Bananenkunst

von Jörg Seidel -- Als Anfang Mai ein Galeriebesucher eine an die Wand geklebte Banane verspeiste, da ward eine Welt erschüttert und ein Sack Reis fiel um.

Die Süd­frucht war kon­sti­tu­ti­ver Bestand­teil eines Kunst­wer­kes, einer soge­nann­ten Instal­la­ti­on, der man einen Wert von 110 000 Euro zuge­spro­chen hat­te. Der Mate­ri­al­wert bestand aus zwei Strei­fen Bau­kle­be­band und eben jener Bana­ne. Die Schöp­fungs­zeit darf man selbst bei einem Men­schen mit zwei lin­ken Hän­den in Sekun­den messen.

Man könn­te über die Akti­on gan­ze Bücher schrei­ben, denn die Viel­zahl der Bedeu­tungs­schich­ten wird schnell unüber­sicht­lich, wenn man etwa die Moti­ve des Besu­chers in die Rech­nung ein­speist: War er wirk­lich nur hung­rig, hat­te er das Kunst-Werk nicht als sol­ches erkannt, woll­te er selbst eine Per­for­mance voll­füh­ren, war es ein Akt der Rebel­li­on, der Sub­ver­si­on und des Wider­stan­des, viel­leicht auch nur Dummheit …?

In jedem Fal­le aber wirft die Akti­on die Fra­ge nach der Kunst auf. Man kann an ihrer Ent­wick­lung sehr wohl den Zustand der Welt begrei­fen. Die Kunst war und ist schon immer eine Par­al­lel­ge­schich­te zur Geschich­te der Ent­wick­lung der gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se. An ihr kann man wun­der­bar die poli­ti­sche und gesell­schaft­li­che Kine­tik exemplifizieren.

Sie ent­stand, wie alles in der Geschich­te der Mensch­heit, aus der ewi­gen Wie­der­kehr des Glei­chen, einer über Jahr­tau­sen­de dau­ern­den Wie­der­ho­lung bestimm­ter Hand­grif­fe, die dann in Kunst­fer­tig­keit über­gin­gen, wenn durch eine Mischung aus Übung und indi­vi­du­el­ler Bega­bung Vir­tuo­sen ent­stan­den, ob nun beim Stei­ne-Beschla­gen, Feu­er-Ent­fa­chen, Pfei­le- Schnit­zen, Bogenschießen …

Kunst wur­den die Gegen­stän­de in dem Moment, wo ihnen ein Sur­plus an Nutz­lo­sem bei­gefügt wur­de. Die Zick­zack­li­nie im Ton­ge­fäß ist erst­mal zu nichts gut, spä­ter mag sie sym­bo­li­sche Funk­tio­nen – etwa der Distink­ti­on zu Zuge­hö­rig­keit – erlangt haben.

Das Hand­werk war das kon­sti­tu­ti­ve Ele­ment des Kunst­wer­kes. Das blieb es über den aller­größ­ten Zeit­raum der Kunst­ge­schich­te. Aber mit der his­to­ri­schen Akze­le­ra­ti­on nahm auch das Kunst­hand­werk Fahrt auf. Die Kunst­pe­ri­oden wur­den immer kür­zer, mit der sich selbst beschleu­ni­gen­den tech­ni­schen Ent­wick­lung – eine Neu­ent­de­ckung ist die Vor­aus­set­zung der kom­men­den – beka­men auch die Künst­ler neue Mit­tel in die Hand, neue Welt­bil­der, neue Wahr­neh­mungs­wei­sen, neue Phantasien.

Mit der Säku­la­ri­sa­ti­on war in Euro­pa das Dar­zu­stel­len­de immer weni­ger an die mythi­schen und bibli­schen Moti­ve gebun­den, der Mensch rück­te in den Fokus und wur­de sich selbst zum Pro­blem, die Kunst über­nahm nun selbst das Lenk­rad, wur­de schnel­ler als die Gesell­schaft und trieb die­se immer wei­ter in die Beschleunigung.

Viel­leicht war die Renais­sance der Kipp- und zugleich Höhe­punkt. Nie stand der Kunst­ko­met höher am Fir­ma­ment, sein lan­ger hel­ler Schweif brach­te noch bis in die indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on, bis in die 20er und 30er Jah­re des letz­ten Jahr­hun­derts zahl­rei­che Meis­ter­wer­ke ans Licht.

