Ray Delio: Weltordnung im Wandel

von Simon Kießling --

Ray Dalio, Pionier der amerikanischen Hedgefonds-Industrie und Finanzbuchautor, spürt den »zeitlosen Ursache-Wirkungszusammenhängen« nach, die dem Gang der Geschichte zugrunde liegen.

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Er unter­schei­det die kurz­fris­ti­gen Kon­junk­tur­zy­klen, deren Dau­er er auf durch­schnitt­lich acht Jah­re taxiert, von den lang­fris­ti­gen Geld‑, Kre­dit- und Schul­den­zy­klen, die sich über 50 bis 100 Jah­re erstre­cken. Die­se wie­der­um wer­den durch den Zyklus des Auf- und Abstiegs der »Reser­ve­wäh­rungs­rei­che« über­wölbt, den Dalio für die ver­gan­ge­nen 500 Jah­re erforscht.

Er unter­sucht die Ent­wick­lungs­läu­fe des nie­der­län­di­schen, des bri­ti­schen und des ame­ri­ka­ni­schen Impe­ri­ums und ihrer Welt­leit­wäh­run­gen Gul­den, Pfund und Dol­lar. Mit Hil­fe aus­ge­wähl­ter Indi­ka­to­ren und Deter­mi­nan­ten (von der Wett­be­werbs­fä­hig­keit über das Wohl­stands­ge­fäl­le bis hin zur poli­ti­schen Pola­ri­sie­rung) bestimmt er, in wel­chem Zyklus­ab­schnitt sich das US-Impe­ri­um befin­det, und errech­net die Wahr­schein­lich­kei­ten sei­ner Ablö­sung durch ein neu­es, chi­ne­si­sches Reser­ve­wäh­rungs­im­pe­ri­um, das eine Neu­ord­nung der Welt einleitet.

Inso­fern die Geschich­te Dalio zufol­ge zyklisch ver­läuft, ähnelt sei­ne Geschichts­auf­fas­sung der­je­ni­gen Speng­lers und sei­ner Vor­läu­fer. Doch wo die gro­ßen Kul­tu­ren bei Speng­ler Lebe­we­sen (Orga­nis­men) sind, die einen natür­li­chen Pro­zeß des Auf­blü­hens, Rei­fens und Wel­kens durch­lau­fen, spannt Dalio ein gewal­ti­ges Pan­ora­ma der Ver­zif­fe­rung und Quan­ti­fi­zie­rung auf. Wo Speng­ler schick­sal­haf­te Wachs­tums- und Alte­rungs­pro­zes­se der hohen Kul­tu­ren beschreibt, herr­schen Dalio zufol­ge stren­ge, arith­me­tisch grun­dier­te Kau­sal­ge­set­ze, ver­mit­tels derer »die Welt wie eine Maschi­ne funktioniert«.

Über end­lo­se Daten­rei­hen, die er in sei­nen Hoch­leis­tungs­rech­ner ein­speist, kon­fron­tiert er den Leser mit zahl­lo­sen Indi­zes, Tabel­len, Glei­chun­gen und Charts. »Alles in allem gelan­gen mein Com­pu­ter und ich durch unse­re gemein­sa­me Anstren­gung zu dem Schluß […]«, heißt es bezeich­nen­der­wei­se an einer Stel­le. Indem der Autor die Wirk­lich­keit der Welt in ein Sys­tem von Zah­len und Daten, Meß­grö­ßen und Funk­tio­nen auf­löst, stellt sich die Ana­ly­se selbst als die Erschei­nungs­form einer reif gewor­de­nen Zivi­li­sa­ti­on, ihrer auf die Spit­ze getrie­be­nen Rechen­haf­tig­keit und Ratio­na­li­sie­rung dar. Dalio schreibt nicht für den geschichts­in­ter­es­sier­ten Leser per se, son­dern stets für den Inves­tor, der die Abläu­fe der Ver­gan­gen­heit ken­nen soll und muss, um die rich­ti­gen Anla­ge­ent­schei­dun­gen zu tref­fen und sein Ver­mö­gen durch die klei­nen und gro­ßen Kri­sen zu navigieren.

Auf der Suche nach den abs­trak­ten, uni­ver­sel­len Geset­zen der Geschich­te neigt der Autor mit­un­ter zu über­mä­ßi­ger Sim­pli­fi­zie­rung, etwa wenn es über den Auf­stieg des Natio­nal­so­zia­lis­mus heißt: »Adolf Hit­ler, der größ­te Popu­list (Faschist), nutz­te das Gefühl der natio­na­len Demü­ti­gung, um eine natio­na­lis­ti­sche Eksta­se her­auf­zu­be­schwö­ren. Er stell­te ein natio­na­lis­ti­sches 25-Punk­te-Pro­gramm auf und warb um Unter­stüt­zung dafür. Als Reak­ti­on auf innen­po­li­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zun­gen wur­de Hit­ler 1933 zum Reichs­kanz­ler ernannt. Sei­ne natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Par­tei fand viel Rück­halt bei Indus­tri­el­len, die die Kom­mu­nis­ten fürch­te­ten. Zwei Mona­te spä­ter errang sie die meis­ten Stim­men und damit die Mehr­heit im Reichstag.«

Ins­ge­samt ändern die­se gele­gent­li­chen Ver­kür­zun­gen nichts an der Strin­genz der Argu­men­ta­ti­on. Man­che Kapi­tel lesen sich gerade­zu fas­zi­nie­rend, so etwa das zykli­sche, men­ta­li­täts­ge­schicht­lich unter­leg­te Ver­laufs­sche­ma, wonach die Völ­ker zunächst arm sind und sich für arm hal­ten, dann reich wer­den und sich für arm hal­ten, reich sind und sich für reich hal­ten, arm wer­den und sich für reich hal­ten, um am Ende wie­der arm zu sein und sich für arm zu hal­ten. Wer die dich­te Beschrei­bung die­ses Kreis­laufs mit den Sta­di­en des Wer­te­wan­dels in (West-)Deutschland nach 1945 in Bezie­hung setzt, wird frap­piert sein, wie paß­ge­nau sich die ein­zel­nen Abschnit­te der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Gesell­schafts­ge­schich­te in das ange­leg­te Sche­ma fügen.

In hohem Maße lesens­wert stel­len sich auch die detail­rei­chen Erläu­te­run­gen dazu dar, wie die Reser­ve­wäh­rungs­im­pe­ri­en sämt­lich von der Hart­geld­wäh­rung zur Papier­geld­wäh­rung über­gin­gen, um schließ­lich bei der Fiat­geld­wäh­rung zu enden. Der Leser, der sich weder von der Fül­le des Daten­ma­te­ri­als ver­schre­cken noch von den gewis­sen Red­un­dan­zen ener­vie­ren läßt, wird das Buch mit Gewinn studieren.

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Ray Delio: Welt­ord­nung im Wan­del: Vom Auf­stieg und Fall von Natio­nen, Mün­chen: Finanz­buch 2022. 672 S., 29,90 €

 

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