China, Taiwan und wir

PDF der Druckfassung aus Sezession 110/ Oktober 2022

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Es ist Zeit, nach zwölf Jah­ren Bilanz zu ziehen.

Mar­tin Jac­ques, ehe­ma­li­ger Kolum­nist der Lon­do­ner Times, pro­gnos­ti­zier­te damals in bezug auf das Come­back des Reichs der Mit­te: »Mit dem Auf­stieg Chi­nas als Kul­tur­macht wer­den wir eine Ver­schie­bung der glo­ba­len Wer­te erle­ben: Zivi­li­sa­ti­on vor Natio­na­lis­mus; Staat vor Indi­vi­du­um; Geschich­te vor Gegen­wart; kul­tu­rel­le Hier­ar­chie vor mili­tä­ri­scher Expan­si­ons­po­li­tik.« (1)

So hilf­reich sche­ma­ti­sche Prio­ri­sie­run­gen gele­gent­lich sind, um Ent­wick­lun­gen all­ge­mein­ver­ständ­lich ein­zu­ord­nen: Im Fall Chi­nas erweist sich die­se Pro­gno­se Jac­ques’ als pro­ble­ma­tisch. Denn bis auf die The­se »Staat vor Indi­vi­du­um« kann kein wei­te­res Pri­mat als rea­li­siert fest­ge­stellt wer­den; das »vor« wirkt in den wei­te­ren Bei­spie­len depla­ziert. Viel­mehr han­delt es sich um ein Zusam­men­spiel der gegen­über­ge­stell­ten Fak­to­ren: Weder Zivi­li­sa­ti­on noch Natio­na­lis­mus (hier ver­stan­den als natio­nal­staat­li­cher Selbst­be­haup­tungs­wil­len) kön­nen bei der Volks­re­pu­blik (VR) Chi­na über das jeweils ande­re gestellt wer­den – wirkt letz­te­rer doch als Vehi­kel zur Bewah­rung ersterer.

Auch wird Geschich­te nicht, wie Jac­ques pro­phe­zei­te, »vor« die Gegen­wart gestellt, son­dern es wer­den bei Bezug­nah­men auf die mythen- und tra­di­ti­ons­rei­che His­to­rie staats­po­li­ti­sche Her­aus­for­de­run­gen der Gegen­wart – und: der Zukunft – abge­lei­tet. Denn Chi­na hat wie kein ande­res Land eine »so inni­ge Ver­bin­dung zu sei­ner fer­nen Ver­gan­gen­heit und den klas­si­schen Prin­zi­pi­en von Stra­te­gie und Staats­kunst«, wie Hen­ry Kis­sin­ger aner­ken­nen muß­te. (2)

Auch beim Begriffs­paar »kul­tu­rel­le Hier­ar­chie« und »mili­tä­ri­sche Expan­si­ons­po­li­tik« geht eine sche­ma­ti­sche Prio­ri­sie­rung fehl: Die VR Chi­na übt weder eine effek­ti­ve Soft Power noch eine wirk­mäch­ti­ge Smart Power aus, um chi­ne­si­sche Kul­tur glo­bal zu ver­brei­ten. Kul­tu­rel­ler Wer­te­trans­fer und ‑export blei­ben das Allein­stel­lungs­merk­mal der USA – wie im übri­gen auch die »mili­tä­ri­sche Expan­si­ons­po­li­tik«, sieht man von der aktu­el­len Aus­nah­me in Gestalt der rus­si­schen Inter­ven­ti­on in der Ost­ukrai­ne ab.

