Michael Esders: Ohne Bestand

Der Sprachwissenschaftler Michael Esders hat einen formidablen Nachfolger veröffentlicht.

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

War sein 2020 erschie­ne­nes Buch mit dem auch als Schlag­wort brauch­ba­ren Titel Sprach­re­gime schon augen­öff­nend für kul­tur­phi­lo­so­phisch Inter­es­sier­te, so schließt Ohne Bestand nicht nur auf glei­chem Niveau an, son­dern lie­fert eine Hin­ter­grund­theo­rie dazu.

Viel­leicht ist das gar nicht Esders’ Absicht – es gäbe zwei Les­ar­ten: Er will mit dem Begriff des »Bestan­des« mög­li­cher­wei­se kaum mehr als einen kon­ser­va­ti­ven Kon­tra­punkt set­zen und kei­ne gro­ße Theo­rie begrün­den. Denn er nähert sich sei­nen Gegen­stän­den stets von propaganda­sprachlichen Fun­den her (bezeich­nend: die AOK-Wer­bung »Alles bleibt anders«), die er mit Hil­fe der Ana­ly­se sprach­theo­re­ti­scher Hin­ter­grün­de erklärt.

Aber dies ist ihm unmög­lich ohne Rekurs auf den lin­gu­i­stic turn in der Fol­ge der Kri­ti­schen Theo­rie und des Post­struk­tu­ra­lis­mus, denen ­Esders zwar »maß­lo­se Ver­nunft­kri­tik« beschei­nigt. Aber bei­spiels­wei­se ­Ador­nos, Fou­caults oder Bau­dril­lards Dia­gno­sen einer hyper­re­al gewor­de­nen Eigen­lo­gik und »struk­tu­rel­ler Gewalt« der Spra­che blei­ben für Esders unun­ter­biet­bar. Von Lin­ken ler­nen heißt in die­sem Fal­le, die aktu­el­len Bau­stei­ne des »Sprach­re­gimes« mit deren Werk­zeu­gen zu sezie­ren – und die Befun­de dann wie­der kon­ser­va­tiv an die Wirk­lich­keit zurückzubinden.

Konn­te Esders vor zwei Jah­ren noch das Wör­ter­buch des Gut­men­schen in der Migra­ti­ons­kri­se, die kli­ma­ideo­lo­gi­sche Phra­sen­herr­schaft und die ubi­qui­tä­ren neu­en Nor­men der »Gen­der­spra­che« unter­su­chen, ver­langt die zuge­spitz­te Lage jetzt nach einer Theo­rie, wie­so die Bau­stei­ne des Sprach­re­gimes über­haupt mit­ein­an­der zusammenhängen.

Esders nähert sich die­ser Fra­ge über den Begriff des »Bestands«. Der klingt zunächst nach gedie­ge­nem Kon­ser­va­tis­mus, nach Tra­di­tio­nen, die »Bestand haben«, und Gott­fried Ben­ns Devi­se: »Rech­ne mit dei­nen Bestän­den«. Aber: »Spra­che ist nicht ein Bestand unter vie­len, son­dern des­sen Inbe­griff. Das Sprach­den­ken schult dar­in, Bestän­de als Uni­ver­sa­li­tä­ten zu den­ken. Des­halb führt die geis­ti­ge Bestands­auf­nah­me zwin­gend zur Spra­che, in der sich eini­ge der hier ver­folg­ten Fäden zusam­men­füh­ren und ver­knüp­fen lassen.«

In der Spra­che tritt näm­lich ein Phä­no­men offen sicht­bar zuta­ge, das Esders »Selbst­be­wahr­hei­tung« nennt. If men con­sider things real, they are real in their con­se­quen­ces: Wenn Leu­te Din­ge für wirk­lich hal­ten, sind die­se Din­ge in ihren Kon­se­quen­zen wirklich(keitsstiftend). Sie wer­den zum »neu­en Nor­mal«, egal, ob es sie eigent­lich »gibt« oder »nicht gibt«, und sie lau­fen wei­ter, weil es sie neu­er­dings gibt. Inso­fern ist die Spra­che des »Hygie­ne­re­gimes« bei­na­he schon über­steu­ert selbstbewahrheitend.

Esders – dies gilt es außer­dem lobend her­vor­zu­he­ben – nennt den bio­po­li­ti­schen Gesamt­kom­plex, mit dem die Welt in den letz­ten Jah­ren trak­tiert wor­den ist, »das Hygie­ne­re­gime«. Denn spricht man von »in der Pan­de­mie« oder, selbst unter Maß­nah­men­kri­ti­kern weit ver­brei­tet, von »einer Virus­er­kran­kung« oder »vor / nach / wegen / Coro­na«, begibt man sich in das Nar­ra­tiv, das eigent­lich der letz­te Bestand ist, auf den skep­ti­sche Zeit­ge­nos­sen noch zurück­grei­fen kön­nen. »Mit der fort­schrei­ten­den Umset­zung der sozi­al­tech­no­lo­gi­schen Agen­da klä­ren sich die Fron­ten«, schreibt Esders am Schluß sei­nes Buches: »Der Ver­tei­di­ger der Bestän­de lebt, ob er will oder nicht, in Geg­ner­schaft. Er muß nicht pole­misch auf­tre­ten, um ins Visier zu gera­ten. Schon die Ver­kör­pe­rung des Bestands erregt Anstoß, weil sie sich der Tota­li­sie­rung des post­his­to­ri­schen, nach­ge­sell­schaft­li­chen trans­hu­ma­nen Unbe­stands wider­setzt. Der geleb­te Wider­stand kul­ti­viert Enkla­ven der ›alten Normalität‹.«

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Micha­el Esders: Ohne Bestand. Angriff auf die Lebens­welt, Lüding­hau­sen: Edi­ti­on Son­der­we­ge bei Manu­scrip­tum 2022. 284 S., 24 €

 

Die­ses Buch kön­nen Sie auf antaios.de bestellen.

 

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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