Thesen zum deutschen Bürgertum

von Dr. Thor v. Waldstein -- Dieser Beitrag ist in der 112. Sezession erschienen. Die hier abrufbare pdf bietet neben dem Text auch die Fußnoten.

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Am Ende die­ses Bei­trags steht außer­dem Dr. v. Wald­steins Vor­trag zum The­ma als Video-Mit­schnitt zur Verfügung.

1. Geschicht­li­che Her­lei­tung – Bis zum Aus­gang des Mit­tel­al­ters präg­ten alte Patri­zi­er­ge­schlech­ter den Geist deut­scher Städ­te, ins­be­son­de­re in den Han­dels­me­tro­po­len des Rei­ches. In deren Nach­fol­ge domi­nier­te bis weit ins 18. Jahr­hun­dert der Gedan­ke des sitt­lich an den Staat gebun­de­nen und der Ver­ant­wor­tung für die Nach­fah­ren ver­pflich­te­ten Bürgers.

Der Typus des moder­nen Bür­gers kam in Deutsch­land erst nach dem Tode Fried­richs des Gro­ßen 1786 und mit dem Zer­fall der ­alten socie­tas ­civi­lis nach der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on 1789 auf. In der ers­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts wuchs »rasch ein Geschlecht von Nütz­lich­keits­fa­na­ti­kern und Aller­weltsfortschrittsmännern empor, ein dem stil­len alten Deutsch­land ganz unbe­kann­ter Men­schen­schlag« (Hein­rich von Treitschke).

Der Tri­umph des Öko­no­mi­schen über alle ande­ren Facet­ten der Staat­lich­keit, der »Sieg des Bür­gers über den Sol­da­ten« (Carl Schmitt), begann schließ­lich nach der Reichs­grün­dung 1871 und war mit der Nie­der­la­ge Deutsch­lands im Ers­ten Welt­krieg besie­gelt. Seit­her, seit über 100 Jah­ren, steht mit dem Bür­ger eine sozio­lo­gi­sche Figur im Mit­tel­punkt der deut­schen Gesell­schaft, die – nach Rous­se­aus tref­fen­der Beob­ach­tung im Émi­le – nicht weiß, was sie will, und im ste­ti­gen Wider­spruch mit sich selbst lebt.

2. Abgren­zung Citoy­en / Bour­geois – Die sich in Frank­reich nach 1789 her­aus­bil­den­de Dop­pel­struk­tur des Bür­gers zwi­schen dem ­Citoy­en, dem »in der poli­ti­schen Sphä­re exis­tie­ren­den Staats­bür­ger« (Carl Schmitt), einer­seits und ande­rer­seits dem Bour­geois, dem Pri­vat­mann, dem »rechen­haf­ten Ego­is­ten der kapi­ta­lis­ti­schen Zeit, der unfä­hig ist zu Lie­be und Wag­nis, zu Schön­heit und inne­rer Leben­dig­keit« (Rudolf Smend), hat es so in Deutsch­land nie gege­ben. Die Deut­schen lie­ßen sich von dem ­Citoy­en-Pathos der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on nur begrenzt anstecken.

Der über Jahr­hun­der­te vor­herr­schen­de klein­bür­ger­li­che Zuschnitt des Lebens im Gar­ten­lau­be-Deutsch­land ten­dier­te stets eher der Rol­le des Bour­geois zu, der Erfül­lung vor allem jen­seits des öffent­li­chen Lebens fin­det. Karl Marx sprach spöt­tisch von der »poli­ti­schen Löwen­haut« des ­Citoy­ens, unter der sich in Deutsch­land noch immer der Bour­geois ver­ber­ge. Schon im Kai­ser­reich begann »die Ver­ach­tung, die der star­ke Bour­geois dem träu­men­den Citoy­en spen­det« (Leo Kof­ler), gefähr­li­che, die Gemein­schaft bedro­hen­de Züge anzunehmen.

Ste­fan Geor­ge defi­nier­te nicht umsonst die »Fett­bür­ger« als die­je­ni­gen, »die weder die­nen noch herr­schen können«.9 Seit den Wei­ma­rer Tagen beherrsch­te dann mit dem »völ­lig vom Citoy­en­haf­ten ›gerei­nig­ten‹ Bour­geois« (Leo Kof­ler) eine Gestalt die Sze­ne­rie, in der die indi­vi­dua­lis­tisch-mate­ria­lis­ti­schen Trie­be des homo oeco­no­mic­us end­gül­tig über die res publi­ca triumphierten.

Auch in den zwölf Jah­ren brau­ner und in den 40 Jah­ren roter Dik­ta­tur in Deutsch­land ver­stand es der Bour­geois, sich – trotz der anti­bür­ger­li­chen Phra­seo­lo­gie die­ser Zeit – mit den Herr­schen­den zu arran­gie­ren. Der Bun­des­bour­geois des 21. Jahr­hun­derts schließ­lich ist eine selt­sa­me Melan­ge aus einem ideo­lo­gisch auf­ge­bla­se­nen Welt­bür­ger und einem inner­lich beschränk­ten, ein­di­men­sio­na­len Spießbürger.

Was man mit einem sol­chen »Aller­welts­bür­ger« (Adam Mül­ler) am wenigs­ten erhal­ten oder gar errich­ten kann, ist ein Staat, der Bestand hat. Neben vie­lem ande­ren fehlt dem Agglo­me­rat der heu­ti­gen ­BRD-Nischen­ge­sell­schafts­be­woh­ner dazu vor allem das, was der ara­bi­sche Geschichts­phi­lo­soph Ibn Chal­dun im 14. Jahr­hun­dert als asa­bi­j­ja bezeich­net hat: das Ver­mö­gen, wel­ches eine Gemein­schaft im Inners­ten zusam­men­hält, wel­ches ihre Ach­se, ihren Lebens­nerv und die Sum­me ihrer Lebens­en­er­gien dar­stellt und wor­auf sie nach außen – gefühls­mä­ßig-instink­tiv, aber auch auf der Bewußt­seins­ebe­ne – ihre kämp­fe­ri­sche Kraft und ihren Selbst­be­haup­tungs­wil­len aufbaut.