Im Jah­re der „Gro­ßen Sozia­lis­ti­schen Okto­ber­re­vo­lu­ti­on“ stell­te dann Mar­cel Duch­amp sein „Foun­tain“ aus, ein auf die Rück­sei­te gestell­tes Uri­nal und erklär­te dies zur Kunst. Indem eine Öffent­lich­keit dies aner­kann­te und die Igno­rie­rung aus­schloß, hat­te sie den Kreis geschlos­sen: Kunst- und Hand­werk haben sich wie­der getrennt.

Zwei Jah­re zuvor hat­te Male­witsch mit sei­nem „Schwar­zen Qua­drat“ die Bot­schaft bereits ange­deu­tet: die Kunst hat alles, was zu zei­gen und zu hören war, prä­sen­tiert, Dada­is­mus, Sur­rea­lis­mus, Bau­haus, Zwölf­ton­tech­nik …, all die­se Ent­gren­zun­gen tra­ten in den Jah­ren um das Jahr 1917 auf: poli­ti­sche Revo­lu­ti­on und artis­ti­scher Umsturz gin­gen Hand in Hand, auch wenn die jewei­li­gen Prot­ago­nis­ten mit­un­ter Anti­po­den waren.

Die Rede vom Leben nach der Geschich­te kann erst ab da ver­stan­den wer­den. Zwar gab es Wider­stän­de und Wel­len – der Natio­nal­so­zia­lis­mus kann in sei­ner Anfangs- und Tie­fen­di­men­si­on als sol­cher ver­stan­den wer­den; daß er so vie­le Intel­lek­tu­el­le anzog und ein­sog kann man nur vor die­sem Hin­ter­grund und nicht vor sei­nen Atro­zi­tä­ten ver­ste­hen –, gab es Rück­wärts­be­we­gun­gen, aber als die­se kra­chend geschei­tert waren, nah­men die sich selbst ernann­ten Avant­gar­den die losen Fäden wie­der auf.

Als Joseph Beuys den fata­len Satz sprach „Jeder Mensch ist ein Künst­ler“, da war der Geist auch für den letz­ten Dorf­trot­tel aus der Fla­sche. Ein Scheu­er­lap­pen, eine Bade­wan­ne konn­te nun Kunst sein, obgleich sie kate­go­ri­al schon längst nichts mehr dem Pis­soir zufügten.

Wer einen Pin­sel hal­ten konn­te, hat­te plötz­lich das Zeug in sich, ein Künst­ler zu sein. Es brauch­te nur jeman­den, der dies als Kunst iden­ti­fi­ziert und aner­kennt. War der ers­te „Schöp­fungs­akt“ noch als Kunst, wenigs­tens aber als Ereig­nis anzu­er­ken­nen, so begann mit den wie­der­ho­len­den Varia­tio­nen und Ent­gren­zun­gen der Ein­tritt in die schier ewig fort­setz­ba­re Beliebigkeit.

Aber Men­schen sind Übungs­we­sen und so konn­te es nicht aus­blei­ben, daß eini­ge weni­ge sogar in der Her­stel­lung von Insi­gni­fi­kanz, Belie­big­keit und Unsinn exzel­lier­ten und tat­säch­lich aus dem schein­ba­ren Nichts gro­ße, geheim­nis­vol­le Kunst schu­fen, etwas, das nur sie erschaf­fen konn­ten und nie­mand sonst. Für sie galt tat­säch­lich, was Beuys gefor­dert hat­te, näm­lich jedes Werk als indi­vi­du­el­les Kunst­werk zu betrachten.

Abs­tra­hiert man jedoch von der Ästhe­tik, so blieb das gigan­ti­sche mora­li­sche Pro­blem der Gleich­heit, das logi­sche Para­dox des „Alles“. Wenn alles etwas ist, dann ist nichts etwas. Wenn alles Kunst sein kann, dann ist nichts mehr Kunst, dann feh­len uns die Begrif­fe zur Distink­ti­on. Und wenn jeder Künst­ler sein kann, dann fehlt uns die Mög­lich­keit, selbst dem letz­ten Stüm­per die­ses Attri­but abzu­spre­chen, ohne „dis­kri­mi­nie­rend“ zu sein.

