Warum Europa ausgriff – 500 Jahre Magellan

von Konrad Markward Weiß -- PDF der Druckfassung aus Sezession 110/ Oktober 2022

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»Du hast mich als ers­ter umrun­det«, lau­tet der Wap­pen­spruch, den Kai­ser Karl V. dem Kapi­tän der nach drei­jäh­ri­ger Fahrt dezi­miert und mit letz­ter Kraft auf einem aus­ein­an­der­fal­len­den Schiff heim­keh­ren­den Welt­um­seg­ler verlieh.

Aber gera­de nicht dem längst in einem Schar­müt­zel von tra­gi­scher Bedeu­tungs­lo­sig­keit gefal­le­nen Fer­di­nand Magel­lan, der die Welt weder umse­gelt noch es beab­sich­tigt hat­te; der gehei­mes See­fah­rer­wis­sen sei­ner Hei­mat Por­tu­gal deren ein­zi­gem Riva­len zukom­men ließ, als er sich Spa­ni­en andien­te; des­sen Ent­de­ckung sich als unprak­ti­ka­bel erwies und zwi­schen­zeit­lich sogar in Ver­ges­sen­heit geriet; dem »Offi­zier ohne For­tü­ne, arm und von nie­de­rem Adel, ohne Pro­tek­ti­on, fast ohne Freun­de, der das Geld ver­ach­tet, die Höf­lin­ge haßt, kno­chen­tro­cken und schroff ist, unfä­hig, sein Haupt zu beu­gen, und mit einem Schwei­ne­cha­rak­ter geschla­gen, ohne jede Fas­son geklei­det, dun­kel­häu­tig, schwäch­lich, schmut­zig, häß­lich, hin­kend, oben­drein Por­tu­gie­se, und allein«, wie Jean Ras­pail schreibt.

Und doch gilt auch 500 Jah­re spä­ter das Wort des His­to­ri­kers ­Fernán­dez de Ovie­do: »In der See­fahrt ist seit der Rei­se des Patri­ar­chen Noah nichts Bemer­kens­wer­te­res gehört oder beschrie­ben worden.«

Ursäch­lich für Magel­lans Ent­de­ckun­gen sah Ste­fan Zweig »die eigens­te sei­ner Tugen­den: die heroi­sche Beharr­lich­keit«; das­sel­be gilt für Euro­pas lang­sa­mes, aber ste­ti­ges Hin­aus­wach­sen selbst in die ent­le­gens­ten Win­kel der Erde. Unser Kon­ti­nent wäre ohne die See­fahrt »womög­lich eine nach­ran­gi­ge Ecke der eura­si­schen Land­mas­se geblie­ben« (Lin­coln Pai­ne). Unter den Beweg­grün­den für Euro­pas beharr­li­chen Drang in die Fer­ne fin­det sich ein heu­te gera­de­zu läp­pisch anmu­ten­der: der Heiß­hun­ger nach Gewür­zen, die teils so wert­voll waren, daß sie auf Gold­waa­gen gewo­gen wur­den – auch weil sie aus Indi­en und den noch ent­fern­te­ren »Gewürz­in­seln« her­an­ge­schafft wer­den mußten.

Dazu lag der gesam­te Gewürz­han­del – bis ihn in Alex­an­dria der euro­päi­sche Mono­po­list Vene­dig über­nahm – in den Hän­den mos­le­mi­scher Händ­ler und Poten­ta­ten; deren Sperr­ket­te Rich­tung Osten zu durch­bre­chen war eines der Moti­ve der Kreuz­zü­ge, und nicht das gerings­te. Da dies miß­lang, such­te man nach ande­ren Wegen.

Daß aus­ge­rech­net das klei­ne Por­tu­gal frü­her und schnel­ler als grö­ße­re Atlan­ti­k­an­rai­ner vor­an­kam, lag auch an deren ander­wei­ti­ger Inan­spruch­nah­me: Spa­ni­en war noch nicht geeint, hat­te noch immer die Mau­ren im Pelz; Frank­reich und Eng­land waren im Hun­dert­jäh­ri­gen Krieg ver­strickt, letz­te­res oben­drein durch die Rosen­krie­ge zerrissen.