3. Ego­bour­geoi­sie – Was den moder­nen Bür­ger in ers­ter Linie kenn­zeich­net, ist sei­ne Ich-Ver­pan­ze­rung, sein nicht sel­ten ani­ma­lisch anmu­ten­der Ego­zen­tris­mus. Nichts nimmt er wich­ti­ger als sich selbst und sei­ne höchst­per­sön­li­che Umlauf­bahn, in der lächer­li­che Belang­lo­sig­kei­ten und pein­li­che Nabel­schau­dar­bie­tun­gen um die Wet­te krei­sen. In den Dis­zi­pli­nen »Weg­se­hen« und »Aus allem Raus­hal­ten« ist er Welt­meis­ter. Das »Du siehst etwas, was ich nicht sehe«-Spiel beherrscht er aus dem Effeff.

Pro­fes­sio­nel­les Erkennt­nis­blind­heits­ge­tue gegen­über den drän­gends­ten poli­ti­schen Her­aus­for­de­run­gen der Zeit ist das bür­ger­li­che Mar­ken­zei­chen par excel­lence. Dabei sind die Gleich­gül­tig­keit und die zur Schau getra­ge­ne Igno­ranz meist nur vor­ge­scho­ben. Der Bür­ger weiß genug, um zu wis­sen, was er so genau auch wie­der nicht wis­sen will. Gleich­gül­tig­keit und Igno­ranz las­sen sich zudem im Hand­um­dre­hen zu »Tole­ranz« und »Libe­ra­li­tät« umla­beln, um durch die­sen Kunst­griff vor­zu­täu­schen, die eige­nen cha­rak­ter­li­chen Schwä­chen sei­en Aus­druck einer noblen Gesinnung.

Beruf­lich hat man sich häu­fig im Fach­idio­ten­tum behag­lich ein­ge­rich­tet und die Scheu­klap­pen eng ange­legt, um sich auf die­se Wei­se der Ver­ant­wor­tung für das Gan­ze ent­zie­hen zu kön­nen. Der Man­gel an sozia­ler Emp­fin­dungs­fä­hig­keit und an Demut gegen­über den Leis­tun­gen der Vor­fah­ren ist dabei direkt pro­por­tio­nal zu einer Selbst­be­ses­sen­heit, die Scham­gren­zen nicht kennt.

»Sich selbst zu lie­ben, ist der Beginn einer lebens­lan­gen Roman­ze«, sagt Oscar Wil­de, und nie­mand ist so selbst­be­zo­gen, so ego­be­sof­fen wie der Bour­geois. Sei­ne eska­pis­tisch-nar­ziß­ti­sche Lebens­form läßt er sich durch nichts und nie­man­den strei­tig machen. Solan­ge die Welt für ihn »auf­geht«, hat er an ihr nichts aus­zu­set­zen. In der offe­nen Gesell­schaft fühlt sich der Bür­ger vor allem des­we­gen so pudel­wohl, weil die­se kei­ne Ansprü­che an ihn stellt.

In den kom­for­ta­blen Sta­tus eines zoon apo­li­ti­kon hat sich der Bür­ger selbst ver­setzt. An der tef­lon­ar­ti­gen Haut die­ser ver­meint­lich unpo­li­ti­schen Krea­tur per­len die drän­gends­ten gesell­schaft­li­chen Pro­ble­me ab wie Was­ser­trop­fen. Wenn es sich dann doch ein­mal – trotz aller Weg­seh­vir­tuo­si­tät – nicht mehr leug­nen läßt, daß etwas schief­ge­lau­fen ist, dann tut es dem Bür­ger leid. Nie­mals käme er auf die Idee, daß die Sache viel­leicht auch des­we­gen schief­ge­lau­fen ist und wei­ter schief­läuft, weil Gestal­ten wie er ihre Pflicht versäumen.

4. Mas­sen­bür­ger­tum – Nur schein­bar para­dox zu der vor­be­schrie­be­nen Ego­zen­trik ist, daß es der bür­ger­li­chen Gesell­schaft an nichts so sehr fehlt wie an Per­sön­lich­kei­ten. Denn das »ich­süch­tig mas­ken­fro­he Indi­vi­du­um« (Ernst Bert­ram), dem man heu­te auf Schritt und Tritt begeg­net, ist bei Lich­te bese­hen ein das Risi­ko scheu­en­des, sich vor Iso­la­ti­on fürch­ten­des und jede Zita­del­le kul­tu­rel­ler Selbst­be­haup­tung schon im Vor­feld räu­men­des Wesen.

Da ein sol­ches Geba­ren, läge es offen zuta­ge, nicht schön aus­sä­he, wird es mit Schein­hei­lig­kei­ten und Heu­che­lei­en aller Art kunst­voll dra­piert. Nichts beherrscht der Bour­geois bes­ser, als sei­ner gewöhn­li­chen See­le einen erbau­li­chen Anstrich zu geben. Kratzt man die­sen affek­tier­ten Lack aus Ferns­ten­lie­be, Eis­bär­ret­tung und Mülltrennungs­fetischismus ab, gewinnt man einen erschüt­tern­den Blick auf das, was sich dahin­ter ver­birgt: das wahr­lich ufer­lo­se Meer der poli­ti­schen Feig­heit des deut­schen Bürgertums.

Die­se grün­det nicht zuletzt auf der Tat­sa­che, daß ihm Män­ner mit hei­li­gem Zorn, die in der Lage sind, auf den Tisch zu hau­en, gänz­lich abhan­den gekom­men sind: »Unse­re wesent­li­che Armut ist die an Radi­ka­li­tät, an Men­schen, die che­misch rei­ne Ele­men­te sind« (Rein­hold Schnei­der). Die deutsch-deut­li­che, wo nötig: auch unge­ho­bel­te luthe­ri­sche Wort­wahl wur­de abge­löst durch einen immer skur­ri­ler wer­den­den Ver­lo­gen­heits­neu­sprech, der von mor­gens bis abends aus den media­len Rit­zen zirpt.

Als ein auf »Erfolg«, will sagen: Strom­li­ni­en­för­mig­keit kon­di­tio­nier­ter Mas­sen­mensch hat sich der Bür­ger die­sem Sprach­dik­tat schon lan­ge unter­wor­fen: »Den­k­un­fä­hig­keit ist die ers­te Vor­be­din­gung für jede öffent­li­che Kar­rie­re, das rück­halt­lo­se Bekennt­nis zum Kate­chis­mus der uti­li­ta­ris­ti­schen Lügen die zwei­te« (Fried­rich Wil­helm Oelze).

