Sezession
1. Oktober 2005

Der Glaube der Philosophie

Erik Lehnert

pdf der Druckfassung aus Sezession 11 / Oktober 2005

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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sez_nr_11Nach dem Tod von Blaise Pascal 1662 fand man unter seinen nachgelassenen Aufzeichnungen Entwürfe und Notizen für eine geplante Apologie des Christentums, die später unter dem Titel Gedanken über die Religion veröffentlicht wurden. Berühmt ist die darin enthaltene Wette, die Pascal einem Atheisten anbietet: Existiert Gott oder existiert er nicht? Pascal zeigt, daß derjenige, der auf die Existenz Gottes setzt und an ihn glaubt, selbst dann gewinnt, wenn es Gott nicht gibt. Denn der Gläubige habe durch seine Hoffnung auf die „ewige Glückseligkeit“ im Jenseits und sein Gottvertrauen bereits auf Erden ein schöneres Leben. Auch wenn sein Glaube auf einem Irrtum beruhe: Nach seinem Tod könne ihm das keiner mehr sagen, und so stürbe der Gläubige stets guten Glaubens und sei darin dem Ungläubigen grundsätzlich überlegen.

Um zu dieser Einsicht zu gelangen, braucht es die Lektüre von Pascals Wette nicht. Es genügt, sich vor Augen zu führen, mit welcher Todesverachtung, ohne die Verzweiflung des Gedemütigten oder die Duldsamkeit des echten Märtyrers, Selbstmordattentate immer wieder ausgeübt werden. Daß der Glaube „Berge versetzen“ kann, ist im säkularen Europa erst durch den 11. September 2001 wieder richtig zu Bewußtsein gekommen. Mit „Handlungsrationalität“ sind diese Ereignisse nicht zu erklären. Und so entdeckt selbst Jürgen Habermas die Religion für sich. Sein Ausgangspunkt ist das „verkümmernde normative Bewußtsein“, das sich nicht aus sich selbst heraus regenerieren könne.
Jedoch redet Habermas mit solchen Überlegungen nicht dem Glauben das Wort. Religion ist die neue Magd der Kulturkritik, weil sich die „reine praktische Vernunft“ nicht mehr so sicher sein kann, „allein mit Einsichten einer Theorie der Gerechtigkeit in ihren bloßen Händen einer entgleisenden Modernisierung entgegenwirken zu können“. Mit Religion geht es etwas besser so weiter wie bisher. Habermas brüht das beliebte Argument vom Nutzen der Religion auf, das Gehlen früher einmal mit „Umweltstabilisierung“ umschrieben hat. Doch wer wirklich glaubt, redet nicht vom Nutzen. Was fehlt, ist nicht ein bißchen Religion, sondern der Glaube, der „einst auch das verlor’ne Ich umschloß“ (Benn). Da aber die aussichtslose Sehnsucht nach Normativität ebensowenig weiterführt wie der lediglich kritische Blick in die Gegenwart, sollte die Philosophie um grundlegende Einsichten in das Problem des Glaubens angegangen werden.
Bereits im Titel „Der Glaube der Philosophie“ ist eine Dichotomie angedeutet, denn die Philosophie hat es eigentlich nicht mit dem Glauben zu tun. In ihrem heutigen Selbstverständnis ist sie eher ein Regulativ des Glaubens, das gleichsam durch Denken den Menschen vom Glauben frei machen möchte. Dieses Selbstverständnis der Philosophie ist allerdings noch nicht besonders alt. Letztlich hat erst der Rationalismus der Aufklärung mit Platos Überzeugung, daß die Philosophie dem Göttlichen verwandt sei, gebrochen und Glauben mit Meinen gleichgesetzt. Dagegen unterschied Kant „Meinen, Glauben, Wissen“ als drei Stufen des „Führwahrhaltens“: Ein „Meinen“ kann dabei jederzeit durch Erfahrungen oder Gründe geändert werden. Es ist auf eine bestimmte Situation bezogen und nicht verallgemeinerbar. Glaube und Wissen sind vom Meinen durch eine andere Art der Geltung oder Evidenz abgegrenzt. Der Unterschied zwischen Glauben und Wissen liegt in der intersubjektiven Überprüfbarkeit. Beim Glauben kann etwas für mich subjektiv evident sein, ohne daß ich in der Lage bin, einen anderen objektiv davon zu überzeugen. Als praktische Handhabe führt Kant an, daß wir für die Wette auf eine Meinung weniger einsetzen würden als für die auf einen Glauben oder ein Wissen.


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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