Aber droht die VR Chi­na nicht mit einer ähn­li­chen Inter­ven­ti­on mili­tä­risch-expan­si­ons­po­li­ti­scher Art in der Repu­blik Chi­na respek­ti­ve Tai­wan? Für die trans­at­lan­ti­sche Fron­de – von der »Ach­se des Guten« bis zum grün-glo­ba­lis­ti­schen Main­stream und sei­nen lin­ken Aus­läu­fern – ist die Tai­wan-Pro­ble­ma­tik bedeu­tungs­voll, sieht man Chi­na doch, wie Geor­ge Sor­os pro­kla­mier­te, als »stra­te­gi­schen Riva­len« des soge­nann­ten frei­en Wes­tens. Chi­nas mäch­tigs­ter Mann, Xi Jin­ping, sei dem­nach »der gefähr­lichs­te Geg­ner offe­ner Gesell­schaf­ten«, und eine sol­che ist Tai­wan seit Jah­ren. (3)

Dafür sorgt eine west­lich aus­ge­rich­te­te Zivil­ge­sell­schaft, die den vor­po­li­ti­schen Raum domi­niert, aber auch die sta­bi­le Mehr­heit (bei den Wah­len 2016 und 2020) für die amtie­ren­de Prä­si­den­tin Tsai Ing-wen. Sie gehört der links­li­be­ra­len Demo­kra­ti­schen Fort­schritts­par­tei an, die stär­ker ist als die kon­ser­va­ti­ve Natio­na­le Volks­par­tei (Kuom­in­tang). Mit letz­te­rer ver­bin­det man bis heu­te die Geschich­te Tai­wans seit 1949.

Damals flüch­te­ten die natio­nal­chi­ne­si­schen Ver­lie­rer des Bür­ger­krie­ges unter Chiang ­Kai-shek trotz US-Auf­rüs­tung vor Maos Trup­pen vom Fest­land auf die Insel Tai­wan (For­mo­sa), die seit Jahr­hun­der­ten (offi­zi­ell seit 1685, als sie der Pro­vinz Fuji­an ange­schlos­sen wur­de) zu Chi­na gehört. Wäh­rend es der am 1. Okto­ber 1949 gegrün­de­ten Volks­re­pu­blik Chi­na über Jahr­zehn­te hin­weg gelang, die ter­ri­to­ria­len Bestän­de zu sichern (dar­un­ter Tibet, ­Xin­jiang und Hong­kong, die aber wei­ter­hin von west­li­chen Ein­fluß­ak­teu­ren genutzt wer­den, »um die inne­ren Span­nun­gen in der Volks­re­pu­blik zu erhö­hen sowie den äuße­ren Druck auf sie zu ver­stär­ken« (4), bleibt Tai­wan für die VR unerreicht.

Die Posi­ti­on Tai­wans auf dem inter­na­tio­na­len Par­kett war dabei von 1949 an für zwei Jahr­zehn­te klar: Man wur­de als Repu­blik Chi­na als das recht­mä­ßi­ge Chi­na ange­se­hen, wäh­rend man als klei­ner Insel­staat die gesam­te chi­ne­si­sche Land­mas­se für sich rekla­mier­te. In Tai­wan blieb es sogar Jahr­zehn­te ver­bo­ten, für die staat­li­che Unab­hän­gig­keit von Chi­na zu wer­ben; man ver­stand sich als untrenn­ba­ren Teil Chi­nas. (5)

Im UN-Sicher­heits­rat besaß man einen Sitz, die VR blieb rela­tiv iso­liert. Dann änder­te sich die Lage auf­grund kom­ple­xer geo­po­li­ti­scher Ver­schie­bun­gen: 1971 ent­schied die Gene­ral­ver­samm­lung der Ver­ein­ten Natio­nen (Reso­lu­ti­on 2758), die VR als Chi­na anzu­er­ken­nen; der stän­di­ge Sitz im UN-Sicher­heits­rat ging an Peking. Tai­wan ver­lor sei­ne glo­ba­le Legi­ti­mi­tät; heu­te erken­nen ledig­lich der Vati­kan und 13 Mikro­staa­ten, etwa Tuwa­lu und Palau, Tai­wan völ­ker­recht­lich an.