Immer­hin wird uns damit das eigent­li­che Geheim­nis der Kunst ver­ra­ten. Es ist wie mit allen nicht­sub­stan­ti­el­len Wer­ten, wie mit allem, was man nicht essen oder nut­zen kann: Geld, Wer­te, Titel und der­glei­chen. Ihre Exis­tenz beruht auf der Illu­si­ons­be­reit­schaft der Men­schen: Der Schein bun­tes Papier ist nur dann als Tausch­äqui­va­lent etwas wert, wenn alle Tausch­part­ner sich ein­re­den las­sen, daß er etwas wert sei.

Auch die Hyper­in­fla­ti­on gehört chro­no­lo­gisch in jene Schick­sals­jah­re der Revo­lu­ti­ons- und Kriegs­fol­gen. Spä­tes­tens seit Bret­ton Woods wur­de das Geld zum rei­nen Phan­ta­sie­pro­dukt – frei­lich lebt auch Gold in sei­ner nicht­in­dus­tri­el­len Bedeu­tung von der Ein­bil­dungs­kraft sei­ner Besitzer.

Finanz­kri­sen ent­ste­hen immer dann, wenn das Ver­trau­en in den Selbst­be­trug schwin­det, wenn wir alle sehen, was das nai­ve Kind am Kai­ser sieht. Marx brach­te das auf die For­mel: „Es ist mit sol­chen Refle­xi­ons­be­stim­mun­gen über­haupt ein eige­nes Ding. Die­ser Mensch ist z.B. nur König, weil sich and­re Men­schen als Unter­ta­nen zu ihm ver­hal­ten. Sie glau­ben umge­kehrt Unter­ta­nen zu sein, weil er König ist.“

Der Unter­schied zwi­schen der Kunst des alten und des neu­en Typus ist tat­säch­lich die Ein­ma­lig­keit, aber nicht im Sin­ne Beuys, daß alles, was ist, ein­ma­lig zu sein hat, son­dern im umge­kehr­ten Sin­ne: wah­re Kunst ist das, was nur einer schaf­fen kann und kein ande­rer. Kunst kommt tat­säch­lich – auch ety­mo­lo­gisch – von Kön­nen und Kön­nen kommt von Kom­men, von Ver­voll­kom­men, also von Üben.

Die umstür­zen­de Tat des süd­ko­rea­ni­schen Stu­den­ten, der die 100000-Euro-Bana­ne dreist ver­speist hat, liegt nun in der Auf­kün­di­gung des Illu­si­ons­zwan­ges im Ange­sicht des Belie­bi­gen. Das ist ein ris­kan­ter Akt, der an die­sem Objekt nütz­lich sein kann, den man befür­wor­ten und viel­leicht sogar nach­ma­chen soll­te, doch muß man sich auch der Gefahr sol­cher Aktio­nen bewußt wer­den, die, wenn sie in die fal­schen Hän­de – das sind die Hän­de Jeder­manns – kom­men, fata­le Fol­gen haben können.

Wenn wir uns tat­säch­lich die Schlei­er von den Augen rei­ßen, dann besteht die Gefahr, daß alles ver­schwin­det, auf dem unse­re Exis­tenz gegrün­det ist.

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Kommentare (11)

Eo

25. Mai 2023 19:50

 
.Die Kunst, so wie sie sich heute vielfach präsentiert wie auch hochgejubelt wird, sollte man besser Hunst nennen, denn so sehr ist sie inzwischen auf den Hund gekommen bzw. verhunzt worden.
Einen solchen Eindruck jedenfalls vermittelt einem die Mehrzahl aller Ausstellungen mit Kunst moderner Machart, von den Preisträgern ganz zu schweigen. Und was die gut dotierten Preise anbelangt, so scheint inzwischen fast durchgängig folgende Devise zu gelten, nämlich für die größte Scheiße gibt es erste Preise -- vorausgesetzt ma gehört gewissen gehätschelten Minderheiten an..
 

