125 Jahre Edwin Erich Dwinger

Der Historiker Karl Sternau, 1994 geboren, beschäftigt sich seit Jahren mit dem Werk Edwin Erich Dwingers. Uns sandte er ein Porträt zum 125.

Er sand­te es, weil er natür­lich das Lite­ra­tur­ge­spräch von Erik Leh­nert und Götz Kubit­schek über Dwin­ger wahr­ge­nom­men hat­te. Die­ses Gespräch ist unter Stern­aus Bei­trag verfügbar.

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Vor 125 Jah­ren, am 23. April 1898, wur­de Edwin Erich Dwin­ger in Kiel gebo­ren. Sein Vater war Offi­zier der kai­ser­li­chen Mari­ne und sei­ne Mut­ter ein Kind rus­si­scher Ein­wan­de­rer. Obwohl die jun­ge Fami­lie Dwin­ger ent­schied, mit ihrem Sohn nur deutsch zu spre­chen, lern­te der jun­ge Edwin von sei­ner Mut­ter auch die rus­si­sche Sprache.

Neben die­sem rus­si­schen Erbe müt­ter­li­cher­seits präg­te den Jun­gen beson­ders die Zeit auf der Reit­schu­le sei­nes Onkels väter­li­cher­seits. Er war zeit­le­bens ein Pfer­de­narr, was sich auch in sei­nen spä­te­ren Büchern wider­spie­gelt, und hoff­te den Besitz sei­nes kin­der­lo­sen Onkels eines Tages zu erben. Doch das Jahr 1914 wur­de nicht nur für das Deut­sche Reich, son­dern auch für den jun­gen Edwin zum Schick­sals­jahr. Zuerst starb über­ra­schend sein Onkel, wor­auf die Reit­schu­le zwangs­ver­stei­gert wur­de, und kurz vor Kriegs­aus­bruch auch noch sei­ne gelieb­te Mutter.

Da ihn nun in sei­ner Geburts­stadt nichts mehr hielt, mel­de­te er sich als 16-Jäh­ri­ger frei­wil­lig bei ver­schie­de­nen Regi­men­tern der Kaval­le­rie. Nach eini­gen Absa­gen schaff­te er es schließ­lich in ein Dra­go­ner-Regi­ment, indem er sein Alter fälsch­li­cher­wei­se auf 17 anhob. Nach eige­nen Anga­ben war er eine Zeit­lang „der jüngs­te Kriegs­frei­wil­li­ge der gan­zen deut­schen Armee“.

Im Som­mer 1915 wur­de Dwin­ger bei sei­nem ers­ten Gefecht in Kur­land schwer ver­wun­det und geriet in rus­si­sche Kriegs­ge­fan­gen­schaft, die er erst 1920 ver­las­sen soll­te. Wäh­rend die­ser schwe­ren Zeit ver­faß­te er zahl­rei­che Tage­buch­no­ti­zen, die spä­ter die Grund­la­ge für sei­ne bekann­tes­ten Roma­ne Armee hin­ter Sta­chel­draht (1929) und Zwi­schen Weiß und Rot (1930) bildeten.

Im ers­ten Band schil­dert Dwin­ger, wie er durch die Inter­ven­ti­on eines öster­rei­chi­schen Offi­ziers (es han­del­te sich um den Schrift­stel­ler Bru­no Brehm) vor der Ampu­ta­ti­on sei­nes zer­schos­se­nen Bei­nes bewahrt wur­de, das furcht­ba­re Lager Troz­ko­je über­leb­te, in dem tau­sen­de Sol­da­ten an Hun­ger, Käl­te und Krank­hei­ten, wie Typhus oder Ruhr, zugrun­de gin­gen, und schließ­lich wie er 1917 im Lager Dau­ri­ja an der rus­sisch-mon­go­li­schen Gren­ze landete.