Daß selbst die Schutz­macht Tai­wans, die USA, im Jahr 1979 die diplo­ma­ti­schen Bezie­hun­gen auf­kün­dig­te, blieb ein rein for­mel­ler Akt. Über den Tai­wan Rela­ti­ons Act (TRA) regel­te man fort­an die bila­te­ra­len Bezie­hun­gen; aus der US-Bot­schaft in Tai­peh wur­de das »Ame­ri­can Insti­tu­te«, ansons­ten blieb alles beim alten. Die USA haben im TRA fest­ge­legt, daß jede Unter­mi­nie­rung der tai­wa­ne­si­schen Unab­hän­gig­keit als Affront gegen­über den USA auf­ge­faßt wer­de; auch Waf­fen­lie­fe­run­gen im Rah­men einer kon­stan­ten Auf­rüs­tungs­po­li­tik sind Teil des Akts.

Der Außen­po­li­tik­ex­per­te Jörg Kro­nau­er cha­rak­te­ri­siert die Rol­le Tai­wans, indem er von »einem nur wenig mehr als 100 Kilo­me­ter vom Fest­land ent­fern­ten, hoch­ge­rüs­te­ten, zugleich stark abhän­gi­gen Ver­bün­de­ten der Ver­ei­nig­ten Staa­ten« spricht. (6) Man gin­ge indes fehl, wür­de man das US-Enga­ge­ment auf ihrem Brü­cken­kopf vor der chi­ne­si­schen Küs­te ein­zel­nen Prä­si­den­ten zuschrei­ben: etwa Geor­ge W. Bush auf­grund sei­nes ­»Pivot to Asia« (d. i. der US-Schwenk hin zum »Indo­pa­zi­fik«) oder Joe Biden, weil Akteu­re wie sei­ne demo­kra­ti­sche Par­tei­kol­le­gin Nan­cy Pelo­si durch pro­vo­ka­ti­ve Ges­ten die beson­de­re Ver­bun­den­heit mit Tai­wan akzen­tu­ie­ren, was im Som­mer 2022 zu neu­em Auf­ruhr in Peking führte.

Viel­mehr herrscht seit Jahr­zehn­ten Kon­stanz in der US-Poli­tik bezüg­lich der Rol­le Tai­pehs im Welt­ge­fü­ge US-ame­ri­ka­ni­schen Zuschnitts: Ob Bush, ­Barack Oba­ma, Donald Trump oder Biden: Alle Prä­si­den­ten begrif­fen und begrei­fen die Hoch­rüs­tung Tai­wans als imma­nen­ten Bestand­teil im glo­ba­len »Wirt­schafts­krieg gegen die Volks­re­pu­blik« (Jörg Kro­nau­er), (7) wes­halb das – auch in patrio­ti­schen Zusam­men­hän­gen der BRD – zir­ku­lie­ren­de Bild vom Kampf Davids gegen Goli­ath (23 Mil­lio­nen Ein­woh­ner ver­sus 1,4 Mil­li­ar­den), das heißt von der muti­gen Frei­heits­in­sel gegen den des­po­ti­schen Fest­land­gi­gan­ten, die geo­po­li­ti­sche Rea­li­tät nicht widerspiegelt.

Tat­säch­lich ist Tai­wan als Spie­ler Teil der Mann­schaft der glo­ba­len US-Hege­mo­nie – und durch die direk­te Lage vor der Küs­te Chi­nas eine tag­täg­li­che Her­aus­for­de­rung für die VR und, ange­sichts moderns­ter US-gespon­ser­ter Waf­fen­sys­te­me, auch eine Bedro­hung. So wird der Streit um Tai­wan von Gre­gor Schöll­gen und Alt­kanz­ler Ger­hard Schrö­der als »einer der gefähr­lichs­ten Kon­flikt­her­de« bezeich­net, wobei die tai­wa­ne­si­sche Unab­hän­gig­keit arti­fi­zi­el­ler Natur sei; die nomi­nel­le Eigen­staat­lich­keit »lag und liegt an den Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka«. (8) Wer indes die inter­es­sen­ge­lei­te­te US-Welt­po­li­tik seit min­des­tens 1945 ein­ord­net, weiß, daß die Hil­fe für Tai­wan nicht aus huma­ni­tä­rer Logik her­aus erfolgt. Viel­mehr dien­te die »ame­ri­ka­ni­sche Tai­w­an­po­li­tik der letz­ten Jah­re« der »Schwä­chung der Volks­re­pu­blik«. (9)