5. Bil­dungs­bür­ger­tum – Der Wir­bel, den der deut­sche Bür­ger seit jeher um den Begriff der »Bil­dung« ver­an­stal­tet, steht in einem bemer­kens­wer­ten Gegen­satz zu der tat­säch­li­chen geis­ti­gen Potenz des Bil­dungs­bür­gers. Noch nie wur­de in Deutsch­land so viel über Bil­dung gere­det, noch nie wur­den so vie­le for­mel­le Bil­dungs­ab­schlüs­se aus­ge­reicht wie heu­te, und noch nie gab es so viel Pseudo‑, Halb- und Nicht­wis­sen unter den »füh­ren­den« Gesellschaftsschichten.

Die bei­ßen­de Bemer­kung Hans-Diet­rich San­ders aus den 1980er Jah­ren, das Pro­blem der Zeit sei nicht Lies­chen Mül­ler, son­dern Dr. Lies­chen Mül­ler, hat im Lan­de der 220 Gen­der-Lehr­stüh­le an Bri­sanz jeden­falls nichts ver­lo­ren. Dabei wird, muß man ergän­zen, die Ahnungs­lo­sig­keit von Frau Dr. Mül­ler nur noch über­bo­ten von der mög­lichst früh signa­li­sier­ten Bereit­schaft, den jewei­li­gen Trends eben­so kri­tik- wie hem­mungs­los zur Sei­te zu tra­ben. Die Lebens­wel­ten vie­ler Zeit­ge­nos­sen, die sich in ihren bes­ten Jah­ren der »orga­ni­sier­ten Zeit­ver­schwen­dung des bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Uni­ver­si­täts­le­bens« (Mari­an­ne Kes­t­ing) – ins­be­son­de­re in den soge­nann­ten Geis­tes­wis­sen­schaf­ten – aus­ge­setzt haben, sind häu­fig so künst­lich aka­de­mi­siert, daß sie die Fähig­keit ver­lo­ren haben, ein­fa­che Sach­ver­hal­te ein­fach auszudrücken.

Der Mehl­tau der angeb­li­chen »neu­en Unüber­sicht­lich­keit« (Jür­gen Haber­mas) hat sich über immer mehr fata­le Zustän­de und Ent­wick­lun­gen gelegt, die durch­aus über­sicht­lich sind und die nur die­je­ni­gen als unüber­sicht­lich bezeich­nen, die sie zu ver­ewi­gen trach­ten. Nicht erst seit ges­tern hat es sich her­um­ge­spro­chen, daß man – gera­de bei heik­len poli­ti­schen Fra­gen – vom offi­ziö­sen Wis­sen­schafts­be­trieb kei­ne befrie­di­gen­den Ant­wor­ten erwar­ten kann. Statt des­sen spricht man, will man der Wahr­heit näher­kom­men, bes­ser mit Hand­wer­kern, Kran­ken­schwes­tern, Feu­er­wehr­leu­ten oder ande­ren trans­fer­geld­fer­nen Bevöl­ke­rungs­schich­ten, die noch ihre Tas­sen im Schrank haben.

»Die Wis­sen­schaft denkt nicht«, merk­te Mar­tin ­Heid­eg­ger mali­zi­ös an, und aus Todt­nau­berg schrieb er – ganz in den Vor­ar­bei­ten zu Sein und Zeit ver­sun­ken – an Karl Jas­pers: »Nach der Gesell­schaft der Pro­fes­so­ren habe ich kein Ver­lan­gen. Die Bau­ern sind viel ange­neh­mer und sogar interessanter.«

Tat­säch­lich ist die Bil­dung heu­te in vie­len Fäl­len dege­ne­riert zu einem »Reli­gi­ons­er­satz für fei­ne Leu­te« (Max Hil­d­e­bert Boehm), für Bür­ger, denen es an Urteils­kraft, an Mut zu Taten und an der Ver­ant­wor­tung für ihre Nach­kom­men gebricht. Auf den Intel­li­genz­spiel­wie­sen der Repu­blik, bei den Wirt­schafts­wei­sen, im Ethik­rat und in den ande­ren clo­sed shops der Exper­to­kra­tie läßt es sich unbe­schwert und fol­gen­los herum­tollen, solan­ge man nicht so unklug ist, den Spiel­feld­rand zu über­tre­ten und die gan­ze Herr­lich­keit des bun­des­deut­schen Sprach­re­ge­lungs­be­trie­bes in Fra­ge zu stellen.

Schon im Kai­ser­reich begann die Erfolgs­kar­rie­re von Typen, die Max Weber als »Fach­men­schen ohne Geist« und »Genuß­men­schen ohne Herz« gei­ßel­te; die Ver­tre­ter der Spe­zi­es homo bundes­republicanensis ste­hen mit ihrer Scha­blo­nen­haf­tig­keit, ihrer Schick­sals­lo­sig­keit und ihrer uner­schüt­ter­li­chen Selbst­ge­rech­tig­keit ganz am Ende die­ser Kar­rie­re­lei­ter. Nie­mand sagt ihnen, daß sie ihren Art­ge­nos­sen aus dem vik­to­ria­ni­schen Eng­land wie aus dem Gesicht geschnit­ten sind, jenen bür­ger­li­chen Indi­vi­du­en, die nach einer luzi­den Beob­ach­tung Oscar Wil­des »mit einer Art dump­fem Wohl­be­ha­gen durchs Leben [gehen], genau wie ver­wöhn­te Haus­tie­re, ohne je zu begrei­fen, daß sie ver­mut­lich die Gedan­ken ande­rer Leu­te den­ken und den Nor­men ande­rer Leu­te fol­gen und nicht auch nur einen Augen­blick sie selbst sind.«

6. Kon­sum­bür­ger­tum – Seku­ri­täts­be­dürf­nis, Kom­fort­sucht und Unfä­hig­keit zur Kon­sum­di­stanz sind wei­te­re Merk­ma­le, ohne die die Beschrei­bung der bür­ger­li­chen Daseins­form unvoll­stän­dig wäre. Ver­ge­gen­wär­tigt man sich, gegen was sich der Bür­ger heu­te alles schüt­zen und ver­si­chern will, fragt man sich zwangs­läu­fig, wie es frü­he­ren Gene­ra­tio­nen gelin­gen konn­te, ihr Leben ohne sol­che Rund­um­sorg­los­pa­ke­te zu meistern.