In sei­nem Werk, das „von den ‚Hin­ter­hö­fen‘ des Krie­ges“ berich­ten will, behan­delt er alle Sei­ten der lan­gen Gefan­gen­schaft. Neben den Grund­pro­ble­men, wie Hun­ger, schlech­te Unter­künf­te und man­geln­de Hygie­ne, beton­te er auch die Lan­ge­wei­le und sexu­el­le Not der Män­ner im Lager, die ver­stärkt zu homo­se­xu­el­len Bezie­hun­gen und Geschlechts­ver­kehr mit oft an Syphi­lis erkrank­ten Pro­sti­tu­ier­ten führ­te. Man­che Sol­da­ten hiel­ten die Umstän­de des Lagers über­haupt nicht mehr aus und ver­fie­len dem Wahnsinn.

Sei­nen Kame­ra­den im Lager, die ihm teil­wei­se das Leben geret­tet haben sol­len, setz­te Dwin­ger mit die­sem Buch genau­so ein Denk­mal wie der schwe­di­schen Kran­ken­schwes­ter Elsa Bränd­ström („der blon­de Engel“), die sich im Namen des Roten Kreu­zes für die deut­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen in Sibi­ri­en ein­setz­te. Auf die häu­fi­ge Fra­ge, war­um ein Mensch so viel erlei­den müs­se, ließ Dwin­ger Dr. Bock­horn, einem Arzt, der in Troz­ko­je gegen die Typhus-Epi­de­mie kämpf­te, ant­wor­ten: „Ein Mensch, der nicht fähig ist, sich für eine Idee auf­zu­op­fern, gleich wel­cher Art, ist im höhe­ren Sinn noch kein Mensch, kam über die Tief­stu­fe nicht hin­aus… Wir tun hier das, was erst den Men­schen aus­macht: Lei­den für eine Idee…“

Die rus­si­sche Revo­lu­ti­on wur­de in den Büchern nur am Ran­de behan­delt, erst 1967 beschrieb Dwin­ger in einem kur­zen Zeit­schrif­ten­bei­trag, wie er davon erfuhr und die­se ein­schätz­te. Wäh­rend er in den 1920er Jah­ren noch die bes­se­ren Bedin­gun­gen im Lager nach der bol­sche­wis­ti­schen Über­nah­me her­vor­hob, ist das Fazit des spä­te­ren Auf­sat­zes ein­deu­tig: „In mir aber war nur mehr ein Gedan­ke – ich war schließ­lich erst acht­zehn Jah­re alt: Jetzt bin ich weiß.“

Der zwei­te Band Zwi­schen Weiß und Rot beginnt mit der geglück­ten Flucht aus dem Gefan­ge­nen­la­ger. Nach kur­zer Zeit in Frei­heit wur­de er jedoch wie­der ver­haf­tet und wegen eines irr­tüm­lich ange­nom­me­nen Spio­na­ge­ver­dachts zum Tode ver­ur­teilt. Die Inter­ven­ti­on von Ver­eni­ki, sei­nem ehe­ma­li­gen Lager­kom­man­dan­ten und mitt­ler­wei­le Kapi­tän der wei­ßen Armee, ret­te­te ihm das Leben. Er hat­te nun nach eige­nen Anga­ben kei­ne Wahl mehr als die Flucht­plä­ne nach Deutsch­land vor­erst auf­zu­ge­ben und Fähn­rich im Kosa­ken­re­gi­ment Ver­eni­kis zu werden.

Im Fol­gen­den beschrieb Dwin­ger, wie er einem der Anfüh­rer der wei­ßen Armee, Alex­an­der Was­sil­je­witsch Kolt­schak, per­sön­lich begeg­ne­te und den Vor­marsch bis west­lich des Ural mit­mach­te. Auf eini­ge sei­ner ehe­ma­li­gen deut­schen Mit­ge­fan­ge­nen traf er im Lau­fe der Ereig­nis­se eben­falls und erleb­te gemein­sam mit ihnen den flucht­ar­ti­gen Rück­zug der Kolt­schak Armee. Wie­der wur­den Hun­ger, Käl­te und Typhus zu den töd­li­chen Fein­den des Tros­ses, der mit gro­ßen Ver­lus­ten schließ­lich auf dem gefro­re­nen Bai­kal­see sein Ende fand. Nach Ver­eni­kis Tod beschlos­sen die letz­ten Deut­schen, sich den Roten zu erge­ben. Dwin­ger, der sei­ne Tätig­keit für die wei­ße Armee ver­schlei­ern konn­te, kam so wie­der in ein Lager. Mit einem Kame­ra­den gelang ihm erneut die Flucht, wobei er end­lich von Irkutsk aus­ge­hend sei­ne Hei­mat errei­chen konnte.