Die star­ke Ein­bin­dung Tai­wans in den öko­no­mi­schen Wes­ten und das damit ver­bun­de­ne mate­ri­el­le Wohl­erge­hen haben expli­zit auch völ­ker­psy­cho­lo­gisch gewirkt: Vie­le tai­wa­ne­si­sche Chi­ne­sen haben sich geis­tig den USA und ihren Ver­bün­de­ten ange­nä­hert und dabei den Volks­re­pu­blik-Chi­ne­sen ent­frem­det. Ian Mor­ris hat in einer Stu­die dar­auf hin­ge­wie­sen, daß akku­mu­lier­ter Reich­tum in Ost­asi­en dazu führt(e), daß sich die dor­ti­gen Wer­te denen des Wes­tens annä­hern, (10) daß also imma­te­ri­el­le und mate­ri­el­le Pro­zes­se zusammenkommen.

Gewis­ser­ma­ßen sind Tei­le der tai­wa­ne­si­schen Gesell­schaft – für asia­ti­sche Ver­hält­nis­se – öko­no­misch und geis­tig ame­ri­ka­ni­siert. Chi­na hin­ge­gen betreibt im Rah­men des Jahr­hun­dert­pro­jekts »Neue Sei­den­stra­ße« (Belt and Road Initia­ti­ve, BRI) und des­sen öko­no­mi­schen Aus­grei­fens, das bis in euro­päi­sche Hafen­städ­te reicht, kei­nes­wegs Ideen- und Wer­te­trans­fer. Unter ein ratio­na­les wie natio­na­les »Chi­na zuerst« könn­te man das Pro­gramm der chi­ne­si­schen Füh­rung sub­su­mie­ren. Ande­re Natio­nen sind als BRI-Mosa­ik­stei­ne rele­vant, um Han­dels- und Roh­stoff­li­ni­en aus­zu­bau­en und zu sichern, nicht hin­ge­gen als Objek­te der ideo­lo­gi­schen Indoktrination.

Der pro­non­ciert chin­afreund­li­che Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler Wolf­ram Els­ner hat eben­die­se Kluft zur US-ame­ri­ka­ni­schen Agi­ta­ti­on (die den All­tags­ver­stand der Men­schen erfaßt und natio­nal­kul­tu­rel­le Men­ta­li­tä­ten ver­än­dert) beschrie­ben und dar­auf ver­wie­sen, daß »Chi­na, sei­ne Par­tei, sei­ne Regie­rung, sei­ne Men­schen« ins­be­son­de­re eines »ver­stan­den und inter­na­li­siert« hät­ten: »Die­ses Sys­tem gilt nur für uns. Es ist nur unser Weg, beruht auf unse­rer Geschich­te und unse­ren Erfah­run­gen. Chi­na betreibt kei­nen Modell­ex­port. Ihr Sys­tem geht eben nur mit ›chi­ne­si­schen Cha­rak­te­ris­ti­ka‹ […].« (11)

Dar­aus ergibt sich für die Posi­tio­nie­rung aus pro­deut­scher und pro­eu­ro­päi­scher Sicht zweierlei:

 

1.

Wäre die Cau­sa Tai­wan ein inner­chi­ne­si­sches Pro­blem, hiel­ten die USA als »letz­ter Hege­mon« (Alain de Benoist) nicht an ver­meint­li­chen Ewig­keits­rech­ten für sich fest. Denn daß die Ver­ei­nig­ten Staa­ten »den Anspruch erhe­ben, über Recht und Unrecht jeder Gebiets­än­de­rung auf der gan­zen Erde zu ent­schei­den«, war 1950, als Carl Schmitt die­ses Ver­dikt for­mu­lier­te, eben­so zutref­fend wie 2022: »Jeder Vor­gang an irgend­ei­nem Punkt der Erde kann die Ver­ei­nig­ten Staa­ten ange­hen«, (12) und so ver­hal­ten sich Biden, Pelo­si und Co. noch heu­te. Sie behan­deln Tai­wan als Vor­pos­ten gegen­über der VR Chi­na, und ein sol­cher Vor­pos­ten ist Tai­wan mili­tär­stra­te­gisch tatsächlich.

