Sezession
1. Oktober 2005

Die Religion Wagners

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 11 / Oktober 2005

sez_nr_11von Siegfried Gerlich

Aus der deutschen Kulturgeschichte ragt er schillernd heraus. An seinen Namen knüpft sich eine beispiellose Faszination, die kein Ende nehmen will. Niemand vermochte mit seiner Kunst so heftige Leidenschaften zu entfesseln und für oder wider sich einzunehmen wie er. Kein Künstler vor und nach ihm hat jemals so große Heilserwartungen geweckt, keiner wurde aber auch mit so furchtbarem Unheil in Verbindung gebracht. Die Feindschaft gegen ihn regte sich freilich nicht erst angesichts von mehr als ein halbes Jahrhundert nach seinem Tode verübten Verbrechen, von denen es heißt, sie seien historisch einzigartig. Und nicht erst in unserer profan verwalteten Welt, in der die Kapitulation von Kultur vor Kulturindustrie unwiderruflich scheint, wirkte ein rastloses Leben wie seines, das sich im permanenten Einsatz für die heilig gehaltene Sache der Kunst verzehrte, seltsam unzeitgemäß. Er selber fürchtete schon auf verlorenem Posten zu stehen und mobilisierte dennoch alle ihm zu Gebote stehenden künstlerischen und denkerischen Reserven, damit nicht buchstäblich sang- und klanglos vergeht, was erst in seinem drohenden Verlust als höchstes Gut erkennbar wird. Hierin lag kein Wahnsinn des Eigendünkels, ging es doch im „Fall Wagner“ nie nur um den Rang eines deutschen Komponisten, sondern immer auch um den selbstbewußten Anspruch oder aber die selbstherrliche Anmaßung der deutschen Kultur insgesamt, für die er in den Augen seiner Freunde wie Feinde repräsentativ einstand wie kein anderer. Und wirklich ist im neunzehnten Jahrhundert niemand emphatischer und exzentrischer für die Weltgeltung der deutschen Hochkultur eingetreten als Richard Wagner, der in ihr Anlagen wahrnahm, die, erschöpfend ausgebildet, eine Wiedergeburt der griechischen Kunstreligion aus dem Geiste der deutschen Musik ermöglichen sollten. Wenn die letzte Utopie seiner Kunstanschauung und Welterfahrung eine „ästhetische Weltordnung“ war, so wurde die „heilige deutsche Kunst“ als deren Vorschein zum rettenden Fluchtpunkt seines ruhelosen Lebens wie zum formbestimmenden und inhaltgebenden Leitmotiv seines Schaffens.

Richard Wagner hat mit seiner Musik und Ästhetik einen Sonderweg eingeschlagen. Die Beharrlichkeit, mit der er diesen zu Ende zu gehen verstand, zeugt nicht nur von seinem im besten Sinne deutschen Eigensinn, der ihn widerständig machte gegen zeitgeistige Fremdbestimmung; sie verrät auch einen heiligen Ernst, der einen Komponisten, der immer wieder klagte, zum Schriftsteller nicht geschaffen zu sein, auch zu einem Kunst- und Kulturphilosophen von Rang und am Ende sogar zum Verkünder einer ästhetischen Religion werden ließ. Genuiner Religionsstifter allerdings wollte er erklärtermaßen nicht sein – gegen die Vergottung seiner Person im späteren Wagnerkult aber konnte er sich nicht mehr wehren. Gewiß liebte der Musikdramatiker die erhabene Freiheit, mit seinen Figuren zu spielen wie die griechischen Götter mit den Schicksalen der Sterblichen. Im Unterschied jedoch zu der Götter grausamem Spiel nahm das Werk Wagners tiefen Anteil am Leid der Menschen, zu dessen Linderung die Kunst einmal erfunden wurde und zu dessen Heilung er seine Kunstreligion befähigt sah. Nicht wenigen freilich erschien Wagners Musiktheater bedrohlich, denn seine Dramaturgie glich mitunter einem Schlachtenplan, und das Stahlgewitter der Klänge, dem er seine Zeitgenossen aussetzte, schien eine ästhetische Apokalypse einzuläuten. Gleichwohl stand selbst die Götterdämmerung mit ihrem heillosen Untergang der Menschenwelt im Zeichen einer heilsamen Katharsis. Wenn diese sich zunächst auch nur im Weltinnenraum der Musik ereignen konnte, so wollte deren inwendig schlummernde Erlösungsmacht zuletzt doch auch die äußere Welt durchdringen und im Karfreitagszauber des Parsifal noch die unerlöste Natur verwandeln.


 Gastbeitrag

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