Aus Ruß­land kam Dwin­ger schwer krank zurück, ver­mut­lich Tuber­ku­lo­se, und hat­te nach medi­zi­ni­scher Mei­nung nur noch zwei Jah­re zu leben. Er ließ sich im All­gäu auf­grund des bes­se­ren Kli­mas im Ver­gleich zu Nord­deutsch­land in der Nähe eines Lun­gen­heilsa­na­to­ri­ums nie­der. Mit Hil­fe des­sen Ärz­te wur­de er über­ra­schend kuriert und betrieb Pfer­de­zucht und Land­wirt­schaft auf einem klei­nem Gut. Noch im Jahr sei­ner Heim­kehr ver­öf­fent­lich­te Dwin­ger sein ers­tes Buch, Das gro­ße Grab, wor­in er bereits ver­such­te, die Gefan­gen­schaft zu ver­ar­bei­ten. Der Roman blieb aber wie die bei­den nächs­ten Wer­ke, über einen rus­si­schen Aus­stei­ger (Kor­sa­koff, 1926) und deut­sche Kriegs­heim­keh­rer (Das letz­te Opfer, 1928) ohne gro­ße Resonanz.

Der Ver­le­ger Eugen Diede­richs schlug Dwin­ger nach dem gro­ßen Erfolg von Remar­ques Im Wes­ten nichts Neu­es, das bekannt­lich an der West­front spielt, vor, sei­ne Tage­bü­cher in einem gro­ßen Werk über die Ost­front und die Gefan­gen­schaft zu ver­ar­bei­ten. Nach nur ein paar Mona­ten war der ers­te Band Armee hin­ter Sta­chel­draht der „Sibi­ri­schen Tri­lo­gie“ fer­tig, die auch unter dem Titel „Deut­sche Pas­si­on“ ver­legt wur­de. Schlag­ar­tig wur­de Dwin­ger als Schrift­stel­ler bekannt und ließ schon 1930 den zwei­ten Band Zwi­schen Weiß und Rot fol­gen. Die Bücher wur­den über alle poli­ti­schen Schich­ten hin­weg posi­tiv besprochen.

Für eine hohe his­to­ri­sche Authen­ti­zi­tät spricht die Grund­la­ge der Tage­buch­auf­zeich­nun­gen, wobei nicht über­se­hen wer­den darf, daß die Wer­ke als Roma­ne ver­kauft wur­den und Dwin­ger mit Sicher­heit eini­ge Epi­so­den aus Elsa Bränd­ströms Buch über Sibi­ri­en über­nom­men hat­te. Der drit­te Band Wir rufen Deutsch­land (1932) spielt – anders als Dwin­gers tat­säch­li­che Nach­kriegs­zeit – in Ost­preu­ßen und berich­tet vom Schick­sal der Heim­keh­rer, die sich nach und nach alle auf einem Gut sam­meln. Im Mit­tel­punkt ste­hen hier beson­ders die poli­ti­schen Dis­kus­sio­nen der unter­schied­li­chen Cha­rak­te­re und deren Beur­tei­lung der Gescheh­nis­se bis 1924. Ver­mut­lich wegen die­ser Zeit­ge­bun­den­heit und der dün­nen Hand­lung wur­de die­ses Buch als ein­zi­ges der „Sibi­ri­schen Tri­lo­gie“ nach 1945 nicht mehr nachgedruckt.

Noch vor die­sem Abschluß­band publi­zier­te Dwin­ger 1931 den Roman Die zwölf Räu­ber, den er bereits frü­her abge­fasst hat­te, und der sich um einen ehe­ma­li­gen roten Kom­mis­sar dreht. In die­sem Jahr hei­ra­te­te er auch sei­ne ers­te Frau Wal­traud, mit der er in den nächs­ten Jah­ren Rei­sen in die Tür­kei, Grie­chen­land, Nord­afri­ka und die USA unternahm.