Por­tu­gal und Spa­ni­en, der Islam und das Meer: Erst 1385 hat­te Por­tu­gal sei­ne end­gül­ti­ge Unab­hän­gig­keit von Kas­ti­li­en, also Spa­ni­en, erkämpft; erst stän­di­ge Über­fäl­le der Almo­ha­den­flot­te hat­ten die Por­tu­gie­sen bewo­gen, ihrer­seits eine Flot­te auf Kiel zu legen; erst mit Hil­fe einer Kreuz­fah­rer­flot­te hat­ten die Lusi­ta­nier den Almo­ha­den ihre spä­te­re Haupt­stadt Lis­sa­bon über das Meer abge­jagt. Ein inno­va­ti­ves Ver­si­che­rungs­sys­tem gegen See­han­dels­ri­si­ken und das Anzie­hen von Kapi­tal aus Nord­ita­li­en waren Zwi­schen­schrit­te; ein ent­schei­den­der auf dem Weg zur Welt­macht Por­tu­gals hin­ge­gen 1415 die Erobe­rung von Ceu­ta, an der neben vie­len ande­ren Frem­den auch Oswald von Wol­ken­stein teilnahm.

Initia­tor und toll­küh­ner Anfüh­rer die­ses Unter­neh­mens war der Infant Dom ­Hen­ri­que – Hein­rich der See­fah­rer. »Nach Qua­drat­ki­lo­me­tern gerech­net ist es nicht viel, was sich […] um Ceu­ta in por­tu­gie­si­schem Besitz befin­det. Aber es ist das ein­zi­ge außer­eu­ro­päi­sche Ter­ri­to­ri­um, das einem christ­lich-euro­päi­schem Herr­scher gehört, es ist […] ein Teil isla­mi­schen Gebiets, ein Sprung­brett zum atlan­ti­schen Süden, es ist die Grund­la­ge des Griffs in die Welt.« (­Hell­mut Diwald)

Der Rang des Königs­sohns, Mys­ti­kers und Aske­ten Hein­rich als einer der her­aus­ra­gen­den Per­sön­lich­kei­ten der euro­päi­schen Geschich­te ist eben­so unbe­strit­ten wie sein Motiv: der Kreuz­zugs­ge­dan­ke. So galt es ers­tens, die Mos­lems im Maghreb im Rücken zu fas­sen; zwei­tens, dem mythi­schen christ­li­chen Pries­ter­kö­nig Johan­nes und des­sen Reich irgend­wo in Afri­ka zur Hil­fe zu kom­men; drit­tens, die Quel­le des legen­dä­ren afri­ka­ni­schen Gol­des und den Weg zu den Gewürz­in­seln zu fin­den, um die Kreuz­zü­ge zu finanzieren.

Zunächst wur­de mit den Azo­ren, Madei­ra und den Kap­ver­den eine ers­te »Neue Welt« in Besitz genom­men, die Por­tu­gal als ein wei­te­res Sprung­brett dien­te, zur afri­ka­ni­schen West­küs­te, inklu­si­ve lukra­ti­ven ­Skla­ven­han­dels. Als her­vor­ra­gen­des Instru­ment erwie­sen sich die unter Hein­rich ent­wi­ckel­ten, sowohl hoch­see­taug­li­chen als auch für die Küs­ten- und Fluß­schif­fahrt geeig­ne­ten Kara­vel­len. Durch die Über­win­dung des von Gene­ra­tio­nen von See­fah­rern zutiefst gefürch­te­ten Kap Boja­dor mit sei­nen eben­so gefähr­li­chen wie unheim­li­chen Wet­ter­phä­no­me­nen durch Gil Eanes wur­de nach Diwald »eine der mäch­tigs­ten nau­tisch-psy­cho­lo­gi­schen Bar­rie­ren gesprengt, die jemals exis­tiert haben«.

Beim Tod Dom Hen­ri­ques 1460 waren zwei­tau­send Mei­len afri­ka­ni­scher Küs­te reko­gnos­ziert; das gewon­ne­ne Wis­sen unter­lag strik­ter Geheim­hal­tung. Immer wei­ter süd­lich ragen die padrões auf, stei­ner­ne Ste­len mit dem könig­li­chem Wap­pen und dem Kreuz. Por­tu­gals Stel­lung als recht­mä­ßi­ger Beherr­scher des süd­li­chen Atlan­tiks sicher­ten meh­re­re päpst­li­che Bullen.