Gracchus

26. Mai 2023 00:53

Der erste Satz ist der beste. Damit ist das Problem zeitgenössischer Kunst auf den Punkt gebracht, sie ist meistensteils belanglos. Besser gesagt: Ich weiß es nicht, nur irgendwann habe ich aufgegeben, mich damit zu beschäftigen, weil es mir belanglos vorkam.
Der Rest überzeugt mich nicht so recht. Der Beuys-Satz wird missinterpretiert. In einer Talkshow wurde Beuys das Bild irgendeines Hobbymalers vorgehalten, und Beuys sagte, das sei Kitsch, und er würde demjenigen ein anderes Betätigungsfeld empfehlen.
Auch dass sich jeder Künstler nennen darf - ja, und? Darf sich auch jeder Philosoph oder Journalist nennen. Warum soll das Qualität verhindern? Das Problem liegt doch dann eher beim Publikum. Was Kunst ist, hing ja schon immer von sozialer Anerkennung ab. Wovon sonst?
Mich interessiert an Kunst auch nicht unbedingt Könnerschaft. Die kann ich zwar bewundern - aber dann? 
 
 

Carsten Lucke

26. Mai 2023 11:38

Die Sturzflut an Kommentaren zeigt . Die Rechte und die Kunst - ein beeindruckendes Rinnsal.
Hübsch aber der Link von @Laurenz zu den Höhlenmalereien - ja, der Mensch war hier in den Anfängen schon mal weiter.
Empfehle Mario Vargas Llosa : "Alles Boulevard" und da speziell "Elefantenkacke" (o.ä.) - hoffentlich auch über Antaios zu haben.