In den Anfangs­jah­ren des Drit­ten Rei­ches ver­such­te sich Dwin­ger zunächst weni­ger erfolg­reich als Dra­ma­ti­ker. 1935 erschien sein sehr erfolg­rei­cher Roman Die letz­ten Rei­ter, wel­cher sich mit dem fik­ti­ven Frei­korps Manns­feld im Bal­ti­kum beschäf­tigt. In die­sem Jahr erhielt er auch den natio­nal­so­zia­lis­ti­schen „Diet­rich-Eck­art-Preis“ und wur­de zum Reichs­kul­tur­se­na­tor in der Reichs­kul­tur­kam­mer ernannt. Sei­ne Schrif­ten wur­den auf die „Grund­lis­te der von der Reichs­stel­le zur For­de­rung des deut­schen Schrift­tums emp­foh­le­nen Wer­ke“ gesetzt und er gehör­te zu den best­ver­die­nen­den Autoren der Zeit.

Mit der NSDAP, deren Mit­glied er 1937 wur­de, ver­band ihn vor allem sein Anti­kom­mu­nis­mus. Die­ser drückt sich beson­ders stark im 1936 publi­zier­ten Buch Und Gott schweigt? aus, das die angeb­lich wah­re Geschich­te eines Kom­mu­nis­ten erzählt, der durch eine Rei­se in die Sowjet­uni­on sei­nen Glau­ben an die Ideo­lo­gie ver­liert und geläu­tert zurück­kehrt. Dwin­ger schil­der­te in die­sem Werk bereits die Fol­gen des Holo­do­mors in der Ukrai­ne und beton­te, daß über die­ses Leid gespro­chen wer­den muß: „Und Gott schweigt? […] Wie soll Gott spre­chen, wenn die Men­schen schweigen?“

Als Kriegs­be­richt­erstat­ter besuch­te er im Herbst 1936 Spa­ni­en und ver­ar­bei­te­te die Erleb­nis­se in Spa­ni­sche Sil­hou­et­ten, die auch sei­nen Besuch bei Fran­co ent­hal­ten. Vor dem Zwei­ten Welt­krieg ver­öf­fent­lich­te er außer­dem noch einen Bild­band über sei­nen Hof im All­gäu und einen wei­te­ren Frei­korps-Roman (Auf hal­bem Wege, 1939).

Den Polen- und Frank­reich­feld­zug beglei­te­te Dwin­ger eben­falls als Kriegs­be­richt­erstat­ter. Es ent­stan­den zwei neue Bücher: Wäh­rend sich Der Tod in Polen (1940) auf den Brom­ber­ger Blut­sonn­tag kurz nach Kriegs­be­ginn fokus­siert, steht im Pan­zer­füh­rer (1941) der Blitz­krieg in Frank­reich im Mit­tel­punkt. Auf Vor­schlag Himm­lers wur­de Dwin­ger 1936 zum SS-Unter­sturm­füh­rer der 15. SS-Rei­ter­stan­dar­te ernannt, spä­ter auch zum Ober­sturm­füh­rer beför­dert. 1941 wur­de er zudem zu Himm­lers per­sön­li­cher Ost­re­fe­rent und konn­te so die Ost­front ohne Wider­stän­de besuchen.

Sein letz­tes Buch wäh­rend des Drit­ten Rei­ches Wie­der­se­hen mit Sowjet­ruß­land (1942) kon­zen­triert sich vor allem auf die schlim­men Fol­gen des Kom­mu­nis­mus. Im Gegen­satz zu Himm­ler und dem radi­ka­len Reichs­kom­mis­sar Koch kämpf­te Dwin­ger jedoch gegen die Ideo­lo­gie des „Unter­men­schen“ und warb für eine anti­bol­sche­wis­ti­sche Ost­po­li­tik mit dem rus­si­schen Volk. In zahl­rei­chen Denk­schrif­ten ver­such­te er den „rus­si­schen Men­schen“ zu erklä­ren und mach­te sich für eine ordent­li­che Behand­lung sowie eine mili­tä­ri­sche Zusam­men­ar­beit stark. Er traf sich auch mit Gene­ral Wlas­sow und unter­stütz­te die Auf­stel­lung einer Armee aus rus­si­schen Freiwilligen.