1488 umrun­de­te Bar­to­lom­eu Dias die Süd­spit­ze Afri­kas, der Weg nach Indi­en schien end­lich gefun­den. 1498 war es voll­bracht und Indi­en erreicht: »Kolum­bus sprach von einem Poten­ti­al, Vas­co da Gama hin­ge­gen hat­te Resul­ta­te gelie­fert« (Peter Fran­kop­an). Nach sei­ner Rück­kehr aus Cali­cut wur­de da Gama mit Alex­an­der ver­gli­chen. Anders­wo war man weni­ger begeis­tert: In Vene­dig bra­chen Trüb­sal und Panik aus, und in Cali­cut hat­ten ihn Mau­ren mit »Hol dich der Teu­fel! Wer hat dich hier­her­ge­bracht?« begrüßt.

Dort zeig­te sich aller­dings auch, daß Por­tu­gal mit sei­nen küm­mer­li­chen Pro­duk­ten als Han­dels­part­ner unin­ter­es­sant war; und für die Rol­le eines Zwi­schen­händ­lers war es zu arm. Nicht die ulti­ma, son­dern die uni­ca ratio zur Erlan­gung der Schät­ze des Ori­ents war rasch gefun­den: »Da kam ein Dut­zend Schif­fe übers Meer, ent­schlos­sen, den unge­heu­ren Welt­han­del einer gan­zen Hemi­sphä­re zu erobern. Für einen sol­chen Plan war die völ­li­ge Ruch­lo­sig­keit das eiser­ne Gesetz.« (Diwald)

Trotz­dem erwies sich, daß die all­jähr­lich nach Indi­en segeln­de Flot­te nicht aus­reich­te, um das mos­le­mi­sche Gewürz­han­dels­mo­no­pol zu über­neh­men. Dies gelang erst dem eben­so grau­sa­men wie genia­len Afon­so de Albu­quer­que: Er erobert 1510 Goa, den spä­te­ren Sitz fast all­mäch­ti­ger por­tu­gie­si­scher Vize­kö­ni­ge; er schafft ein Netz aus patrouil­lie­ren­den Kriegs­schif­fen, dazu Fes­tun­gen, Fak­torei­en und Arse­na­le, und damit ein dau­er­haf­tes Sys­tem trans­ozea­ni­scher impe­ria­ler Herr­schaft, das schließ­lich von Mosam­bik bis Naga­sa­ki reicht; er nimmt 1511 mit Malak­ka die Dreh­schei­be des welt­wei­ten Gewürz­han­dels und schreibt zu Recht, dies sei »der größ­te Schlag, der das Haus Muham­mad in hun­dert Jah­ren getrof­fen hat«.

Die­ser Schlag wur­de durch wei­te­re Fak­to­ren ermög­licht: Über Kriegs­schif­fe ver­füg­ten Por­tu­gals Geg­ner vor Ort kaum, erst recht nicht über hoch­see­taug­li­che oder gar Schiffs­ar­til­le­rie; die Han­dels­schif­fe waren ohne Metall gebaut, zudem nur auf das Segeln vor dem Mon­sun aus­ge­legt und daher schwer­fäl­lig. Die Fürs­ten Vor­der­in­di­ens inter­es­sier­ten sich aus­schließ­lich für die Macht­aus­übung zu Lan­de, bei der die Por­tu­gie­sen sich außer­halb win­zi­ger Stütz­punk­te hüte­ten, ihnen in die Que­re zu kom­men – aller­dings weid­lich das alte Prin­zip »divi­de et impe­ra« zur Anwen­dung brach­ten. Bald lenk­ten die Por­tu­gie­sen als die »Fuhr­leu­te Asi­ens« einen Strom heiß­be­gehr­ter Waren ins Mut­ter­land, des­sen Mon­arch vom fran­zö­si­schen Herr­scher nei­disch als »Gewürz­krä­mer­kö­nig« geschmäht wurde.