Franz Bettinger

26. Mai 2023 12:02

Anekdote: Der Maler  Franz blätterte in einem Atlas. Wunder der Erde stand auf dem Deckel. Er hatte den Bildband irgendwann, vermutlich zu Weihnachten, geschenkt bekommen. Da war es, sein Feuer. Auf Seite 50 abgebildet war ein gigantisches Abendrot in Arizona. Die Fotographie glich einem Inferno: riesig, schwarz, gelb und rot. Im Vordergrund die Silhouette dreier Cowboys. Die ließ er weg. Franz war vierzehn.
Er bekam eine Eins. Der Lehrer war verblüfft. Dass dieser Schüler ein Talent zum Malen mitbrachte, war ihm längst bekannt, aber das hätte er dem Kerlchen nicht zugetraut. Ein flächiges Gemälde ohne Tiefe, aber mit enorm viel Farbe und Kontrast. Hatte er da einen frühen Cézanne vor sich? Ein irrer Gedanke huschte durch sein Hirn. Wäre ihm, einem einfachen Gymnasial-Lehrer, vergönnt, an der Entdeckung und Entwicklung eines zukünftigen Stars mitzuwirken? 
Das Bild wurde herumgezeigt. Es war peinlich. Franz wusste, er hatte gemogelt, Kunst war das nicht, aber von nun an bekam er immer seine Eins & immer nach derselben Methode. Ob es ein Stil-Leben war, oder eine Baustelle, ein Wald, durch den die Sonne brach, oder ein Schiff auf hoher See. Franz erfand nichts. Er kupferte ab.
Er fälschte nicht im strengen Sinn. Er sah sich um & fand Motive. Er war ein Motive-Entdecker mit einem Auge für gute Muster. Aber Kunst? War das nicht. Es war nur Effekthascherei. Dafür wurde er gelobt. Was ihm unverständlich blieb. Konnten die Menschen, die Lehrer, die sich mit seinen Bildern befassten, denn den Unterschied nicht sehen? Oder bestand Kunst vielleicht genau darin? In Effekthascherei. 
Nun sah er sich wirklich große Künstler an. Picasso, Dali, Andy Warhol, die immer noch Furore machten. Das Auge blieb an den zerflossenen Uhren hängen, an den 3 sexuellen Fixpunkten, auf die Picasso eine Frau gekonnt zu reduzieren wusste. Po, Brust, und das schwarze ausgestanzte pubische Dreieck. Mit drei Klecksen gelang Picasso das Wesentliche. Ein Witz, dachte Franz. Pubertäre Strich-Zeichnungen vom Stierkampf, von Frauen und Giraffen. Auf was der Stier eine Kuh reduziert, weiß jeder Bauer und jeder Veterinär. Die wenigen magischen Rundungen. Darauf kam es an. Dem Stier. Ein alter Hut. Das soll Kunst sein? Von Warhols Foto-Reproduktionen gar nicht zu reden. Franz war enttäuscht. Wie leicht man die Welt hinters Licht führen konnte! - Echte Kunst? Nun, die gab es auch, aber sie machte schon lange kein Furore mehr. Wer wie Goya oder Turner malte, hatte im modernen Kunstbetrieb keine Chance. Da war Franz fünfzehn.
Mit wildem Eifer kleckste er seinen Expressionismus aufs Papier. Sie sollen kriegen, was sie so verehren, die Banausen, dachte er und heimste weiter Lob und Einser ein. Nicht alles, was leidenschaftlich und bunt dahin gemalt wird, verdient den Namen Kunst. Aber nicht nur Lehrer und interessierte Eltern kamen und staunten. Franz wurde bald rumgereicht, ausgestellt und nahm an saarländischen Mal-Wettbewerben teil. Die Saarbrücker Zeitung druckte sein erstes Werk im Feuilleton nach: 'Feuer in der Nacht'. Man hielt ihn für ein kleines, selbstgemachtes Genie, aus dem einmal ein großer Meister werden könnte. Er kam aus keiner Künstlerfamilie. Das war selten. Damit konnten nicht mal Dali und Picasso aufwarten. Franz allein wusste: Er war ein Gauner, Aufschneider, ein Effektehascher. Ein bisschen Talent war alles, was er hatte. Er besaß noch nichts anderes. Talent allein aber reicht nicht, das ahnte er bereits. Schule, Schulung, Lehrer, Lehr-meister, Vorbilder, darauf kam es an. Dali und Pablo hatten das gehabt, Franz verfügte nur über ein gutes Auge.
Leinwände trockneten, wurden gerahmt, veredelt & in den Fluren des Gymnasiums, im Lehrerzimmer, der Aula und in der Praxis seines Zahnarztes aufgehängt. Franz wurde darüber wütend. Er bekam plötzlich das Verlangen, sie alle zu verarschen. Er bekam geradezu einen Koller. Er malte Bild auf Bild, zumeist Mist, aber Mist mit Effekt. Mist, der Mistkäfer anzog. Er lachte sich eins und wurde depressiv. Was an den Wänden hing war alles Mögliche, nur keine Kunst; bestenfalls Dekoration. Er besaß eine gewisse Fertigkeit, ja, aber kein Genie. Nie würde er wie Van Gogh malen. Bis auf die eine oder andere Ausnahme waren seine Hand-Arbeiten indiskutabler Unsinn. Wie konnte man sie für Kunst halten und ihn so missverstehen? Da war er sechzehn.