Wegen die­ses Enga­ge­ments zog er schließ­lich die Kri­tik von fana­ti­schen Natio­nal­so­zia­lis­ten auf sich. So sprach Himm­ler in der berüch­tig­ten Pose­ner Rede vom 4. Okto­ber 1943 indi­rekt von Dwin­ger und des­sen emp­foh­le­ne Hal­tung zu den Rus­sen: „Dann hören Sie das nächs­te Gebet. Das lau­tet: ‚Wir haben uns in dem Rus­sen getäuscht.‘ Das Gebet geht aus von Män­nern, die meis­tens irgend­wie öst­li­cher Pro­ve­ni­enz sind, die in ihrer Jugend dort drü­ben waren, zum Teil sehr gute Bücher geschrie­ben haben, dabei eine rus­si­sche Mut­ter hat­ten und die nun erzäh­len.“ Dwin­ger erhielt in die­sem Jahr auch Publi­ka­ti­ons­ver­bot und wur­de unter Haus­ar­rest gestellt sowie vom Sicher­heits­dienst des Reichs­füh­rers SS überwacht.

Im Mai 1945 wur­de er von den Ame­ri­ka­nern inter­niert, aber nach sechs Mona­ten Haft in Lud­wigs­burg als „Mit­läu­fer“ ent­na­zi­fi­ziert. Die Spruch­kam­mer erkann­te ihm sei­nen muti­gen Ein­satz gegen die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Ost­po­li­tik an. 1950 erschien sein nächs­tes Buch Wenn die Däm­me bre­chen, das den Unter­gang Ost­preu­ßens beschreibt. In gewis­ser Wei­se kann es, obwohl es nicht auf eige­nem Erle­ben beruht und nicht mehr aus der Ich-Per­spek­ti­ve geschrie­ben ist, als Fort­set­zung der „Deut­schen Pas­si­on“ gese­hen wer­den, da man das wei­te­re Schick­sal der alten Kame­ra­den erfährt.

Beim fol­gen­den Werk, Gene­ral Wlas­sow. Eine Tra­gö­die unse­rer Zeit (1951), konn­te er auf sei­ne Begeg­nun­gen mit dem rus­si­schen Gene­ral zurück­grei­fen. Hin­ter der Figur „Her­bert Holl­stein“ ver­steckt sich Dwin­ger selbst in die­sem Buch, mit dem er dem 1946 hin­ge­rich­te­ten Wlas­sow ein Denk­mal setz­te. „Schrift­stel­ler Holl­stein“ taucht bereits in der nächs­ten Publi­ka­ti­on Sie such­ten die Frei­heit … Schick­sals­weg eines Rei­ter­vol­kes (1952) wie­der auf. Dies­mal steht das Schick­sal einer Kosa­ken­sip­pe im Mit­tel­punkt, deren Geschich­te mit dem Buch Die ver­lo­re­nen Söh­ne (1956)  eine Fort­set­zung fand und die­se Nach­kriegs­tri­lo­gie Dwin­gers abschließt.

Neben einem Rei­ter­bre­vier für Pfer­de­freun­de ver­öf­fent­lich­te er 1957 den uto­pi­schen Roman Es geschah im Jah­re 1965. Dar­in schil­der­te er einen ato­ma­ren Welt­krieg, der am Ende die Sowjet­uni­on aus­löscht. Erst neun Jah­re spä­ter brach­te er wie­der ein Buch auf den Markt, die auto­bio­gra­phi­sche Recht­fer­ti­gungs­schrift Die zwölf Gesprä­che 1933–1945. Wie dem Titel bereits zu ent­neh­men ist, beschäf­tig­te sich Dwin­ger dar­in mit sei­ner Rol­le im Drit­ten Reich, indem er dem Leser zahl­rei­che Tref­fen mit poli­ti­schen und mili­tä­ri­schen Grö­ßen des NS-Staa­tes prä­sen­tier­te. Obwohl er angab, wie­der sei­ne Tage­buch­no­ti­zen als Vor­la­ge genutzt zu haben, wir­ken die Gesprä­che häu­fig auf­ge­setzt und unglaub­wür­dig. So bleibt der Abdruck eini­ger Denk­schrif­ten Dwin­gers das his­to­risch Wert­volls­te an die­sem heu­te sel­te­nen Buch, das die letz­te eigen­stän­di­ge Publi­ka­ti­on des Autors sein soll­te. Am 17. Dezem­ber 1981 ver­starb Dwin­ger mit 83 Jah­ren in Gmund am Tegernsee.

