Sezession
1. Oktober 2005

Polititsche Theologie

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 11 / Oktober 2005

sez_nr_11von Till Kinzel

Alles Reden von politischer Theologie findet heute im Schatten statt, den Carl Schmitt mit seinem Werk auf diese Problematik wirft. Politische Theologie ist eine vertrackte Angelegenheit, die dazu zwingt, Position zu beziehen und die uns bis zu den Wurzeln unserer Kultur zurückführt. Erschwerend für jede Diskussion ist die unbestreitbare Tatsache, die Robert Hepp herausgestellt hat, daß nämlich der Begriff der „politischen Theologie“ sehr diffus ist und letztlich zur Bezeichnung jedes beliebigen Zusammenhangs von Religion und Politik Verwendung finden kann. Gleichwohl läßt sich im historischen Durchgang durch das sachlich Gemeinte ein sinnvoller Begriff gewinnen, der für die politische Analyse nützlich, ja unverzichtbar sein dürfte.

Die Auseinandersetzung mit politischer Theologie bedeutet im Kern nichts Geringeres als die Auseinandersetzung mit dem Selbstverständnis unserer Kultur beziehungsweise mit den in Spannung zueinander existierenden Elementen, die Geschichte und Politik Europas bestimmen. Die aktuelle Herausforderung der europäischen und amerikanischen Staaten und Gesellschaften durch den politisch-theologischen Radikalismus von muslimisch inspirierten Terroristen ist nur die sichtbarste Manifestation der politischen Kraft des Religiösen. Unabhängig davon, ob man diesen Terroristen eine genuin religiöse Motivation zuzusprechen bereit ist – sie berufen sich aus nachvollziehbaren Gründen wenigstens in ihrer nach außen gerichteten Propaganda darauf. Dies aber ist im Letzten das politisch relevante Phänomen.
Im folgenden soll das Thema „Politische Theologie“ unter dem Blickwinkel einer aktuellen Lageanalyse diskutiert werden. Politische Philosophie hat die Aufgabe, Klarheit über unsere Zeit zu erlangen – diesem Ziel dient auch der Blick auf historische Phänomene. Die Begriffe „politische Theologie“ wie auch „politische Religion“ enthalten das Wort politisch. Wir haben in beiden Fällen mit politischen Phänomenen zu tun. Oder jedenfalls mit Phänomenen nichtpolitischer Art, die auch eine, wenngleich entscheidende, politische Seite haben. Unklar ist zunächst, ob diese Begriffe eine Realität bezeichnen sollen oder eher geistige Konstrukte analytischer Art sind, mit deren Hilfe man einer bestimmten Realität beizukommen sucht. Hier wird man genauer zwischen beiden Begriffen differenzieren müssen. Beiden Begriffen aber eignet der Bezug auf die Religion beziehungsweise auf die Theologie als eine Religionslehre – es handelt sich um Konzepte, die in irgendeiner Weise etwas mit der Tatsache zu tun haben, daß es erstens Religion gibt und daß diese zweitens eine oftmals tiefgreifende politische Dimension hat.
Die exorbitante politische Bedeutung der Religion erhellt aus einem kurzen Blick auf die Realitäten unserer Zeit wie der Vergangenheit. Die Verbindung von Religion und Politik ist dabei nicht frei von Ambivalenzen und Unklarheiten, die damit zusammenhängen, daß religiöse Argumente auch als Vorwand in politischen Auseinandersetzungen verwendet werden können. Allein diese Tatsache zeigt, daß der Religion so oder so eine nicht zu vernachlässigende Bedeutung für die Analyse politischer Lagen zukommt. Der Voegelin-Schüler Claus-Ekkehard Bärsch hat dies auf die prägnante Formulierung gebracht: „Wer Religion verkennt, erkennt Politik nicht.“ Bärsch fordert auf der Grundlage dieser Erkenntnis die Etablierung einer sogenannten Religionspolitologie. Zwar räumt Bärsch die Möglichkeit ein, „daß in einer eher fernen als nahen Zukunft Politik von Religion vollkommen unabhängig sein kann“, doch spricht die Wahrscheinlichkeit ebenso wie die geschichtliche Erfahrung eher gegen eine solche Annahme.


 Gastbeitrag

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