Baby­win­deln mit Sei­ten­aus­lauf­schutz, Schnitt­schutz­ho­sen für den Holz­fäl­ler, 1001 Vor­sor­ge­un­ter­su­chun­gen an fast allen Kör­per­tei­len und Rei­se­ge­päck­ver­si­che­rungs­schutz gegen den Ver­lust eines Bade­tu­ches am Strand von Rimi­ni – es gibt kaum einen Lebens­be­reich, vor dem der ­secu­ri­ty-Wahn und die hier­zu­lan­de gras­sie­ren­de Ver­si­che­ri­tis halt­ma­chen würden.

Die­ser Angst­be­wirt­schaf­tung zur Sei­te steht eine Bequem­lich­keits­sucht ohne­glei­chen: beheiz­te Lenk­rä­der im Auto, sich selbst ent­fal­ten­de Zel­te, Kühl­schrän­ke, die Mel­dung machen, bevor But­ter und Mar­me­la­de aus­ge­hen, etc. – der Irr­glau­be, eine Aus­wei­tung der Kom­fort­zo­ne stei­ge­re das Glücks­emp­fin­den des Men­schen, scheint ungebrochen.

Kon­rad ­Lorenz’ War­nung vor dem »Wär­me­tod des Gefühls«, die er vor 50 Jah­ren aus­sprach, ver­hall­te unge­hört. Die schon damals zuneh­men­de Unlust-Into­le­ranz ver­wan­de­le, so Lorenz, »die natur­ge­woll­ten Höhen und Tie­fen des mensch­li­chen Lebens in eine künst­lich pla­nier­te Ebe­ne, aus den groß­ar­ti­gen Wel­len­ber­gen und ‑tälern mach[e] sie eine kaum merk­ba­re Vibra­ti­on, aus Licht und Schat­ten ein ein­för­mi­ges Grau. Kurz, [die Unlust-Into­le­ranz] erzeugt töd­li­che Langeweile«.

Nicht min­der gefähr­lich für ein selbst­be­stimm­tes Leben ist der Kon­sum­fe­ti­schis­mus, von dem der moder­ne Bür­ger mit sei­ner Unfä­hig­keit, dem Leben ande­re Freu­den als mate­ri­el­le abzu­ge­win­nen, durch und durch beherrscht wird. Wenn, wie Lao­tse sagt, der­je­ni­ge reich ist, der weiß, daß er genug hat, dann ist das sich bestän­dig um die Ach­se der eige­nen Begehr­lich­kei­ten dre­hen­de Indi­vi­du­um nur ein armes Schwein. Kenn­zeich­nen­der­wei­se wird die­ser Skla­ve sei­ner Wün­sche in der offi­zi­el­len Geset­zesspra­che als »Ver­brau­cher« titu­liert; nichts könn­te die mono­öko­no­mis­ti­sche, die Men­schen­wür­de ver­let­zen­de Welt­an­schau­ung des Kapi­ta­lis­mus bes­ser entlarven.

Die­ser Kon­su­ment ist aber nicht nur auf der per­sön­li­chen Ebe­ne eine zu bemit­lei­den­de Figur, er setzt mit sei­nem außen­ge­steu­er­ten Ver­hal­ten auch die Ursa­che poli­ti­scher Unfrei­heit. Denn das »Trach­ten nach Wohl­le­ben [ist] eine Lei­den­schaft, die man die Mut­ter der Knecht­schaft nen­nen kann und die […] es treff­lich ver­steht, ordent­li­che Leu­te und fei­ge Staats­bür­ger her­vor­zu­brin­gen« (Alexis de Toc­que­ville). Von ver­weich­lich­ten Bür­gern die­ses Zuschnitts hat Deutsch­land wahr­lich genug.

7. Rent­ner­bour­geoi­sie – Frü­he­re Zei­ten, die dem Sol­da­ti­schen noch nicht so abhold waren wie die uns­ri­gen, defi­nier­ten den Bour­geois ver­ächt­lich als den­je­ni­gen, der im Bett ster­ben wol­le. Die heu­ti­ge Zeit dage­gen wird – so hat es den Anschein – maß­ge­bend von Figu­ren geprägt, deren Bür­ger­lich­keit man dar­an erken­nen kann, daß sie über­haupt nicht mehr ster­ben wol­len. Es ist das »Stre­ben nach dem tod­lo­sen Leben« (Byung-Chul Han), von dem die Post­mo­der­ne wie kaum etwas ande­res gekenn­zeich­net ist.

Schon 1884 hat­te Fried­rich Nietz­sche die Furcht vor dem Tode als »Euro­päi­sche Krank­heit« bezeich­net. Der Tod sei »das Maaß des Lebens«, und nur der wer­de »mit Wür­de ster­ben, der im Leben eine edle und fes­te Hal­tung bewahrt« habe. Die­se Lebens­klug­heit Nietz­sches ist dem ewig­le­ben­wol­len­den Bour­geois unse­rer Tage eben­so fremd wie die Maxi­me Ernst Jün­gers, der gegen­über sei­nem Bru­der Fried­rich Georg im Ers­ten Welt­krieg die Über­zeu­gung äußer­te, »daß uns die Frei­heit immer gewo­gen bleibt, solan­ge wir mit dem Tode als Drit­ten im Bun­de ein­ver­stan­den sind«.

Dem­ge­gen­über tri­um­phiert heu­te in Deutsch­land als Fol­ge der seit über einem hal­ben Jahr­hun­dert bestehen­den, durch staat­li­che Maß­nah­men aktiv geför­der­ten Über­al­te­rung ein »Als ob es immer so weiterginge«-Rentnerideal, das den Elan und die Inno­va­ti­ons­kraft die­ses Lan­des mehr und mehr lähmt. Dabei ori­en­tiert nur noch eine Min­der­heit die­ser heu­te knapp 19 Mil­lio­nen Rent­ner ihr eige­nes (Wahl-)Verhalten an dem Wohl­erge­hen der kom­men­den Generationen.