Sein Werk wur­de in der BRD und noch mehr in der DDR dem natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Erbe zuge­rech­net, was sei­ne zwei­te Frau Ellen nach sei­nem Tod kri­ti­sier­te. Sie ver­wies dabei auf den Dich­ter und SED-Kul­tur­po­li­ti­ker Johan­nes R. Becher, der kei­nes­falls ein Sym­pa­thi­sant Dwin­gers war, aber trotz­dem Zwi­schen Weiß und Rot als eines der bedeu­tends­ten Bücher ein­ord­ne­te, das die Zeit über­dau­ern werde.

Obwohl Dwin­gers Bücher in 14 Spra­chen über­setzt wur­den und sein Gesamt­werk eine Auf­la­ge von über zwei Mil­lio­nen erreich­te, ist er heu­te kaum mehr bekannt. Ledig­lich Zwi­schen Weiß und Rot ist aktu­ell noch lie­fer­bar. Ein klein wenig Auf­merk­sam­keit gab es für den toten Schrift­stel­ler neben eini­gen wis­sen­schaft­li­chen Auf­sät­zen ledig­lich, als sein Enkel Rapha­el Dwin­ger zusam­men mit dem lin­ken Regis­seur Tobi­as Gins­burg ein Thea­ter­stück mit dem viel­sa­gen­den Titel „Nest­be­schmut­zung“ in Mün­chen inszenierte.

War­um soll­te man Dwin­ger, der nicht „in der Bun­des­li­ga spielt“ (Kubit­schek), lesen? Vor allem, weil er zahl­rei­che The­men der deut­schen und rus­si­schen Geschich­te behan­delt, die heu­te in Ver­ges­sen­heit gera­ten sind. Genau die­ses Motiv gab übri­gens Dwin­ger in einem sei­ner ers­ten Bücher selbst als Zweck sei­ner Tage­buch­no­ti­zen an: „Damit die Mensch­heit ein­mal erfährt, was im zwan­zigs­ten Jahr­hun­dert mög­lich war!“ (Armee hin­ter Sta­chel­draht).

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Kommentare (2)

Gotlandfahrer

25. April 2023 11:46

Solche Beiträge sind wie Tiefseetauchen mit Suchscheinwerfern entlang der Wracks vergessener Flotten. Man möchte in jedes einzelne hinein und die dumpfe Ahnung ihrer Schicksale in farbiges Leuchten verwandeln, im Grunde getrieben vom sinnlosen Wunsch, sie doch nur unwirklich, ungeschehen zu machen.  Es ist nicht allein die Amputation der östlichen Körperhälfte unseres Volkes, mit seiner Verbundenheit zum Raum dahinter, die schmerzt, sondern die desinteressierte Bewusstlosigkeit im Verbliebenen angesichts des mit ihr versunkenen Wissens. Für Arbeiten wie die obige möchte ich daher herzlich danken.

Laurenz

26. April 2023 12:43

Ich hatte mal in eine frühe Auflage von "Wir rufen Deutschland", noch in Fraktur gedruckt (also von vor 1941), hineingelesen. Das war grauenhaft, der Inhalt kaum zu ertragen. Nachdem ich mich gefragt hatte, ob das Buch meine historischen Kenntnisse weiterbringt, wenn mir noch mehr grausame Einzelschicksale bekannt werden, habe ich das Buch wieder beiseite gelegt. Ich kann beim Lesen eben nicht genügend Distanz zum Gelesenen aufbauen.

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