Daß die VR in ihrem Raum ein Inter­es­se dar­an hat, »für die­sen Groß­raum die Inter­ven­tio­nen fremd­räu­mi­ger Mäch­te grund­sätz­lich aus[zu]schließen«, (13) erscheint, betrach­tet man Geo­po­li­tik inter­es­sen­ge­lei­tet, nahe­lie­gend. Der Zorn, mit dem US-Außen­po­li­tik und US-freund­li­che Medi­en welt­weit der chi­ne­si­schen Regie­rung ob ihrer bar­schen Mei­nungs­äu­ße­run­gen zu neu­er­li­chen US-tai­wa­ne­si­schen Zusam­men­künf­ten begeg­nen, macht deut­lich, daß die Erfin­der der Mon­roe-Dok­trin und des Nicht­ein­mi­schungs­prin­zips drit­ter Mäch­te in regio­na­le Affä­ren eine sol­che Hal­tung exklu­siv sich selbst zuge­ste­hen. Kaum vor­zu­stel­len, wie US-Ame­ri­ka­ner reagie­ren wür­den, stün­den Waf­fen­sys­te­me der VR 100 Kilo­me­ter vor der US-Küs­te ein­satz­be­reit auf dem Ter­ri­to­ri­um eines Peking sub­or­di­nier­ten Insel­staa­tes in Stellung.

So aber es ist nicht das­sel­be, wenn zwei das glei­che tun, weil die USA noch heu­te jenes Sub­jek­tiv ver­kör­pern, »das allein die Macht besitzt, die Art des Spiels zu wäh­len und die Spiel­re­geln zu bestim­men«. Seit Jahr­zehn­ten bean­spru­chen die USA ihr uni­po­la­res Mono­pol, »im Welt­spiel zum ein­zi­gen Sub­jekt außer­halb des Geset­zes zu wer­den und drei Rol­len in sich zu ver­ei­nen: mit­zu­spie­len, die Regeln fest­zu­set­zen und die Art des Spiels zu bestim­men«. (14)

Die VR Chi­na hin­ge­gen deu­tet ob der tai­wa­ne­si­schen Fra­ge – tat­säch­lich noch recht sanft – an, daß sie weder Spiel­art noch Regle­ment län­ger à l‘américaine zu dul­den bereit ist. Das wird der Kor­rek­tur der bestehen­den Welt­ord­nung hin zu einer mul­ti­po­la­ren Neu­sor­tie­rung zugu­te kommen.

 

2.

Für die Posi­tio­nie­rung aus pro­deut­scher und pro­eu­ro­päi­scher Sicht über die Ban­de der tai­wa­ne­si­schen Fra­ge ergibt sich, »daß neue Freund­schafts­li­ni­en geschicht­lich fäl­lig sind«. (15) Eine abs­trakt-moral­po­li­ti­sche »Soli­da­ri­tät mit Tai­wan«, wie sie bei­spiels­hal­ber ein­zel­ne AfD-Man­dats­trä­ger und libe­ral­kon­ser­va­ti­ve Kom­men­ta­to­ren for­dern, liegt im hege­mo­nia­len US-Inter­es­se, nicht im deut­schen und im europäischen.

Das Pro­blem an die­ser Stel­le ist, daß sich gewis­se Mus­ter­schü­ler der Ree­du­ca­ti­on und der dar­an anschlie­ßen­den Self-Ree­du­ca­ti­on gar nicht in der Lage erwei­sen, Interessen‑, Geo- und Macht­po­li­tik anders zu den­ken als noto­risch trans­at­lan­tisch. Deutsch­land, das in der Mit­te Euro­pas liegt und durch Besat­zungs­po­li­tik, Mar­shall­plan, Ade­nau­er und Co. der fol­gen­rei­chen West­bin­dung über­stellt wur­de, wird nicht als Sub­jekt der zu gestal­ten­den Geschich­te ver­stan­den, son­dern mit »dem Wes­ten« gleich­ge­setzt, in dem die BRD nur als »getreu­er Vasall der USA« (Oskar Lafon­taine dixit) über­haupt noch in Erschei­nung tre­ten darf.