»Après nous le délu­ge«, das über­setzt der bun­des­deut­sche »Fore­ver young«-Wohlstandsrentner in die ordi­när-ver­ant­wor­tungs­lo­se For­mel »Für mich reicht’s noch«. Und die­se unge­heu­er­li­che Phra­se besagt natür­lich auch: »Wenn es für mei­ne Kin­der und Enkel oder – im Fal­le eige­ner (meist gewoll­ter) Kin­der­lo­sig­keit – für die Kin­der mei­ner Geschwis­ter, Freun­de und Nach­barn nicht mehr ›reicht‹, dann ist das nicht mein Problem.«

Die nicht mehr nur dro­hen­de, son­dern in vie­len Teil­be­rei­chen heu­te schon rea­li­sier­te Repu­blik der Apo­the­ken-Umschau-Leser ist also mehr als eine ästhe­ti­sche Zumu­tung. Sie stellt tat­säch­lich die Inkar­na­ti­on einer Rent­ner­bour­geoi­sie dar, deren Haupt­merk­mal der gren­zen­lo­se Ver­rat an der Jugend ist.

8. Moral­bour­geoi­sie. Als beson­ders gro­tesk kann gel­ten, daß das BRD-Bür­ger­tum zum Teil immer noch mit dem schil­lern­den Begriff »kon­ser­va­tiv« in Ver­bin­dung gebracht wird. Auf einen sol­chen Eti­ket­ten­schwin­del kann nur der­je­ni­ge her­ein­fal­len, der unter die gesin­nungs­ethi­schen Mühl­rä­der der ver­gan­ge­nen 60 Jah­re gera­ten ist. Tat­säch­lich ist das Hono­ra­tio­ren­bür­ger­tum als geschicht­li­cher Trä­ger kon­ser­va­ti­ven Gedan­ken­guts bereits in den Bür­ger­kriegs­wir­ren nach dem Ers­ten Welt­krieg und Anfang der 1930er Jah­re untergegangen.

Letz­te ver­blie­be­ne Spu­ren­ele­men­te die­ses sozio­lo­gi­schen Typus ver­schwan­den spä­tes­tens mit der Ära Ade­nau­er und dem in ihr voll­zo­ge­nen end­gül­ti­gen Tri­umph der Mas­sen­ge­sell­schaft. Seit der mar­xis­tisch befeu­er­ten Kul­tur­re­vo­lu­ti­on ab Mit­te der 1960er Jah­re und deren nach­fol­gen­de Trans­for­ma­ti­on in die links­li­be­ra­le »Bun­des­re­pu­blik Ador­no« (Phil­ipp Felsch) hat sich das deut­sche Bür­ger­tum ohne Skru­pel dem Zeit­geist unter­wor­fen. Und die­ser Zeit­geist war seit den 1970er Jah­ren über­wie­gend links; spä­tes­tens seit Anfang der 1990er Jah­re ist er lupen­rein links.

Dem­entspre­chend steht das deut­sche Bür­ger­tum heu­te links, pflegt den uni­ver­sa­lis­ti­schen Lebens­stil der lin­ken Bohe­me und wählt schließ­lich das lin­ke / links­li­be­ra­le Par­tei­en­macht­kar­tell von den Grü­nen bis hin zur CSU. Daß sich eini­ge die­ser anpas­sungs­süch­ti­gen Bür­ger immer noch in der Mit­te wäh­nen und einem skur­ri­len »Mit­tis­mus« (Josef Schüßlb­ur­ner) frö­nen, ändert an die­ser Sach­la­ge nichts. Der Bun­des­bour­geois, unfä­hig zur Lage­ana­ly­se und befal­len von Zivi­li­sa­ti­ons­lan­ge­wei­le, tanzt heu­te takt­ge­nau nach der Flö­te der­je­ni­gen Rat­ten­fän­ger, die in die­sem Lan­de die – trans­at­lan­tisch kom­po­nier­ten – Melo­dien vorgeben.

Die Leug­nung des Volks­be­grif­fes, der Mul­ti­kul­ti-Wahn, die schwar­zen Mes­sen der Dau­er­ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung, das pseu­domu­ti­ge His­sen der Regen­bo­gen­flag­ge, hys­te­ri­sche Kli­ma­ret­tungs­ak­tio­nen, Frei­heits­be­sei­ti­gung durch Pan­de­mie­insze­nie­run­gen und nun: die Zer­stö­rung der geschlecht­li­chen Iden­ti­tät von Kin­dern durch von Pädo­phi­len in den Sat­tel gesetz­te Früh­sexua­li­sie­rungs­kam­pa­gnen – es gibt kein lin­kes Polit­thea­ter, bei dem der Bür­ger nicht dabei wäre: als (pas­si­ver) Zuschau­er, als Beschwich­ti­ger unziem­li­cher Pro­test­an­sät­ze ande­rer, als Cla­queur und selbst­ver­ständ­lich auch als Akteur.

Alle Zumut­bar­keits­gren­zen wer­den voll­ends über­schrit­ten, wenn die­ses fei­ge Mit­trom­pe­ten des Bür­gers auf dem lin­ken Jahr­markt der Eitel­kei­ten, wenn die­se voll­stän­di­ge Unter­wer­fung unter die Tyran­nei des lin­ken Wer­te­jar­gons dann noch als hyper­mo­ra­li­sche Groß­tat abge­fei­ert wird. In sol­chen pha­ri­sä­er­haf­ten, para­re­li­gi­ös auf­ge­la­de­nen Ersatz­hand­lun­gen mani­fes­tie­ren sich Aus­wüch­se einer Moral­bour­geoi­sie, deren Ver­lo­gen­heit alle his­to­ri­schen Maß­stä­be sprengt.

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Kommentare (24)

Laurenz

17. März 2023 09:51

@TvW  .... Ein Vortrag ist eine Sache, ein Artikel, den man liest, etwas anderes, zumindest hier. Daraus hätte man gut & gerne eine Serie von 4 Artikeln machen können, die jeweils etwas mehr ins Detail gehen. Ihre historische Aufarbeitung des Deutschen Bürgertums ist löchrig. Während die meisten Generals des Alten Fritz den Acheron noch im Galopp nahmen, reduzierte sich das in den Napoleonischen Kriegen schon erheblich. Weiter zurück befand sich die Freie Reichsstadt Frankfurt/M. desöfteren im Kriegszustand mit ein paar Rittern aus dem Taunus, weil diese Kaufleute als Geiseln genommen hatten. Da war der Bürger wehrhaft, aber doch nicht aus freien Stücken. Die Hanse scheiterte, weil sie weder Territorium, noch Verfassung besaß. Eine englische Königin war einfach machtbewußter, als die Krämerseelen. Wenn Sie Sich den täglichen Speiseplan des Fürsten Bismarck anschauen, wollte das auch jeder schlichte Geselle oder Rekrut essen. In den USA war das möglich, in Europa nicht. Bis 1918 war das Standesdenken noch gegenwärtig. Damit ruinierte sich das II. Reich. Die Matrosen kämpften nicht mehr für Ihre Offiziere, was an den Offizieren lag.

