Sezession
1. Oktober 2005

Vom Nutzen der Religion

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 11 / Oktober 2005

sez_nr_11von Karlheinz Weißmann

Die Nützlichkeit von Religion wird heute kaum bestritten. Es gibt statistische Untersuchungen, die den Zusammenhang von Glauben und Berufszufriedenheit, ethischem Verhalten, Stabilität der Ehe oder Lebensdauer belegen. Selbst der, der eine Verbindung zwischen Gebetspraxis und Heilungserfolgen bei schweren Krankheiten behauptet, kann auf ein gewisses Wohlwollen rechnen. Die Gebildeten erkennen in der Religion wieder einen Kulturfaktor, die Psychologie betont ihre Rolle für die personale Identität, die Verhaltensforschung hält sie für einen Faktor im Überlebenskampf, einige Marktliberale betrachten das Christentum als Standortvorteil und kein Theologe will noch „atheistisch an Gott glauben“. Im Alltag ist der Fall des Leugners gar nicht selten, der metaphysischen Halt ersehnt und unter dem Druck von Ernstfällen – dem Amoklauf von Erfurt oder den Anschlägen in Madrid – kommen veritable Atheisten wie Gregor Gysi oder Jack Lang zur Einsicht in die Vorteile schulischen Religionsunterrichts.

Prinzipielle Ablehnung ist selten geworden. Das gilt trotz der Gefahren des religiösen Fundamentalismus. Ein Buch wie Religion als Risiko des Neurophysiologen Detlef Linke erlangte kaum die Aufmerksamkeit, die ihm allein auf Grund des Titels hätte zukommen müssen. Linke vertrat in Reaktion auf den 11. September 2001 die Ansicht, daß Glaubensvorstellungen, wenn schon nicht prinzipiell gefährlich, so doch in ihren Auswirkungen problematisch seien. Es gehe dabei weniger um theologische Lehren, eher um unmittelbar handlungsleitende Konzepte in enger Verknüpfung mit bestimmten Hirnfunktionen, die dazu dienen, das Individuum in problematischen Situationen zu stützen und Verhaltenssicherheit zu ermöglichen, die aber auch helfen, Erfahrungen von Selbstüberschreitung wie Trance oder Ekstase zu deuten. Linke meint, daß sich die positiven Wirkungen der Religion heute auf anderem – weniger riskantem – Weg erreichen ließen und macht aus seinem Vorbehalt keinen Hehl, bleibt aber auch von einer grundsätzlichen Absage an die Religion weit entfernt.
Der Grund für dieses Zögern liegt im Machtverlust der Religionskritik, die einmal so starken Einfluß ausgeübt hat. Bis in das letzte Drittel des 20. Jahrhunderts war die Auffassung vorherrschend, daß man einem religionslosen Zeitalter entgegengehe. Alles schien für die Prognose Sigmund Freuds zu sprechen, daß die Religion verschwinden oder nur als belächelter Aberglaube überleben werde. Freud erachtete Religion als nutzlos und als Täuschung, wobei er die Mitte hielt zwischen jenen, die sie als Selbst- und jenen, die sie als Priesterbetrug ansahen. Die einen erwarteten entscheidendes von der Aufklärung der unmündigen Massen, die anderen von der Entmachtung oder Liquidation der Religionsspezialisten. Viele haben die Hoffnung gehegt, daß so oder so dem Fortschritt des Menschengeschlechts der Weg bereitet werde. Sie wurden allesamt enttäuscht, nicht zuletzt, weil ihre Parteinahme für den Fortschritt selbst ein religiöses Moment enthielt, einen „theologischen Glutkern“ (Ernst Bloch). Deshalb führte jede Krise des Fortschreitens zur Wiederbelebung von alten Beständen, wenn auch in Gestalt einer jeweils „neuen“ Religiosität. Vom occult revival der 1890er Jahre über die „Inflationsheiligen“ der Zwischenkriegszeit bis zu den Mantras murmelnden Hippies und der modischen Eschatologie des Wassermannzeitalters wiederholte sich regelmäßig das Zusammenspiel von Erwartungsenttäuschung und Rückgriff. Die Formen konnten bedenklich und abgeschmackt sein, es ging immer um Bedeutungsverlust des Rationalen und Bedeutungszuwachs des Irrationalen, Synkretismus und Selbsterlösung, aber ohne Zweifel waren alle diese Strömungen religiös.


 Gastbeitrag

  • Sezession

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Bitte überweisen Sie auf das Konto:

Verein für Staatspolitik e.V.
IBAN: DE86 5185 0079 0027 1669 62
BIC: HELADEF1FRI

Oder nutzen Sie paypal:

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.