Mit an Bord ist ein gewis­ser Magel­lan, er ver­dient sich sau­er die Spo­ren eines sub­al­ter­nen Offi­ziers. Nach fast zehn­jäh­ri­gem Dienst, nach Schiff­bruch und drei schwe­ren Kriegs­ver­let­zun­gen, kommt der Vete­ran bei sei­nem König unge­schickt und ver­geb­lich um eine beschei­de­ne Erhö­hung sei­ner Bezü­ge und eine Stel­lung ein; immer­hin gestat­tet ihm Manu­el I., sich in frem­de Diens­te zu bege­ben. Der schweig­sa­me, küh­le Ein­zel­gän­ger, als See­fah­rer und Kriegs­mann ein Prak­ti­ker, tut sich mit einem her­aus­ra­gen­den Theo­re­ti­ker, dem hitz- bis wirr­köp­fi­gen Kar­to­gra­phen und Astro­no­men Ruy Falei­ro, zusammen.

Gemein­sam gehen sie nach Sevil­la, wo Magel­lan sich eta­bliert und Für­spre­cher bei Hofe gewinnt; gemein­sam schlie­ßen sie 1518 mit Karl V. den Ver­trag, die­sem gegen Gewinn­be­tei­li­gung Län­de­rei­en und Gewür­ze zu ent­de­cken – strikt inner­halb der spa­ni­schen Hemi­sphä­re. Denn damit sich die christ­li­chen See­fah­rer­na­tio­nen nicht gegen­sei­tig bekrie­gen und Res­sour­cen für den Kreuz­zug erüb­ri­gen kön­nen, war nach den Ent­de­ckun­gen des Kolum­bus vom Papst eine Demar­ka­ti­ons­li­nie fest­ge­legt wor­den, die Gebie­te west­lich davon Spa­ni­en, öst­lich davon Por­tu­gal zuschlug – end­gül­tig im Ver­trag von Tor­des­il­las. Magel­lan war der Annah­me, der Pazi­fik sei weit­aus schmä­ler als ver­mu­tet und die Gewürz­in­seln somit noch in der spa­ni­schen Hemi­sphä­re. Dort­hin woll­te er, an der Süd­spit­ze Ame­ri­kas vor­bei, eine neue, kür­ze­re Rou­te finden.

Trotz aller­höchs­ter Pro­tek­ti­on läßt sich das Unter­neh­men schwie­rig an: Wolf­ram zu Mond­feld zitiert »Por­tu­gals Reprä­sen­tan­ten und Ober­schnüff­ler in Sevil­la«, der nach Lis­sa­bon berich­tet: »Mit solch alten Käh­nen wür­de ich nicht ein­mal zu den Kana­ri­schen Inseln segeln wol­len«. Die Proviant­listen ver­zeich­nen so pro­sa­ische Vor­rä­te wie Knob­lauch und Boh­nen sowie auf Hel­ler und Pfen­nig deren Ein­kaufs­preis, aber kal­li­gra­phisch eben­so schön wie der Name der dama­li­gen Wäh­rung: Mara­ve­dí. Am 20. Sep­tem­ber 1519 lau­fen die fünf Schif­fe aus. Magel­lan nimmt die Kapi­tä­ne an die Kan­da­re; bald ver­ab­scheu­en die stol­zen Spa­ni­er den Aus­län­der, wie selbst der jun­ge vene­zia­ni­sche Chro­nist Anto­nio Piga­fetta ver­merkt, ein erge­be­ner Bewun­de­rer Magellans.

Nach erhol­sa­mem Auf­ent­halt in der Bucht von Rio de Janei­ro ver­bringt die Flot­te Wochen am Rio de la Pla­ta, bis man erkennt, daß es sich dabei nicht um eine Durch­fahrt han­delt; der Fehl­schlag beschä­digt das Ver­trau­en in den Gene­ral­ka­pi­tän und des­sen Fähig­keit, die ersehn­te Rou­te zu fin­den. Die dama­li­gen nau­ti­schen Instru­men­te erschwe­ren dies ohne­hin: Zwar kann man mit dem Astro­la­bi­um den Brei­ten­grad ermit­teln, den Län­gen­grad aber erst nach Erfin­dung des Chro­no­me­ters im 18. Jahr­hun­dert. Über­haupt wird Magel­lan, unter ande­rem von Mond­feld, weni­ger als meis­ter­haf­ter See­fah­rer betrach­tet: »Sei­ne Stär­ken lagen weit mehr auf mili­tä­ri­schem Gebiet, in sei­ner Cha­rak­ter­fes­tig­keit und der Fähig­keit, Men­schen zu führen«.