May vT

17. März 2023 10:07

Sehr erfrischend und erhellend Ihr Artikel und das sage ich als Christ.Herzlichen Dank dafür.

Nemo Obligatur

17. März 2023 10:24

Dr. Dr. von Waldstein - zuerst denkt man: "Auf welch hohen Ross kommt denn da einer angeritten?" Dann hört man eine Weile zu, ist überrascht, "erfreut" wäre ja das falsche Wort, und wünscht sich, man würde einmal selbst so klare Worte finden.

Blue Angel

17. März 2023 10:29

Danke für diese treffende Analyse!

B Traven

17. März 2023 10:53

Die Thesen Thor von Waldstein sind leider zutreffend und lassen für die Zukunft nichts Gutes erwarten. 
Buergerlicher Egoismus der sich selbst bestätigt und feiert und stolz ist, bei pauschaler Unterwerfung unter linker Ideologie weiter "mitspielen" und Posten abbekommen zu dürfen, findet in der Merkel/Merz-CDU seine angemessene politische Form.
Im Laufe der letzten Jahre fand ich Buergerliche am abstossendsten, die, angesprochen auf die negativen Folgen der Politik, die sie mittragen, grinsend entgegnete, sie wuerden ja schließlich nicht in dem gewissen Stadtteil wohnen, ihre Kinder oder Enkel würden nicht auf eine gewisse Schule gehen usw.
Absehbar ist bereits jetzt eine weitere tiefgreifende Amerikanisierung: Segregation der Wohnlagen mit Abstieg der Innenstädte. 

RMH

17. März 2023 12:05

So, wie man sich den Wähler nicht schnitzen kann, so ist der Bürger, der vermutlich am regelmäßigsten von allen Schichten zur Wahl geht, eben so, wie er eben gerade ist. Die Linken projezierten ihre politischen Ambitionen in ein Proletariat, idealisierten dieses fast schon wie den berühmten edlen Wilden und durften feststellen, dass der Proletarier in aller Regel mit anderem beschäftigt war, als damit, eine Revolution anzufangen. Daher setzte die Linke dann eben am egoistischen, mit Wohlstandsbauch versehenen Bürgertum an und bearbeitete es von 2 Seiten, einmal mit der Verlustangst (vgl. Kommunistisches Manifest) und einmal mit der guten alten Ablasshandelmethode, ich muss meine bürgerliche "Schuld" durch grün-linkes Wählen entgelten, rein waschen. Was ist daraus zu lernen? Man ändert die Menschen nicht und erzieht sie nicht, sondern packt sie bei ihrem Egoismus und versucht diesen wie einen Wasserstrahl auf die eigenen Mühlen umzuleiten. Damit dass nicht von den "Falschen" gemacht wird, haben die Etablierten die Mühlwehre unter ihre Kontrolle gebracht und lassen da keinen ran.

MARCEL

17. März 2023 12:48

Ähnliches schrieb einmal Botho Strauß über den Bundes-Bürger (sinngemäß):
Seine politische Gleichgültigkeit sei die Voraussetzung für seinen ökonomischen Erfolg gewesen.

MARCEL

17. März 2023 12:53

P.S. noch zu Nietzsche, der sagte auch:
"Wem das Leben nicht gelungen ist, dem muss das Sterben umso besser gelingen."

Freier

17. März 2023 16:36

Das war jetzt mal erkenntnisreich, vielen Dank!
Ich glaube, dieser Text stellt die selbe tiefere Wahrheit genauer dar, auf die auch Boomer- und NPC-Memes verweisen.

Majestyk

17. März 2023 16:55

Diese Abgrenzung von Bürgerlichen gegenüber anderen Bürgern niederer Klasse bringen so aber auch nur die Deutschen fertig, aber die unterscheiden ja auch zwischen E- und U-Musik. Man könnte hier auch die Trennlinie zwischen jenen verorten, die vom Staat ihr Einkommen beziehen und jenen die für deren Einkommen arbeiten müssen. Die einen definieren was Bildung ist, während die anderen faktisch etwas können müssen. 
Erinnert mich aber auch daran, daß in meiner Stube bei der Bundeswehr nur Arbeiterkinder waren. Die von der CDU gingen vielleicht freiwillig, wir aber für lau und weil wir so erzogen wurden. Hätte ich verweigert, wäre mir zu Hause die Tür verschlossen geblieben. Dazu paßt, daß Konrad Adenauer im Gespräch mit  Günter Gaus bezüglich seinen Differenzen mit Kurt Schumacher anmerkte, dieser sei Nationalist gewesen und er eben nicht, Minute 22:55.

Majestyk

17. März 2023 18:38

Betrachte ich meine eigene Prägung und Lebensgeschichte und die Entwicklung Deutschlands, die man absehen konnte, komme ich immer mehr zur Erkenntnis, die eigentlichen Feinde der Deutschen und auch der deutschen Souveränität sind die Bürgerlichen, die sich immer dem anpassen, was gerade en vogue ist. Derzeit ist grün eben die Farbe der Saison. Wenn die Bürgerlichen im neuen Kleid aber den Staat kontrollieren, kann eine Gegenbewegung logischerweise keine bürgerliche sein. Und jene die aufstehen müßten, weil ihre Existenz faktisch bedroht wird, fehlen Sprache und Sprachrohr.

MarkusMagnus

17. März 2023 21:47

Grossartiger Text. Besonders die Formulierung  "schwarze Messen der Vergangenheitsbewältigung"  ist mehr als gelungen. Abgesehen davon hat man ja gesehen das die sog. Bürgerlichen in den 1930er Jahren nicht in der Lage waren sich gegen den Bolschewismus der Linken zu wehren. 

Nordlicht

18. März 2023 00:06

Da hat er aber schöne Pirouetten gedreht, der Redner. Amüsanter Vortrag.
Und - wozu?