Die geschicht­lich fäl­lig wer­den­den, neu­en Freund­schafts­li­ni­en wecken natur­ge­mäß Res­sen­ti­ments und Ängs­te. Will man die »Kom­mu­nis­ten« nach Ber­lin holen? War da nicht etwas mit dem Dalai Lama? Wie sieht es aus mit dem Sozi­al­kre­dit­sys­tem (16) und der Coro­na-Über­wa­chung? Tat­säch­lich sind dies der­zeit Neben­kriegs­schau­plät­ze. Es geht nicht dar­um, Chi­na innen­po­li­tisch nach­zu­ah­men, und Set­zun­gen in der Geo­po­li­tik wie Geo­öko­no­mie gehen über sub­jek­ti­ve Sym­pa­thien hin­aus. Es ist auch nicht erstre­bens­wert, den einen Hege­mon (USA) durch einen ande­ren Hege­mon (Chi­na oder Ruß­land) zu ersetzen.

Dimi­tri­os Kis­ou­dis wies indes­sen dar­auf hin, daß just an die­ser Stel­le so man­cher Akteur »den gro­ßen und gro­ben Unter­schied« aus­blen­de, der dar­in bestehe, daß »die USA Anspruch auf eine uni­po­la­re Welt, sprich: Welt­herr­schaft, erhe­ben, wäh­rend Ruß­land und Chi­na eine mul­ti­po­la­re Welt anstre­ben, in der Euro­pa als Pol eigen­stän­dig Freun­de anzieht und Freun­de abstößt«. (17) Deutsch­land und Euro­pa kön­nen nur auf Augen­hö­he mit raum­frem­den Mäch­ten kon­kur­rie­ren, ver­han­deln oder koope­rie­ren, wenn sie zurück in die Sub­jekt­rol­le fin­den. Das wird im Rah­men des Trans­at­lan­tis­mus nicht mög­lich sein; die Eman­zi­pa­ti­on vom Wes­ten und sei­nen hege­mo­nia­len Para­me­tern wird zum logi­schen Zielpunkt.

Man soll­te auf dem lang­wie­ri­gen Weg zu eben­die­sem nicht so weit gehen wie der Kon­ser­va­tis­mus-For­scher Pana­jo­tis Kon­dy­lis, der die Akzep­tanz einer rus­si­schen Hege­mo­nie for­der­te, damit Deutsch­land ste­ten Zugang zur Res­sour­cen­welt Eura­si­ens erhal­te. Aber ein selbst­be­wuß­ter Ansatz berück­sich­tigt, daß Land­mäch­te wie Deutsch­land mit Ruß­land und Chi­na die rie­si­ge Wei­te von West­eu­ro­pa bis Ost­asi­en teilen.

Dort, wo »die meis­ten Wirt­schafts­zen­tren und die meis­ten natür­li­chen Roh­stof­fe der Welt« (18) behei­ma­tet sind, wie der US-His­to­ri­ker Tho­mas P. Cavan­na dar­leg­te, ist eine Macht gera­de nicht auto­chthon: die US-ame­ri­ka­ni­sche. Die­se weiß aber um das Poten­ti­al eura­si­scher Alli­an­zen oder auch nur Koope­ra­tio­nen, ob es sich dabei um euro­pä­isch-rus­si­sche oder euro­pä­isch-chi­ne­si­sche Annä­he­run­gen han­delt. Gera­de des­halb wird sie ver­su­chen, die Euro­pä­er bei sich, die Rus­sen iso­liert und die Chi­ne­sen beschäf­tigt zu hal­ten. Die schwe­len­de Cau­sa Tai­wan soll­te vor­ran­gig vor die­sem Hin­ter­grund beleuch­tet werden.

– – –

 

(1) – Zit. n. Peter Kunt­ze: »Von Chi­na und Mao ler­nen«, in: Sezes­si­on 39 (Dezem­ber 2010), S. 12 – 15, hier 15.