All das kommt ihm zugu­te, als nach dem Ankern zur Über­win­te­rung eine Meu­te­rei aus­bricht – nicht zuletzt, weil ­Magel­lan jede Kon­sul­ta­ti­on mit sei­nen Kapi­tä­nen ver­wei­gert. Durch sei­ne küh­ne Ent­schlos­sen­heit ist er rasch wie­der Herr der Lage. Einer der spa­ni­schen Kapi­tä­ne wird hin­ge­rich­tet, ein wei­te­rer mit einem auf­rüh­re­ri­schen Pries­ter an der öden Küs­te des »Pata­go­ni­en« getauf­ten Lan­des aus­ge­setzt. Die vom Win­ter­lie­ge­platz vor­aus­ge­schick­te »Sant­ia­go« erlei­det Schiff­bruch; erst nach einem geschla­ge­nen hal­ben Jahr wet­ter­be­ding­ter War­te­zeit läuft die Flot­te wie­der aus.

Inzwi­schen sind der ohne­hin oft kaum genieß­ba­re Pro­vi­ant und das Trink­was­ser zur Nei­ge gegan­gen. Aber schon nach drei Tagen wird das »Kap der elf­tau­send Jung­frau­en« erreicht, zwei Schif­fe wer­den zur Suche nach einem Durch­gang dele­giert – und dies­mal han­delt es sich tat­säch­lich um eine Mee­res­stra­ße! Vier Wochen lang läßt Magel­lan mit »heroi­scher Beharr­lich­keit« den rie­si­gen Archi­pel erkun­den, dann ist end­lich die Aus­fahrt gefun­den; Piga­fetta berich­tet, daß der Gene­ral­ka­pi­tän vor Glück geweint habe.

Bald dar­auf deser­tiert die »San Anto­nio«, das größ­te Schiff mit den meis­ten Vor­rä­ten. Dabei steht das Schwie­rigs­te noch bevor: die Über­que­rung eines unbe­kann­ten Oze­ans, mit einer erschöpf­ten Mann­schaft und aus­ge­laug­ten Schif­fen. Magel­lan könn­te, soll­te, müß­te jetzt umkeh­ren – aber so hat sich Euro­pa die Welt nicht ent­deckt und unterworfen!

Die Flot­te segelt wei­ter, erst noch an der chi­le­ni­schen Küs­te ent­lang nach Nor­den, aber es hilft ja nichts: Am 22. Dezem­ber 1520 bie­gen die Schif­fe auf West­kurs in die unbe­kann­ten Wei­ten des Pazi­fiks hin­aus, der sich als unver­gleich­lich grö­ßer erweist als erhofft. Die Besat­zung beginnt zu ver­hun­gern und an Skor­but zugrun­de zu gehen – einer der ers­ten gesi­cher­ten Fäl­le die­ser Gei­ßel der Lang­stre­cken­see­fahrt. Der Höl­len­törn über den immer­hin sturm­lo­sen und daher »Pazi­fik« getauf­ten Oze­an dau­ert drei Mona­te und 20 Tage – drei­mal so lang wie die ers­te Rei­se des Kolum­bus. Erst am 6. März 1521, nach umge­rech­net etwa 20 000 Kilo­me­tern, erreicht die Flot­te Guam, dann die Philippinen.

Auf Cebu kann Magel­lans Skla­ve Enri­que in sei­ner Mut­ter­spra­che mit dem dor­ti­gen Fürs­ten spre­chen und ist damit wohl der ers­te Mensch, der die Erde umrun­det hat. Der Rajah Huma­bon kon­ver­tiert zum Chris­ten­tum und unter­wirft sich der spa­ni­schen Schutz­herr­schaft – nicht aber Lapu­la­pu, Poten­tat der Nach­bar­insel Mactan.

Am 27. April lan­det Magel­lan eben­dort, kämpft an der Spit­ze von nur sech­zig Mann – als Macht­de­mons­tra­ti­on bewußt ohne sei­ne neu­en Ver­bün­de­ten – gegen die 1500 Krie­ger des »brau­nen Lüm­mels« und »lächer­li­chen Men­schen­in­sekts« (Ste­fan Zweig), wird ver­wun­det, stürzt und fin­det den Tod. Die Über­le­ben­den irren ein hal­bes Jahr lang über das Süd­chi­ne­si­sche Meer, müs­sen die waid­wun­de »Con­cep­ción« ver­sen­ken, errei­chen end­lich die Gewürz­in­seln und laden die heiß­be­gehr­ten Gewürz­nel­ken; Magel­lans altes Flagg­schiff, die »Tri­ni­dad«, muß zur Über­ho­lung zurückbleiben.