Laurenz

18. März 2023 00:22

@TvW (2) & hier teilnehmendes Forum
Kann zwar, wie die meisten, die sich bisher zum TvW-Artikel positiv geäußert haben, das skizzierte Bild des Bundesbürgers teilen, aber eben nicht die Herleitung. Ich, als Deutsch-Nationaler, heute sagt man Patriot, fahre auch auf das ab, was man vielleicht den Deutschen Militarismus nennen kann, ohne je gedient zu haben. Wer will schon diesem Saustaat dienen? (Da war ich genau der opportunistische Funktionsbürger, den TvW schildert.) Die einstigen deutschen Bürger trennten sich aber nicht freiwillig von der Wehrhhaftigkeit, es wurde ihnen mit Strafe ausgetrieben. Wenn wir aber TvW beim Zeichnen dieses Bildes beklatschen, müssen wir uns eingestehen, daß wir, wie TvW auch, rein spekulieren, so, wie wir das meistens tun, wenn wir auf das Volk oder die Bürger hochbrechen. Niemand weiß, wie 63 Mio. Bürger leben. TvW zeichnet nur das veröffentlichte Bild des Bürgers in den Medien nach & zieht Schlußfolgerungen aus Wahlen, Umfragen & sonstige Quellen, wobei auch bei Wahlen die größte Partei, die der Nichtwähler ist. Legitim, die eigenen Erfahrungen vor Ort hochzurechnen. Aber klar ist, wir glauben, wir wissen nicht.

Uwe Lay

18. März 2023 11:57

Enttäuscht
So hörens-und lesenswert diese Generalpolemik oder Publikumsbeschimpfung auch sein mag, der Gehalt ist doch recht dürftig. So ist der Gebrauch des Begriffes des Bürgers recht unklar: Meint er soziologisch den bürgerlichen Stand in seiner Differenz zu dem Adel und dem Klerus einerseits und der arbeitenden Bevölkerung andererseits? Meint der Begriff das ganze Staatsvolk als Summe der Staatsbürger oder eher doch nur die Oberschicht? Sind damit wirklich typisch deutsche Verhaltensweisen oder generelle Verhaltensweisen moderner Gesellschaften gemeint? Wie viel von dem Bürgerlichen erklärt sich aus dem Primat der Ökonomie, daß die Menschen heute primär als Produzenten und Konsumenten in dem gesellschaftlichen Leben fungieren? Wie verhält sich dann das Bürgerliche zum Volksbegriff, ist der Bürger eine Teilmenge des Volkes oder meint der Begriff einfach nur das sich ideologisch liberal verstehende Subjekt? Wer heute von bürgerlicher Politik spricht, etwa die "Junge Freiheit" meint damit: liberale Politik und zuerst den Abbau des Sozialstaates und mehr Unternehmerfreiheit. Ist das bürgerlich?

Gracchus

18. März 2023 14:49

Sehr prägnant geschrieben. Man mag einwenden zu pauschal oder verkürzt - aber tendenziell treffend. Vor allem das Moralgeseier ist - ekelig. 
Konservative mit skeptischem Menschenbild sollte dieser Befund von TvW nicht in Erstaunen versetzen. Angesichts dessen sind substanzielle soziale Änderungen in absehbarer Zeit nicht zu erwarten. Ebenso wenig ist eine deutsche "Revolkisierung" zu erwarten. Der Zug ist abgefahren. Der BRD-Gesellschaft innerlich kündigen, in kleinen Zirkeln überleben. 

Gracchus

18. März 2023 15:22

@Uwe Lay
Der Begriff "Bürgertum" ist gewiss etwas ungenau. Wenn man in einem solchen großen Rahmen wie TvW argumentiert und polemisiert, ist das unvermeidbar. Es geht mehr um Tendenzen - oder textlich: um das Aroma oder die Essenz. Sicherlich trifft der Befund durch die Dominanz des angloamerikanischen Kapitalismus irgendwie auf alle westlichen Länder zu. Es gab mal eine Zeit, wo es zum guten deutschen Ton gehörte, sich vom angelsächsischen Nützlichkeitsdenken abzugrenzen. Etwas vollmundig vielleicht. Ein deutsches Verhängnis ist die Philosophie, sind ethisch Kant und staatstheoretisch Hegel. Religiös: der Protestantismus.
Die beiden verlorenen Weltkriege haben Deutschland in eine forcierte Modernität gebracht oder gezwungen. Eine Modernität der scheusslichen Art. Deutschland ist ein Grau-in-Grau. Eine Mehrzweckhalle. Zitatweise klingt im Text ein anderes Deutschland an, etwas wesenhaft Anderes. Und was mich betrifft, trifft es auf Resonanz. 
 

AndreasausE

18. März 2023 17:50

Ich mag diese Beschimpfung nicht, auch wenn sie wohlformuliert daherkommt, und klar, durchaus begründet ist.
Denn ich mag diese "Fettbürger". Meist sind das sehr umgängliche Zeitgenossen, die fahren in der Regel eher bieder anmutende Autos, selbstredend deutschen Fabrikats und nicht eben billig (daran hängen Arbeitsplätze!)', haben aber keine Bedenken, bei Regenwetter einen "Penner" wie mich mal einsteigen zu lassen und nach Hause zu fahren. Wo man mitunter dann hört, hinter vorgehaltener Hand, bitte niemanden verraten, daß zur Wahl nur die AfD in Frage komme. Aber nun sei kommendes Weinfest wichtigeres Thema, wo man ehrenamtlich engagiert ist, weil Mitglied im Verschönerungsverein.
 
Und was die "Gartenlaube" betrifft: Ich kann nur empfehlen, sich davon mal einen Jahrgang zu Gemüte zu führen. Das war eine vielfach belächelte Zeitschrift, steht nieveaumäßig aber turmhoch über allermeisten zeitgenössischen Druckerzeugnissen.

