leben. Otto findet auch einen Namen für dieses Projekt, das er mit angeregt hat, an dem er sich aber nicht beteiligt: „Eranos“, ein altgriechisches Wort für ein Mahl, zu dem jeder Gast ein Gericht mitbringt.
Von Anfang an steht das Unterfangen im Zeichen des doppelten Interesses an orientalischer Spiritualität und Psychologie. Carl Gustav Jung, den die Organisatorin von Eranos 1930 in Darmstadt kennengelernt hatte, eröffnete 1933 die erste jährliche Vortragsreihe unter dem Titel „Yoga und Meditation in Osten und Westen“. Der Gedanke der Annäherung zwischen Ost und West, wie sie Keyserling und Otto ersehnten, beherrschte mehrere Treffen, die sich in den dreißiger Jahren mit Symbolismus, geistiger Herrschaft und dem Erlösungsgedanken in Orient und Okzident befaßten.
In den dreißiger Jahren wurden Ernesto Buonaiuti, die Indologen Heinrich Zimmer, Masson-Oursel und Jean Przyluski, aber auch Martin Buber, Louis Massignon und Henri-Charles Puech nach Ascona eingeladen. Eranos unterbrach seine Tätigkeit auch während des Krieges nicht und erlangte schnell eine internationale Dimension. „Olga Froebe sagte gerne, daß die Konferenzen, die im selben Jahr der nationalsozialistischen Machtergreifung begannen, zunehmend zu einer Kraft gegen die Nazis wurden“, so der amerikanische Historiker William McGuire. Heinrich Zimmer, der unter dem nationalsozialistischen Regime seine Stelle an der Universität Heidelberg verlor und ins Exil gezwungen wurde, nahm bis zum Kriegsausbruch an den Eranos-Treffen teil.


 Gastbeitrag

  • Sezession

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.