Die Heim­rei­se des letz­ten Schif­fes, der »Vic­to­ria« unter Juan Sebas­tián Elca­no, ist eine wei­te­re see­fah­re­ri­sche Glanz­tat, auch weil sie die por­tu­gie­si­schen Stütz­punk­te weit­räu­mig umse­geln muß. Die mor­sche Nuß­scha­le über­quert in einem Zug den gesam­ten Indi­schen Oze­an und das Kap der Guten Hoff­nung, lan­det erst wie­der auf den Kap­ver­den, »inko­gni­to«, wird ent­tarnt und muß über­stürzt vor den Por­tu­gie­sen flie­hen. Am 8. Sep­tem­ber 1522 »wur­den die wurm­zer­fres­se­nen Über­res­te der ›Vic­to­ria‹ am Kai von Sevil­la ver­täut«, nach 43 380 See­mei­len. Nur 18 der 237, die drei Jah­re zuvor aus­ge­fah­ren waren, keh­ren heim und wall­fah­ren am sel­ben Tag, bar­fuß und mit Ker­zen in der Hand, zu den Mari­en­al­tä­ren der Stadt.

Auf die gro­ßen Ent­de­ckun­gen der Euro­pä­er folgt die oft eben­so ver­lust­rei­che Erfor­schung der Strö­mun­gen und Win­de, und damit fes­ter, regel­mä­ßig befah­re­ner See­we­ge, deren Netz – gera­de­zu eine Revo­lu­ti­on – die Ozea­ne ver­bin­det und die euro­päi­schen Besit­zun­gen in Über­see mit dem Mut­ter­land. Ent­de­ckun­gen hat­ten auch ande­re gemacht – aber kei­ne neu­en Wege über alle Ozea­ne gebahnt. »Der neue Reich­tum ver­lieh Eu­ropa Eitel­keit und Selbst­ver­trau­en und stärk­te dar­über hin­aus den Glau­ben«, schreibt Fran­kop­an: »Somit war die­se Epo­che, auch wenn die His­to­ri­ker sie ›Renais­sance‹ genannt haben, kei­ne Wie­der­ge­burt. Viel­mehr war sie eine ›Nais­sance‹ – eine Geburt. Zum ers­ten Mal in der Geschich­te befand sich Euro­pa im Zen­trum der Welt.«

War­um gera­de Euro­pa? Das »Reich der Mit­te« war schon 1405 unter dem Hof­eu­nu­chen Zheng He mit Flot­ten, die jene von Kolum­bus oder ­Magel­lan lächer­lich erschei­nen las­sen, bis Kenia gelangt – wand­te sich dann aber plötz­lich von der See­fahrt ab. War­um errich­te­te Chi­na, das auf man­chen Gebie­ten Euro­pa tech­nisch vor­aus war, kein Welt­reich? Der chi­ne­si­sche Kai­ser ent­sand­te Flot­ten, um sei­ne Macht vor­zu­füh­ren und sei­ne Ober­ho­heit aner­ken­nen zu las­sen – ein sin­gu­lä­res, zen­tra­lis­ti­sches Pro­jekt und ein poli­ti­scher Akt, kein mer­kan­ti­ler, denn pri­va­ter Han­del war in Chi­na damals verboten.

Der »Sohn des Him­mels« ver­teil­te rei­che Geschen­ke, for­der­te auch Tri­bu­te ein, vor­zugs­wei­se »sam­mel­ba­re« exo­ti­sche Tie­re oder Waren – aber »das ist nicht ganz das­sel­be wie Neu­gier hin­sicht­lich der mensch­li­chen und phy­si­schen Geo­gra­phie des Indi­schen Oze­ans« (David Abula­fia). Vor allem aber sys­te­ma­ti­sier­ten die Euro­pä­er wis­sen­schaft­lich alle nau­ti­schen Infor­ma­tio­nen, wie es das spä­ter viel­ge­schmäh­te euro­päi­sche Mit­tel­al­ter auf zahl­rei­chen Wis­sens­ge­bie­ten tat. Auch das reli­giö­se Sen­dungs­be­wußt­sein Chi­nas hielt sich in Gren­zen: So wur­den mit Inschrif­ten und Opfern neben Bud­dha auch Allah und Hin­du­gott­hei­ten bedacht. Die christ­li­chen See­fah­rer hin­ge­gen hat­ten stets auch das Ziel, allen Men­schen die christ­li­chen Wahr­hei­ten zugäng­lich zu machen.