Wuwwerboezer

18. März 2023 18:44

I
Sehe mich an die Fragestellung, wer den NS zu verantworten habe, erinnert. Für Sinowjew waren dies mit Akzent auf die Sozialdemokratie die sogenannten Couponabschneider (die Vorarbeiterkaste, die "Arbeiteraristokratie"), für Wilhelm Reich war dies der "Kleine Mann" (der Kleinbürger, insbesondere der kleine Angestellte, die untere Mittelschicht), für Brecht war es das gehobene universalistisch gebildete Patriziertum (die Oberschichten in den stolzen Städten), für Heinrich Mann waren es die Adelsrudimente, für Tucholsky / Ossietzky dabei insbesondere die Bumsfalleristenklüngel, für Dimitroff war es die Finanzoligarchie.
Wer auch immer es war, schon vor etwa hundert Jahren herrschte in kommunistischen Kreisen Klarheit und Einigkeit darüber, daß diese alle zusammen jämmerlich versagt hatten oder Saboteure waren, am nachdrücklichsten nachzulesen bei Johannes R. Becher, der in seinem Roman "Abschied" einen Professor sagen läßt: "Jetzt bleibt als einzige Hoffnung der deutsche Arbeiter".
Welcher Stand könnte oder sollte nach Ansicht von Herrn v. Waldstein den Bürger als tragendes Subjekt des Gemeinwesens ablösen?

Wuwwerboezer

18. März 2023 18:45

II
Würde diese Frage von der Neuen Rechten einmal beantwortet werden, stellte sich sogleich ein Problem: falls sie nicht nur polemisieren, was eigentlich ja jeder mehr oder weniger kann, sondern perspektivisch vielleicht auch mal Verantwortung übernehmen will, stünde die Entscheidung an, wie dann mit all den Myriaden an Bürgern zu verfahren sei - und welche Signale dahingehend bereits antizipierend zu setzen wären. Beschimpfung reichte insofern nicht mehr aus. Dem Außer-Landes-Jagen stünden die Sorge im eigenen Lager um die "Demographie" wie auch die punktgenau passende Erinnerung an Ärichens "Wir weinen ihnen keine Träne nach" entgegen, Umerziehen wäre nach all der Abwehr von Umerziehungsdiktatur resp. Charakterwäsche unlauter. Dasselbe gilt für Ausgrenzungen per Kantenschere. Auf Augenhöhe eine politische Gegnerschaft pflegen ginge über die heutige - rein taktische - AfD-Lage hinaus nicht, weil dies ja wieder nur Schwatzbudenparlamentarismus wäre. Mit Schadenersatzprozessen überziehen und damit ruinieren ginge bei Anspruch an die eigene Lauterkeit nicht, weil die Regeln-wir-alles-über-die-Anwälte-Lebenshaltung ja bürgerliche Lebenshaltung ist. Aus dem Sessel in der Machtpyramide heraus bedeutete dies die Instrumentalisierug der Justiz wie im ungeliebten 20. Jahrhundert, als genau dies Emporkömmlinge aus der Masse taten.

Arrow

18. März 2023 22:00

Danke für den großartigen Artikel. Ganz besonders eindrücklich scheinen mir die Gedanken TvW's zum Enkelhass der poltisch infantilen Rentner. Hier zeigt sich die Widernatürlichkeit und Sterilität des Bourgeois am deutlichsten.

Grobschlosser

19. März 2023 08:52

Der scheinkonservative Bürger unterhält gute Beziehungen zur medial-politischen Klasse - er bettelt um Anerkennung und er kauft sich einen kleinen Katzentisch an dem er dann artig sitzen kann und hin und wieder "Einwände" formuliert - gewöhnlich wird er vorgeführt ,eine im ROTEN KLOSTER ( Leipzig ) grundsozialisierte Oberschichtdame zerlegt dann den konservativen Freak mit der "eigenen , ganz anderen Meinung" - nun - er trägt die zulässigen "Einwände" vor - aber er wagt keine Kritik an den Verhältnissen . Eine Perspektive bietet die politische Arbeit der AfD .Wir können die politischen Verhältnisse in dieser Republik ändern - informieren wir den Bürger - auf allen Kanälen .24/7 ,365 Tage im Jahr -schirmen wir unsere Leute gegen die bolschewistische TV Strahlung ab - bauen wir ein eigenes Schulsystem auf ( die Esoteriker waren hier schon sehr erfolgreich - und werden dafür angefeindet ) . Es gibt Verbündete . Sprechen wir sie an .

Grobschlosser

19. März 2023 09:32

Das deutsche Arbeiterkind ist per se unser Verbündeter - wir lassen kein Arbeiterkind in der Multikultihölle schmoren - wir sind aufmerksam , verteidigungsfähig und wir konfrontieren den rotgrünen Mitläufer mit seiner Verbrecherkultur . Immer und überall .Wir dokumentieren alle Verbrechen die das rote juste milieu tagtäglich produziert - wir nennen Namen .
 
Unsere neuen Siedlungsräume in Mitteldeutschland sind UNSERE Festungen - rote Medien mögen agitieren und nach dem VS rufen - wir bleiben .Wir bauen aus ; wir bauen neue Häuser und Schulen . Wir siegen . 

Grobschlosser

19. März 2023 13:30

wir werden uns mit der tatsächlich herrschenden Klasse anlegen müssen - und diese hat den Braten längst gerochen und mobilisiert den VS gegen uns - dabei ist alles was wir fordern eine Selbstverständlichkeit : Schule ohne Angst -Schule ohne Terror -Schule ohne lernverhindernde Pädagogik . NUR in der (Hoch)Schule können geeignete Soldaten , Facharbeiter , Techniker und Ingenieure ausgebrütet werden .Nur ein funktionierender Mittelstand bietet sinnvolle Ausbildungsplätze ; in Hamburg produzieren die Gesamtförderintegrationssonderklippschulen mit mathematischer Gewissheit Jahr für Jahr rücksichtslose, brutale und menschenverachtende Migrationsmitbürger ( welche dann wiederum therapiert werden müssen ) ein Vollbeschäftigungsprogramm für Neurologen und Irrenärzte .Effekt : Arbeiterkinder lernen nicht mehr - der Abstand zu den gut abgeschirmten,wohlbehüteten Bildungsblockflötenkindern wird größer. Der "Bildungssenator" ( ich glaube er war mal Lehrer für marxistische Religion und achtsames JASAGEN ) hat sein Ziel erreicht : der Arbeiterbursche bleibt chancenlos - der Migrant tingelt durch die Förderfachneurologie und Betreuungsindustrie ( "der ist ja nicht böse sondern krank" ) und ja - sagen wir es ganz deutlich : ein Migrantenkind mit Teleskopschlagstock bleibt in der kaputten Großstadt unbehelligt .Also : reden wir mal mit Herrn Rabe vom Amt 

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