(2) – Hen­ry Kis­sin­ger: Chi­na. Zwi­schen Tra­di­ti­on und Her­aus­for­de­rung, Mün­chen 2011, S. 16.

(3) – Jörg Kro­nau­er: Der Riva­le. Chi­nas Auf­stieg zur Welt­macht und die Gegen­wehr des Wes­tens, Ham­burg 2019, S. 7.

(4) – Jörg Kro­nau­er: Der Auf­marsch. Vor­ge­schich­te zum Krieg. Ruß­land, Chi­na und der Wes­ten, Köln 2022, S. 104.

85) – Vgl. dazu ein­füh­rend ­Kis­sin­ger: Chi­na, S. 262.

(6) – Kro­nau­er: Der Riva­le. Chi­nas Auf­stieg, S. 84.

(7) – Die­ser »Krieg« fällt sehr ambi­va­lent aus, zumal die USA und Chi­na trotz Son­der­zöl­len u. ä. durch­aus regen Han­del trei­ben und man auf­grund wech­sel­sei­ti­ger Ver­schrän­kun­gen pha­sen­wei­se gar von »Chi­me­ri­ca« sprach. Ingar Sol­ty ist zuzu­stim­men, wenn er pos­tu­liert: »Die Inte­gra­ti­on Chi­nas in ein Welt­wirt­schafts­sys­tem mit US-domi­nier­ten insti­tu­tio­nel­len Arran­ge­ments bleibt das Ziel.« Eben das macht den Cha­rak­ter die­ser Sor­te Wirt­schafts­krieg aus: Man will Chi­na als öko­no­mi­schen Mit­be­wer­ber und Lie­fe­ran­ten, aber expli­zit zu US-Kon­di­tio­nen und US-Regeln. (Ingar Sol­ty: »Die Chi­na-Poli­tik der USA zwi­schen Ein­bin­dung und Ein­däm­mung«, in: Das Argu­ment 296 [Heft 1 – 2 / 2012], S. 69 – 81, hier 71.)

(8) – Gre­gor Schöll­gen, Ger­hard Schrö­der: Letz­te Chan­ce. War­um wir jetzt eine neue Welt­ord­nung brau­chen, Mün­chen 2021, S. 87.

(9) – Ebd., S. 88.

(10) – Vgl. Ian Mor­ris: Beu­te, Ern­te, Öl. Wie Ener­gie­quel­len Gesell­schaf­ten for­men, Mün­chen 2020, S. 206 f.

(11) – Wolf­ram Els­ner: Das chi­ne­si­sche Jahr­hun­dert. Die neue Num­mer eins ist anders, Frank­furt a. M. 2020, S. 318.

(12) – Carl Schmitt: Der Nomos der Erde im Völ­ker­recht des Jus Publi­cum Euro­pae­um (1950), Ber­lin 1997, S. 283 f.

(13) – Carl Schmitt: Völ­ker­recht­li­che Groß­raum­ord­nung mit Inter­ven­ti­ons­ver­bot für raum­frem­de Mäch­te. Ein Bei­trag zum Reichs­be­griff im Völ­ker­recht (1941), Ber­lin 2009, S. 49.

(14) – Zhao Tin­gyang: Alles unter dem Him­mel. Ver­gan­gen­heit und Zukunft der Welt­ord­nung, Ber­lin 2020, S. 209.

(15) – Schmitt: Der Nomos der Erde, S. 299.

(16) – Vgl. ein­füh­rend Bene­dikt Kai­ser: »Chi­nas neue Klas­se im Zeit­al­ter der Digi­ta­li­sie­rung«, in: Sezes­si­on 83 (April 2018), S. 42 – 46.

(17) – Dimi­tri­os Kis­ou­dis: Gold­grund Eura­si­en. Der neue Kal­te Krieg und das Drit­te Rom, Wal­trop / Leip­zig 2015, S. 100 f.

(18) – Zit. n. Kro­nau­er: Der Riva­le, S. 181.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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