Wie konn­ten 168 Spa­ni­er unter Pizar­ro den Inka Ata­hual­pa inmit­ten sei­ner Armee von 80 000 Mann ergrei­fen und sein rie­si­ges Reich zu Fall brin­gen? Bekannt­lich durch Schuß­waf­fen, Stahl­waf­fen, eine höhe­re Resis­tenz gegen Seu­chen­kei­me, Pfer­de, see­fah­re­ri­sche Fer­tig­kei­ten, Schrift, Bücher und damit durch den Rück­griff auf Tau­sen­de Jah­re Wissen.

War­um aber erlang­te vor allem Euro­pa die­se Macht­fak­to­ren – und ver­stand es nur Euro­pa, damit die Welt zu erobern? Der Evo­lu­ti­ons­bio­lo­ge Jared Dia­mond ver­wirft »ras­sis­ti­sche bio­lo­gi­sche Erklä­run­gen« und hält statt des­sen viel­schich­ti­ge Umwelt­fak­to­ren für ent­schei­dend: Hoch­kul­tu­ren außer­halb Euro­pas hät­ten sich oft zu iso­lier­ten, groß­flä­chi­gen und mono­li­thi­schen Staats­we­sen ent­wi­ckelt und so zu sozia­ler, wirt­schaft­li­cher und tech­no­lo­gi­scher Sta­gna­ti­on geneigt.

Nicht aber das klein­tei­li­ge Euro­pa, wo ein ganz ande­rer Kon­kur­renz- und Inno­va­ti­ons­druck geherrscht habe. Und wo Män­ner wie Kolum­bus und Magel­lan zwar man­che Abfuhr erlit­ten, letzt­lich aber Unter­stüt­zer gewan­nen, für Vor­ha­ben, die das Ange­sicht der Welt ent­deckt und für immer ver­än­dert haben. Durch sie wur­de der Atlan­tik zum »neu­en Mit­tel­meer« Euro­pas und sei­ner Kolonien.

Am Beginn von Por­tu­gals hoher Zeit stan­den Hein­rich der See­fah­rer, der Kreuz­zugs­ge­dan­ke, Ceu­ta – und der demo­gra­phie­be­ding­te, klu­ge Ver­zicht auf groß­flä­chi­ge Land­nah­me, zuguns­ten einer Stütz­punkt­po­li­tik. Am Ende von Por­tu­gals lan­gem Nie­der­gang stan­den die Abkehr von die­ser Selbst­be­schrän­kung und der Kreuz­zugs­fa­na­tis­mus König Sebas­ti­ans: Beim Ver­such Marok­ko zu erobern und die Mos­lems zu ver­trei­ben, erlitt ein por­tu­gie­si­sches Heer 1578 bei Ksar-el-Kebir eine ver­nich­ten­de Nie­der­la­ge; der kin­der­los geblie­be­ne Sebas­ti­an fiel, und Por­tu­gal kam 1580 unter die Herr­schaft Spaniens.

Luís de Camões, der Bar­de von Por­tu­gals Epos, das er in den an die Odys­see ange­lehn­ten Lusia­den ver­ewigt hat­te, fand im sel­ben Jahr den Tod, gemäß sei­ner Pro­phe­zei­ung »ich habe mein Land so sehr geliebt, daß ich mit ihm ster­ben wer­de«. Er ruht in Lis­sa­bon, Sei­te an Sei­te mit Vas­co da Gama, im Klos­ter von Belém, vor dem sich Sala­zars gewal­ti­ges »Denk­mal der Ent­de­ckun­gen« erhebt; und an des­sen stei­ner­nem Bug Hein­rich der See­fah­rer die por­tu­gie­si­sche Drei­fal­tig­keit ver­voll­stän­digt und über den Tejo in die Fer­ne blickt.

 

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