Sezession
1. Oktober 2005

Die Integrale Tradition

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 11 / Oktober 2005

sez_nr_11von Hans Thomas Hakl

Taucht das Wort „Tradition“ auf, denkt der moderne Mensch zuerst einmal an die Bewahrung alter Gebräuche, Lebensregeln oder Sitten. Genau das meint die sogenannte Integrale (das heißt vollständige) Tradition jedoch überhaupt nicht.

Sie sieht sich vielmehr als eine universale, durch und durch spirituelle Geisteshaltung, deren Ursprung im Transzendenten, im absoluten „göttlichen“ Seinsgrund, also jenseits von Menschen, Völkern und Geschichte liegt. Damit ist sie in ihrem Selbstverständnis uranfänglich (primordial), einzig und allumfassend. Alle metaphysischen Weltanschauungen und Religionen seien ihr entsprungen und bezögen sich auf sie zurück. Sie würden allerdings wie zerbrochene Teile eines matt und blind gewordenen Spiegels nur noch Einzelaspekte der ursprünglichen Ganzheit und ihrer überirdischen Einheit reflektieren. Trotzdem sei es möglich, diese Urtradition auch heute noch zu rekonstruieren, indem man sich auf die angeführte transzendente Einheit der Religionen, das heißt ihre höhere, sich den geographischen, historischen und menschlichen Zufälligkeiten entziehende gemeinsame Geistigkeit konzentriere. Natürlich bedürfe es dazu entsprechender spiritueller Führung und Feinfühligkeit.
Die Integrale Tradition ist in diesem Sinne also keine Erfindung von Menschen, sondern ist uns sozusagen von „göttlicher“ Seite übergeben worden und wir können nur versuchen, sie möglichst „rein“ zu erkennen und dann weiterzutragen. Da sie „göttliche“ Herkunft beansprucht, ist sie letzte Instanz, kann nicht in Frage gestellt werden, ändert sich nicht und bildet die absolute Norm, nach der sich alles zu richten hat. Sie steht jenseits alles Menschlichen und jenseits alles Zeitlichen. In diesem Sinne ist sie ewig. Die moderne Welt in Form der westlichen Zivilisation und Technik, die auf rein materiellen, chemisch-physikalischen Grundlagen beruht, wird als das genaue Gegenteil dieser Tradition angesehen. Einer der bekanntesten Vertreter der Integralen Tradition, Julius Evola, spricht sogar von zwei „gegensätzlichen apriorischen Kategorien“, die nichts, rein gar nichts, miteinander gemein hätten. Die eine Kategorie sei nämlich diejenige des überweltlichen Seins und die andere diejenige des irdischen Werdens. Metaphysik und Physik stünden sich gegenüber.
Die Integrale Tradition, die demnach hier auf Erden nie vollkommen realisierbar ist und nur ein anzustrebendes Ideal bilden kann, beruht auf einem streng hierarchischen (hieros und arché: griechisch „heilig“ und „Herrschaft“) Denken, wobei der oberste Rang dem Transzendenten zukommt und mit zunehmender Vermaterialisierung die Stufen nach unten gehen. Die moderne Welt hingegen ist vom Gleichheitsgedanken beherrscht. Aus dieser Prämisse des absoluten Vorranges von allem Spirituellen und Transzendenten ergeben sich notwendigerweise eine Reihe von unaufhebbaren Gegensätzen zur Moderne.
So kann die Führerschaft in einer traditionalen Gesellschaft (ich verwende das Adjektiv traditional, um zum Unterschied von traditionell etwas die Integrale Tradition Betreffendes auszudrücken) nur jemandem zukommen, der als Bindeglied, als pontifex, das heißt Brückenbauer, zur Transzendenz zu wirken vermag, denn nur „dort“ sind Sinn und Ziel einer solchen Gesellschaft zu finden. Ein Priesterkönig wird diesem Führerideal am ehesten entsprechen. Die Demokratie hingegen ist für die Integrale Tradition unannehmbar, da diese die Führerschaft vom Volke her, als von unten nach oben postuliert und damit eine völlige Umkehrung der traditionalen Wertordnung darstellt.


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