Nur selten gelang ihm wirklich etwas Gutes, etwas, wobei er die Ekstase und den Impuls spürte und das geradezu erotische Verlangen, eine Idee aus seinem Hirn aufs Tableau zu spritzen, ein dünnes Rot neben Dunkelblau und feinem Schwarz. Es neben einander auf der Leinwand ankommen zu sehen. Vor allem Blau. Blau in allen Variationen. Blau wurde zu seiner Lieblingsfarbe, wenn sie es nicht schon immer war. Die Farbe der Freiheit und der Freude. Andererseits: Ehrlich und froh sein gelang ihm nur mehr selten, seit er 'entdeckt' worden war. Ach, Kunst! Wie einfach es war, die Leute hereinzulegen! Mit ein paar skurrilen Ideen, wenigen kräftigen Pinselstrichen und prallen Farben, die die Bekloppten für authentischen, nicht mehr verhandelbaren Genialismus hielten.
Seine Geschicklichkeit wurde sein größter Feind. Er wusste, was ankam. Und so bedeckte Franz weiter ahnungsvoll hilflose Leinwände mit grellen Farben. Warum echte Kunst liefern, pah! Immerhin verspürte er den Drang sich zu verbessern. Er ging in Museen, wälzte Atlanten, fragte sich, warum er an einem Bild von Van Gogh hängen blieb, nicht aber bei Joan Miró. Er fühlte, aber er erkannte nicht, worauf es ankam. Blaue Pferde, rote Bäume, ein grüner Himmel. Wie war es möglich, so falsch und doch so richtig zu liegen? Heureka, rief er da auf einmal. Er hatte es gefunden. Es kommt nicht auf das Objekt an. Es kommt auf das Objekt daneben an. Es kommt auf die Farbe an, die man neben eine Farbe setzt. Großes Staunen. Nun malte er nicht mehr aus Berechnung, sondern aus seliger Begeisterung. Und wurde abgelehnt. Auf einmal wurde er abgelehnt!
Was machst du mit den misslungenen? Übermalst du die?“ Der Kunstlehrer war zum 1. Mal nicht sicher, ob das Ölbild mit dem Titel “Zarathustra stürzt brennend über einen Wasserfall, beobachtet von einem lebenden und einem toten Raben“ wirklich eine Eins verdiente. „Ich habe keine Misslungenen mehr,“ sagte Franz entwaffnend. „Ich stelle die, die Sie meinen, zu den Unentdeckten.“ Das war keck. „Was ist mit dem Kletterer, der auf dem Gipfel nicht aufhört, sondern weiter in den Himmel steigt? Ist das Surrealismus? Dali?“ „Der Kletterer hat die Erde verlassen. Er greift in die blaue Luft, stützt sich auf Wolken, und er hat an der rechten Hand sogar sechs Finger, Herr Lehrer.“ „Meine Güte. Jetzt sehe ich es auch. Wozu?“ „Beim Klettern kann man nie genug Finger haben und niemals genug Wolken im und um den Kopf, an denen man sich hochziehen kann.“ Der Lehrer begann, ihn für einen Snob zu halten. Einser musste er dem Kerl dennoch geben, der Abstand zu den anderen Schülern war zu groß. Franz rollte durch eine Delle seiner jugendlichen Karriere. Es war ihm egal. Er hatte etwas entdeckt, auf dem er aufbauen konnte. Darauf kam's an. Nicht, ob die anderen mitkamen. Darauf konnte er verzichten. Nur wie lang? Wie lang kann man als unerkanntes Genie leben, ohne sich ein Ohr abzuschneiden? Das kümmerte ihn noch nicht. Er wusste, er war auf dem richtigen Weg. Er würde berühmt werden.
Die Euphorie hielt nicht lange. Da er nicht mehr mit dem Treibstoff Lob versorgt wurde, den er dringend brauchte, ließ er bald den Pinsel fallen. Die Farben begannen, in den Tuben zu versteifen. Franz konzentrierte sich wieder auf andere Sachen, andere Fächer, den Rest des Lebens. Dinge, die ihm ebenfalls lagen. Vor allem Klettern.
Zum Fälscher war er nicht geboren. Eine Karriere als Kunstkopierer? Wollte er keine. Er besaß andere Eigenschaften. Die wollte er ausbauen. Er träumte davon, Felsgeher zu werden. Ein Verführer der Damen wäre er auch gern geworden. Wer nicht in dem Alter? Arzt oder Architekt? In mancher Hinsicht wollte er die eingetretenen Pfade verlassen. Er wollte aussteigen, um an anderer Stelle ins Leben wieder einzusteigen. Das Leben war so vielgesichtig. Seine Malerei würde eine Renaissance erleben, das spürte er. Er sah ihn weit aufgespannt vor sich, den Pfauen-Fächer der Möglichkeiten. Vieles war ambivalent an ihm. Er wirkte sicher und unsicher zugleich. In der Kunst. Seinen politischen Ansichten. Vor allem bei den Mädchen. Wir werden es sehen.

