Uwe Jochum: Landnahme

Der Germanist und Bibliothekar Uwe Jochum hat einen Essay über das Land als den Ausgangspunkt unseres Seins vorgelegt.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Sei­ne Über­le­gun­gen und The­sen basie­ren auf gründ­li­cher Bibel­lek­tü­re, die er – das legt der Text nahe – als Gläu­bi­ger absol­vier­te. Jochum geht vom »anfäng­li­chen Gar­ten« aus, dem para­die­si­schen, der kei­ne Wild­nis und kei­ne Stadt ist, son­dern eine Art spen­den­der Park, in dem in der Nähe Got­tes gelust­wan­delt wer­den darf und aus dem beschenkt man kei­nen Trop­fen Schwei­ßes zu ver­gie­ßen hat.

Von hier aus läßt Jochum den Men­schen einen Kreis vom Acker in die Stadt, vom Ver­wur­zel­ten über die Gren­ze hin­aus aufs Meer und in die Luft, von der Mau­er ins Vor­land, ins Kul­tur­land und zuletzt durch den Gar­ten Geth­se­ma­ne ins »Land in mir« abschreiten.

Wann ist man behaust? Wie bleibt man es, wenn sich die Din­ge ändern und wenn das Land, auf dem man steht, auch von ande­ren bean­sprucht wird? Jochum ver­han­delt die Fra­ge nach dem Eige­nen und dem Frem­den auf grund­sätz­li­che und ver­mit­teln­de, vor allem aber auf sanf­te Art. Sein Stil erin­nert an den Fried­rich Georg Jün­gers und Carl Schmitts, aber unter­schei­det sich dadurch, daß er kei­ne kal­ten Sät­ze ent­hält oder Merk­sät­ze stanzt; viel­mehr ist alles didak­tisch, durch­aus bestimmt, dabei aber behut­sam und nie her­me­tisch oder elitär.

Der Essay schickt sich ins Unver­meid­li­che des Wan­dels. Ein Bei­spiel: Wo es um die Mau­er geht, um die sichern­de Abgren­zung eines Kul­tur­lan­des von einem weni­ger gedeih­lich ent­wi­ckel­ten Vor­land, schim­mert in einem mil­den Licht his­to­ri­scher Distanz ganz unauf­ge­regt die ewi­ge Mar­mor­klip­pe: Sie wird eines Tages aus der hung­ri­gen Alta Pla­na her­aus von den Scha­ren des Ober­förs­ters über­rannt wer­den, und kein Wall, kein Bau­werk wird sie schüt­zen kön­nen. Denn eine Mau­er muß ja immer erst dann errich­tet wer­den, wenn die eige­ne Macht nicht mehr aus­grei­fen kann, son­dern sich abschot­ten muß. Die Mau­er (jeder Grenz­wall) ist also ein Zei­chen der Schwä­che: Alles Land inner­halb bedarf des Schut­zes, und in die­sem Bild sind bereits die Sze­nen der über­stie­ge­nen und über­rann­ten Grenz­an­la­gen angelegt.

Weh denen, die nicht ein­mal mehr eine Gren­ze schüt­zen oder eine Mau­er errich­ten kön­nen, um sich der Land­nah­me der Frem­den zu erweh­ren? Die sich kei­nen Respekt mehr ver­schaf­fen kön­nen? Ja, durch­aus. Aber die Lek­tü­re der Land­nah­me ist auch an die­sem Punkt nicht schroff oder aus­weg­los oder zor­nig. Jochum wen­det die Land­nah­me auf das »Land in mir« aus und beschreibt die Gren­ze des Ichs, an der das Frem­de gefil­tert, ein­ver­leibt und anver­wan­delt wer­den müs­se, damit es frucht­bar und nicht ver­wäs­sernd oder zer­set­zend wirke.

So auch im Kol­lek­tiv: Gespräch, Aus­tausch, Auf­nah­me und Ableh­nung – je nach­dem. Denn es kön­ne dies doch ein Vor­gang sein, in dem »über das Ob und Wo der Ver­wur­ze­lung mit jenen ver­han­delt wer­den muß, die über den Wur­zel­grund als ange­stamm­ten Besitz verfügen.«

Joch­ums Essay ist ein lehr­rei­ches, klä­ren­des Buch der Zurück­nah­me, der Rück­be­sin­nung auf einen ursprüng­li­chen Gar­ten, den im Ich anzu­le­gen auch dann mög­lich sei, wenn außen die Wüs­te wächst. Das sind defen­si­ve Gedan­ken­gän­ge, und so ist unse­re Lage.

Soll­te nun aber die­se knap­pe Rezen­si­on nach jenem »klei­nen Senf­korn Hoff­nung« klin­gen, das jedem Kirch­gän­ger bis zum Erbre­chen ange­bo­ten wird, müß­ten die Wor­te noch ein­mal anders gesetzt wer­den: Wir kön­nen das gro­ße Welt­thea­ter nur schau­en, wenn wir uns über die nie enden­de Dyna­mik und die Dra­ma­tik von Land­nah­me, Kul­tur­land, Grenz­bau, Ver­wur­ze­lung, Ver­drän­gung, Raub und Wan­de­rung nichts vor­ma­chen und unse­re Rol­le dar­in ver­ste­hen. Joch­ums Buch rät und hilft uns, die eige­ne Lage zu bestim­men und die Rol­le anzunehmen.

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Uwe Jochum: Land­nah­me. Ein Essai, Wien: Karo­lin­ger 2022. 125 S., 19,90 €

 

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Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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