Laurenz

26. Mai 2023 19:18

@Carsten Lucke
Der Blick auf die Kunst bleibt schwierig. Ich bin eínem linken Hippie-Deutschlehrer, langhaarig mit Glatze, leicht verkannter Künstler, dankbar, daß er den Hungerkünstler von Kafka & Torquato Tasso von Goethe dran nahm. Seitdem kann ich mir eine Meinung bilden. Ohne Bewußtsein ist alles nichts. Das heißt Kunst bleibt ohne Konsumenten bedeutungslos. Für einen selbst bleibt es gleich, ob man das Antlitz der Geliebten zu Papier bringt oder sie einfach so, geträumt vor sich sieht. Der Künstler braucht Unterhalt, also muß die Gesellschaft wollen, daß der Künstler seine Kunst betreibt. Staatliche Aufträge, - Etats für Orchester, Ballett sind in meinen Augen falsch. Der Staat braucht nur die Ausbildung zu ermöglichen. Will das Publikum keine Orchestermusik mehr hören, stirbt sie eben aus. Und was ist mit Volks- & Handwerkskunst?

Grobschlosser

27. Mai 2023 02:24

ähnliche Debatte , vor einigen Jahren in den us&a : Blödmann kommt um die Ecke ( Kontext soll mal egal sein ) und fragt mich :"Sie als Deutscher , was ist denn für Sie Kunst ? Röhrender Hirsch aufm Berg ?"
Nicht unbedingt - aber eine Werkzeugmaschine von Heckler und Koch oder ein Segelflugzeug oder auch ein Prototyp kann Kunst sein - Dinge die IHR nicht herstellen könnt - Dinge die IHR nicht versteht - Dinge die Euch intellektuell überfordern .
Nun- das ging so weiter , die üblichen Unterstellungen wurden ausgekotzt - "UND JA DOCH " sage ich "BREKER hat mehr drauf als Dein Dosenkünstler oder dein ach so lustiger Witzigmannbrillenträger der die Leute in seiner Freizeit mit seiner Klarinette nervt .
"aber wir sind zum Mond geflogen"
"eure Affenmenchen sind zum Mond geflogen , in einer Rakete die der Wernher gebaut hat ".
Man sollte manchmal austeilen -dann wird man auch respektiert .Anruf vom Klugsprechmann :"also ,Herr Grobschlosser , ich finde sie ganz nett ,auch wenn sie komische Ansichten haben " PAUSE.
"wars das schon ?"
"also : viele Deutsche haben viel für die Menschheit getan " 
"wir sind die Menscheit -das scheinen sie als "Amerikaner" nicht zu begreifen ".
 
 

Carsten Lucke

27. Mai 2023 04:51

Sehr geehrte Redaktion,
Dank für die Löschung meines Beitrags - war unangebracht zu Pfingsten !
Viele Grüße ! C. Lucke

Maiordomus

27. Mai 2023 06:59

@Laurenz. Der Hungerkünstler,  untergründig verwandt mit dem Schweizer Heiligen Klaus von Flüe, und Torquato Tasso, siehe Schluss-Dialog, am 29. März 1964 vorgetragen durch Oskar Werner im Fernsehen, sind in der Tat unvergleichliche literarische Kunstwerke, in beiden Fällen geht es um das verkannte Genie, welches wiederum selbst bei den Anerkannten zum untergründigen Wesen des Genies gehört, bis hin zu Lionardo, wer hätte den schon wirkich verstanden? Ausser dass man merkt, einen grösseren gab es nie, er hatte es nicht mal nötig, seinen Namen durch ein Pseudonym zu ändern. Wie auch immer, mit jenem Deutschlehrer hatten Sie Glück, ich glaube nicht, dass der heute jede Art Woke-Kultur mitmachen würde, manche Linke von damals haben sich unterdessen geläutert, wenigstens die wirklich Intelligenten unter ihnen. Von Kafka noch zu empfehlen: "Gespräch mit dem Beter". Ausserdem E.T.A. Hoffmann u. Kleist niemals unterschätzen!

RMH

27. Mai 2023 10:15

Wenn man Affen und Bananen in einen Raum lässt, ist doch klar, was passiert. Verzehr mit Ansage - und das war in diesem Falle die Kunst.

Laurenz

27. Mai 2023 18:22

@Maiordomus @L.
Wissen Sie, Maiordomus, nix gegen Ihre historischen Bezüge, aber in der Aufarbeitung der beiden Werke Kafkas & Goethes kam es bei meinem damaligen Deutschlehrer, nicht ganz zu Unrecht, zu einer anderen Deutung oder sagen wir Fokussierung als bei Ihnen. Beide Künstler, der Hungerkünstler, wie auch Torquato Tasso waren sich ihrer Qualität durchaus bewußt. Letzterer war am Hofe seines Fürsten der Stern, der ungestraft fast unter jeden Rock greifen durfte, aufgrund seiner außerordentlichen Beliebtheit. Der zentrale Punkt ist, der Hungerkünstler hungerte, um sich aus der Abhängigkeit, die ich beschrieb, herauszuarbeiten. Und Torquato Tasso war, wie Goethe, abhängig von seinem Fürsten, den er nicht in Frage stellen durfte. Wen interessiert da schon das Lob der männlichen & weiblichen Bücklinge am Hofe, ob dieser kollossalen Einschränkung der Freiheit durch den Fürsten? Mein Deutschlehrer, der rumlief wie Guildo Horn mit Nickelbrille, empfand sich als Beamter wohl in derselben Situation, wie Tasso. Mein Deutschlehrer hatte 2 oder 3 Günstlinge (ich gehörte nicht dazu), den restlichen Pöbel ließ er durchkommen. Die Nickelbrille schaute ich mir ab. Wenn man mit einem Hilfsschlachter-Gesicht geboren wurde, verwandelt sie einen in einen freundlicher wirkenden Zeitgenossen.